Kurdischkurs für Frauen in Damaskus

Der Frauendachverband Kongreya Star hat in Syriens Hauptstadt Damaskus einen Kurdischsprachkurs für Frauen initiiert.

ANF / DAMASKUS, 15. Sept. 2019.

Der Dachverband der kurdischen Frauenbewegung in Rojava Kongreya Star bietet in Syriens Hauptstadt Damaskus einen Kurdischsprachkurs für Frauen an. An dem Kurs nehmen bisher 19 Frauen aus verschiedenen Altersgruppen teil.

Als das syrische Regime 1965 entschied, einen „Arabischen Gürtel“ in der Cizîrê-Region entlang der türkischen Grenze zu errichten, wurden ab 1973 beduinische Araber*innen in den kurdischen Gebieten angesiedelt. Im selben Zug wurden die Ortsnamen arabisiert und Kurdisch an den Schulen und Arbeitsplätzen verboten. Dem Verbot fielen auch kurdische Medien zum Opfer.

Mit der Revolution von Rojava haben sich die autonome Selbstverwaltung und verschiedene Organisationen zur Aufgabe gemacht, die kurdische Sprache wiederzubeleben und insbesondere in den Regionen außerhalb Nord- und Ostsyriens zu ihrer Förderung beizutragen. Der von Kongreya Star in Damaskus initiierte Sprachkurs wird für Frauen aus dem Viertel Zorava (arabisch: Wadi al-Mashari) angeboten. Das seit Jahrzehnten von Kurd*innen besiedelte Viertel liegt im Stadtbezirk Dummar, der seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs als weitgehend sicherste Gegend von Damaskus gilt.

Der Sprachkurs in Zorava wird in den Räumlichkeiten des Frauenbildungszentrums von Kongreya Star angeboten und soll sechs Monate dauern. Der Frauendachverband plant auch weitere Projekte zum Erlernen der kurdischen Sprache.

Nord- und Ostsyrien: Neues multilinguales Schuljahr beginnt

ANF /  KOBANÊ, 15. Sept. 2019.

In den vor allem von Kurd*innen und Araber*innen bewohnten Kantonen Kobanê und Girê Spî in der Euphrat-Region werden etwa 90.000 Schüler*innen morgen den Unterricht wieder aufnehmen.

Fehler im Unterrichtsmaterial wurden korrigiert

Aufgrund verschiedener Fehler und Unzulänglichkeiten im Unterrichtsmaterial hat die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien beschlossen, die Bücher und Lernhefte einzusammeln und neu aufzulegen. Auf der Grundlage dieser Entscheidung wurden die Schulbücher und Materialien auf Arabisch, Kurdisch und Aramäisch neu erstellt.

Neue Schulbücher auf der Grundlage der „demokratischen Nation“

Die neuen Schulbücher sind auf einer wissenschaftlichen Grundlage unter Einbeziehung der Perspektive auf die demokratische Nation, das heißt auf basisdemokratisches, geschlechterbefreites und multiidentitäres Zusammenleben, verfasst.

Pädagogische Fortbildung für Lehrer*innen

Darüber hinaus erhielten tausende Lehrkräfte eine pädagogische Fortbildung. Für die lernschwächeren Schüler und für die frisch in die Region migrierten Kinder und Jugendlichen fanden den ganzen Sommer über Kurse statt, um sie auf das neue Schuljahr vorzubereiten.

