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Machtspiele um die selbstverwaltete Region Şehba


Die nordsyrische Region Şehba ist sowohl für die Selbstverwaltung, den türkischen Staat, Damaskus und Moskau von strategischer Bedeutung.

Am 13. April räumte die russische Armee drei Stellungen im Landkreis Tel Rifat im nordsyrischen Kanton Şehba. Vertrauenswürdige Quellen sprechen davon, dass die russischen Truppen einen Gesamtabzug aus Şehba nach Aleppo vorbereiten. Dieser Rückzug stellt kein einfaches Militärmanöver dar, denn Russland ist eine Garantiemacht gegenüber türkischen Angriffen auf die Region. Die russischen Truppen kehrten jedoch bereits am Folgetag wieder in ihre Stellungen zurück. Der plötzliche Rückzug der russischen Truppen aus Şehba hatte die Befürchtung geweckt, dass es zwischen der Türkei und Russland zu einem Abkommen über die Übergabe der Region Tel Rifat gegeben haben könnte. Die Rückkehr der Truppen zeigt aber, dass es sich eher um eine Drohgebärde gehandelt hat und es Russland darum geht, Druck auf die Selbstverwaltung zur Übergabe der Region an das Regime auszuüben. Eine ähnliche Politik verfolgt Russland seit Monaten in Ain Issa.

Drohkulisse und mögliche Deals

Der stellvertretende Ko-Vorsitzende der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, Bedran Çîya Kurd, hat in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ANHA zwei mögliche Gründe für das Verhalten Russlands angeführt. Die erste Möglichkeit sei, dass Russland und die Türkei vereinbart hätten, Teile von Tel Rifat der Türkei zu überlassen. Über die zweite Option sagt Kurd: „Auf diese Weise will Russland Druck auf die Selbstverwaltung ausüben. Moskau versucht, den Kurden Zugeständnisse abzupressen. Sie haben diese Methode der Erpressung bereits in Ain Issa und Til Temir angewandt. Sie wollen auf diese Weise ihre Ziele östlich des Euphrat erreichen. Russland will seine Macht in der Region ausbauen und sich überall festsetzen.“

Der Politiker spricht auch von ökonomischen Forderungen Russlands. Er sagt: „Wir haben uns mit Russland in einigen Fragen geeinigt. Es gibt jedoch einige Fragen, über die wir uns in diesem Prozess nicht einig sind. Für ein Übereinkommen sind politische Bündnisse erforderlich. Die Interessen der Menschen in der Region müssen geschützt werden. Nur unter diesen Bedingungen können wir die Wirtschaftsbeziehungen verbessern.“

Was sind die Ziele Russlands?

Seit langer Zeit will Russland gemeinsam mit der Armee des Baath-Regimes nach Raqqa und Tabqa zurückkehren. Aber die Menschen in Raqqa und Tabqa sind vor dem Hintergrund dieser Erpressung mit Hilfe von Angriffen des türkischen Staates zu keinen Konzessionen in dieser Hinsicht bereit. Bereits bei der türkischen Invasion in Girê Spî und Serêkaniyê am 9. Oktober 2019 wollten Russland und das Regime nach Raqqa und Tabqa vordringen. Die Bevölkerung ließ dies jedoch nicht zu und machte ihr Festhalten an der Selbstverwaltung mehr als deutlich.

Es ist nicht schwer vorstellbar, dass sich Russland in Cizîrê, wo auch die USA und internationale Koalitionstruppen präsent sind, entspannter bewegen können will. Es kam immer wieder zu Konfrontationen zwischen russischen und US-amerikanischen Truppen bei den Patrouillen entlang der Linien Til Temir-Hesekê und Tirbespiyê-Dêrik.

Zwar gibt es keine genauen Informationen über Russlands ökonomische Ansprüche, aber es ist naheliegend, dass es Russland um die nordostsyrischen Ölfelder geht, welche von den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) vom IS befreit worden sind. Russland und Damaskus betreiben seit langem eine Propaganda mit der Behauptung, die Selbstverwaltung „stehle“ das „syrische Öl“. Die Selbstverwaltung hingegen beharrt darauf, dass alle Einwohner*innen Syriens über syrische Ressourcen verfügen können müssen, und fordert als Voraussetzung eine politische Einigung.

Die strategische Bedeutung von Tel Rifat für Russland und Damaskus

Es ist noch nicht klar, ob der eintägige Rückzug der russischen Truppen aus den drei Stellungen in Şehba eine Entscheidung Moskaus oder des russischen Kommandos in Syrien war. Es ist möglich, dass die russischen Streitkräfte zu ihren Positionen zurückgekehrt sind, weil es durch dieses Manöver nicht gelungen ist, der Selbstverwaltung Zugeständnisse abzugewinnen. Denn die Şehba-Region ist für Russland und Damaskus strategisch sehr wichtig. Das Gebiet, das von dem türkischen Staat als Ganzes als Tel Rifat bezeichnet wird, grenzt an Aleppo und stellt de facto die Verteidigungslinie von Aleppo dar. Die kleine Region umfasst etwa 80 Dörfer und Weiler, ist 65 Kilometer lang und 15 Kilometer breit.

