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Frauendorf Jinwar: Lebendige Orte der Solidarität schaffen


Vor zwei Jahren wurde das Frauendorf Jinwar eröffnet. Die Bewohnerinnen laden alle Frauen in ihr Dorf nach Rojava ein, um einander kennenzulernen und voneinander zu lernen.

„Wir laden alle Frauen ein, uns zu besuchen, uns kennenzulernen, uns gegenseitig zuzuhören, voneinander zu lernen, Freundschaften aufzubauen, miteinander zu leben und den Faden unserer Geschichte weiterzuspinnen. Wir rufen alle Frauen dieser Welt dazu auf, wo auch immer ihr seid, kommt zusammen, um lebendige Orte der Solidarität zu schaffen, die der Gewalt ein Ende setzen”, schreiben die Bewohnerinnen des Frauendorfs Jinwar in ihrer Erklärung zum 25. November. Der 25. November ist nicht allein der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen, vor zwei Jahren wurde an diesem Tag Jinwar, das Dorf von Frauen und für Frauen, im Westen von Dirbêsiyê im Kanton Hesekê in Rojava/Nordsyrien offiziell eröffnet.

„Wir blicken auf das letzte Jahr und was wir als Frauen sehen und hören, ist folgendes”, so der Rat von Jinwar. „Die Angriffe auf Frauen sind mehr geworden, brutaler, systematischer. Die Angriffe richten sich gegen alle Bereiche unseres Lebens als Frauen und Kinder und gegen die Natur. Hier in Nord- und Ostsyrien und an allen Orten dieser Welt.

Im Umfeld und unter den Bedingungen von Covid-19 soll der Widerstand von Frauen gebrochen werden. Die herrschenden Kräfte nutzen diese Situation aus, da unter den Bedingungen der Isolation und Kontrolle die Situation von Frauen fragiler und schwieriger geworden ist.

Die anhaltende Besatzungspolitik und Kriegsdrohungen des türkischen Staates und deren Verbündeten richtet sich gegen den Aufbau eines freien Lebens. Die systematische und brutale Gewalt richtet sich im speziellen gegen uns als Frauen, unsere Körper, unsere Gedanken und unseren Geist. Die Gewalt richtet sich gegen unsere Gesellschaft, unser gemeinsames Leben in kultureller Vielfalt, gegen die Verbundenheit zu unserem Land und unsere Heimat.

Heute erinnern wir uns an Hevrîn, Zehra, Hebun, Emine, Dayika Aqîde, Amara, unsere Freundinnen, Töchter, Mütter, Schwestern, die brutal ermordet wurden, weil sie sich gemeinsam gegen diejenigen Kräfte gestellt haben, die unser Leben als Frauen verneinen.

Wir erinnern uns an diejenigen Frauen, die zu Tausenden in den Gefängnissen sind, weil sie ihren Willen für ein freies Leben gezeigt haben.

Wir fordern Gerechtigkeit für die Frauen von Şengal, von Efrîn, von Serêkaniyê und Girê Spî, von allen Frauen, die getötet wurden. Was ist der Grund dafür, dass diese Frauen getötet wurden? Wo ist das Blut dieser Frauen geflossen? Frauen sind nicht auf die Welt gekommen, um getötet zu werden! Sie sind auf die Welt gekommen, um zu leben und etwas Schönes aufzubauen!" (Fatma)

 

Der Frieden von Frauen ist das genaue Gegenteil von männlicher Besatzungspolitik und Gewalt. Die Unterdrückung von Frauen ist der Beginn aller anderen gesellschaftlichen Probleme. Das Problem um die Freiheit der Frauen ist jener Knoten, der gelöst werden muss.

In diesen Zeiten, die wir erleben, fragen wir uns: Wie antworten wir auf diese systematischen Attacken, denen wir als Frauen begegnen? Wie verteidigen wir uns? Wie organisieren wir uns?

Inmitten des Krieges in Syrien wurde vor vier Jahre genauso als eine Antwort auf diese Gewalt und Unterdrückung der Aufbau eines Ortes verkündet, in dem Frauen und Kinder gemeinsam in Frieden leben können.

Viele hunderte Hände haben danach für viele Monate Zehntausende von Lehmziegeln geformt, Bäume gepflanzt, Essen gekocht und gemeinsam gegessen. Nachbarinnen und Freundinnen aus allen Teilen der Region und darüber hinaus sind gekommen, um uns zu unterstützen und uns kennenzulernen.

Am 25. November 2018 wurde das Dorf mit dem Namen Jinwar für die Bewohnerinnen und die Gesellschaft geöffnet.

Heute feiern wir gemeinsam den 2. Jahrestag mit einem gemeinsamen Aufruf:

Gegen Unterdrückung und Gewalt und für die Verteidigung von Frauen und Leben

Hier in Jinwar, wo die Aprikosenbäume in diesem Jahr die ersten süßen Früchte getragen haben, bauen wir ein gemeinsames Leben durch unsere tägliche Mühe auf. Wir lernen uns gegenseitig und uns selber kennen. So verstehen wir, was für uns als Frauen und Kinder ein gutes, ein schönes und freies Leben ist.