Bildung ausschließlich in Muttersprache bis zur vierten Klasse

ANF sprach mit Aras Abdurahman vom Lehrerverband in Kobanê. Er erklärte zum Schulsystem: „Ein kurdisches Kind zum Beispiel wird bis zur vierten Klasse ausschließlich in seiner Muttersprache unterrichtet, dann kommt Arabisch hinzu, ab der fünften Klasse wird dann eine Fremdsprache nach Wahl unterrichtet. Das gleiche gilt zum Beispiel auch für arabische Kinder, sie werden die ersten vier Jahre in Arabisch unterrichtet, ab der vierten Klasse kommt Kurdisch hinzu und anschließend die Bildung in Fremdsprachen.“

Die Schulen in Zahlen

In der Euphrat-Region werden morgen an 839 Schulen 4.200 Lehrer*innen mit dem Unterricht von 89.000 Schüler*innen beginnen. In der Region Raqqa werden an 340 Schulen 5.500 Lehrer*innen den Unterricht für etwa 150.000 Schüler*innen starten, während es in Tabqa 195 Schulen mit 2.400 Lehrer*innen und etwa 65.000 Schüler*innen sind. In Deir ez-Zor, einer Region, die zuletzt erst befreit wurde, werden an 465 Schulen 150.000 Schüler*innen und 5.400 Lehrer*innen das neue Schuljahr beginnen. In Minbic sind es 3.000 Lehrer*innen und 30.000 Schüler*innen.

Kongress der ezidischen Frauenbewegung in Şengal

Die ezidische Frauenbewegung TAJÊ hat in Şengal ihren ersten Kongress mit 300 Delegierten abgehalten.

ANF / ŞENGAL, 10. Sept. 2019.

In Xanesor in der südkurdischen Region Şengal hat die ezidische Frauenbefreiungsbewegung TAJÊ mit 300 Delegierten ihren ersten Kongress abgehalten. Neben den Frauen aus Şengal nahmen Ezidinnen aus Rojava und TAJÊ-Vertreterinnen aus dem Ausland an dem Kongress teil.

Die Versammlung wurde mit einer Schweigeminute für die Gefallenen eingeleitet. Anschließend wurden Perspektiven des kurdischen Vordenkers Abdullah Öcalan zur Situation ezidischer Frauen und der Tätigkeitsbericht von TAJÊ für die letzten drei Jahre verlesen. Außerdem wurde eine Videobotschaft von Sozdar Avesta gezeigt. Sozdar Avesta ist Ezidin und Mitglied des Präsidialrats der KCK (Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans).

Auf dem Kongress wurde über die Satzung und die Ziele der ezidischen Frauenbewegung diskutiert. Eine Abschlusserklärung wird zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.

Minbic: Eine Modellstadt für Syrien

Mit ihrer neu aufgebauten Verwaltungsstruktur ist Minbic eine Stadt, die als Modell für ein Syrien der Zukunft gelten kann.

Seit der Befreiung von der IS-Herrschaft durch den örtlichen Militärrat mit Unterstützung der YPG/YPJ am 15. August 2016 wird in Minbic (Manbidsch) das Zusammenleben der arabischen, kurdischen, tscherkessischen, turkmenischen und armenischen Bevölkerung gemeinsam organisiert.

Die Region Minbic gehört zu den wichtigen landwirtschaftlichen und Handelszentren Syriens. Im Moment ist die Stadt das Durchgangstor zwischen Nord- und Ostsyrien und dem Rest des Landes. Sie hat über 400.000 Einwohner und liegt 90 Kilometer nordöstlich von Aleppo, 40 Kilometer südlich von Dscharablus, 65 Kilometer westlich von Kobanê und 45 Kilometer östlich von al-Bab.

Minbic ist in der Geschichte sieben Mal erobert worden und befand sich unter der Herrschaft der Assyrer, Römer, Mameluken, Fatimiden, Ayyubiden, Seldschuken und Osmanen. Der Name der Stadt hat auch die Bedeutung „heilige Stadt“.

Mit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien wurde Minbic zu einem der Schlüsselorte der Region. 2012 wurde die Stadt zunächst von der Freien Syrischen Armee (FSA) erobert, 2014 dann vom IS besetzt.

Die YPG/YPJ und der aus ortsansässigen Kräften gegründete Militärrat starteten am 1. Juni 2016 eine Offensive und konnten die Stadt am 15. August 2016 befreien.

