Bericht aus dem türkisch kontrollierten Teil Nordsyriens: Selbstorganisiert bauen statt absaufen im Winter

Selbstorganisiert bauen statt absaufen im Winter

Der Winterregen macht Geflüchteten in vielen Lagern in Syrien zu schaffen. Doch nicht so in Deir Ballout. Denn dort arbeiten Aktivist*innen mit den Bewohner*innen zusammen. An den lokalen NGOs vorbei, machen sie die Zelte der Menschen winterfest. Ein Beispiel dafür, wie Selbstorganisation wirkt.

Mitte Januar warnen die UN: Fast 200 Flüchtlingslager wurden binnen einer Woche vom Winterregen beschädigt. 67.600 Zelte sind betroffen, mindestens 3.760 davon zerstört. Und in jedem der Zelte wohnen etwa 10 Personen. Für die Betroffenen nur die letzte Katastrophe in einer langen Reihe von Vertreibung und Verlust.

Anders geht es den Menschen in Deir Ballout, nahe von al-Bab: Bereits im Herbst haben Aktivist*innen gemeinsam mit den Bewohner*innen an den Winter gedacht – und dabei bewusst die NGOs außen vor gelassen. In Selbstorganisation, gestützt fast ausschließlich auf lokal vorhandene Baustoffe, haben sie angefangen, ihre Zelte zu befestigen.

UN OCHA beklagt, dass Flüchtlingslager in Nordwest-Syrien vom Winterregen überflutet werden.

Die Steine werden im Camp gefertigt, die Bewohner*innen legen selbst Hand an – und entschieden wird nicht wie üblich vom Campvorsitzenden, sondern von einem fünfköpfigen Rat. Schon wegen des partizipativen Ansatzes war das Projekt für die lokalen NGOs suspekt. Wenn alle mitbestimmen dürfen, das könnte ja gar nichts werden.

Doch das Ergebnis beweist das Gegenteil: Wenn große NGOs Zeltstädte am Reißbrett entwerfen und errichten, planen sie an den Bedürfnissen der Bewohner*innen vorbei. Und im schlimmsten Fall übersehen sie dabei lokale Gegebenheiten, so dass die Zelte bei Regen überflutet werden. Oder sanitäre Einrichtungen fehlen – die in Deir Ballout bei der Befestigung der Häuser gleich mitgebaut werden.

Unsere Partner*innen vom Hooz-Zentrum in al-Bab unterstützen die Koordination des Projekts – und haben dabei noch weiter gedacht: Viele der Vertriebenen in Deir Ballout werden nicht so schnell in ihre Herkunftsregionen zurückkehren können. Sie wurden vom Assad-Regime vertrieben, ihre Häuser häufig enteignet. Damit sie nicht jetzt ihre Ersparnisse investieren, nur um später Miete für die selbstgebauten Häuser zahlen zu müssen, haben sie vorab die Eigentumsverhältnisse geklärt. Das Grundstück auf dem das Camp liegt, gehört einem hochrangigen Militär in der Armee des Assad-Regimes. Damit ist klar: Solange das Regime nicht nach Deir Ballout zurückkehrt, sind die Bewohner*innen sicher. Und sollte es zurückkehren, werden sie ohnehin wieder fliehen müssen.

Adopt a Revolution unterstützt die Befestigung des Camps Deir Ballout durch die Bewohner*innen. Helfen Sie mit, diese Selbstorganisation zu ermöglichen!

 

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