IS-Kriegsverbrecher in Nordsyrien gefasst

In der nordsyrischen Stadt Suluk ist den Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) bei einem gemeinsamen Einsatz mit den Koalitionskräften ein hochrangiger IS-Terrorist ins Netz gegangen.

ANF / REDAKTION, 14. Mai 2019.

Wie die Pressestelle der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) mitteilt, ist in der nordsyrischen Stadt Suluk im Kanton Girê Spî (Tall Abyad) ein hochrangiges Mitglied der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) gefangengenommen worden. Der Einsatz soll am gestrigen Montag gemeinsam mit Kräften der internationalen Anti-IS-Koalition durchgeführt worden sein. Bei dem Festgenommenen handelt es sich demnach um den Dschihadisten Talal Shaneir, der auch unter dem Namen Abu Hammam bekannt ist. Wie es in der QSD-Stellungnahme heißt, sei Talal Shaneir eine wichtige Kontaktperson der Führungsriege des IS und habe sich Kriegsverbrechen wie Massakern und Erpressungen schuldig gemacht.

„Dieser Einsatz und weitere Operationen werden terroristische Handlungen des IS in anderen Gebieten der Euphrat-Region einschränken. Wir, die Demokratischen Kräfte Syriens, werden in Zusammenarbeit mit allen Teilen der Gesellschaft und den Würdenträgern der Stämme die Sicherheit und Stabilität in unseren Regionen und im Rest Syriens aufrechterhalten“, heißt es in der Erklärung.

YPJ-Kommandantin: Kampf gegen die IS-Zellen

Die YPJ-Kommandantin Ronahi Halep erklärt, dass der Kampf gegen die verdeckten Zellen des IS mit aller Entschiedenheit fortgesetzt wird.

% bANF / DEIR EZ-ZOR, 19. Mai 2019.

Die Operationen der YPG, YPJ und QSD gegen geheim agierende Zellen des sogenannten Islamischen Staates in Nordsyrien dauern an. Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) haben in den letzten zwei Tagen bei Operationen mehrere Zellen des IS ausgehoben und dabei auch zahlreiche Waffendepots und Tunnelsysteme der Organisation aufgedeckt. Wir sprachen mit der YPJ-Kommandantin Ronahi Halep über die andauernden Operationen gegen den IS.

„In Baghouz haben wir das Ende IS in Rojava besiegelt“

Die YPJ-Kommandantin äußert sich zu dem militärischen Sieg über den IS in Baghouz und die seitdem andauernden Operationen gegen Schläferzellen der Organisation wie folgt:

„Die Befreiungsoperation von Deir ez-Zor gegen den IS war für uns sehr schwierig, aber auch von großer Wichtigkeit. In der Region haben sich viele IS-Mitglieder aufgehalten, die in Rojava gegen unsere Bevölkerung gekämpft haben. Der IS hat einen sehr schmutzigen Krieg gegen uns geführt. Zudem hat er in der Region von Baghouz ein weites Gelände kontrolliert und zahlreiche Waffen deponiert. Sie haben sozusagen in den letzten Jahren hier eine gute Infrastruktur für sich geschaffen. Sie hatten ihre Existenz in Syrien in Baghouz begründet. Wir haben an diesem Ort das Ende des IS in Rojava besiegelt.

Doch wir können nicht davon sprechen, dass die Befreiungsoperation am Ende angelangt ist. Die Mentalität der Organisation herrscht hier weiter in versteckter Form vor. Wir bekommen mit, wie sich die Mitglieder der Organisation verdeckt halten und unter die Zivilbevölkerung mischen. Einige von ihnen rasieren ihre Bärte ab, schneiden sich die Haare und arbeiten weiter daran, dass die Organisation unter der Bevölkerung erneut Fuß fassen kann. Sie wollen sich gegen die YPG, YPJ und QSD von Neuem organisieren. Doch das wird ihnen nicht gelingen. Ihr Rückgrat ist in Baghouz gebrochen worden. Unsere Kräfte haben dort ihr Ziel erreicht und der Großteil der Bevölkerung hat diesen Sieg und ihre Befreiung vom IS mit großer Freude aufgenommen.