Das erste zivile Leitungsgremium der Stadt wurde am 20. April 2016 in der Ortschaft Sirîn bei Kobanê gegründet. Der Zivilrat hatte zu diesem Zeitpunkt 43 Mitglieder, nach der Befreiung stieg die Anzahl auf 132. Auf einer Versammlung am 20. Februar 2017 verteilte sich die Zusammensetzung des Rates auf 71 arabische, 40 kurdische, elf turkmenische, acht tscherkessische, ein tschetschenisches und ein armenisches Mitglied.

Der Zivilrat verwaltet die Stadt und organisiert die Aufbauarbeit. Durch die Landwirtschaft und den Handel hat ein wirtschaftlicher Aufschwung stattgefunden. Die Necm-Festung am Ufer des Euphrat ist ein wichtiger touristischer Anziehungspunkt in der Region. Mit ihrer neu aufgebauten Verwaltungsstruktur ist Minbic eine Stadt, die als Modell für ein Syrien der Zukunft gelten kann.

Idlib: »Wir sind keine Lämmer im Schlachthaus«

In Saraqeb demonstrierten Menschen mit Flaggen der syrischen Revolution gegen die Regime-Offensive und gleichzeitig energisch gegen die Miliz HTS.

Vom 6. September 2019 – adoptrevolution.org
In der Region Idlib kam es in den letzten Tagen in mehreren Städten immer wieder zu Demonstration. Das ist angesichts der dramatischen Lage nicht selbstverständlich: Seit Monaten wird Idlib vom Assad-Regime und von russischen Flugzeugen bombardiert. Doch die Proteste richten sich nicht alleine gegen das Regime.

Maarat al-Nu’man ist eine Kleinstadt mit 80.000 Einwohner*innen im Nordwesten Syriens, die seit Langem von oppositionellen Milizen kontrolliert wird. Die Stadt in der Region Idlib wurde in den vergangen Monaten immer wieder Ziel von syrisch-russischen Luftangriffen. Am 23. Juli wurde der Gemüsemarkt bombardiert, etwa 50 Menschen wurden getötet.

Doch nicht nur das Regime und Russland haben es auf die Stadt abgesehen. Auch die radikal-islamistische Extremistengruppe HTS, die in Idlib große Teile beherrscht, versucht immer wieder Fuß zu fassen, wogegen sich die einheimische Bevölkerung seit Jahren wehrt.

Teile der Bevölkerung in Maarat al-Nu’man in Idlib versammelten sich Anfang der Woche, um für den Fall des Regimes und ein Ende der Gewalt von der Extremistengruppe HTS zu demonstrieren. Auch in vielen anderen Teilen der Region Idlib finden seit dem 30. August immer wieder Demonstrationen statt.

Mit Protesten an der Grenze fing es an

Die Protestwelle begann Ende letzter Woche an der türkisch-syrischen Grenze in Bab al-Hawa. Demonstrant*innen stürmten die Grenze und forderten die Öffnung der Fluchtwege. Türkische Einsatzkräfte antworteten mit Tränengas und Schüssen. Die Demonstrant*innen protestierten gegen die syrische Militäroffensive auf Idlib und die fehlende Unterstützung der Türkei.

Die Proteste an der Grenze scheinen sich auf weitere Teile Idlibs ausgeweitet zu haben. Aus neun Städten gibt es Berichte über Demonstrationen. Auch in Atareb gingen zahlreiche Menschen auf die Straße, riefen Slogan der Revolution, forderten den Sturz des Assad-Regimes und Schutz vor russischen Angriffen.

