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Wie kann der Norden Syriens wieder grüner werden?


 

 

 

 

 

 

Aus der "taz" vom 29.06.2023, Beilage "Was heißt Klimakrise auf Arabisch?"

 

 

Die Schriftstellerin Nariman Evdike hat berufsbedingt eine romantische Ader. Und weil das so ist, geht sie davon aus, dass alle Frauen eine besondere Beziehung zur Natur haben: „Frauen und Bäume“, sagt sie, „sind Seelenverwandte. Sie geben, bringen Opfer und schenken Leben. Ich spüre diese Verbindung tief in meinem Innersten.“ Vielleicht liegt es auch daran, dass sie in der Stadt Serêkaniyê, arabisch Ras al-Ain genannt, im Nordosten Syriens aufgewachsen ist. Wegen ihrer vielen Grünflächen und Bäume nannte man sie auch so: Die grüne Stadt.

Besonders grün ist Serêkaniyê heute allerdings nicht mehr. Durch den Krieg in Syrien wurden viele Parks, Wiesen und landwirtschaftliche Anbauflächen zerstört. Evdike, die nach Qamischli fliehen musste, würde gerne lieber gestern als heute zurückkehren, um dabei zu helfen, ihre Heimat wieder zu begrünen. Doch Serêkaniyê ist noch immer von der Türkei besetzt. „Darum habe ich beschlossen: Für jeden Baum, der dort sterben muss, pflanze ich Dutzende von Bäumen in anderen Städten.“ Aus ihrer Idee ist mittlerweile eine kleine Bewegung entstanden. Ihr Name: die Grünen Zöpfe.

Die Idee dahinter: Grünflächen vergrößern und so dem Austrocknen des Bodens Einhalt gebieten, was auch eine Folge der Klimakrise ist. Der ambitionierte Plan: vier Millionen Bäumen pflanzen, um der Region ihre grüne Lunge zurückzugeben.

Der Autor und Regisseur Mehmud Chakmaki ist neben Evdike einer der Initiierenden der Grünen Zöpfe, die vor zwei Jahren begonnen haben, ihren Plan in die Tat umzusetzen. „Dank einer breiten Unterstützung durch die Bevölkerung konnten wir schon viele Baumschulen aufbauen und haben unzählige Setzlinge verteilt. Außerdem sind unsere Freiwilligen wie ein fleißiges Bienenvolk in alle Himmelsrichtungen ausgeflogen und helfen uns, dass Naturschutz hier ein Teil unseres Alltags wird.“

Für ihn haben die Grünen Zöpfe auch eine politische Dimension: „Wir müssen der Kultur des Todes, die mit dem Krieg einhergeht, mit einer Kultur des Lebens begegnen. So sagen wir den türkischen Besatzern: Für jeden Baum, den ihr in meiner Heimat ausreißt, pflanzen wir zehn neue – an jedem Ort in Syrien, den wir mit unseren grünen Händen erreichen können.“

Welche Bäume wo gepflanzt werden, entscheidet der wissenschaftliche Rat des Projekts in Absprache mit den zuständigen Stellen der Autonomieverwaltung von Nordostsyrien.

Die Bäume werden gerne im Umfeld von Schulen, Universitäten oder am Stadtrand gepflanzt, außerdem werden Setzlinge an die Bevölkerung verteilt, damit diese sie bei sich zu Hause oder auf ihren Feldern anpflanzen können. Einzige Bedingung ist, dass sie sich um die Pflanzen kümmern müssen. Ein weiteres Komitee wacht über die Umsetzung des Aufforstungsprojekts und soll so seinen Erfolg sicherstellen.

Innerhalb von nur zwei Jahren ist so eine – im wörtlichen Sinne – Graswurzelbewegung entstanden, der sich in vielen Städten und Regionen im Nordosten Syriens Ehrenamtliche angeschlossen haben. Die Zahlen sprechen für sich: Bisher wurden 170.000 Setzlinge herangezogen.

Im vergangenen Jahr wurden 250.000 Pinien ausgesät, aber auch andere Nadelbäume wie Kiefern und Zypressen, Fächerpalmen, sowie Obstbäume wie Pfirsich und Aprikose und Weinstöcke. Nachdem sie im Frühling gekeimt sind, werden die Setzlinge gezählt und – sobald sie ausreichend Wurzelwerk ausgebildet haben – in Pflanzsäcke umgesetzt.

„Wenn wir ein gesundes Leben wollen, brauchen wir Bäume“

Mehmud Chakmaki, Aktivist

Sogar aus dem Ausland gibt es dafür mittlerweile Unterstützung. Die Danielle-Mitterrand-Stiftung hat die Grünen Zöpfe mit 24.000 US-Dollar unterstützt und die Initiative mit einem Preis ausgezeichnet.

Für Chakmaki ist das erst der Anfang. Setzling für Setzling, Baum für Baum will er weitermachen, bis das Land wieder so wird, wie es früher einmal war: grün. „Wenn wir ein gesundes Leben wollen“, sagt er, „brauchen wir Bäume. Und zwar viele!“

Avin Youssef, Qamischli, Syrien


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