„Bis ein vollständiger Erfolg verkündet werden kann“

Es stimmt aber auch, dass rund ein Drittel der Bevölkerung hier mit dem IS zusammengearbeitet hat. Das war meistens keine freiwillige Zusammenarbeit. Denn der IS wollte mit Gräueltaten und Gewalt die Bevölkerung dazu drängen, so zu werden wie sie. Als dann die Kräfte der QSD, YPG, YPJ Baghouz erreichten, haben die Menschen aufgeatmet.

Doch unser Kampf gegen die Zellen des IS dauert an. Egal, in welcher Weise sie sich zu verstecken versuchen, unser Kampf gegen diese Organisation wird fortgesetzt, bis wir einen vollständigen Erfolg verkünden können. Wir haben am 15. Mai ab 4.30 Uhr Ortszeit eine neue Operation gegen diese Zellen aufgenommen. In Häusern und auf Feldern haben große Waffendepots ausheben können. Unsere Kräfte werden diese Operationen weiterhin fortsetzen.

Gewalttätige Vertreibung aus Dorf in Efrîn

Die türkische Armee vertreibt die kurdischen Bewohner aus dem Dorf Derwîş in Efrîn.

ANF / EFRÎN, 19. Mai 2019.

Aus Derwîş im Bezirk Raco in Efrîn werden die Anwohner gewaltsam von der türkischen Armee vertrieben. Nach vorliegenden Informationen will die Armee einen Militärstützpunkt in dem Dorf errichten.

Die türkische Besatzungsmacht vertreibt seit vergangenem Jahr systematisch die Kurdinnen und Kurden, die trotz der Militärinvasion in dem nordsyrischen Kanton verblieben sind. Ihre zwangsgeräumten Häuser werden Dschihadistenfamilien aus Ghouta, Hama, Latakia und Idlib überlassen.

Efrîn: Systematische Übergriffe der Besatzungstruppen dauern an

Seit der Besatzung des Kantons Efrîn durch den türkischen Staat und seine Milizen finden systematische Übergriffe auf die Bevölkerung statt. Die Plünderungen, Folterungen und Entführungen dauern an.

ANF / EFRÎN, 19. Mai 2019.

Die Entführungen und Übergriffe durch die Besatzungstruppen reißen nicht ab. Die Nachrichtenagentur ANHA berichtet über verschiedene aktuelle Fälle. So wurde Haydar Mihemed von der Dschihadistenmiliz Ahrar al-Sharqiya verschleppt und für eine hohe Lösegeldsumme freigelassen. Ein weiterer Entführungsfall fand im Dorf Meşale in Efrîn-Şêra statt. Hier wurden Nebiha Mistefa und ihre Schwiegertochter entführt und sind seither verschwunden. Aus dem Dorf Hibo in Efrîn-Mabeta wurden Hisen Şewket und Abdulrahman Bermeceh entführt. Ibrahim Xelil wurde am 3. Mai von seinem Olivenhain in Geliyê Dirêmiye verschleppt und ist ebenfalls verschwunden.

Auch die Plünderungen gehen weiter. So stürmten am 8. Mai Milizen die Häuser von Nûri Mistefa und Mihemed Hemduş, stahlen Vieh und den Generator. Ähnliche Plünderungen fanden auch in anderen Dörfern statt, unter anderem in Tell Tewil.

Schutzgelderpressungen in Raco

Auch Schutzgelderpressung gehört zur Praxis der Milizen. Die Miliz Furqat al-Hamza erpresst Schutzgeld von den Dorfbewohner*innen, wenn sie auf ihren Feldern arbeiten gehen. Die Suleyman-Shah-Miliz zieht zehn Prozent der landwirtschaftlichen Erträge ein.

Wer sind diese Milizen?

