Internationalistischer Besuch im Newroz-Camp in Dêrik

Internationalist*innen aus Europa besuchten gemeinsam mit Mitgliedern der Frauendelegation „Gemeinsam kämpfen“ die Hungerstreikenden im Camp Newroz bei Dêrik. Seit drei Tagen sind dort 30 Ezid*innen im Hungerstreik, um Leyla Güven zu unterstützen.

ANJA HOFFMANN aus DÊRIK, 19. Jan. 2019.

Seit zwei Monaten hält sich eine Delegation der Kampagne „Gemeinsam kämpfen“ in Rojava auf. Gemeinsam mit Internationalist*innen aus der Schweiz, England, Tschechien, Frankreich, Katalonien und der Bundesrepublik besuchten wir in der nordsyrischen Stadt Dêrik die Hungerstreikenden im Camp Newroz. Seit drei Tagen sind dort 30 Ezid*innen aus Şengal im Hungerstreik, um Leyla Güven in ihrer Forderung nach der Beendigung der Isolation Abdullah Öcalans zu unterstützen.

Wir werden mit den Worten begrüßt: „Wir werden weiterkämpfen, bis die Isolation gebrochen ist, es gibt uns große Moral, dass ihr uns besucht.“

In dem Camp, das 2014 nach dem Angriff des sogenannten Islamischen Staates auf das ezidische Siedlungsgebiet Şengal aufgebaut wurde, leben immer noch etwa 100 Familien, die nicht nach Şengal zurückkehren können, weil ihrer Dörfer zerstört und vermint sind.

„Die Versorgung hier wird immer schlechter“, erklärt Heval Medya von der Leitung des Camps. „Die Lebensmittel, die uns von den Vereinten Nationen geliefert werden, sind oft von sehr schlechter Qualität. Die UN versorgen die Menschen, die seit vier Jahren in Zelten leben, zumindest mit Kerosin zum Heizen. Für das meiste andere, was die Menschen brauchen, muss die Kantonsverwaltung, die ohnehin wenig Mittel hat, aufkommen“.

Immer wieder wurde uns in den letzten Wochen vom August 2014 berichtet, als 250.000 Ezid*innen durch einen Korridor, den die YPG und YPJ freigekämpft hatten, nach Dêrik geflohen waren. Die Vertreter*innen der Selbstverwaltung gingen damals in alle Häuser und Geschäfte, um Lebensmittel, Kleidung, Wasser und sonstiges zu holen. Den Geschäften sagte man „Wir zahlen das später“. Teilweise waren auf dem Weg erschöpfte, alte oder behinderte Menschen zurückgelassen worden. Die Selbstverwaltung von Dêrik, hunderte Personen, die an die Kommunen angebunden waren, halfen wochenlang Tag und Nacht. „Es war der absolute Ausnahmezustand, wir haben nicht mehr geschlafen“, hat uns Dayîka Ciwan von der Frauenbewegung Kongreya Star berichtet.

Zehra Şemo, die sich an dem Hungerstreik beteiligt, erklärt: „Diesen Tag werden wir nie vergessen und auch nicht, wer uns damals geholfen hat. Noch immer sind Frauen in den Händen dieser Banden. Ein neunjähriges Mädchen haben sie sogar geschwängert, sie ist später gestorben, obwohl sie nach Europa gebracht wurde. Wenn Erdogan jetzt wiederkommen will, soll er kommen, wir haben keine Angst, nachdem was wir erlebt haben. Die Ezid*innen können sich jetzt verteidigen. Aber wir fordern eine Flugverbotszone, Luftangriffen haben wir nicht viel entgegenzusetzten.“

Abla Şemo erklärt uns: „Für uns gibt es nur noch eins, Freiheit oder Tod. Wir unterstützen die Forderung nach der Beendigung der Isolation von Abdullah Öcalan und setzen uns für Leyla Güven ein. Wir verstehen nicht, dass man uns nicht in Frieden leben lässt, nach all dem, was wir ertragen mussten.“

MIT bereitet Flüchtlinge als Siedler in „Pufferzone“ vor

Die türkische Migrationsbehörde trifft gemeinsam mit dem Geheimdienst MIT in Flüchtlingslagern in der Türkei Vorbereitungen für Umsiedlungen in die geplante „Sicherheitszone“ in Nordsyrien.

ERSİN ÇAKSU aus KOBANÊ, 19. Jan. 2019.