Besonders bemerkenswert ist, dass viele Protestierende den Abzug der Miliz HTS forderten, die die Stadt Anfang des Jahres eingenommen hatte. Mit Sprüchen wie „Komm schon, Jolani, wir wollen dich nicht“ zogen sie mit großen Protesten durch die Straßen – Jolani ist der Anführer der Anführer der Extremistengruppe HTS.
Atareb: Keine Angst mehr vor HTS

HTS ist bekannt dafür, mit Gewalt gegen Gegner*innen vorzugehen. “Die Demonstranten gingen in Richtung der Polizeistation in Atareb. Das ist einer der wenigen Orte, wo HTS besonders effektive und starke Präsenz zeigt. Die Leute warfen Steinen auf die Polizeiwache und es war klar: die Barriere der Angst vor HTS wurde gebrochen”, berichten uns ein Partner aus Atareb. Auch viele Frauen haben sich an den Protesten beteiligt.

“Wir waren überrascht darüber, wie hoch die Zahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen war und wie lautstark sie gegen HTS und Jolani protestiert haben”, so ein Organisator der Demonstrationen in Saraqeb, wo drei Tage hintereinander Demonstrationen stattfanden.

Wegen der Angriffe des Regimes auf Saraqueb sind bereits viele Einwohner*innen geflohen. „Die intensiven Angriffe hängen mit der Präsenz von HTS zusammen. Schaut euch die Situation seit HTS doch mal an. Die meisten NGOs und Hilfsprojekte haben ihre Arbeit wegen HTS gestoppt”, sagte ein Demonstrant.

Hintergrund Waffenstillstand

Die Proteste brachen am 30. August zeitgleich mit einer Ankündigung eines Waffenstillstands durch den Russischen Verteidigungsminister aus. Nur Stunden nach der vereinbarten Waffenruhe griffen allerdings die USA bzw. Die US-geführte Anti-Terror-Koalition Ziele eines Trainingslagers von Extremisten in der Provinz Idlib an, manche Quellen berichten über eine hohe Zahl ziviler Opfer.

Obwohl seit der Einnahme der Stadt Khan Sheikhun am 19. August durch Regime-Truppen und russische Einheiten die Bodenoffensive näher rückt, Luftangriffe in den letzten Monaten fast täglich zivile Todesopfer forderten und HTS hart gegen politische Gegner vorgeht, hat die zivile Bewegung in Syrien offenbar immer noch Kraft für Proteste.

Nicht wie Lämmer im Schlachthaus sterben

“Ich gehe auf die Straße gegen HTS, weil unsere Revolution auf der Straße stattgefunden hat. Die Straße ist unsere Stimme. Durch die Mobilisierung auf der Straße haben wir das Regime vertriebe. Deswegen hat HTS auch Angst, dass sich das Szenario wiederholt. Der Anfang ist immer die Straße“, sagt uns ein Aktivist aus Atareb.

Die Zivilbevölkerung Idlibs will sich nicht damit abfinden, dass Russland, die Türkei, die USA, das Assad-Regime und dschihadistische Milizen über ihr Schicksal entscheiden. Die heftigen Proteste an der türkischen Grenze kommentierte ein Aktivist mit dem Satz: Die Welt erwarte offenbar von den Menschen in Idlib, sie verhielten sich brav wie Schafe im Schlachthaus. Den Gefallen aber wolle man der Welt nicht machen.

Patrouillefahrten in Girê Spî

Der Militärrat von Girê Spî hat entlang der türkischen Grenze gemeinsame Patrouillenfahrten mit der US-Armee aufgenommen.

ANF / GIRÊ SPÎ, 8. Sept. 2019.

In der nordsyrischen Stadt Girê Spî (Tal Abyad) haben die USA und der lokale Militärrat mit gemeinsamen Patrouillen entlang der türkischen Grenze begonnen. Die Kontrollfahrten finden im Rahmen des Abkommens über die sogenannte „Sicherheitszone” zur Grenzsicherung im Norden Syriens statt. Die Patrouille brach am Sonntagmorgen von einer Basis der internationalen Anti-IS-Koalition im Dorf Heşîşê auf und besteht aus 15 türkischen sowie US-Panzerfahrzeugen.

Die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien und die Demokoratischen Kräfte Syriens (QSD) hatten durch US-Vermittlung mit dem AKP-Regime über die Sicherheitszone verhandelt. Seit Mittwoch finden auch in Serêkaniyê gemeinsame Patrouillenfahrten statt.