Die Milizen Furqat al-Hamza, Suleyman Shah und Ahrar al-Sharqiya gehören allesamt zur türkischen Besatzung von Efrîn und erfüllen sowohl polizeiliche als auch militärische Aufgaben. Die Dschihadistenmiliz rekrutiert sich aus ehemaligen Mitgliedern der al-Qaida-Fraktionen al-Nusra und Ahrar al-Sham. Furqat al-Hamza und Ahrar al-Sharqiya traten zunächst in Nordostsyrien, insbesondere um Deir ez-Zor und Hesekê auf. Nachdem sie aus der Region vertrieben wurden, zogen sie sich 2016 nach Idlib zurück und marschierten dann als türkische Truppen im Rahmen der Operation „Schutzschild Euphrat“ aus der Türkei heraus in Dscharablus ein und ersetzten dort die im Rahmen eines Abkommens mit dem türkischen Staat kampflos abgezogenen IS-Dschihadisten. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Besetzung Efrîns und sind in viele schwere Menschenrechtsverletzungen wie extralegale Hinrichtungen von Zivilist*innen verstrickt. Die Suleyman-Shah-Miliz gehört zum turkmenischen Milizbündnis Sultan Murad, das sich aus Rechtsextremen und Islamisten aus der Türkei und den Turkstaaten rekrutiert. Sie steht für eine Kombination aus türkischem Nationalismus und Islamismus und ist für ethnische Säuberungen und extralegalen Hinrichtungen bekannt. Die UN werfen der Sultan-Murad-Brigade unter anderem Kriegsverbrechen beim Vorgehen gegen Kurden in Aleppo vor.

Stimmen aus Idlib: »Das hier war unser Zufluchtsort«

Seit drei Wochen greifen Russland und das Assad-Regime Idlib an. Wir dokumentieren die Stimmen unserer Partner vor Ort.

Luftangriffe auf Khan Sheikhoun, den Ort des Giftgasmassakers von 2017.

Die Bombardements nehmen kein Ende. Seit über drei Wochen fliegen das Assad-Regime und Russland Luftangriffe auf Idlib. Der Fortschritt ihrer Bodentruppen hält sich derweil noch in Grenzen, doch langsam aber stetig rücken sie in die „Deeskalationszone“ vor. 2,5 Millionen Menschen sind in Gefahr.

Die Zahl der Vertriebenen ist von den Vereinten Nationen schon vor fünf Tagen auf mindestens 180.000 beziffert worden. Seitdem dürften Zehntausende hinzugekommen sein. Die Zahl der Toten wird auf etwa 300 geschätzt, mittlerweile wurden 18 medizinische Einrichtungen angegriffen.

Mehr Informationen
Was passiert gerade in Idlib? Wie ist das Verhältnis von Zivilisten und Extremisten? Die Situation in Idlib, kurz erklärt.

Aktuell unterstützt Adopt a Revolution sieben zivilgesellschaftliche Projekte in der Region Idlib, darunter drei Frauenzentren, ein Theaterprojekt und andere Projekte zur Stärkung der lokalen Zivilgesellschaft. Hier berichten ProjektpartnerInnen von vor Ort:

Kafranbel: Gefechte sind nah

Suad, ein Aktivist aus Kafranbel, erzählt:

Wir sind nach wie vor in Kafranbel, aber die Situation ist beängstigend. Gestern zum Beispiel haben Bomben ganz in der Nähe meines Hauses eingeschlagen. Etwa ein Viertel der Bewohner unserer Stadt sind bereits Richtung Grenze geflüchtet. So viele von ihnen, sind schon einmal vertrieben worden: Aus allen Landesteilen haben Menschen hier in Kafranbel Zuflucht gefunden.

Die Gefechte sind nah. Vor einem Vorrücken der Bodentruppen des Regimes haben die Menschen am meisten Angst. Sie wissen, was folgt, wenn die Stadt eingenommen wird: Verhaftungen, Plünderungen, Razzien.

