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Internationale Konferenz der Religionen und Glaubensrichtungen in Mesopotamien


Die „Internationale Konferenz der Religionen und Glaubensrichtungen in Mesopotamien“ ruft dazu auf, über den wahren Kern und die Aufgabe von Religion nachzudenken und Religionen und den Glauben der Menschen dem Einfluss autoritärer Kräfte zu entziehen.

Im November 2021 hat ANF die Vorbereitungen für die erste internationale Religionskonferenz im Autonomiegebiet von Nord- und Ostsyrien begleitet und mit der Aussage „Auch die ständigen Angriffe der Türkei und die Drohung einer weiteren Invasion halten die Vorbereitungen nicht auf“ einen Blick auf die Unwägbarkeiten für die Realisierung hingewiesen. Jetzt, am 10. und 11. Januar, fand die Konferenz unter zusätzlich erschwerten Bedingungen statt: Der Grenzübergang zwischen Süd- und Westkurdistan ist seit Mitte Dezember auf Anordnung der PDK-geführten Autonomieregierung in Hewlêr (Erbil) geschlossen, internationale Gäste konnten nicht einreisen und die Angriffe der Türkei gegen die Bevölkerung gehen weiter. „Die Türkei greift Kurd:innen, Christ:innen, Ezid:innen und Araber:innen an, so auch beim Angriff auf Kobanê mit dutzenden Verletzten“, formulierte der Ko-Vorsitzende der Abteilung für auswärtige Beziehungen, Abdulkarim Omar.

Aber mit diesen Bedrohungen und Herausforderungen umzugehen und sich davon nicht aufhalten zu lassen, gehört zum gesellschaftlichen Alltag im Gebiet der Selbstverwaltung von Nordostsyrien.

Die Bilder und Redebeiträge aus dem vollbesetzten Saal der Rojava-Universität in der Stadt Qamişlo spiegeln das große Interesse am Thema und die Bedeutung, die dem interreligiösen Dialog in der Gesellschaft auch durch die Selbstverwaltung beigemessen wird, wider. Politische und religiöse Vertreter:innen aus allen Teilen Nordostsyriens sind nach Qamişlo gereist, um mit Rede- und Diskussionsbeiträgen die Inhalte der Konferenz mitzugestalten.

Abdulkarim Sarokhan verliest eine Botschaft des Komitees für Völker und Glaubensgemeinschaften der KCK

An den Wänden sehen wir Kernaussagen der vertretenen Religionen und Religionsgemeinschaften. Zwei Beispiele:

„Gesegnet sind die Friedfertigen“ (Matthäus 5:9)

„Denke, rede und handle gut“ (Zarathustra)

Die außenpolitische Bedeutung wird deutlich durch zahlreiche Grußbotschaften in Wort und Bild aus Ländern aller Kontinente. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Redebeiträge die Auseinandersetzung mit der Notwendigkeit, den wahren Kern von Religion und Glauben herauszuarbeiten, Geschichte und Gegenwart zu analysieren und den Missbrauch durch Machtstreben offenzulegen. Religion darf nicht als Vorwand für Kriege und gesellschaftliche Spaltung dienen. Mona Youssef, Mitglied im Vorbereitungskomitee, bringt es auf den Punkt: „ Die Tempel, Kirchen und Moscheen waren Orte der Bildung und der Diskussion sozialer Fragen, aber wir sehen, dass sie sich im Laufe der Zeit in Orte verwandelt haben, an denen Gedanken und Hassreden verbreitet werden, und sie wurden zu Podien, auf denen die Sultane und Besitzer von Macht und Geld gepriesen werden.“

Die Folgen von religiösem Fanatismus auf Frauen und die wichtige gesellschaftliche Rolle der Frauenbefreiungsbewegung in Theorie und Praxis beim Aufbau einer von gegenseitiger Akzeptanz geprägten basisdemokratischen Gesellschaft bilden einen weiteren Themenschwerpunkt.

Die Vorsitzende der US-Kommission für internationale Glaubensfreiheit (USCIRF), Nadine Maenza (vierte von links), nahm ebenfalls an der Konferenz teil

Mit dieser Konferenz muss kein Prozess des gleichberechtigten und friedlichen Zusammenlebens der Religionen in der Region angestoßen werden, das ist nicht nötig. Dieser Prozess ist schon längst gesellschaftliche Realität in Nordostsyrien und findet seinen Ausdruck in dieser Konferenz.

Das von Muahammad Al-Gharzani, dem Ko-Vorsitzenden der „Demokratischen Islamkonferenz“, formulierte Ziel: „Wir müssen Räume für gemeinsame Zusammenarbeit und kollektives Handeln  schaffen, um die Beziehungen zwischen den Menschen zu stärken. Sie müssen alle Formen religiöser, konfessioneller, politischer und nationaler Auseinandersetzungen ablehnen und dem zivilen Frieden auf der Grundlage des Konzepts der vollen Gleichheit der Bürgerschaft Aufmerksamkeit schenken“, ist gesellschaftspolitische Praxis.

Abschlusserklärung der interreligiösen Konferenz

Die internationale Arbeit für dieses Ziel wird weitergehen: Eine Internetseite als Plattform für weitere Diskurse, Ideen, gesellschaftliche Praxis, gegenseitiges Kennenlernen und Zusammenarbeit wird aufgebaut und eine Grundlage dafür wird unter anderem eine mehrsprachige Dokumentation der Konferenz sein. Diese Dokumentation wird die Vielzahl der Rede- und Diskussionsbeiträge von Vertreter:innen der muslimischen, jüdischen, ezidischen, christlichen, zoroastrischen Religionen und Glaubensgemeinschaften, um nur einige Beispiele zu nennen, für eine breite internationale Öffentlichkeit zugänglich machen.

Auch für religiöse und gesellschaftliche Diskurse in Europa wird diese Publikation Denkanstöße liefern und hoffentlich das Vertrauen in unsere gesellschaftliche Gestaltungskraft stärke

 

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