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KON-MED: Graue Wölfe und Fair Play im Fußball

 


Die türkische Fußballnationalmannschaft tritt morgen gegen Portugal an. Zum EM-Auftaktspiel der Türkei traten massenweise Anhänger der Grauen Wölfe in Erscheinung. Der kurdische Verband KON-MED informiert über den Hintergrund.

Fußball-Europameisterschaft

Die Türkei tritt morgen bei der Europameisterschaft im Männerfußball gegen Portugal an. Beim EM-Auftaktspiel der Türkei gegen Georgien am Dienstag traten bundesweit massenweise Anhänger der rechtsextremistischen Grauen Wölfe in Erscheinung. Zudem sind Polizist:innen aus der Türkei und anderen Nicht-EU-Staaten bei der EM in Deutschland als „Einsatzbeobachter“ im Dienst.

Der kurdische Dachverband KON-MED fordert in diesem Zusammenhang, die Grauen Wölfe endlich zu verbieten. In einer am Donnerstag veröffentlichten Mitteilung informieren die Ko-Vorsitzenden Ruken Akça und Kerem Gök über den Hintergrund:

Fair Play beginnt mit der Achtung der Menschenrechte - Graue Wölfe endlich verbieten!

Am vergangenen Dienstag fand in Dortmund das EM-Auftaktspiel der Türkei gegen Georgien statt. Das im Rahmen dieses Fußballspiels dokumentierte unsportliche Auftreten türkischer Fans, die vielerorts rechtsextreme Symbole der Grauen Wölfe zeigten, rechte Parolen skandierten und gewaltbereit auftraten, möchten wir als KON-MED, dem größten Dachverband kurdischer Vereine in Deutschland, nicht unkommentiert lassen. Wie die organisierte türkische Rechte großen Einfluss auf den Fußball nimmt, und warum es sich bei den Versammlungen türkischer Rechter am Dienstag nicht um harmlose Fußballfans handelt, wird im Folgenden erläutert.

Nationalismus im türkischen Fußball

Es ist allgemein bekannt, dass die türkische Fußballlandschaft unter starkem, langjährigem und vielschichtigem politischem Einfluss steht und sich gerne regierungstreu präsentiert. Der türkische Fußball ist auch ein Vehikel für die alltägliche antikurdische Praxis in der Türkei. Regelmäßig bejubelt der türkische Fußball Angriffskriege der Türkei in Kurdistan, und bekannte türkische Fußballvereine beteiligen sich an der öffentlichen Stimmungsmache für den Krieg in Kurdistan, indem sie Grüße und Kräfte an das türkische Militär schicken und Nationalspieler mit dem Militärgruß auf dem Rasen posieren.

Feindbild Amedspor

Das Feindbild in der türkischen Liga sind kurdische Sportler und Sportvereine, wie im Fall von Amedspor, dem Fußballverein aus Amed/Diyarbakir, der bei fast jedem seiner Auftritte rassistische und lynchähnliche Angriffe erfährt und vom türkischen Fußball weitgehend ausgegrenzt, diffamiert, kriminalisiert und zensiert wird. Regelmäßig kommt es zu gefährlichen Würfen aus den Fanreihen auf die kurdischen Sportler, oder türkische Fans posieren mit rassistischen Transparenten in Richtung der Mannschaft und Fangemeinde von Amedspor.

Menschenverachtende Ideologie hemmungslos zur Schau gestellt

Es lässt sich also festhalten: Rechtsextremismus und türkischer Fußball gehen Hand in Hand. Es ist daher stark davon auszugehen, dass die diesjährige Fußball-Europameisterschaft zu einer Bühne für türkische Rechtsextremisten und Kriegsverherrlichung wird. Am vergangenen Dienstag haben türkische Fußballfans und Rechtsextremisten ihre menschenverachtende Ideologie hemmungslos und weitgehend unbehelligt zur Schau gestellt: Inmitten eines riesigen Fahnenmeers zeigten sie an vielen Orten in Deutschland unzählige Wolfsgrüße, skandierten rassistische und menschenverachtende Parolen, erlaubten sich tätliche Angriffe auf gegnerische Fans und pfiffen die Hymne Georgiens im Stadion lautstark aus. Die Empörung nach den Ausschreitungen ist groß, doch wie es derzeit um Präventionsmaßnahmen sowie juristische und politische Konsequenzen steht, bleibt weiterhin unklar. Als KON-MED möchten wir darauf hinweisen, dass der aggressive Auftritt türkischer Rechtsextremisten nicht überrascht. Denn ein Einzelfall oder eine Neuheit ist dies keineswegs. Wir möchten an die jüngste Lynchattacke in Belgien erinnern, bei der türkische Rechtsextremisten kurdische Familien nach einer Newroz-Feier angriffen und verletzten. Innerhalb weniger Stunden wurden auch kurdische Menschen, Vereine und Geschäfte in Deutschland mit Drohungen konfrontiert. Die Täter posierten mit Schusswaffen und Macheten und bedrohten kurdisches Leben - bislang ohne Konsequenzen.