2012 war Tel Rifat und seine Umgebung von türkisch kontrollierten FSA-Einheiten und dem Al-Qaida-Ableger Jabhat al-Nusra besetzt worden. 2015 nahm der IS die gesamte Region bis auf einige wenige Ortschaften ein. Bis zur Besetzung von Efrîn befand sich die Region nach ihrer Befreiung unter dem Schutz der QSD. Russland ergriff die Gelegenheit der türkischen Efrîn-Invasion und ließ sich gemeinsam mit Regimetruppen in der Region Şehba nieder. Nachdem der türkische Staat am 15./16. März 2018 Efrîn vollkommen eingekreist hatte, wurde nach Gesprächen zwischen Russland und den QSD auf russischen Wunsch hin ein Korridor für die Zivilbevölkerung von Efrîn geöffnet. Als Teil des Abkommens mussten die QSD abziehen und es wurden russische, syrische und iranische Truppen dort stationiert.

Nachdem der Iran vor fast einem Jahr seine Streitkräfte aus der Region zurückgezogen hatte, befinden sich nur russische Truppen, Regimetruppen und Selbstverteidigungskräfte der geflohenen Bevölkerung von Efrîn als bewaffnete Kräfte in der Region. Auch wenn die syrischen Truppen von Zeit zu Zeit auf türkische Angriffe reagieren, so sind sie doch nicht in der Lage, die Region ohne die Selbstverteidigungseinheiten zu schützen und zu halten. Wenn diese Region unter türkische Kontrolle geriete, dann wäre Aleppo in Gefahr. Viele Städte im Süden von Şehba stehen unter der Kontrolle iranischer Milizen, wie die Grenzstädte Nubul und Zahra. Wenn die Region in die Hände türkischer Söldner fiele, würde Aleppo, das bereits von Westen von Dschihadistenmilizen bedroht wird, auch von Norden her von türkischen Söldnern belagert werden.

Strategische Bedeutung für die Türkei und Efrîn

Obwohl der türkische Staat die Region fast täglich mit Artillerie beschießt, leben in Şehba nach Angaben der Selbstverwaltung etwa 100.000 Flüchtlinge aus Efrîn. Dazu kommen 150.000 Menschen, die aus Regionen wie Azaz, Cerablus und Bab vor der türkischen Besatzung geflohen sind. Die ursprüngliche Bevölkerung der vor allem von Wüste geprägten Region betrug 90.000. Insbesondere die Menschen aus Efrîn bleiben trotz schwerer Bedingungen in der Region, denn sie hoffen auf die Befreiung ihrer Heimat. Allen Erschwernissen entgegen leisten sie am Rand von Efrîn Widerstand.

Die Bevölkerung von Efrîn und die Flüchtlinge leben in zwölf Dörfern in Efrîn-Şêrawa, sechs Dörfern in Efrîn-Şera und etwa 60 Dörfern in Şehba. Die Geflüchteten in der Region organisieren sich autonom als Selbstverwaltungsrat von Efrîn, während die übrige Bevölkerung im Selbstverwaltungsrat von Şehba repräsentiert ist. Die beiden Strukturen arbeiten in ständiger Abstimmung miteinander.

Die Anwesenheit der Menschen aus Efrîn in Şehba und ihre Entschlossenheit, ihre besetzte Heimat zu befreien, verunsichern den türkischen Staat. Die Besetzung von Şehba stellt daher einen wichtigen Baustein für Verschiebung der türkischen Grenze auf die Aleppo-Linie dar. Der türkische Staat sieht Şehba ebenfalls in seiner Rolle als Brückenkopf nach Aleppo.

Die Tatsache, dass die QSD einige Dörfer in den Distrikten Tel Rifat und Şehba von den FSA-Banden befreit haben, hat der türkische Staat immer noch nicht verdauen können. Nach der Befreiung von Tel Rifat durch die QSD am 16. Februar 2016 beschoss der türkische Staat Efrîn tagelang mit Artilleriegranaten.

Die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs besteht weiter

Die Türkei verhandelte von März bis April letzten Jahres mit Russland über die Region Şehba, die sie Tel Rifat nennt. Der Iran hatte sich gegen eine Besetzung der Region durch den türkischen Staat gewandt. Obwohl Russland die türkische Besatzung nutzte, um die Selbstverwaltung der Region zu schwächen, war es auch nicht in Moskaus Interesse, dieses für die Verteidigung von Aleppo so wichtige Gebiet für eine türkische Besetzung freizugeben.

Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass Russland einige Zugeständnisse machen wird, um die Türkei in einem Gleichgewicht zu halten, denn der türkische Staat versucht, die durch den Kauf der S-400-Raketen belasteten Beziehungen zu den USA wieder ins Lot zu bringen, und verfolgt eine provokative Politik in der Ukraine. Die Ukraine ist für Russland von strategischer Bedeutung und wird wie eine innere, russische Angelegenheit behandelt. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass Russland der Türkei in Şehba vollkommen freie Bahn lässt, besteht die Möglichkeit, dass manche Gebiete von Russland zur türkischen Besatzung freigegeben werden könnten.

 

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