Nach der Rückzugsentscheidung der USA versucht die Türkei, ihre seit Langem geplante Pufferzone in Nord- und Ostsyrien umzusetzen. Die türkische Migrationsbehörde und der Geheimdienst MIT bereiten in Flüchtlingslagern in der Türkei eine Siedlungspolitik für die gewünschte Zone vor.

In den vergangenen Jahren hat die Türkei die syrischen Flüchtlinge vor allem als politisches Druckmittel gegen Europa missbraucht. Nun bereitet sie sich darauf vor, die Schutzsuchenden als Mittel ihrer Regionalpolitik direkt einzusetzen.

Migrationsbehörde und MIT arbeiten zusammen

Nach aktuellen Informationen arbeitet die Migrationsbehörde mit dem Geheimdienst MIT zusammen, um in türkischen Lagern befindliche Schutzsuchende aus verschiedenen Teilen Syriens in Nord- und Ostsyrien anzusiedeln. Die Direktion der Migrationsbehörde hat damit begonnen, Flüchtlingen aus ganz Syrien Städte in Nordsyrien als Herkunftsorte zuzuweisen. So soll die Flüchtlingskarte gespielt werden, um eine „Pufferzone“ unter eigener Kontrolle zu ermöglichen. Die Migrationsbehörde arbeitet gemeinsam mit dem MIT daran, auf den temporären Schutzausweispapieren von Menschen aus Syrien Orte in der geplanten „Sicherheitszone“ in Nordsyrien einzutragen.

Spiel mit der Demografie, um internationale Legitimität zu erlangen

Nach Informationen eines Mitarbeiters eines vom türkischen Staat errichteten Flüchtlingslagers in Riha (Urfa) werden die Papiere von den Flüchtlingen im Lager korrigiert. Statt der eigentlichen Herkunftsorte werden Orte in Nordsyrien eingetragen. Aus Sicherheitsgründen nennen wir den Namen des Mitarbeiters nicht. Er berichtet, dass die Vorgänge im Geheimen stattfinden, denn es gehe darum, eine Pufferzone durch die syrischen Flüchtlinge zu ermöglichen und auf internationaler Ebene zu legitimieren.

Bei vielen der Flüchtlinge inner- und außerhalb des Lagers sei, obwohl sie aus ganz anderen Orten stammen, Orte in den Regionen Hesekê, Raqqa oder Aleppo eingetragen worden. So soll der Weltöffentlichkeit das Bild vermittelt werden, es handele sich um Vertriebene aus diesen Regionen, die nun durch eine „Pufferzone“ wieder zu ihrem „Recht“ kämen.

Das Ziel sind die Städte Nordsyriens

Nach der syrischen Verwaltungsaufteilung gehören die Städte in der Region Cizîrê zum Gouvernement Hesekê. Girê Spî gehört zu Raqqa, Kobanê und Minbic (Manbidsch) zum Gouvernement Aleppo. Die sogenannte Sicherheitszone soll sich 32 Kilometer nach Syrien hinein erstrecken und umfasst ganz Rojava. Alle Städte im Norden der internationalen Straße, die als Grenze vorgesehen ist, sind Orte mit kurdischer Bevölkerungsmehrheit.

Die Orte, an denen der demografische Wandel vorbereitet wird

Den vorliegenden Informationen entsprechend handelt es sich bei den vermeintlichen Herkunftsorten in den Ausweispapieren um Malikiya (Dêrik), Dirbesiyê, Amude, Resulayn (Serêkaniyê), Siluk, Til Hemîs, Til Temir, Tel Abyad (Girê Spî), Eynul Arab (Kobanê) und Şuyuf (Şêxler) sowie umliegende Dörfer. Diese Orte befinden sich allesamt in der 32-Kilometer-Zone, welche dann die Sicherheitszone bilden soll.

Die Absichten Erdoğans

Der türkische Präsident Erdoğan hat am 15. Januar positiv auf den Vorstoß Trumps zur Einrichtung einer Sicherheitszone reagiert. Die staatliche Baubehörde TOKI werde sich mit dieser Angelegenheit befassen. Im Falle einer materiellen Unterstützung der Türkei durch die internationale Anti-IS-Koalition könne die Frage der Sicherheitszone gelöst werden. Damit werde eine Fluchtbewegung vollständig verhindert, sagte Erdoğan und machte damit seine Absichten deutlich.

Die Fakultät für Jineoloji in Qamişlo

Ein Teil der Delegation „Gemeinsam Kämpfen“, die sich seit Ende November in Rojava aufhält, besuchte die Jineoloji-Fakultät der Universität in Qamişlo.