Angriffe, Embargo und Widerstand in Şehba

Im Kanton Şehba leben über 100.000 Flüchtlinge aus dem türkisch besetzten Efrîn. Sie werden vom türkischen Staat und seinen Milizen angegriffen und vom syrischen Regime unter Embargo gestellt. Dennoch leisten sie ungebrochen Widerstand.

% bufferROJ DENİZ / HÎVDA HEBÛN aus ŞEHBA, 8. Sept. 2019.

Im März 2018 mussten hunderttausende Menschen aus Efrîn aufgrund der Angriffe des türkischen Regimes ihre Region verlassen und sind nach Şehba und Şêrawa geflohen. Die Region Şehba ist ebenfalls vom Krieg gezeichnet. Sie war 2016 in einem erbitterten Kampf dem IS und al-Nusra abgerungen worden. Die Dörfer und Städte der Region waren zerstört und die Mehrheit der Gebäude eingestürzt. In vielen Häusern liegen heute noch IS-Minen.

Hunderttausende Menschen aus Efrîn mussten sich auf diese zerstörte Region verteilen. Trotz der Schwierigkeiten machten sie keinen Schritt zurück und bauten ihr eigenes demokratisches und kommunales System in der Wüstenregion auf. Sie setzen ihren Kampf für die Rückkehr nach Efrîn fort. Die Menschen leben in verschiedenen Dörfern oder in Zeltlagern, die von der Bevölkerung Nordsyriens und der autonomen Selbstverwaltung errichtet wurden. In der Region Şehba leben über 100.000 Menschen aus Efrîn.

Der Ko-Vorsitzende des Generalrats von Efrîn, Mihemed Neso, sprach mit ANF über die Situation der Schutzsuchenden in der Region. Über die erste Zeit nach der Flucht berichtet er: „Die Bevölkerung von Efrîn war nach 58 Tagen des Widerstands gezwungen nach Şehba zu fliehen. Wir wollten uns nicht von Efrîn entfernen. Şehba lag Efrîn am nächsten. Natürlich ist Şehba auch unser Land. Dieser Boden wurde auch von unseren Kindern befreit. Aber es ist eine sehr schwere und schlimme Sache, ein Volk mit Gewalt von seinem Land zu vertreiben. Als unser Volk hierherkam, stand es großen Problemen gegenüber. Die Bevölkerung konnte ja nichts mitnehmen und ist nur mit den Kleidern am Leib geflohen. Hunderte von Menschen waren draußen, schliefen im Feld. Denn Şehba war ein Kriegsgebiet und sieben Jahre lang praktisch leer. Die Infrastruktur war zusammengebrochen und im Gelände und den Häusern lagen Sprengfallen des IS. Deswegen wurden als erstes, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben, diese zerstörten Gebäude gesäubert und die Menschen kamen darin unter. In einem Haus lebten fünf oder sechs Familien. Es war Winter und sehr kalt. Sie waren gezwungen, in diese Häuser zu gehen. Viele Kinder starben wegen Minen in diesen Gebäuden oder im Gelände. Es gab auch weder Trinkwasser noch etwas zu essen. Die Bevölkerung und unsere Räte arbeiteten an der Lösung dieses Problems. Die Menschen mussten sich zunächst einmal sammeln. Es ging darum, die Bevölkerung wieder zusammenzubringen, sich zu organisieren und die Kriegstraumata überwinden. Die Menschen, die bereits sieben Jahre Erfahrung mit Selbstorganisierung mitbrachten, organisierten Volksversammlungen in den Dörfern, Städten und Gemeinden, in denen sie sich befanden. Es wurden schnell Kommunen aufgebaut. Auf diese Weise konnte die Kriegspsychologie zumindest ein Stück weit überwunden werden. Auf all den Treffen stand vor allem eine Frage im Vordergrund: Wie können wir für unsere Gefallenen, die wir zurückgelassen haben, für unsere Kinder Vergeltung üben. Die Menschen erklärten, komme was wolle, davon werde man keinen Abstand nehmen. Auf dieser Grundlage hat unser Volk den Widerstand als seine Linie gewählt.

