Direkt zum Hauptbereich

Avesta: „Was folgt der Anerkennung des Völkermords in Şengal?“

Viele Staaten und internationale Institutionen erkennen das IS-Massaker an der ezidischen Gemeinschaft in Şengal als Genozid an. Den Worten müssen Taten folgen, fordert Sozdar Avesta (KCK) neun Jahre nach Beginn des Völkermords.

Vor neun Jahren hat der selbsternannte „Islamische Staat“ (IS) das ezidische Siedlungsgebiet Şengal überfallen und einen Genozid und Femizid verübt. Gleichzeitig wurden auch weitere Gebiete im Irak, der Kurdistan-Region Irak (KRI) und Syrien angegriffen, aber das Massaker in Şengal war ein gezielter Völkermord an der ezidischen Gemeinschaft. Sozdar Avesta, Mitglied im Präsidialrat der KCK (Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans), hat sich gegenüber ANF zu dem Angriff auf Şengal am 3. August 2014 geäußert.

Wenn die Guerilla nicht interveniert hätte“

„Die ezidische Gemeinschaft wurde massakriert. Wenn die Freiheitsguerilla nicht im Namen der gesamten Menschheit und entsprechend der Perspektive von Rêber Apo [Abdullah Öcalan] interveniert hätte, wären nicht Tausende, sondern über hunderttausend Ezidinnen und Eziden getötet worden“, erklärt Sozdar Avesta.


Die PKK hatte auf Anregung von Abdullah Öcalan bereits am 28. Juni 2014 eine zwölfköpfige Guerillagruppe nach Şengal geschickt, um die Verteidigung der Bevölkerung vorzubereiten. Zwanzig Tage vor dem Massaker nahmen die Peschmerga drei Mitglieder der Gruppe und einen ezidischen Unterstützer fest. Die übrigen Guerillakämpfer zogen auf den Şengal-Berg und begannen mit der Organisierungsarbeit der Jugend. Als am 3. August der IS-Angriff begann, verteidigte eine neunköpfige Guerillagruppe die auf den Şengal-Berg geflohene Bevölkerung.

Die rund 12.000 in der Region stationierten Peschmerga der südkurdischen Regierungspartei PDK zogen sich ohne Vorwarnung zurück und überließen die dort lebenden Ezid:innen schutzlos den Islamisten. Für die ezidische Gemeinschaft begann die systematische Massakrierung, Vergewaltigung, Folterung, Vertreibung, Versklavung von Mädchen und Frauen sowie Zwangsrekrutierung von Jungen als Kindersoldaten.

Erkämpfter Korridor nach Rojava

Die Guerillakämpfer hielten die westlich von Şengal verlaufende Straße von Sinûnê nach Dugirê und ließen keine Eroberung des Bergs durch den IS zu. Die ezidischen Jugendlichen zogen Kraft aus dem Guerillawiderstand und schlossen sich der Verteidigung an. Am 4. August gab Guerillakommandant Murat Karayilan (PKK) die Entsendung von vier Bataillonen für die Verteidigung Südkurdistans gegen den IS bekannt, zwei davon kamen nach Şengal. Am 6. August kamen zwei Bataillone der Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ aus Rojava den HPG zu Hilfe. Anschließend richteten die YPG/YPJ, die HPG und die Verbände freier Frauen (YJA Star) einen Sicherheitskorridor ein, um die zu Hunderttausenden auf den Şengal-Berg geflohenen Ezid:innen nach Rojava zu evakuieren. Über diesen Korridor konnten mit der Zeit mehr als 200.000 Menschen nach Rojava gelangen. So konnte ein noch größeres Massaker verhindert werden.