ANF / QAMIŞLO, 20. Jan. 2019.

Viele der jungen Lehrenden der Jineoloji-Fakultät an der Universität Rojava in Qamişlo waren bis vor einem Jahr noch selbst Studentinnen. Generell lassen sich nur schwer Parallelen zu dem uns bekannten Uni-Alltag ziehen. Das beginnt schon bei den Lehrinhalten: Demokratische Nation, Veränderung des Mannes, freies partnerschaftliches Leben, Frauenbefreiungsideologie, Selbstverteidigung, Ethik und Ästhetik, Naturmedizin, aber auch Physiologie, IT, Weltgeschichte der Frauen, Englisch und Soziologie.

Jeder Unterricht endet mit einem Tekmîl, also Kritik und Selbstkritik, damit sich die Lehrenden weiterentwickeln können. Tests oder Klausuren gibt es nicht, da die Erfahrungen aus der Zeit vor der Revolution ergaben, dass das Lernen auf einen Termin das Wissen nicht verfestigt. Zu Beginn jeden Unterrichts wird der Inhalt der letzten Stunde diskutiert. Nur zum Abschluss des Studiums wird eine Arbeit verfasst.

Die konservative und patriarchale Mentalität verändern

Die Dauer des Studiums wurde von zunächst zwei Jahren auf vier Jahre angehoben. An der Jineolji-Fakultät studieren zur Zeit 22 Frauen, von insgesamt 500 Studierenden an der Universität Qamişlo. Dies mag zwar zunächst wenig klingen, aber man muss berücksichtigen, dass die Universität erst vor zwei Jahren eröffnet wurde und das neue System erst aufgebaut und vermittelt werden muss.

Drei Frauen aus dem ersten Semester berichten von ihren Schwierigkeiten ihre Familien, insbesondere die Väter, zu überzeugen, dass sie studieren können. Unverständnis darüber, warum Frauen studieren und nicht der Familie zu Hause helfen sollten, besteht weiterhin. Doch viele Frauen hier sehen in der Jineoloji eine Perspektive, die konservative und patriarchale Mentalität zu verändern. Schon nach nur zwei Monaten Studium sagt uns Zeynep: „Hier habe ich eine Stimme bekommen, um mich zu verteidigen. Wenn mich jetzt jemand fragt, warum ich studiere, kann ich antworten.” – „Es ist wichtig, für die Rechte der Frauen einzustehen”, ergänzt ihre Studienkollegin Eylem.

Kollektivität und Mitbestimmung

Jineoloji ist Teil jeden Studienganges der Universität. Die Universität besuchen Menschen aus ganz Rojava. Im Kanton Cizîrê fahren täglich Busse, die die Studierenden einsammeln. Studierende aus weiter entfernten Städten haben die Möglichkeit, in Wohnheimen in Qamişlo unterzukommen, in denen das Leben kollektiv organisiert wird. Unterricht findet von Sonntag bis Donnerstag statt, Freitag und Samstag ist frei. Ein Semester dauert dreieinhalb Monate, danach sind zwei Wochen Ferien. Finden in Qamişlo Demonstrationen statt, beteiligen sich die Studierenden und der Unterricht fällt aus.

Wer ein Jahr studiert hat, kann Teil der Koordination werden, die durch Wahlen bestimmt wird. Wie in allen Einrichtungen in Rojava wird hier das Prinzip des Ko-Vorsitzes umgesetzt und neben einer allgemeinen Verwaltungsstruktur gibt es auch die autonome Frauenverwaltung.

Leben unter Hai’at Tahrir al-Sham

von

Wasser als Kriegswaffe: Die türkische Staudammpolitik in Rojava

Die Wasserpolitik der Türkei führt zunehmend dazu, dass Rojava das Wasser ausgeht. Die Delegation „Gemeinsam kämpfen“ hat in Nordsyrien recherchiert.

ANF / SERÊKANİYÊ, 18. Jan. 2019.

Für die Aktion der lebenden Schutzschilde gegen die türkische Invasionsandrohung verbringt ein Teil der „Gemeinsam kämpfen“-Delegation drei Tage in der nordsyrischen Grenzstadt Serêkaniyê. Serêkaniyê, wie auch der arabische Name Ras al-Ain, bedeutet „an der Quelle“. Mehr als 100 unter- und oberirdische Quellen versorgten die Region mit Wasser, was sie schon in der Antike zu einem bedeutenden Anbaugebiet machte. Die Wasserpolitik der Türkei führt jedoch zunehmend dazu, dass der Region das Wasser ausgeht.