Mihemed Neso

127 Kommunen aufgebaut

Nachdem wir etwa 80 Prozent der Kommunen aufgebaut hatten, begannen wir mit der Bildung der Räte. In allen Gemeinden und Kreisstädten wurden eigene Rätesysteme aufgebaut. Wir haben jetzt 127 Kommunen. Auf der Ratsebene wurden zehn Komitees gebildet. Diese Komitees unterstützen die Räte in den Städten, Gemeinden und Dörfern. Sie werden nach Bedarf geschaffen. Das Spektrum reicht vom Aufbau von kommunalen Verwaltungen, dem Gesundheits-, Bildungs- und Sicherheitsbereich über die Grundversorgung der Bevölkerung bis hin zur Lösung von Problemen auf der Grundlage gesellschaftlicher Moral. Insbesondere das Sicherheitskomitee arbeitet mit größter Hingabe. Nach der Erfahrung von Efrîn ist es 24 Stunden täglich in der Selbstverteidigung tätig.

Kaum Hilfe von außerhalb

Am Anfang kamen ein paar zivile Hilfsorganisationen. Aber ihre Hilfe war auf den Gesundheitsbereich beschränkt und blieb auf ein oder zwei Dörfer beschränkt. Als sie kamen, hatten sie schon zwei bis drei Dörfer bestimmt und dort begrenzt medizinische Hilfe geleistet.

Wir sind hier in Şehba eingekreist. Drei Seiten sind vom türkischen Staat und seinen Milizen umstellt. Der Hass des türkischen Staates auf die Kurden dauert auch heute noch an. Jeden Tag wird unsere Region angegriffen. Die Orte, an denen unsere Bevölkerung lebt, werden ständig mit Mörsergranaten beschossen. Das betrifft die Dörfer in Til Rifat und insbesondere in Şêrawa: Aqibê, Meyasê, Sixunekê und Ziyaretê.

Das Embargo des syrischen Regimes macht das Leben schwer

Was uns am meisten Schwierigkeiten bereitet, ist das Embargo des syrischen Regimes gegen uns und der Zoll, der die Hilfe, die uns erreichen soll, massiv einschränkt. Uns fehlt der Grundbedarf, Gas, Diesel, Benzin und Medikamente. Das Regime hat an den Straßen aus Aleppo und Cizîrê Kontrollpunkte eingerichtet. Alle Hilfsgüter werden dort verzollt. Insbesondere was Medikamente betrifft, haben wir die größten Schwierigkeiten. Unsere Bevölkerung in Cizîrê hat für uns hier in Şehba Tonnen von Medikamenten gesammelt. Aber das Regime hat die Medikamente bei Minbic monatelang warten lassen und so waren sie abgelaufen, als sie endlich ankamen, und mussten weggeworfen werden. Das gleiche Problem haben wir, wenn Gemüse aus Aleppo kommt. Das muss ebenfalls verzollt werden. Deshalb ist alles, obwohl wir Flüchtlinge sind, sehr teuer. Die Tomaten zum Beispiel werden doppelt so teuer wie in Aleppo verkauft. Wir sind Bürger Syriens. Das Regime ist für diese Behandlung verantwortlich. Das Regime trennt die Völker Syriens. Dieses Volk hier hat am meisten für die Einheit Syriens gekämpft. Die Kinder des kurdischen Volkes haben sieben Jahre gegen den IS gekämpft und waren siegreich. Und heute versucht das Regime uns zu zersprengen.“

Dänische Truppen nach Nordsyrien

Dänemark hat angekündigt, Truppen zur Unterstützung der US-Militärpräsenz nach Nordsyrien zu schicken.

