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Neuerscheinung: „Erfahrung Rojava“ von Michael Wilk


Im Verlag Edition AV ist das vom Wiesbadener Arzt und Psychotherapeuten Michael Wilk herausgegebene Buch „Erfahrung Rojava“ erschienen.

Mit „Erfahrung Rojava“ ist ein neues Buch über die Revolution in Nord- und Ostsyrien erschienen. Herausgeber ist der Wiesbadener Notarzt und Psychotherapeut Michael Wilk, der die Region seit 2014 häufig bereist hat und gerade dann vor Ort war, wenn wie bei der türkischen Invasion 2019 Hilfsorganisationen und Journalist:innen die Flucht ergriffen.

Der 250 Seiten umfassende Sammelband ist im Verlag Edition AV erschienen und enthält Beiträge von Michael Wilk, Nujin, Torsten Lengfeld, Elke Dangeleit, Peng, Beriwan Al-Zin, Thomas Lutz, Meryem und Tom.

Im Vorwort des Buches schreibt Michael Wilk:

Während der Arbeit an diesem Buch wird in Rojava Nord-Ostsyrien weiter gekämpft, täglich werden Artillerieangriffe auf Dörfer in Schussweite der von der Türkei besetzten Gebiete gemeldet. Drohnen sind im Einsatz, unter türkischer Ägide agierende Dschihadistenmilizen kontrollieren nicht nur die Invasionszonen von Afrin und die um Serê Kaniyê, sondern attackieren auch die angrenzenden Regionen. Immer wieder werden Menschen getötet oder schwer verletzt. Selbst Wasser wird zur Waffe, die Türkei reguliert den für die Region lebenswichtigen Wasserstand des Euphrat und hält zudem seit 2019 die wichtige Pumpstation Elok besetzt. Die eigentlich fruchtbare Region ist zunehmend von Dürre gezeichnet, ausgetrocknete Felder und Mangel an Trinkwasser quälen die Menschen vor allem in der Region um Haseke. Wieder einmal sind die Grenzen zum angrenzenden Irak geschlossen, die politisch konkurrierende, clanbestimmte konservative kurdische Regionalregierung im Nordirak pflegt gute Kontakte zum Erdogan-Regime. Das Embargo blockiert den Handel und die Versorgung Rojavas mit Hilfsgütern, ebenso wie die Ein- und Ausreise.   

Der Kampf um Rojava, der Prozess der Befreiung ist komplex und von Krieg, Hindernissen und immensen Schwierigkeiten gezeichnet. Andererseits sind die Ansprüche allumfassend, die Emanzipation der Menschen, allen voran die Befreiung der Frauen, die Umsetzung basisdemokratischer Prinzipien, das Ringen um territoriale Autonomie.  Das angestrebte Gesellschaftsmodell Nord-Ostsyriens ist eine Herausforderung, die großen Einsatz, Mut und Kraft auf Seiten der Menschen Rojavas erfordert. Das Ringen um Autonomie gegenüber dem Assad-Regime, der Kampf gegen den IS und die Bedrohung durch das türkische Erdogan-Regime, die Invasionen und die Angriffe auf das Gebiet Rojavas forderten viele Opfer und belasten den Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Solidarität ist ein wichtiger unterstützender Faktor in einem Prozess, der trotz aller Widrigkeiten zu einem herausragenden Beispiel einer emanzipativen Bewegung wurde, deren gesellschaftliche Tragweite an vielen Punkten beispielhaft ist und weit über die Grenzen Rojavas ausstrahlt.

Seit 2014, der Kampf um Kobane hatte mich zu meiner ersten Reise veranlasst, unterstütze ich den Kurdischen Roten Halbmond, Heyva sor a kurd. Oft mehrfach im Jahr fahre ich nach Nord-Ostsyrien, zuletzt im April 2021. Die Corona-Pandemie hatte in Rojava Einzug gehalten. Die Situation im Washokani Hospital, einer ehemaligen Hühnerfarm, umgebaut in ein Corona-Notfallkrankenhaus, war bedrückend. Es gab zu dieser Zeit keinerlei Impfstoff, die medizinische Versorgung durch den Roten Halbmond erfolgte hochengagiert, aber wie so oft in Rojava, mit bescheidenen Mitteln. Viele Menschen starben an Covid-19, ohne dass ihnen geholfen werden konnte. Ich hatte in den letzten Jahren viele belastende Situationen erlebt, die Aufenthalte und unterstützende Arbeit in den Kampfzonen von Minbic und Rakka, als gegen den IS gekämpft wurde, die katastrophale Lage der Menschen nach den türkischen Invasionen in Afrin 2018 und Serê Kaniyê 2019, die Toten und Verletzten im Legerin-Krankenhaus von Tal Temir. Die Unfähigkeit, den Corona Erkrankten zu helfen, empfand ich belastender als alles, was ich bisher erlebt habe, inklusive meiner jahrzehntelangen Arbeit als Notarzt in Deutschland. Ich spürte ein starkes Bedürfnis nach einer Denkpause, einem Innehalten, einer Zwischenbewertung. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee zu diesem Buch.