Idlib Stadt: Banges Warten

Die Frauenrechtlerin Huda überlebte die Schlacht um Ost-Ghouta 2018. Doch sie verlor ihren Bruder und Mitstreiterinnen. Trotz des Traumas entschloss sie sich damals, nicht mit Unterstützung von Adopt a Revolution nach Europa zu gehen, sondern in Idlib mit ihrer Arbeit weiterzumachen:

Bei uns in Idlib-Stadt ist die Situation bisher ruhig, die Angriffe treffen bisher nur Gebiete weiter südlich. Viele hier denken, dass die Stadt nicht vom Regime erobert wird und fühlen sich sicher. Aber ich habe eine andere Perspektive. Denn ich wurde bereits aus Ost-Ghouta hierher vertrieben. Schon damals dachten wir, dass die Welt nicht noch ein Massaker zulassen würde. Aber wir hatten uns getäuscht. Deshalb fürchte ich, dass die Assad-Armee mit russischer Hilfe schrittweise auch Idlib einnehmen wird. Ich werde dann so schnell wie möglich ins Ausland fliehen, denn ein zweites Ost-Ghouta stehe ich nicht durch. Aber bis dahin setzte ich meine Arbeit in unserem Frauenzentrum fort, solange es geht will ich für Frauenrechte streiten!

Idlib war der letzte Zufluchtsort für uns, eine Rückkehr unter die Kontrolle Assads ist völlig ausgeschlossen. Ich habe nach meiner Vertreibung aus Ghouta versucht, über einen Anwalt in Damaskus meinen Pass verlängern zu lassen – dabei ist herausgekommen, dass ich offiziell geheimdienstlich gesucht werde wegen meiner Arbeit im Frauenzentrum. Dass bedeutet Haft, eventuell Folter und Tod.

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„Pufferzone“: Flucht vor den Bomben

Unser Partner Abo Ibrahim ist mittlerweile wegen der Bomben des Assad-Regimes aus seinem Heimatort in der Idlib umschließenden Pufferzone geflohen. Diesen Bericht hat er uns als Sprachnachricht geschickt:

Unser Dorf ist schon seit April unter Beschuss, im Mai begann dann die Eskalation, auf einmal kamen russische Flugzeuge, die alle Orte bombardiert haben, die ihnen irgendwie verdächtig waren, mal einen Berg, mal ein kleines Gehöft. Dann begangen sie auch Straßen zu beschießen, das hat mehr zivile Opfer gefordert. Auf einmal benutzen sie dann auch Streubomben. Es wurden immer mehr russische Angriffe. Es gab keine militärische Präsenz der Opposition in der Gegend. Die Menschen wandten sich auch gegen die Präsenz bewaffneter Gruppen hier in der Pufferzone, weil sie fürchteten, ein Verstoß gegen as Waffenstillstandsabkommen würen dem Regime nur einen Vorwand liefern, die Gegend zu beschießen. Daher waren wir erstaunt über die Heftigkeit der Angriffe.

Bald sah man mehrere russische Flugzeuge auf einmal in der Luft, die zusammen sehr intensive Angriffe ausführten, sodass unsere Häuser bebten. Wir verloren die Hoffnung, dass das nur etwas vorübergehendes sei. Seit vorletztem Freitag gab es Beschuss aus Hubschraubern. Das kannte wir ja schon aus den vorherigen Jahren, aber nicht in dieser Intensität. Sie haben die ganze Nacht und den ganzen Tag durchgebombt mit Fassbomben, die um uns herum mindestens zehn Gebäude zerstört haben. Neben den Häusern haben die Leute auch ihr Vieh verloren, das bei den Angriffen starb. Die Angst, die man bekommt, wenn sich so ein Hubschrauber nähert, ist unglaublich.

Das ist auch der Grund, warum die Menschen hier dann sogar aufs offene Feld geflohen sind. Als es dann so weit war, dass alle 15 Minuten bombardiert wurde und sieben Bomben auf einmal abgeworfen wurden, beschloss meine Frau, dass wir gehen müssen. Wir sind dann am Freitag, den 3. Mai 2019 aus unserem Dorf geflohen, nachdem wir einen Tag vorher meinen Freund beerdigt hatten – einen Lehrer aus Maarat al-Numan, der an seinen durch Raketensplitter verursachen Wunden gestorben ist.

