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Förderschule für Kinder mit Behinderungen in Raqqa

In Raqqa existiert seit einiger Zeit eine Förderschule für Kinder mit Behinderungen. Es ist die einzige Bildungseinrichtung mit sonderpädagogischem Förderangebot in der Region.






Seit fast neun Jahren herrschen Krieg und Gewalt in Syrien. Was als Bürgerprotest begann, hat sich längst zu einem internationalen Konflikt gewandelt - unter Beteiligung Russlands und des Irans sowie der Türkei und Saudi-Arabiens. Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen, Hunderttausende verloren ihr Leben. Und mittendrin sind die Schwächsten, die Kinder. Sie hat dieses Kriegserbe besonders hart getroffen. Zu viele kennen kein Leben in Frieden, haben ihre Eltern verloren oder mussten erleben, wie ihre Häuser zerstört wurden. Andere wurden verletzt oder getötet. Wer überlebt hat, ist traumatisiert. Und eine politische Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht.
Die nordsyrische Stadt Raqqa litt zudem unter der Schreckensherrschaft der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Mitte 2013 wurde Raqqa vom IS überrannt und zur Hauptstadt des selbsternannten „Kalifats“ erklärt. Vier Jahre lang bestimmte Terror den Alltag in der Stadt. Bis zur Befreiung am 17. Oktober 2017 durch die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) galt Raqqa als Kommandozentrale und wichtigster militärischer Stützpunkt des IS.
Nach der Vertreibung der Dschihadisten übernahm der Zivilrat die Verwaltung von Raqqa und leitete den Wiederaufbau ein. Als allererstes ließ die selbstverwaltete Volkskommune die Hinterlassenschaften des Krieges beseitigen. Zunächst die Machtergreifung des IS und dann die Befreiung hatten die Stadt, die vor Beginn des Kriegs zu den reichsten und liberalsten Syriens zählte, in einen gigantischen Trümmerhaufen verwandelt. Rund 85 Prozent von Raqqa waren unbewohnbar – zerstört durch Bombenanschläge und zurückgelassene Sprengfallen des IS und Luftangriffe der US-geführten internationalen Anti-IS-Koalition. Heute gehen die Wiederaufbauarbeiten, angeführt von einer Gesellschaft, die es als ihr Projekt begreift, frei und basisdemokratisch eine Alternative aufzubauen, in allen Ebenen mit voller Kraft voran. Nur hin und wieder kommt es zu Verzögerungen wegen Materialmangels.
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 Mädchen an der Förderschule in Raqqa

Ein besonderes Anliegen des Zivilrats von Raqqa sind die Belange von Kindern. Neben diversen Förderprogrammen für Mädchen und Jungen, die unter den Folgen des Krieges leiden und Teile ihrer Schulbildung während der Besatzung durch den IS verpasst haben, speziellen Rehabilitationsmaßnahmen, um mit den erlebten Grausamkeiten besser fertig zu werden, Freizeitangeboten und kulturellen Aktivitäten kümmert sich der Zivilrat um Kinder mit besonderem Förderbedarf. Die Stadt hat längst das Prinzip der Chancengleichheit für behinderte Kinder anerkannt und setzt Projekte um, um sicherzustellen, dass alle Kinder ihre grundlegenden Menschenrechte ohne Diskriminierung genießen können und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erreichen.
Bewusstseinsförderung  in der Gesellschaft
Kinder mit Behinderungen sind eine der am stärksten marginalisierten und ausgegrenzten Gruppen in der Gesellschaft. Um dagegen anzukämpfen, werden in Raqqa Maßnahmen zur Bewusstseinsförderung und zur generellen Sensibilisierung der Gesellschaft umgesetzt. Die Behindertenhilfe der Stadt hat vor einiger Zeit eine Art „Ersatzschule“ für Kinder mit geistiger und körperlicher Behinderung eröffnet. Die Bildungseinrichtung, die mehr als 70 Schülerinnen und Schüler betreut, ist momentan die einzige Schule mit sonderpädagogischem Förderangebot in der Region. Die Kinder werden ganzheitlich und individuell ihren persönlichen Lernvoraussetzungen entsprechend gefördert. Zusätzlich zu ihrem Unterricht in entwicklungsorientierten und handlungsorientierten Lernbereichen gibt es auch therapeutische Angebote. Ergänzt wird der Lehrplan mit außerschulischen Aktivitäten. Ob es in den nächsten Jahren Inklusion an der Schule geben wird, ist allerdings noch ungewiss.
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Amar al-Ali

„Wir können sagen, dass viele Kinderseelen in unserer Region lange nichts anderes als ein Inferno kannten. Die Traumata, die sie erlebten, sind im Prinzip jenseits jeder psychologischen Definition“, erklärt der Lehrbeauftragte Amar al-Ali. Die Kinder seien psychisch am Boden gewesen und nach teilweise mehreren Vertreibungen müde. Insbesondere solche mit Einschränkungen seien einer doppelten Belastung ausgesetzt, sagt al-Ali. „Wir wollen, dass ihre körperlichen und seelischen Wunden heilen. Das geht nur, wenn sie sich sicher fühlen, ihre Kindheit zurückbekommen und eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben genießen.“

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