ANF / REDAKTION, 7. Sept. 2019.

Die US-Regierung begrüßte die Entscheidung der dänischen Regierung, Truppen in Nordsyrien zu stationieren. Nach Angaben dänischer Medien hatten die USA bereits im Juli Dänemark um militärische Unterstützung in Nordsyrien gebeten. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat gestern auf einer Pressekonferenz die Entsendung von dänischen Soldaten nach Nordsyrien angekündigt. Der Einsatz findet im Rahmen der Anti-IS-Koalition statt; es gehe dabei um Transport, medizinische Unterstützung und geheimdienstliche Aufgaben. Die Premierministerin erklärte, der Islamische Staat (IS) stelle immer noch eine Bedrohung dar.

Hevrîn: Konferenz arabischer Stammesfrauen historischer Schritt

Die erfolgreiche Durchführung der Konferenz arabischer Stammesfrauen habe eine große Bedeutung und unterstreiche, dass sich Frauen von ihrer aufgezwungenen Rolle befreien können, erklärt Hevrîn al-Halaf, Generalsekretärin der Syrischen Zukunftspartei.

ANF / RAQQA, 6. Sept. 2019.

Die Generalsekretärin der Syrischen Zukunftspartei, Hevrîn al-Halaf, sprach mit der Nachrichtenagentur ANHA über die Konferenz arabischer Stammesfrauen am 1. September. Wir geben hier eine Übersetzung des Interviews wieder.

Was drückt die Konferenz arabischer Stammesfrauen für Sie aus?

Diese Konferenz ist von historischer Bedeutung für alle Frauen. Sie ist ein Novum im gesamten Mittleren Osten und macht uns stolz. Dass Frauen von überall her zusammengekommen sind, zeigt allen, wie Frauen sich von ihrer historisch aufgezwungenen Rolle befreien können.

Die Konferenz fand in einer Zeit statt, in der die Türkei Nord- und Ostsyrien bedroht. War das Thema?

Die Frauen haben sich auf der Konferenz klar ausgedrückt und erklärt, sich zusammen gegen alle türkischen Versuche, die Region zu besetzen, zu stellen. So wie die Frauen gegen Terror und Unterdrückung hier in der Region Widerstand geleistet haben, so werden sie auch gegen den türkischen Staat Widerstand leisten. Das haben sie klargestellt.

Was für einen Einfluss wird die Konferenz auf die Region haben?

Die Rolle von Frauen in der Gesellschaft ist sehr begrenzt. Da die Gesellschaft der Stammestradition anhängt und von Männern beherrscht wird, konnten Frauen ihre Gedanken nicht vollständig ausdrücken. Mit der Führungsrolle von Frauen in der Revolution in Nord- und Ostsyrien und bei der Befreiung der Region vom IS haben Frauen auch eine Führungsrolle in der Gesellschaft eingenommen. Der Widerstand der Frauen und ihre Stimmen haben sich auf der ganzen Welt verbreitet. Dies hat den Weg dafür freigemacht, dass Frauen ihre gesellschaftliche Rolle spielen und in jedem Bereich ihre Führungsrolle einnehmen können.

Wie können frauenfeindliche Traditionen in der Region überwunden werden?

Die Rolle von Frauen wird nicht nur von frauenfeindlichen Traditionen, sondern auch von der autoritären, zentralistischen, frauenverachtenden Staatsmentalität definiert. Wir haben gesehen, wie der syrische Staat in der Vergangenheit die Rolle von Frauen im Parlament und in Behörden missachtet hat. Aber nach der Befreiung der Region unter der Führung von Frauen sollten sich Frauen ihrer Verantwortung bewusst sein und die von ihnen erwarteten Schritte gehen können.

Novum im Mittleren Osten: Treffen der Stammesfrauen

Ein absolutes Novum stellt das Treffen der Stammesfrauen aus Raqqa, Tabqa, Deir ez-Zor und Minbic dar. Sie versammelten sich unter der Parole „Wir wurden eins und waren erfolgreich, durch Widerstand werden wir uns schützen.“

ANF / TABQA, 2. Sept. 2019.