Während unserer Flucht waren die ganze Zeit Hubschrauber über uns. Jedes Mal, wenn wir ein neues Dorf erreichten, waren wir erleichtert, überlebt zu haben, bis wir dann endlich in unserer Zwischenstation in Maarat al-Numan angekommen sind. Die Straßen von dort bis Sarmada, wo wir jetzt ausharren, sind voller Autos, die Menschen mit ihrem Besitz – oder auch ohne irgendwas – transportieren.

Wir sind nun in einem Rohbau mit drei anderen Familien in Sarmada. Es gibt weder Fenster noch Türen. Wir haben einen Teppich vor die Öffnung in der Wand gehängt. Ein Zelt konnten wir uns nicht leisten, das kostet 100 Dollar. Mein Vater und meine Geschwister haben noch keinen Weg aus unserem Dorf herausgefunden aufgrund der intensiven Bombardierung. Wenn wir mit ihnen reden, sagen sie immer, dass der Himmel sich nicht klärt.

Das gesamte zivile Leben ist tot: es gibt keine Lebensmittelläden, Brotläden, Heizöl oder Treibstoff. Das gleicht der Situation einer Belagerung. Eine Familie, die erst vor einigen Monaten zu uns gezogen ist und die zuvor aus Homs geflohen war, liegt nun unter den Trümmern ihres Hauses.

Unsere 60-jährige Nachbarin, die sich um ihren blinden Mann kümmert, wurde ebenfalls in ihrem Haus von einer russischen Rakete getroffen. Mehr als 80 Häuser sind in unserem Dorf komplett oder teilweise zerstört.

Die Herrschaft der HTS-Miliz

Ein weiterer Aktivist berichtet uns vom Vorgehen Hai’at Tahrir al-Shams (HTS). Die aus al-Qaida hervorgegangenen Miliz ist die wichtigste bewaffnete Fraktion in Idlib:

„HTS hat unsere Stadt im Januar dieses Jahres eingenommen. Die lokalen Rebellen wurden nach Afrin verbannt, an Stelle des alten Lokalen Rates wurde ein neuer installiert, der völlig von HTS kontrolliert wird. Die meisten Organisationen haben dann ihre Hilfe für die Zivilisten hier eingestellt. Es war ausgemacht worden, dass keiner der Stadtbewohner aus politischen Gründen verfolgt oder vor Gericht gestellt wird. Allerdings hat sich HTS nicht daran gehalten und über 20 Jugendliche vorgeladen. Einige davon haben versucht zu fliehen, andere wurden geschnappt. Sie berichteten uns später von Folter. Nachts patrouilliert HTS in den Straßen, es besteht eine Ausgangssperre.

Als dann vor drei Wochen die Militäroffensive des syrischen Regimes begann und über 150.000 Menschen flohen, da stellte HTS den Menschen überhaupt keine Unterstützung zur Verfügung um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden. Sie zwangen lediglich lokale humanitäre Akteure dazu, in ihrem Namen Nahrungsmittelpakete zu verteilen. Gleichzeitig mit dem Angriff des Regimes kreierte HTS ein Zakat-Komitee, welches sehr intransparent, die Menschen zu neuen Steuerabgaben an HTS zwingt. [Anm.: Der Zakat sind eigentlich Almosen, die Muslime an Bedürftige abtreten]. Wir wissen weder wie genau sie das alles berechnen, noch wie diese Mittel dann den Armen zu Gute kommen sollen.

Abseits davon sind die Kosten auf dem Markt stark gestiegen. Das liegt auch an HTS: Sie nehmen an jedem Checkpoint Schutzgeld von den Händlern. Wenn die Waren dann in die Städte gebracht werden, dann müssen sie noch zusätzlich eine Einfuhrsteuer auf den erwarteten Gewinn bezahlen.

Es ist nicht das erste Mal, dass HTS befreiten Boden an das Regime preisgibt, während es an seiner Macht festhält und Geld von der Bevölkerung erpresst. Das gleiche war Anfang 2018 der Fall im Umland von Aleppo. Die Menschen hier in der Gegend sind mit ihrem Schicksal völlig auf sich allein gestellt.