Aufnahmen aus Şengal vom 3. August 2014

Die in Şengal Widerstand geleistet haben und gefallen sind“

Die YPG/YPJ, HPG und YJA Star kämpften aufopferungsvoll und immer wieder auch unter Verlusten, um den Korridor aufrechtzuerhalten. 100 Kämpfer:innen fielen beim Schutz der Evakuierung der Bevölkerung. Insgesamt wurden beim Şengal-Massaker fast 300 Kämpfer:innen durch den IS getötet. „Ich gedenke dieser Gefallenen mit großem Respekt und Dankbarkeit“, sagt Avesta und nennt einige Namen: „Egîd Civiyan, Dilşêr Herekol, Helin Mêrdîn, Nûjîn Sêrt, Genco Hewlêr, Evîn Dêrik, Dilgeş Rojhilat und alle, die in Şengal Widerstand geleistet haben und gefallen sind.“

Der türkische Staat hat den Platz des IS eingenommen

Sozdar Avesta weist darauf hin, dass Şengal weiter angegriffen wird. Sie sagt: „In diesen neun Jahren hatten wir doppelt so viele Gefallene durch den türkischen Staat und seine Kollaborateure als durch den IS. Seit 2017 greift der türkische Staat Şengal unentwegt an, mit Hilfe des PDK-Geheimdienstes Parastin, mit dem MIT, mit Agenten. Seit die ezidische Bevölkerung in die Region zurückkehrt, ist sie ständigen Angriffen ausgesetzt. Die ezidische Gemeinschaft hat bei diesen Angriffen sehr wertvolle Pioniere verloren.“

Rückkehr nach Şengal soll verhindert werden

Die Bevölkerung von Şengal leistet unter sehr prekären Bedingungen Widerstand. „Viele leben seit Jahren in Zelten, Tausende sind nach Başûr [Südkurdistan] oder ins Ausland geflüchtet und konnten bisher nicht zurückkehren. Damit sie nicht zurückkommen, setzen der türkische Staat und die PDK mit ihrem Geheimdienst Parastin die Angriffe fort“, so Avesta. Die Türkei führt gezielte Drohnenangriffe in der Region durch, die Zielkoordinaten werden über lokale Informanten weitergegeben.

Der Barzanî-Clan in Südkurdistan, der sowohl das Amt des Vorsitzenden PDK („Demokratische Partei Kurdistans“) als auch das des Premierministers und des Präsidenten der KRI bekleidet, sieht seine Interessen durch die enge Kooperation mit der Erdogan-Regierung gesichert. Beide Geheimdienste unterhalten ein Agentennetzwerk in der Region, das aus der Bevölkerung rekrutiert wird. Nach dem Teile-und-Herrsche-Prinzip werden Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgestachelt, in den vergangenen Monaten war die ezidische Glaubensgemeinschaft einer gesteuerten religiös-fanatischen Hetze im Internet ausgesetzt.

Was folgt der Anerkennung des Völkermords?

Sozdar Avesta spricht auch an, dass das Şengal-Massaker mittlerweile von mehreren Seiten als Völkermord anerkannt wurde. Der deutsche Bundestag verabschiedete im Januar einen fraktionsübergreifenden Antrag, der auch Forderungen an die Bundesregierung enthielt. Diese soll die juristische Aufarbeitung und Verfolgung von Tätern im eigenen Land und international ausbauen, die Beweiserhebung vor Ort im Irak finanziell stärker unterstützen, ein Dokumentationszentrum zu den vom IS begangenen Völkerrechtsverbrechen in Deutschland unterstützen, den Irak zum Schutz der Rechte von Ezidinnen und Eziden drängen und beim Wiederaufbau zerstörter ezidischer Siedlungen helfen. Zugrunde lag eine Petition des Berliner Vereins „Stelle für jesidische Angelegenheiten“, die für die Anerkennung warb. Auch Organe der Vereinten Nationen und das Europäische Parlament haben die IS-Verbrechen bereits als Genozid anerkannt; ebenso Armenien, Australien, das US-Repräsentantenhaus und das schottische Parlament.