Çiya führt uns durch die Stadt. Er zeigt uns ein eingestürztes Haus und erklärt, dass zahlreiche unterirdische Wasserkammern aufgrund der Staudämme im türkisch besetzten Teil Kurdistans nun leer seien. Durch den Wassermangel entstanden Hohlräume. Das Wasser trug zum Teil die Gebäude und Straßen. Gebäude, die auf diesen trockengelegten Höhlen stehen, sind einsturzgefährdet.

Auch in der Straße zeigen sich Risse und Löcher. „Man sollte in Serêkaniyê immer schauen, wo man hintritt“, so Çiya. Die ehemalige Bewohnerin des Hauses berichtet uns: „Wir haben Risse in der Wand bemerkt, die immer größer wurden. Die Stadtverwaltung hat uns dann ein anderes Haus zugewiesen. Schon am nächsten Tag ist das Haus eingestürzt.“

Eine der trockengelegten Quellen ist in der Nähe von Serêkaniyê zu sehen, ein 15 Meter tiefes Loch. „Es war bis dort oben hin voll mit Wasser“, berichtet unser Fahrer, früher sei man hier hier schwimmen gegangen. Durch den Stadtkern von Serêkaniyê schlängelt sich ein fast ausgetrocknetes Flussbett, breiter als die Straße. Hier floss der Habur, ein Nebenfluss des Euphrat. Er fließt über die syrisch-türkische Grenze bis nach Til Halaf, das etwa vier Kilometer südwestlich von Serêkaniyê liegt.

Der Fahrer berichtet, dass das Wasser seit 2004 von Jahr zu Jahr weniger wurde, nun sei der Habur fast ganz versiegt. Mehr als 80 Prozent des Wassers komme aus der Türkei, zum großen Teil als unterirdischer Fluss, aber es komme weder unter- noch überirdisch etwas davon in Serêkaniyê an.

Wasser als Kriegswaffe

Serêkaniyê ist nur ein Beispiel für den Einsatz von Wasser als Kriegswaffe. Die Türkei kann aufgrund der großen Speicherkapazitäten der Staudämme auch an anderen Orten jederzeit das Wasser willkürlich sperren. In der Stadtverwaltung von Kobanê erfahren wir, dass es für die Bevölkerung nur zu bestimmten Tageszeiten Strom und Wasser gibt, da der Wasserdruck nicht mehr ausreiche, um die Turbinen des Tişrîn- und Tabqa-Staudammes anzutreiben.

In Til Nasri, einem assyrischen Dorf weiter südlich am Habur, berichtete uns der Dorfvorsteher, der während der Kämpfe gegen den sogenannten Islamischen Staat im Dorf geblieben war, dass der trockengelegte Habur in der Zeit durch die Türkei geflutet worden ist, um die YPG an der Überquerung zu hindern und einen Angriff auf den IS unmöglich zu machen.

HPC Jin: Wir akzeptieren keine Besatzung

Jede zivile Person bekommt eine viertägige Ausbildung an der Waffe. Dann zeigen wir, wie die Waffen auseinander gebaut werden, diskutieren über theoretische Fragen zur Verteidigung und am Schluss fahren wir für einen Tag aufs Land, wo wir schießen üben.

ANJA HOFFMANN / DÊRIK, 17. Jan. 2019.

Seit zwei Monaten hält sich eine Delegation der Kampagne „Gemeinsam Kämpfen“ in Rojava / Nordsyrien auf. Während eines Besuches in der Kleinstadt Dêrik ergab sich die Möglichkeit, mit zwei Vertreterinnen der HPC Jin (Hêzen Parastina Cewherî Jin), den Frauenselbstverteidigungskräften der Kommunen, zu sprechen und an einem ihrer Ausbildungsprogramme in einem arabischen Dorf im Umland von Dêrik teilzunehmen. Wie in allen Strukturen sind auch hier die Frauen autonom organisiert.

Wir sprachen mit Selamet Muhammed Haci, 46 Jahre und Mutter von sieben Kindern. Zwei ihrer Söhne und ihr Mann sind bei den YPG. Unsere zweite Gesprächspartnerin war Hediya Ahmed Abdallah; sie ist 42 Jahre alt, und seitdem sie 14 Jahre alt ist, in der Bewegung aktiv. Sie hat sechs Kinder; einer ihrer Söhne und ihr Mann sind bei den kommunalen Sicherheitskräften Asayisch, ein Sohn ist bei den YPG. Beide Frauen sind seit Beginn der Revolution organisiert.