Şengal: Humanitären Korridor öffnen!

Das Gesundheitskomitee von Şengal fordert die irakische Regierung und die verantwortlichen Behörden auf, umgehend einen humanitären Korridor zwischen Şengal und Rojava zu öffnen.

ANF / ŞENGAL, 16 Mai 2019.

Während der Angriffe des IS öffneten und verteidigten die HPG, YPG/YPJ und YBŞ einen humanitären Korridor vom Şengal nach Rojava. So konnten über hunderttausend Zivilist*innen vor dem IS-Massaker gerettet werden. Durch den Korridor wurden sowohl Zivilist*innen evakuiert, als auch Lebensmittel, Medikamente und anderer Grundbedarf in die Region gebracht. Die irakische Regierung ließ den humanitären Korridor am 15. Dezember 2018 ohne Angabe von Gründen schließen. Die Bevölkerung von Şengal protestierte tagelang an der Grenze. Nach den Aktionen fanden Treffen zwischen Entscheidungsträger*innen aus der Şengal-Region und der irakischen Regierung statt, aber bisher konnte keine Lösung gefunden werden.

Das Gesundheitskomitee von Şengal gab nun folgende Erklärung dazu ab: „Seit der humanitäre Korridor zwischen Rojava und Şengal geschlossen wurde, erreicht uns keine der medizinischen Hilfe mehr, die Heyva Sor aus Rojava versucht uns zukommen zu lassen. Deshalb geht uns das Material zur Gesundheitsversorgung aus. Wir haben uns mit dem Autonomen Şengalrat und vielen anderen Einrichtungen zu diesem Thema getroffen. Aber dieses Problem wurde bisher nicht gelöst. Wir erwarten, dass der Demokratische Şengalrat, der Şengalrat und das irakische Gesundheitsministerium ihre Pflicht erfüllen. Für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ist die Lösung des Problems der Medikamentenversorgung dringend notwendig. Wenn dieses Problem nicht gelöst wird, dann können unsere Gesundheitseinrichtungen nicht fortbestehen. Wir werden gezwungen sein, diese Einrichtungen zu schließen.“

„Schutz des Kurdischen mit Anerkennung der Kurden verbunden“

Der morgige 15. Mai gilt als der Tag der kurdischen Sprache. Eyyüp Subaşı vom Verein zur Erforschung der kurdischen Sprache sieht eine Kriminalisierung der kurdischen Muttersprache in der Türkei weiter als gegeben.

ANF / ISTANBUL, 14. Mai 2019.

Am morgigen Tag, dem Tag der kurdischen Sprache, werden 16 Personen vom  Verein zur Erforschung der kurdischen Sprache (Komeleya Lêkolînên Kurdî) aus Istanbul ihr Zertifikat als Kurdischsprachlehrer*innen erhalten. Seit mittlerweile 2006 bildet der Verein Lehrer*innen der kurdischen Sprache aus. Wir sprachen mit Eyyüp Subaşı, dem Vorsitzenden des Vereins, über die Situation der kurdischen Sprache in der Türkei und Nordkurdistan.

„Die Sprache soll weiterhin ausgelöscht werden“

Zur Situation der kurdischen Sprache in allen vier Teilen Kurdistan erklärt Subaşı: „Wir können heute sagen, dass die vier Staaten, auf welche die Kurd*innen aufgeteilt wurden, eine Politik verfolgten, die zur Auseinanderentwicklung der Sprache beitragen soll. Die Kurd*innen aus den verschiedenen Teilen sollten sich nicht mehr in ihrer Muttersprache verständigen können. Diese Politik dauert auch heute in Teilen an. Weiterhin wird daran gearbeitet, die Sprache auszulöschen. Lediglich in Südkurdistan ist die Situation heute anders. Denn die irakische Zentralregierung hat das Kurdische als zweite Amtssprache neben dem Arabischen anerkannt. Doch in den anderen Teilen Kurdistans haben die jeweiligen Zentralregierungen einen solchen Schritt bislang nicht getan. In Rojava hingegen ist es den Kurd*innen gelungen, auch ohne Einwilligung der Zentralregierung in Damaskus den kurdischsprachigen Unterricht aufzubauen. In den Schulen wird seit sieben Jahren Kurdisch gelehrt. Es gibt gar mittlerweile kurdischsprachige Universitäten.“