Bildet einen Schutzwall um Şengal“

Für Sozdar Avesta reicht das nicht aus. „Es wird nichts gegen den Völkermord unternommen. Bisher haben zwölf Staaten und Institutionen das Massaker als Genozid anerkannt, aber sie haben nichts getan. Es reicht nicht aus, einen Beschluss im Parlament zu fassen“, sagt sie und appelliert an die Staaten: „Sie müssen Unterstützung leisten, damit die Wunden dieser Gemeinschaft heilen und die Menschen wieder in ihrer Heimat leben können. Unterstützung bedeutet in diesem Fall, dass die Angriffe auf Şengal gestoppt werden. Es muss ein Schutzwall gebildet werden, damit der faschistische türkische Staat das ezidische Volk in Şengal nicht angreifen kann. Aber das wird aufgrund politischer Interessen nicht getan. Auf der einen Seite wird von einem Völkermord gesprochen und auf der anderen Seite bei seiner Fortsetzung geschwiegen.“

Der Irak muss Verantwortung übernehmen“

Dasselbe gilt auch für den Irak, sagt Avesta: „Der irakische Staat hat bisher weder die Angriffe verhindert noch die Rechte der ezidischen Gemeinschaft und der Şengal-Region verteidigt. Die ezidische Gemeinschaft hat ein Recht auf die Anerkennung ihrer Selbstverwaltung und ihrer militärischen Verteidigungskräfte. Es muss Garantien geben, damit das ezidische Volk keinem weiteren Genozid ausgesetzt wird.“

Das Şengal-Abkommen muss annulliert werden“

In diesem Zusammenhang fordert Sozdar Avesta die Annullierung des am 9. Oktober 2020 in Bagdad unter internationaler Aufsicht zwischen der PDK und der irakischen Regierung beschlossene Abkommen zur Zukunft Şengals: „Sowohl die internationalen Mächte als auch der Irak und Südkurdistan sollen die Finger von Şengal lassen. Wenn sie die ezidische Gemeinschaft um Vergebung bitten wollen, wenn ihnen verziehen werden soll, müssen sie zuerst diese Maßnahmen beenden und den in Şengal gebildeten Willen anerkennen. Das Abkommen von 2020 richtet sich gegen Şengal und wurde ohne das ezidische Volk beschlossen. Es soll seit drei Jahren durchgesetzt werden, aber das ist nicht gelungen. Daher sollte es aufgegeben werden.“

Hintergrund: Genozid und Femizid in Şengal

Seit fünftausend Jahren leben Ezidinnen und Eziden in Mesopotamien, zwischen Euphrat und Tigris. Nicht erst mit dem Terror des IS in ihrem Hauptsiedlungsgebiet Şengal begann für die religiöse Minderheit mit vorchristlichen Wurzeln, die den Engel Pfau (Tawûsî Melek) verehrt, eine unglaubliche Kette von Verfolgung, sondern schon seit der Islamisierung des Nahen Ostens. Diese blutigen Anschläge auf ihr Volk bezeichnen die Ezid:innen als „Ferman“. Während der Begriff im osmanischen Sprachgebrauch für ein Dekret des Sultans steht, nahm das Wort in der Sprache des „Volkes des Engels“ die Bezeichnung für Verfolgungen und Pogrome an.

Mindestens 73 Verfolgungswellen

Es wird davon ausgegangen, dass die Ezid:innen seit dem zwölften Jahrhundert Opfer von mindestens 73 Verfolgungswellen wurden. Zuletzt am 3. August 2014, als der selbsternannte IS in der dezidierten Absicht in Şengal einfiel, die ezidische Kultur auszulöschen. Zehntausenden Ezidinnen und Eziden blieb nur die Flucht ins Gebirge. Doch nicht allen gelang sie rechtzeitig. Die Dschihadisten verübten Massenmorde an Männern, verschleppten Frauen und Kinder, um sie zu vergewaltigen, zu versklaven oder zu Kindersoldaten zu rekrutieren. Schätzungen nach fielen über 10.000 Menschen diesen Massakern zum Opfer. Mehr als 400.000 Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Über 7.000 Frauen und Kinder wurden verschleppt, bis heute werden etwa 2.700 von ihnen vermisst. Daher stellt dieser Genozid in seiner Form zugleich auch einen Femizid dar.

 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kein Flug in die Türkei: Weitere Blockaden angekündigt

Der Islamische Staat ist zurück

Aleppo: Männer demonstrieren gegen Gewalt an Frauen