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Guerilla als Therapie: „This Fire Never Dies. One Year with the PKK”


Die niederländische Journalistin Fréderike Geerdink bietet mit ihrem Werk „This Fire Never Dies. One Year with the PKK” eine Innenansicht der kurdischen Freiheitsbewegung. Nick Brauns hat es gelesen und für die „junge Welt“ rezensiert.

Ende 2015 wurde die niederländische Journalistin Fréderike Geerdink aufgrund ihrer Untersuchungen zu einem Massaker der türkischen Armee an jungen Kurden aus der Türkei ausgewiesen, von wo sie zuvor neun Jahre lang berichtet hatte. Um ihre Studien zur kurdischen Frage fortzusetzen, kam ihr da der „verrückte Plan”, ein Jahr mit der Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu leben, um aus der Innenansicht ein Buch über die kurdische Freiheitsbewegung zu schreiben.

Die PKK-Spitze gab grünes Licht, so dass auf einen Aufenthalt in einem Sprachcamp zum Erlernen der kurdischen Sprache im Kandilgebirge Aufenthalte in verschiedenen Guerillacamps und im Flüchtlingslager Machmur im Nordirak sowie im nordsyrischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava folgten. Geerdinks zuerst auf niederländisch veröffentlichtes Buch ist nun unter dem Titel „This Fire Never Dies – One Year with the PKK” auf englisch vom kommunistischen Verlagshaus Left Word im indischen Neu-Delhi verlegt worden.

Realitäten von Parolen

Geerdink gelingt mit ihrer Reportage das Kunststück, trotz ihrer tiefen Einbettung in die PKK und ihrer grundsätzlichen Sympathie für deren Anliegen ihre Position als Journalistin aufrechtzuerhalten, an der richtigen Stelle kritisch nachzuhaken, das Gehörte und Erlebte zu reflektieren und für eine nicht mit der kurdischen Bewegung und ihren Gepflogenheiten vertraute Leserschaft verständlich darzustellen. Nicht diffamierend, sondern erklärend werden kontroverse Erscheinungen wie der Kult um Abdullah Öcalan oder sogenannte Selbstaufopferungsaktionen – Selbstmordattentate im Sprachgebrauch bürgerlicher Medien – behandelt. Geerdink zeigt anhand von Gesprächen mit Guerillakämpfern auf, dass deren Parole „Kein Leben ohne den Führer” nicht blinde Unterwürfigkeit unter Öcalan ausdrückt. Vielmehr spiegelt sich darin die Realität wieder, dass der Kampf der von ihm gegründeten Partei kurdisches Leben in der Türkei überhaupt wieder sichtbar gemacht hat und andererseits die Philosophie des in der Türkei inhaftierten PKK-Vordenkers zum Leitfaden für das tägliche Leben der Guerilla geworden ist.

Fréderike Geerdink: This Fire Never Dies. One Year with the PKK. Aus dem Niederländischen von Vivien D. Glass und Anna Asbury, Left Word Books, New Delhi 2021, 289 Seiten, ca. 21,50 Euro

„In der PKK brauchst du keine Therapie. PKK-Mitglied zu sein, ist die Therapie”

Ausführlich geht Geerdink auf den insbesondere von türkischen regierungsnahen Medien immer wieder getätigten Vorwurf ein, die PKK bewaffne „Kindersoldaten”. Tatsächlich hat die Journalistin Kurdinnen getroffen, die sich den Verbänden bereits in sehr jungem Alter angeschlossen haben. Doch zeigt Geerdink anhand von deren Biographien auf, dass es sich ­keineswegs um zwangsrekrutierte Jugendliche handelt. Vielmehr standen vor dem Weg in die Berge bewusste Entscheidungen, um familiärer und staatlicher Gewalt, Verleugnung der kurdischen Identität oder einer Zwangsehe noch im Jugendalter zu entkommen, um ein Leben in der Guerilla als neuer selbstgewählter Familie zu beginnen. Die Autorin verdeutlicht die eurozentrische Arroganz hinter der Frage, ob eine junge Kurdin, deren Dorf in Syrien von Dschihadisten überfallen wurde, nicht zu jung zum Kämpfen sei. Hätte die junge Frau nicht zur Waffe gegriffen, wäre sie tot oder als Sexsklavin verschleppt worden. „In der PKK brauchst du keine Therapie. PKK-Mitglied zu sein, ist die Therapie”, fasst Geerdink die Erfahrungen vieler in solchen Situationen der Bewegung beigetretener junger Menschen zusammen.

