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„Sie hat sich nicht selbst getötet, ihr habt sie getötet“

 


Seit Anfang des Jahres ist die Suizidrate bei Frauen aus Kobanê wieder gestiegen. Organisationen wie SARA und der Dachverband der kurdischen Frauenbewegung Kongreya Star wollen mit einer neuen Kampagne Selbstmorde von Frauen verhindern.

Im Jahr 2018 schreckte eine Reihe von Suizid-Fällen unter Frauen in Kobanê die gesamte Region auf. Kongreya Star, der Dachverband der kurdischen Frauenbewegung in Nord- und Ostsyrien, entwickelte daraufhin Strategien zur Suizidprävention. Es wurden Kampagnen initiiert, die darauf abzielten, das Bewusstsein für das Ausmaß der weiblichen Suizidalität in der Euphrat-Region und für die Rolle, die jede einzelne Person bei der Prävention spielen kann, zu stärken.

Die umgesetzten Präventionsmaßnahmen, mit denen durch Aufklärung der Öffentlichkeit eine höhere Sensibilität für Suizidrisiken erreicht werden konnte, waren erfolgreich. 2019 war mit drei Fällen ein deutlicher Rückgang der Suizidrate bei Frauen zu verzeichnen. Doch seit der Jahreswende steigt die Zahl wieder an. Aber nicht nur die Suizidraten, sondern auch die Suizidversuchsraten liegen wieder deutlich höher als im letzten Jahr.

„Die Suizide unter Frauen könnten verhindert werden“, unterstreicht die Aktivistin Rewșen Haçim, die Mitglied der Koordination von Kongreya Star ist. Der Frauendachverband hat kürzlich in Zusammenarbeit mit SARA, einer Organisation, die sich in erster Linie für Hilfe und Solidarität für Frauen, die in der Euphrat-Region patriarchaler Gewalt ausgesetzt sind, einsetzt, eine neue Kampagne ins Leben gerufen. Unter dem Motto „Sie hat sich nicht selbst getötet, ihr habt sie getötet“ soll eine größere Aufmerksamkeit in der Gesellschaft für Selbstmorde bei Frauen erreicht und ein Bewusstsein für die Hintergründe geschaffen werden. Denn Suizidalität gilt als ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklung, sagen die Aktivistinnen.

Selbstmorde unter Frauen verhindern

Worum es bei dieser Kampagne geht, schildert Rewșen Haçim in einem Interview mit der Kampagne Women Defend Rojava. „In erster Linie wollen wir Selbstmorde unter Frauen verhindern“, erklärt die Aktivistin. Dies erfordere eine zielgerichtete Intervention. Dazu müsse es aber ein intensives Eingehen auf die möglichen Ursachen für das suizidale Verhalten und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen um die Selbsttötung von Frauen geben. Vergangenes Jahr hatte Kongreya Star Konzepte adäquater Hilfen erarbeitet, um Suizide von Frauen zu verhindern. Suizide und Suizidversuche werden vielerorts verschwiegen, Selbstmord ist im Islam streng verboten. Auch in Rojava, wo unter schwierigsten Bedingungen eine demokratische, alle Ethnien und Religionen umfassende Gesellschaft aufgebaut wurde, in der die Befreiung der Frau, die Gleichstellung von Mann und Frau genauso gesellschaftliche Leitlinie ist wie ein ökologisches Leben und Wirtschaften, wird der Umgang mit dem Thema Suizid gerne weggeschoben. Die mit einer solchen Tabuisierung oft einhergehende Scham der Betroffenen und ihrer Angehörigen erschwert den Umgang mit der lebensbedrohlichen Krise zusätzlich.

Erfolgreiche Präventionsprogramme, dann kam Corona

Deshalb hatte Kongreya Star Aufklärungskampagnen gestartet, um bestehende Vorurteile und gesellschaftliche Stigmatisierung abzubauen und Präventionsprogramme für Gefährdete und ihre Angehörigen anzubieten. Da Suizidprävention eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung ist, wurden im öffentlichen Raum Seminare und Bildungslehrgänge abgehalten, an denen auch Männer teilnahmen. Die Kurse umfassten Lehrgänge zu psychologischen Aspekten, zwischenmenschlicher Kommunikation, Moral und Kultur, die Realität der Frau in der Geschichte und die negativen Auswirkungen der patriarchalen Mentalität auf die Gesellschaft. Die Kampagnen zeigten Wirkung, die Suizidalität bei Frauen in Kobanê ging um fast 80 Prozent zurück. Doch mit den Ausgangssperren in der Corona-Krise mussten diese Veranstaltungen eingestellt werden. Und mit der sozialen Isolation und Quarantäne stieg nicht nur die Selbstmordrate bei Frauen an. Auch die Gewalt gegen Frauen hat ein erschreckendes Ausmaß angenommen.