Hediya Ahmed Abdallah erzählte uns über die Entstehungsgeschichte der kommunalen Frauenselbstverteidigungskräfte:

„Die HPC Jin wurden 2014 aufgebaut; bis dahin haben diese Arbeit eher Männer gemacht. Wir haben gesehen, dass das nicht ausreicht; Frauen sollten auch an dieser Arbeit beteiligt sein. Es waren oft zu wenige Kräfte an den Kontrollpunkten, denn es gab durch den Krieg viele Verletzte. Deshalb wurde der Vorschlag gemacht, die HPC Jin aufzubauen. Direkt am Anfang beteiligten sich 47 Frauen. Ende 2015 wurde die Gründungskonferenz abgehalten, eine Leitung gewählt und eine eigene Fahne entworfen. Unsere Organisation ist nun vollkommen autonom; wir haben unsere eigene Struktur, eigene Munition und Logistik. Wir sind die Verteidigungsstruktur der Kommunen.

Anfangs haben die Männer gelacht

Anfangs haben die Männer über uns gelacht. Sie haben gesagt, diese älteren Frauen, Mütter, was können sie ausrichten, sie fürchten sich doch selbst. Im Kampf um Hol wurden die HPC um Unterstützung gebeten. 45 Frauen haben vorgeschlagen, sich selbst zu beteiligen. Zwölf Frauen haben wir dann auch geschickt. Wir haben gleich gesagt, dass wir uns autonom organisieren wollen, sonst behaupten die Männer später, sie hätten die ganze Arbeit gemacht. Auch für die Befreiungsoperation in Şaddadi haben sich viele vorgeschlagen; die Bevölkerung vertraut uns. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir dort an der Front im Einsatz waren; wir haben uns um Logistik und Nachschub von Munition gekümmert und an der Front gekocht.

Gegen Agenten, Drogenhändler und Zwangsprostitution

Wir geben militärischen Unterricht, halten Wache an den Kontrollpunkten und sind verantwortlich für die Sicherheit bei Festen, Demonstrationen, Trauerfeiern und Beerdigungen. Auch die Sicherheit in den Kommunen gehört zu unserem Aufgabenbereich, zum Beispiel wenn dort Agenten oder Drogenhändler aktiv sind oder wenn Frauen ausgenutzt und beispielsweise zur Prostitution gezwungen werden sollen. Manchmal melden unsere Mitglieder uns, wenn in den Dörfern oder den Kommunen irgendetwas vorfällt – sei es Diebstahl, Gewalt an Frauen oder Kindern. In dem Fall reden wir erst einmal mit den Beteiligten. Es gab zum Beispiel in meinem Viertel eine alevitische Frau, deren Mann ihr verboten hat, das Haus zu verlassen. Ich habe lange mit ihm geredet; er hat dann eingesehen, dass er im Unrecht ist. Nachts machen wir Wachgänge in der Stadt, nicht nur in den eigenen Stadtteilen. Wir haben eine starke Verbindung zu den Sicherheitskräften vom Asayisch. Dêrik ist aber eigentlich sehr ruhig.

Organisierte Selbstverteidigung

Bei den HPC Jin sind Mädchen und Frauen von sieben bis siebzig. Kinder machen Sport oder lernen sich gegen Gefahren aus dem Internet zu schützen. Alle werden in ihren Institutionen ausgebildet, also zum Beispiel in der Stadtverwaltung oder im Bereich Kunst und Kultur. Die Mitglieder bilden Teams und Züge, sind also in militärischen Strukturen organisiert, die jederzeit zum Einsatz kommen können. Ein Team besteht aus vier Personen, ein Zug wiederum aus zehn. Wir wissen, wer wo ausgebildet wurde, und wenn ein Angriff kommt, sind sie bereit. Wir als Verantwortliche sind hier im Zentrum vor Ort. Alle unsere Mitglieder sind Freiwillige; d.h. wir bekommen kein Gehalt. Darum ist die Anerkennung uns gegenüber auch sehr groß. Nicht alle kommen hier zum Zentrum; für manche wäre es ein großer Schritt, mit unserer Weste und Waffe heraus zu gehen, aber sie sind aktive Mitglieder und in den Kommunen organisiert.