Die Konferenz der Stammesfrauen stellt eine Premiere im Mittleren Osten dar. Auf Einladung der Frauenselbstverwaltungen von Raqqa, Tabqa, Deir ez-Zor und Minbic kamen etwa eintausend Frauen auf der Jabbar-Burg in Tabqa zusammen.

Wir werden eine bunte, demokratische Gesellschaft schaffen“

Henaa Derde war als Vertreterin der turkmenischen Frauen angereist. „Wir stärken die Basis des Zusammenlebens. Wir haben der ganzen Welt gezeigt, dass wir eine freie, gerechte und demokratische Gesellschaft aufbauen wollen. Wir sind zum Widerstand gegen alle jene bereit, die unsere Errungenschaften vernichten wollen. Als turkmenische Stämme werden wir an der Seite unserer Genossinnen eine bunte, demokratische Gesellschaft schaffen“, erklärte sie.

Unser Zusammenkommen ist Ausdruck des Erfolgs der Revolution“

Zahida Ihaq sprach im Namen der tscherkessischen Frauen aus Minbic. Sie betonte: „Nach jahrelangem Leid unter der Besatzung des Islamischen Staats ist unsere Region jetzt sicher. Die Frauen haben am meisten gelitten und haben nun ihren freien Willen deutlich gemacht. Dass wir hier zusammenkommen, unsere Einheit und unsere Liebe, sind Ausdruck des Erfolgs der Revolution. Der Widerstand, den wir in diesem Prozess mit dem freien Willen der Frau an den Tag legen, ist sehr wichtig im Kampf gegen den Feind.“

Am Ende der Konferenz wurde die Abschlusserklärung von Leyla al-Hassan vom Zivilrat von Deir ez-Zor vorgetragen.

Die Erklärung lautet:

„Als Frauen aus den arabischen Stämmen von Raqqa, Tabqa, Deir ez-Zor und Minbic verkünden wir, dass wir weltweit zum ersten Mal eine Konferenz der arabischen Stammesfrauen durchgeführt haben. Auf der Konferenz wurde über die Rolle von Frauen in den Stämmen und die Invasionsdrohungen der Türkei diskutiert. An dem Kongress nahmen circa eintausend Frauen aus ganz Nord- und Ostsyrien teil. Die Frauen betonten die territoriale Einheit Syriens und kündigten Widerstand gegen die Invasion an. Außerdem wurde über die Rolle von Frauen für den gesellschaftlichen Frieden und im Kampf gegen den Terror gesprochen.

Auf dieser Grundlage fordern die Frauen:

* Die internationale Gemeinschaft muss ihr Schweigen gegenüber der Besatzung von Efrîn, Bab, Azaz und Dscharablus durch den türkischen Staat und die dortigen Menschenrechtsverletzungen brechen.

* Die militärischen Kräfte unter dem Dach der autonomen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien müssen offiziell anerkannt werden.

* Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) müssen als offizielle Verteidigungskraft der Region anerkannt werden.

* Es muss ein internationaler Gerichtshof zur Aburteilung der in Nord- und Ostsyrien gefangenen IS-Mitglieder in der Region eingerichtet werden.

* Die Frauenorganisationen und -bewegungen der Welt sollen den Kampf der Frauen in Nord- und Ostsyrien unterstützen.

* Die demokratischen Kräfte weltweit sollten eine klare Haltung gegen die Invasionsversuche der Türkei gegenüber Nord- und Ostsyrien zeigen.

* In der Roadmap für eine dauerhafte Lösung der Syrienkrise sollte die Rolle der Frau im Vordergrund stehen.

* Die Frauen haben bei der Befreiung von Nord- und Ostsyrien die größte Rolle gespielt und werden ihren Kampf bis zur Befreiung von ganz Syrien fortsetzen.“