„Das Kurdischsprechen in Istanbul bleibt gefährlich“

Über die alltäglichen Probleme beim Gebrauch der kurdischen Sprache in Istanbul, wo schätzungsweise sechs Millionen Kurd*innen leben, berichtet Subaşı Folgendes: „Wenn es um den Gebrauch der kurdischen Sprache im Westen der Türkei geht, schauen alle auf den Bezirk Beyoğlu. Und tatsächlich kann man hier auch frei kurdisch sprechen. Das gilt allerdings nicht für die anderen Bezirke Istanbuls. Sprichst du dort auf offener Straße kurdisch, kann es schnell passieren, dass du tätlich angegriffen wirst. Das hat vor allem mit der feindseligen Politik des Staates gegenüber den Kurd*innen zu tun. Angriffe auf Kurd*innen bleiben straflos, die staatliche Justiz ahndet sie nicht. Und dadurch können Rassisten auf offener Straße frei walten und müssen nichts befürchten.“

„Wir dürfen nicht auf den Staat warten“

Subaşı ergänzt, dass an die Vorstellung, beispielsweise ein kurdischsprachiges Schild über einen Laden zu hängen, in Istanbul gar nicht zu denken ist: „Entweder steht dann die Polizei oder ein faschistischer Mob binnen weniger Minuten vor der Tür.“

Für den Vorsitzenden des Vereins zur Erforschung der kurdischen Sprache ist klar, dass die Anerkennung und Gleichbehandlung der kurdischen Sprache eng mit dem Status der Kurd*innen verknüpft ist. Das werde auch daran deutlich, wie die türkische Regierung sich derzeit im Umgang mit der Sprache der kurdischen Bevölkerung  verhalte. „Sie will eindeutig, dass die Sprache vergessen wird. Wir hatten vor zwei Wochen das Beispiel, dass der türkische Botschafter in Japan intervenierte, weil an der Universität von Tokio kurdisch gelehrt wird. Die Türkei setzt also sogar diplomatische Mittel ein, um der Entfaltung der kurdischen Sprache Einhalt zu gebieten. Wir sollten deshalb nicht auf den Staat warten und nichts vom ihm erwarten. Sonst werden wir auch in den nächsten 30 Jahren keinen Schritt weiterkommen. Wir müssen stattdessen unsere Schulen selbst aufbauen. Das sollte Teil unseres politischen Kampfes werden. Wir müssen Schulen und Vereine für die Lehre und zur Entwicklung der kurdischen Sprache aufbauen. Nur so können wir den Staat vor  vollendete Tatsachen stellen und uns durchsetzen.“

Watani-Krankenhaus in Raqqa wiedereröffnet

Unter der Terrorherrschaft der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ wurde das Al-Watani-Krankenhaus in der nordsyrischen Stadt Raqqa fast vollständig zerstört. Nach monatelanger harter Arbeit konnte es heute wiedereröffnet werden.

ANF / RAQQA, 13. Mai 2019.

Die nordsyrische Stadt Raqqa galt seit jeher als multikulturell und liberal. Dann wurde sie „Kalifatshauptstadt“ des sogenannten Islamischen Staates (IS) – und der Terror Alltag. Während der Terrorherrschaft der Dschihadistenmiliz IS wurde Raqqa fast vollständig zerstört. Seit die Stadt von den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) im Oktober 2017 befreit wurde, läuft der Wiederaufbau der Region.

Einen kleinen Meilenstein bildet das Krankenhaus al-Watani, das heute nach acht Monaten mühseliger Arbeit vom Gesundheitskomitee des Zivilrates wiedereröffnet werden konnte. An der feierlichen Eröffnungszeremonie nahmen neben zahlreiche Bewohner*innen der Stadt auch Mitarbeiter*innen des Gesundheitskomitees und des Kurdischen Roten Halbmonds Heyva Sor a Kurd teil.

