Mit der Gewalt gegen Frauen sind wir in Rojava noch nicht fertig geworden

 

Aus der Tageszeitung „Yeni Özgür Politika‘“ vom 9. Sept. 2020:


Interview von Elif Kaya mit Dirok Kahraman von der Jineoloji-Akademie in Rojava (Auszug):




- Welche Probleme habt ihr derzeit?


Sicher gibt es derzeit Aspekte und Probleme, die wir noch nicht in den Griff bekommen haben. Zum Beispiel die Führungsfragen. Aber vor allem innerhalb der Familien gibt es noch tiefe Probleme. Wenn die Frau sich entschließt, eine Arbeit (außerhalb) aufzunehmen, dann geht das nicht so ohne weiteres. Ihre Familie stellt sich dagegen. Dass man den Entscheidungen der Frau mit Respekt begegnet, ist überhaupt nicht selbstverständlich. Die Gewalt gegenüber Frauen ist keineswegs nicht überwunden. Auch wenn die Frauenmorde und die suspekten Frauen-Selbstmorde abgenommen haben, kommen sie doch immer wieder vor. So sehr sich die Frauen organisieren, so ist doch offensichtlich, dass es noch viel zu tun gibt, um alle Frauen zu erreichen und solche Probleme an der Wurzel zu packen.


- Wie häufig ist Gewalt gegen Frauen?


Vor der Koronavirus-Epidemie haben wir ein Arbeits-Seminar gemacht, und da war von 8 Selbstmordversuchen in den letzten 3 Jahren die Rede. Aber in den Wochen der Ausgangssperre gab es zwischen Mann und Frau große Spannungen und Streitereien. In dieser kurzen Zeitspanne zählten wir 5 – 6 Selbstmordversuche. Außerdem wird eine Art Spezialkrieg gegen unsere Gesellschaft geführt. Ihr moralisches Selbstbewusstsein soll kaputt gemacht werden. Man versucht, unsere Jugend an den Konsum von Rauschgift zu gewöhnen. Einerseits gibt es dagegen organisierten Widerstand, andererseits werden diese Spezialkriegs-Methoden des Feindes aber auch von den reaktionären Zügen unserer Gesellschaft aufgenommen.


- Früher wurde von der Gesellschaft in Kobane die Ehescheidung als ungehörig angesehen; von Scheidungen hörte man so gut wie gar nichts. Jetzt nehmen sie offensichtlich zu. Was ist die Ursache dafür?


Früher gab es in der Gesellschaft keine Kraft des Widerstands. Wenn früher eine Frau heiratete, gab ihr die Mutter oder Großmutter den Rat: „Wenn du nach der Heirat geschlagen, ja gequält wirst oder gar rausgeschmissen, dann halte den Mund und gehorche deinem Ehemann und seiner Familie.“ Es gab keinen Mechanismus zum Schutz der Frau, es gab keinen Ort, wo sie sich hinflüchten konnte. Sie musste bis zum Ende geduldig alles aushalten. Entweder sie tötete sich selbst, oder sie musste alles ertragen. Jetzt dagegen existieren Unterstützungs-Strukturen, Mala Jin (Frauenhäuser), Frauen-Bewegungen. Die Frauen spüren eine Kraft, die ihren Rücken stützt. Die neue Generation akzeptiert nicht mehr die überkommenen Vorstellungen. Wenn sie heutzutage zur Überzeugung kommt, dass man nicht mehr zusammenleben kann, dann erträgt sie nicht mehr geduldig das Miteinanderleben, sondern geht den Weg der Scheidung.


Andererseits darf nicht vergessen werden, dass ein großer Teil der in der Ehe aufkommenden Probleme in den Mala Jin aufgenommen werden; hier versucht man sie zu lösen. Wenn beide Seiten sich nicht einigen können, beschließen sie die Scheidung und gehen diesen Weg. Aber die Gesellschaft insgesamt ist noch nicht dieser Überzeugung.Wenn die Frauen und Männer diese Fälle in den Ateliers zusammen diskutieren, kommt das deutlich zutage. Zum Beispiel kommt es zu Vergewaltigungen innerhalb der Familie, oder die Frau kann wegen sexueller Übergriffe nicht mehr weiter zusammen leben. Das wollen die Frauen nichts mehr geduldig ertragen, sondern sich scheiden.


Es sind halt die alten Vorstellungen, welche die Entwicklung zu verhindern suchen. Und trotzdem gehen wir voran.


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