Wie sehen, empfinden und bewerten Menschen ihren Einsatz unter den schwierigen Bedingungen Rojavas, welche Ansprüche vertreten sie, was hat sie motiviert, beflügelt oder auch enttäuscht. Wie manifestiert sich der Prozess der Erfahrung des voneinander Lernens in und um die Bewegung in Rojava in den Herzen und Köpfen der Helfenden?

Die Menschen, die ich bat, einen Bericht zu „Erfahrung Rojava“ beizutragen, habe ich in den letzten Jahren kennen und schätzen gelernt. Sie stehen beispielhaft für diejenigen, die auf unterschiedliche Art und Weise, aber kontinuierlich, die Menschen Rojavas und die angestrebten emanzipativen Ziele unterstützen. So unterschiedlich die einzelnen Persönlichkeiten und Charaktere sein mögen, so different politischer Hintergrund und persönliche Zielrichtung ihr Leben bestimmt, in Bezug auf Rojava findet sich eine entscheidende Schnittmenge. Sie alle sind aktiv: von Deutschland aus in Form von Städtepartnerschaften, als direkt Helfende, als fachlich Beratende, als Therapeut:innen, bis hin zum dauerhaften Leben in der Gemeinschaft und im Kampf vor Ort. Nicht zufällig sind die Texte etwas medizinlastig, die meisten meiner persönlichen Kontakte haben sich in der kontinuierlichen Unterstützung der Gesundheitsselbstverwaltung und in der Zusammenarbeit mit Heyva sor a Kurd ergeben. 

Als ich meine Mitautor:innen ersuchte, ihre Rojava-Erfahrungen aufzuschreiben, bat ich ausdrücklich darum, die Beiträge nicht auf faktisch analytische Bewertungen zu reduzieren, sondern durchaus um die Darstellung persönlichen und auch emotionalen Erlebens.

Es sollte eben kein „trockener“ politischer Text werden (davon gibt es schon einige), sondern durchaus ein persönlicher Beitrag sein, in dem Begeisterung und Hoffnung, ebenso wie Angst, Sorge und Zweifel ihren Platz finden sollten. Natürlich war damit nicht gemeint, dass eine politische Bewertung fehlen sollte, im Gegenteil. Ich denke jedoch und habe dies auch auf zahlreichen Vorträgen vor unterschiedlichsten Menschen so wahrgenommen, dass es möglich ist, über diesen Weg einen etwas anderen, sinnvollen und notwendigen Beitrag zum Thema Rojava zu leisten. Auch glaube ich, dass wir etwas mitteilen können, dessen Faszination und Glaubwürdigkeit auch durch Zweifel und Kritik nicht leidet, sondern wächst.

Aus diesem Grund bezogen sich die aufgeworfenen Fragen, in Zusammenhang mit der Bitte um einen Beitrag, sowohl auf zwischenmenschliche als auch auf politische und gesellschaftliche Aspekte, ebenso auf Fakten wie auch auf Empfindungen und Bewertungen.

„Wie bist du zum Thema Rojava gekommen, was hat dich besonders berührt/beeindruckt, wie hast du angefangen dich zu engagieren, was sind deine Erfahrungen hier und vor Ort, was war im Kontakt zu den Menschen besonders eindrucksvoll, schwierig, oder auch kompliziert, bzw. evtl. sogar ernüchternd oder enttäuschend? Was war und ist der wesentliche Aspekt der Solidaritätsarbeit, der Anspruch, das Ziel? Gibt es ein spezielles Projekt, dem du dich widmest (welches?), einen besonderen fachlichen Ansatz, mit dem du schon von Anfang an gestartet bist oder hat sich dein Ansatz erst im Kontakt herausgebildet? Orientierte sich deine Arbeit eher an deinen vorbestehenden Fähigkeiten oder haben sich diese erst im Kontakt vor Ort entwickelt (oder beides). Was von den Zielen kann/konnte in der Realität umgesetzt werden? Was nicht? Was waren / sind die Probleme und speziellen Schwierigkeiten (menschlich, kulturell, sprachlich, politisch, strukturell, logistisch), gibt es besondere Herausforderungen (Gefahr, Kriegssituation, Corona, eigene Angst, strukturelle Probleme, Überforderungssituationen). Was begeistert dich, was geht dir auf die Nerven, was erschöpft dich? Das Ganze bezogen auf Rojava vor Ort, aber auch durchaus auch auf Deutschland/Europa etc. Wie reagierte deine gewohnte Umgebung (Familie, Arbeit, Partner:in auf deine Arbeit / Pläne / Absichten? Wie geht es in Zukunft weiter? Wo soll es hingehen?“