Die Eröffnungsrede hielt Ehmed Ismail im Namen des Gesundheitskomitees. Ismail erklärte, dass die Wiedereröffnung des Al-Watani-Krankenhauses bedeutend für die Bevölkerung der Region sei. Es wird den Menschen in Raqqa Zugang zu kostenloser Versorgung bieten.

Neues Gesellschaftszentrum für Frauen in Raqqa

In der nordsyrischen Stadt Raqqa ist ein Gesellschaftszentrum für Frauen eröffnet worden. Rund hundert Frauen können somit ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten.

ANF / RAQQA, 14. Mai 2019.

In der nordsyrischen Stadt Raqqa ist ein Gesellschaftszentrum für Frauen eröffnet worden. Das Zentrum im Viertel Qiwetli, einem Gemeinschaftsprojekt des Zivilen Frauenrats und der Arbeitsgemeinschaft Frauen für den Frieden, organisiert vielfältige Freizeitaktivitäten für die Frauen aus der Region. Neben sportlichen Aktivitäten bietet das Gesellschaftszentrum die Möglichkeit, sich künstlerisch und gestalterisch zu betätigen. Arbeitende Mütter werden mit einer kostenlosen Kinderbetreuung entlastet.

Feyruz Xelil vom Zivilen Frauenrat Raqqas erklärte zur Bedeutung des neuen Gesellschaftszentrums: „Gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Frauen für den Frieden konnten wir eines unserer Projekte nun umsetzen. Unser Hauptanliegen ist es, Frauen im ökonomischen Bereich zu unterstützen. Diese Unterstützung soll sich sowohl bei den Frauen als auch bei ihren Kindern spürbar auswirken“.

Nach Angaben der Projektverantwortlichen Mejid Cedid werden rund hundert Frauen aus der Region Raqqa im Gesellschaftszentrum ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten. Für viele ist es die erste bezahlte Arbeit, der sie nachgehen.

Şengal: Neubelebung der Landwirtschaft in Til Ezer

Im Dorf Til Ezer in Şengal geht der Wiederaufbau der Region mit der Neubelebung der Landwirtschaft weiter.

ANF / ŞENGAL, 12. Mai 2019.

Im Dorf Til Ezer (al-Qahtaniyya) in Şengal geht der Wiederaufbau der Region mit der Neubelebung der Landwirtschaft weiter. Die autonome Verwaltung unterstützt die Landwirt*innen aus dem ezidischen Dorf mit verschiedenen Projekten, um der sozio-ökonomischen Not entgegenzuwirken, der die Bevölkerung mit dem Terror der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) ausgesetzt wurde. Das Dorf im Südwesten von Şengal war im Mai 2017 vom sogenannten IS befreit worden. Am 16. Oktober 2018 übergab die schiitisch dominierte Miliz Hashd al-Shaabi die Kontrolle Til Ezers an die ezidischen Widerstandseinheiten YBŞ.

Mit der Räumung der verminten Flächen wurden die Grundlagen für den Wiederaufbau gelegt. Die Kontamination in den zivilen Siedlungsgebieten Şengals war eine ernsthafte Bedrohung für die Bevölkerung und stellte ein großes Hindernis für ein Leben nach dem IS dar. Viele landwirtschaftliche Flächen wurden mit dem IS-Überfall auf das Hauptsiedlungsgebiet der Ezidinnen und Eziden zerstört, außerdem leidet die Region im Sommer zusätzlich unter Dürre.

Um die Landwirtschaft in Til Ezer zu beleben, hat der Autonome Şengal-Rat zunächst das Wasser- und Abwassersystem sanieren lassen. Anschließend begann die Aufforstung der landwirtschaftlichen Flächen. Dabei wurde gezielt auf chemische Düngemittel verzichtet, um mit ökologischem Landbau die Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren zu schützen und klimaschädliche Emissionen zu verhindern.

Wie die Autonomieverwaltung angekündigt hat, finden weitere Projekte auch in den anderen Regionen Şengals statt.