Jeder geteilte Tag, jedes geteilte Lachen, jede geteilte Mühe, jede geteilte liebevolle Geste, jeder geteilte Traum, jede geteilte Frage und jede geteilte Geschichte gibt uns die Kraft, Tag für Tag voranzugehen. All das gibt uns die Kraft, Schritte in Richtung des freien Lebens zu gehen, welches wir uns wünschen.

Jeden Tag werden unsere Erfahrungen zahlreicher und unsere Geschichten, die wir erzählen, werden farbenfroher.

Alle Frauen haben die Kraft sich zu befreien, aber dafür braucht es Mut und Glauben. Ich liebe es, wenn Frauen einen starken Willen haben. Jede Frau kann einen starken Willen entwickeln. Meine Erfahrung in meinem eigenen Leben ist, dass gerade Frauen, die schwierige Situationen und Probleme erleben, eine große Kraft und einen starken Willen entwickeln. Aber nur, wenn wir wirklich verstehen, wo die Probleme herkommen und wenn wir uns dagegen entscheiden, das länger hinzunehmen. Wenn wir aufstehen und uns organisieren. Das ist eine Entscheidung, die wir in uns selbst treffen müssen. Als Frauen müssen wir uns selbst vertrauen, uns gegenseitig vertrauen und einen starken Willen entwickeln. Dieses Dorf ist der beste Ort für Frauen, um ihren Willen zu entwickeln. Um sich zu bilden. Hier kannst du viel lernen, du stehst auf deinen eigenen Beinen. Das ganze Leben hier ist Bildung." (Canda)

 

Und wie lernen wir nun Brot zu backen? Gemeinsam: mit dem Mehl von dem Getreide unserer Felder, mit Geduld und gegenseitiger Unterstützung. Und wenn das Brot gelungen ist mit Musik und Tanz.

Wie putzen wir den Stall der Schafe? Gemeinsam: Mit Ausdauer und der Freude der Schafe.

Wie kochen wir den Bulgur? Gemeinsam: Zwei Tage lang mit großen Töpfen und Holz aus den Nachbardörfern und viel Rauch, der durchs Dorf zieht, sodass alle wissen, dass es wieder Spätsommer geworden ist.

Wie organisieren wir jeden Tag? Wie bereiten wir uns auf den Winter vor? Gemeinsam: Mit unseren Erfahrungen der letzten Jahre und in gemeinsamer Abstimmung.

Wie reden wir miteinander und mit unseren Kindern? Mit Respekt,Verständnis und Liebe.

Wie lösen wir Probleme? Wir setzen uns zusammen und hören einander zu.

Wie empfangen wir Patienten im Heilzentrum? Mit Offenheit und dem Heilwissen unserer Mütter und Großmütter.

Und wie viele Sprachen und Kulturen sind hier lebendig? Viele!

Was unser Leben hier ausmacht:

Spontanes Zusammentreffen und Lachen an der Eingangstür. Die Aufregung der Kinder über die ersten Granatäpfel und das heimliche Granatapfelschneiden, der riesengroße Garten, der frische Geruch des Frühlings und die unzähligen Farben nach dem ersten Herbstregen, Tomatensoße auf dem Dach der Akademie und Schnüre zwischen den Häusern voll getrockneter Okra und Auberginen für die gemeinsamen Mahlzeiten im Winter. Der Rucola, der nicht wachsen kann, weil die Hühner die Blätter rupfen.

Die Frage an die Kinder: Was habt ihr heute in der Schule gelernt? – Was ist hezkirin?

Der Dank an eine von uns, die auf die Kinder einer anderen aufgepasst halt, als diese auf Besuch zu ihrer Familie gefahren ist.

Wie viele neue Lämmer sind geboren worden?

Das Dankeschön für die Übersetzung, damit die Verständigung unter allen gut funktioniert.

Morgen kommen der Frauenrat aus Raqqa und die Studentinnen von der Jineolojî-Akademie zu Besuch, dafür wollen wir noch das Essen vorbereiten.

Wo sammeln wir die Heilkräuter für die Şifajin? Kannst du mir deine Hand geben, damit ich lernen kann, Kanülen zu legen?

All jene Momente bereichern und stärken uns.

Es gibt nichts Heilenderes als ein ehrlicher Blick zwischen gleichen, als ein paar Worte, die mit Liebe gesprochen wurden, als der Wille sich umeinander zu sorgen." (Merivan)

 

Wir laden alle Frauen ein, uns zu besuchen, uns kennenzulernen, uns gegenseitig zuzuhören, voneinander zu lernen, Freundschaften aufzubauen, miteinander zu leben und den Faden unserer Geschichte weiterzuspinnen. Wir rufen alle Frauen dieser Welt dazu auf, wo auch immer ihr seid, kommt zusammen, um lebendige Orte der Solidarität zu schaffen, die der Gewalt ein Ende setzen. Unsere gemeinsame Stärke und unser Wille lassen sich nicht aufhalten!”

 

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