Entstanden ist dieses Buch. Es ist definitiv kein „praktischer Ratgeber“ in Sachen (Rojava)-Solidaritätsarbeit, auch wenn sich wertvolle Hinweise auf sinnvolles und auch kontraproduktives Verhalten, spezifische Bedingungen und Schwierigkeiten herauslesen lassen.

Die Beiträge im Buch fokussieren zum Teil die gleichen einschneidenden historischen Ereignisse und doch werden diese different wahrgenommen und auch interpretiert. Sie stellen natürlich keine abschließende Bewertung dar, wie sollte dies auch gehen, kaum irgendwo sind die Dinge so im Fluss, ist die Dynamik von unterschiedlichsten Faktoren so beeinflusst wie in Rojava.

Die im Buch erschienenen Artikel sind Beispiele solidarischer Projekte, bzw. solidarischen Verhaltens Einzelner, sie sind weit davon entfernt, das gesamte große Spektrum wichtiger unterstützender Infrastruktur abzubilden, das zu Rojava aktiv ist. Namentlich nennen und für die Zusammenarbeit danken möchte ich hier folgende Organisationen: Cadus, Medico International und UPP (Un Ponte Per) aus Italien, die extrem wichtige Arbeit leisten.  

Die Autor:innen des Buches: sind in der Mehrzahl deutsch, weiß, fünf sind Männer, vier Frauen. Zwei Autorinnen sind Kurdinnen, deren Familien nach Deutschland gingen, bzw. fliehen mussten. Manche Namen wurden aus Sicherheitsgründen geändert, die Autor:innen versichern, dass die Inhalte der Beiträge der Realität des Erlebten entsprechen. „Erfahrung Rojava – Berichte aus der Solidaritätsarbeit“ stellt ihre Sicht dar. Was an dieser Stelle fehlt, sind Schilderungen, Bewertungen und Empfindungen der Solidaritätsarbeit aus Sicht der Menschen in Rojava. Dies wäre ein neues Projekt.

Es stellt sich die Frage, was unter Solidarität zu verstehen ist? Und dahingehend, wie Solidarität hier praktisch gelebt und organisiert werden kann? Solidaritätsarbeit sollte sich nicht auf die bloße Verbundenheit und die Unterstützung von emanzipatorischen Bewegungen oder Massenprotesten weltweit beschränken. Es geht vielmehr um das Wissen, das Erfahren und auch das gegenseitige Lernen von Emanzipation, vom Widerstand gegen Unterdrückung, Macht und Herrschaft und gegen die daraus erwachsene Unmenschlichkeit. Solidarität bezeichnet deshalb nicht den gönnerhaften humanitären Akt und ist schon gar kein Gnadenerweis saturierter und privilegierter Menschen gegenüber denen, die revoltieren, weil sie mit dem Rücken an der Wand stehen, an Leib und Leben bedroht sind. Solidarität bedarf des Wissens um die globalen Zusammenhänge der Herrschaft, der eigenen Eingebundenheit in Machtstrukturen, der eingeschränkten Sicht eurozentristischer Befindlichkeit und eigener Korrumpiertheit.

Solidarität ist keine bloße moralische Haltung, sondern elementare Notwendigkeit für eine Gesellschaftsveränderung, die Ausbeutung von Mensch und Natur entgegentreten will. Das Ringen um Emanzipation ist keine Frage, die nur in der Veränderung der Lebensbedingungen in Ländern des Globalen Südens entschieden wird, sondern ebenso in den Zentren der ökonomischen Macht.

Oder, um es anders auszudrücken, wie Nûjîn in ihrem Beitrag zum Buch: „Und das andere mir befremdliche, ist, dass wir immer von „Solidaritätsarbeit“ reden statt von einer Selbstverständlichkeit! Wenn von Solidaritätsarbeit geredet wird, erweckt es in mir jedes Mal das Gefühl der Privilegiertheit. Im kurdischen Sprachgebrauch wird Solidarität gar nicht erst erwähnt und auch nicht so benannt, weil sich zu positionieren, zu unterstützen und zu bestärken eine Selbstverständlichkeit ist und sein sollte.“

 

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