Graue Wölfe in Deutschland

Die Grauen Wölfe sind eine türkische rechtsextreme Bewegung, die für ihre antidemokratische, antisemitische und rassistische Ideologie bekannt ist. Sie stellen die größte migrantische rechtsextreme Gruppierung in Deutschland dar. Hier sind sie durch drei Dachverbände (ADÜTDF, ATIB, ATB) vertreten, denen bundesweit rund 303 Vereine mit mehr als 18.500 Mitgliedern angehören. Die Grauen Wölfe sind insbesondere in der Türkei für politische Morde bekannt und betrachten Gewalt nach wie vor als legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele. Ihr Symbol ist der „Graue Wolf“ (Bozkurt), der aus einem alttürkischen Mythos stammt und die vermeintliche Stärke und Aggressivität der Bewegung symbolisieren soll. Propagiert wird ein „ethnischer Nationalismus“, ihr großes Ideal ist „Turan“, ein großtürkisches Reich, sowie die Eliminierung ihrer politischen Gegner:innen.

Bisher nicht verboten

Die türkische Rechte stellt mit ihrer großen Anhängerschaft und besonders in Gestalt der Grauen-Wölfe-Bewegung eine erhebliche Gefahr für die gesellschaftliche Sicherheit dar. Dies gilt insbesondere für Minderheiten wie Kurd:innen, Armenier:innen, Jüd:innen, Christ:innen, Griech:innen und queere Menschen. Verboten sind die Grauen Wölfe in Deutschland nicht. Die Grauen Wölfe sind in der Politik auf Bundesebene vernetzt, verfügen über zahlreiche Vereine, haben Zugriff auf städtische Fördertöpfe und nutzen den Fußball seit geraumer Zeit für die Rekrutierung und Ideologisierung türkischer Jugendlicher. Die Ereignisse rund um den ehemaligen Nationalspieler Mesut Özil, der jüngst seine Reichweite in den sozialen Medien genutzt hat, um sich mit seinem Graue-Wölfe-Tattoo eindeutig rechts zu positionieren, verdeutlichen, dass türkischer Rechtsextremismus längst im Fußball in Deutschland angekommen ist. Öffentliche Statements dieser Art beeinflussen die politische Einstellung vieler Jugendlicher, die bis dato eventuell politisch nicht gefestigt waren.

Positionierung der UEFA?

Die UEFA bekräftigt ihr Engagement gegen Rassismus und Nationalismus im Sport. Sie gibt an, kompromisslos darum bemüht zu sein, alle Formen von Diskriminierung im Sport zu unterbinden. Die türkische Nationalmannschaft sowie ihre Fangemeinde vertreten jedoch ein völlig anderes Weltbild. Eine Positionierung der UEFA gegen die Verbreitung von menschenverachtender und rassistischer Hetze ist derzeit noch nicht abzusehen.

Meldestellen für Diskriminierung und Rassismus

Wir sind überzeugt, dass der Sport dazu beitragen sollte, Menschen aus aller Welt unabhängig von ihrer Herkunft zusammenzubringen. Die Unterstützung völkerrechtswidriger Kriege, Nationalismus, Rassismus, Hass und Hetze wie im Fall der Türkei sind mit den Werten des Sports nicht vereinbar. Die soziale Kraft, die der Fußball besitzt, birgt auch Chancen, demokratische und diskriminierungskritische Werte zu vermitteln. Besonders in deutschen Amateurvereinen lassen sich zunehmend Tendenzen hin zum türkischen Rechtsextremismus beobachten.

In diesem Zusammenhang möchtem wir auf die seit dem 1. Juni 2022 bestehende Möglichkeit hinweisen, Diskriminierung im Fußball anonym über das Portal www.medif-nrw.de zu melden. Ein Angebot, antikurdischen Rassismus zu melden, ermöglicht die Informationsstelle Antikurdischer Rassismus (IAKR), die mit der Mission an die Öffentlichkeit tritt, das Bewusstsein für dieses Thema in Deutschland zu schärfen und den Betroffenen eine Stimme zu geben.

Türkische Polizei in Deutschland

Als KON-MED plädieren wir für ein Verbot der Grauen Wölfe und ihrer Symbolik. Es ist an der Zeit, eine ernsthafte Debatte zu führen; die Europameisterschaft könnte den Anstoß dafür liefern. Es besteht dringender Bedarf an einer umfassenden Strategie zur Bekämpfung rechtsextremistischer Strukturen. Diese Strategie sollte nicht nur die Aktivitäten der Grauen Wölfe überwachen, sondern auch deren Netzwerke und Finanzierung offenlegen. Die Verharmlosung dieser Strukturen birgt große gesellschaftliche Gefahren und kann nicht hingenommen werden. Neben der Überwachung und dem Verbot ist es auch wichtig, dringend Präventionsmaßnahmen zu ergreifen und gezielte demokratiefördernde Arbeit mit gefährdeten Jugendlichen durchzuführen. Weiterhin ist notwendig, mehr Unterstützung für Antidiskriminierungsangebote zu leisten, sowohl im Sport als auch darüber hinaus. Nur so können wir einen effektiven Kampf gegen rechtsextremistische Strukturen führen.

Abschließend sei noch ein weiterer zentraler Aspekt angesprochen: Der Einsatz türkischer Sicherheitskräfte in Deutschland ist äußerst problematisch, da es für diejenigen, die aufgrund von Repression hierher geflohen sind, Retraumatisierung bedeutet. Das Auftreten der türkischen Polizei ist aber auch im Hinblick auf das Integritätsinteresse Deutschlands kritisch zu betrachten.

Foto: Stadion FC St. Pauli, März 2024

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