Kritik und Selbstkritik ist der schwerste Kampf

Beobachtungen der täglichen Routine in der Guerilla fernab der Kampfgebiete – wie das aus Rücksicht auf Gewohnheiten der konservativ geprägten Gesellschaft strikt getrennte Waschen der bunten Socken von Männern und Frauen – lassen das Leben in den Bergen plastisch erscheinen. Die ­permanente Arbeit an der eigenen, durch Kapitalismus und Patriarchat deformierten Persönlichkeit in Form von Kritik und Selbstkritik wird als der schwerste Kampf eines Guerillakämpfers gesehen. Ein zeitweiliges Kontaktverbot gegenüber demjenigen, der sich gegenüber Genossen im Ton vergriffen hat, stellt in dieser kollektiven Gemeinschaft eine harte Sanktion dar.

In einem aus Steinen und Sandsäcken gebauten Schlafraum in einem Guerillacamp fällt der Journalistin ein Bücherregal als einziges Möbelstück ins Auge. Dorfbewohner hätten es gebracht, weil sie wüssten, dass PKK-Mitglieder immer Bücher dabei haben, erläutert eine Guerillakämpferin. Bildung ist wesentlicher Teil des PKK-Lebens. Man versteht sich als Kader einer langen Revolution. Deren Ziele sind nicht nur Frieden und Selbstbestimmung für die Kurden, sondern die Überwindung der kapitalistischen Moderne und der angesichts des mittelöstlichen Bevölkerungsmosaiks als einengend empfundenen Nationalstaaten durch eine egalitäre, geschlechtergerechte und sozialistische Gesellschaft.

„Es gibt die Entschlossenheit und den unerschütterlichen Glauben, dass ihre Ideologie eine Lösung für den Nahen Osten bietet – und vielleicht für den Rest der Welt. Diese Ideologie wird täglich gelehrt und konsequent gelebt” – darin sieht Geerdink den Grund, warum es den in einer „Parallelrealität” außerhalb der etablierten Ordnung lebenden Kämpfern möglich ist, gegen waffentechnisch überlegene Kräfte wie die türkische Armee oder den „Islamischen Staat” zu bestehen.

Empathisches wie aufklärerisches Buch, bald auch auf Deutsch?

Infolge der jahrzehntelangen Kriminalisierung der PKK in Deutschland herrscht hier ein durch die bürgerlichen Medien vermitteltes Zerrbild vor. Angesichts dieser Dämonisierung, der von linker Seite gerne eine Romantisierung ohne tiefere Kenntnisse entgegengesetzt wird, ist zu hoffen, dass sich bald ein Verlag findet, um Geerdinks ebenso empathisches wie aufklärerisches Buch auch in deutscher Sprache herauszugeben.


Die Rezension von Nick Brauns erschien im Original am 31. Mai 2021 bei junge Welt (jW). Die Zeitung beklagt aktuell einen Angriff auf die Pressefreiheit aufgrund ihrer Überwachung durch den Verfassungsschutz. Perspektivisch kann es sogar zu einem Verbot kommen. Unsere uneingeschränkte Solidarität gilt der JW und ihrer Genossenschaft. ANF glaubt, dass Deutschland diese unabhängige linke und sozialistische Tageszeitung nicht verlieren darf und ruft dazu auf, sie zu verteidigen.

 

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