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Transparent mit den Gesichtern der Frauen, die Suizid begangen haben | Foto: Women Defend Rojava

Gesellschaft direkt konfrontieren

„Mit unserer Kampagne ‚Sie hat sich nicht selbst getötet, ihr habt sie getötet‘ konfrontieren wir die Gesellschaft öffentlich mit dem Thema Frauenselbstmord“, erklärt Haçim. „Wir haben Erklärungen im öffentlichen Raum verlesen und die Umstände, die Frauen in den Selbstmord treiben, verurteilt. An einigen Punkten in Kobanê, unter anderem an den Hauptverkehrsstraßen, wurden große Bilder von Frauen angebracht, die ihrem Leben ein Ende setzten oder im Namen der ‚Ehre‘ Opfer eines Femizids wurden.“

Zu Beginn der Kampagne wurden eine Reihe von Treffen mit Vertreterinnen verschiedener politischer Parteien und Einrichtungen von und für Frauen im Großraum Kobanê organisiert. Dabei erarbeiteten SARA, Kongreya Star, die Frauenkoordination der Autonomieverwaltung Nord- und Ostsyriens und ortsansässige Menschenrechtsorganisationen einen Entwurf für ein Gesetz, das eine Untersuchung der Hintergründe von Selbstmorden zur Pflicht erklärt. „Wurde das Opfer beispielsweise von anderen psychisch beeinträchtigt? Wurde es beleidigt, körperlich misshandelt oder sogar systematisch auf Selbstmordgedanken gebracht? Wer auch immer es war: der Vater, der Ehemann, der Sohn oder der Bruder; unser Vorschlag ist, die Ursache zu untersuchen und bekannt zu machen. Denn dafür muss es eine Strafe geben. Wir fordern mindestens ein Jahr und maximal zehn Jahre Haft für verantwortliche Personen, die Frauen zur Selbsttötung verleiten“, erklärt Rewșen Haçim.

Es gebe eine Vielzahl von Selbstmorden, wo der Verdacht bestünde, dass die Opfer gezielt in den Suizid getrieben wurden. Da die aktuelle Gesetzeslage keine strafrechtlichen Maßnahmen vorsieht, kommen die Verantwortlichen ohne Verfolgung davon. Das muss sich ändern, fordert Kongreya Star.

Frauen nehmen sich nicht grundlos das Leben

„Wir sehen, dass es die Mentalität der Gesellschaft ist, die sich noch nicht geändert hat und die diese Frauen zum Selbstmord veranlasste“, sagt Haçim. Die Hintergründe seien sehr vielfältig, man müsse genauer hinschauen. „Ganz vorne stehen vermutlich Dissonanzen, also die Nichtübereinstimmbarkeit der Wertesysteme der Familien, in denen diese Frauen lebten. Um die Gesellschaft stärker für die Thematik zu sensibilisieren und sie intensiver über die Fälle in Kobanê zu informieren, werden wir vor allem in sozialen Netzwerken Informationen über die Lebenssituation und -verhältnisse von Frauen veröffentlichen, die sich selbst töteten. Wir müssen Maßnahmen für die öffentliche Meinung und die ganze Welt ergreifen. Die ganze Gesellschaft muss erkennen, dass Frauen sich nicht grundlos das Leben nehmen.“

Kongreya Star

Seit 2005 gibt es in Westkurdistan/Rojava eine organisierte Frauenbewegung. Kongreya Star, zur Gründungszeit noch Yekîtiya Star (Star ist ein Hinweis auf die mesopotamische Göttin Ischtar) setzt sich dafür ein, dass Frauenrechte im gesellschaftlichen System des Gesellschaftsmodells in Nord- und Ostsyrien verankert sind: „Frauen müssen sich selbst organisieren. Nur dann können sie die bestehenden patriarchalen Strukturen herausfordern und machbare, nachhaltige Alternative schaffen. Ohne die Freiheit der Frauen ist eine wirklich freie Gesellschaft unmöglich“, lautet das Motto des Dachverbands.

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