Frauen haben einen starken Willen

Wir sind bereit, an die Front zu gehen; die Frauen haben einen starken Willen und keine Angst vor dem Tod. Die HPC organisieren die Verteidigung der Gesellschaft. Sie bauen an ihren Orten Stellungen und verteidigen sie. Sie bereiten Tunnel gegen Luftangriffe vor. Sie sind dafür zuständig, dass die Stadtverwaltung im Kriegsfall weiter funktioniert, eventuell in einem Luftschutzkeller. Auch im medizinischen Bereich muss man vorbereitet sein.“

Der Kampf in den Köpfen

Unsere zweite Gesprächspartnerin, Selamet Muhammed Haci, war von Anfang an dabei:

„Ich war erst in den gemischten HPC, dann in den HPC Jin. Meine Familie ist in der Bewegung aktiv, da war es kein Problem. Meine Kinder haben natürlich schon gefragt, ob ich keine Angst an der Waffe hätte. Die Familien stellen sich oft gegen die Frauen. Sie kennen es so, dass der Mann die Frau verteidigt. Obwohl Frauen in der Gesellschaft für alles verantwortlich sind, ist das in den Köpfen drin. Der Mann bekommt durch die Verteidigung Bedeutung.

Wir wollen alle Frauen erreichen; vieles hat sich verändert. Zuerst gab es kein Vertrauen uns gegenüber; die Frauen müssen eine starke entschlossene Haltung gegenüber der Familie einnehmen, und das ist ein sehr intensiver Kampf.

Wir sagen in den Kommunen Bescheid, die Ko-Vorsitzenden versammeln die Frauen, schreiben Listen, wer sich beteiligen will. Dann kommen sie zum Komingeh, zum Zentrum der Kommunen. Auch die, die dem ENKS nahe stehen, kommen, denn auch sie wollen die Stadt verteidigen. Die Bevölkerung versteht inzwischen, wer sie wirklich verteidigt. Diejenigen, die an Barzanî gebunden waren, haben auch ihr Vertrauen in ihn verloren.

Ausbildung an der Waffe für alle

Jede zivile Person bekommt eine viertägige Ausbildung an der Waffe. Manchmal erreichen wir in einem Dorf nur drei oder vier Frauen, aber das ist die Mühe wert. Dann zeigen wir einen Tag lang, wie die Waffen auseinander gebaut werden, diskutieren über theoretische Fragen zur Verteidigung und am Schluss fahren wir für einen Tag aufs Land, wo wir schießen üben. Die Frauen haben am Anfang Angst, nach hinten gestoßen zu werden, wenn sie schießen, aber dann entwickeln sie großen Ehrgeiz und wollen auch treffen.

Was in Şengal passiert ist, soll sich nicht wiederholen

Was in Şengal passiert ist, soll sich nicht wiederholen. Wir bereiten die Frauen speziell auf so eine Situation vor, damit sie im Angriffsfall nicht wehrlos sind. Insbesondere die Frauen und die Jugend wollen die Gesellschaft verteidigen. Bei den Männern ist dieser Reflex nicht so stark. Die Frauen wollen die Kinder und die Gesellschaft schützen, die Jugend kämpft für ihre Zukunft. Die Männer sind stärker durch den Staat geprägt; sie wollen nicht, dass die Frauen unabhängig sind, sie akzeptieren noch nicht einmal, dass Frauen ihre eigenen Zentren, die Mala Jin, aufbauen. Wir haben vielleicht gerade einmal zehn Prozent unserer Rechte erkämpft. Das Baath hat ein schmutziges Regime über den Mann aufgebaut. Wenn es die Angriffe durch den Feind gäbe, hätten wir eine noch stärkere Entwicklung geschaffen. Die Basis aller unserer Arbeiten sind die Akademien. Wir müssen auch die Männer erreichen, daher brauchen wir auch gemischte Einrichtungen.“

Revolution in der Revolution

Hediya übernimmt wieder das Wort und erzählt weiter:

„Es ist für uns Frauen eine große Chance, in dieser Phase zu leben und Teil dieser Revolution zu sein, mit dazu beizutragen, auch als Frauen und Mütter. Hier findet eine Revolution in der Revolution statt. Auf der einen Seite kämpfen wir für unsere Identität als Kurdinnen gegen den Feind, der uns vernichten will, andererseits führen wir einen Kampf in der Gesellschaft selbst. Wir fürchten uns nicht und laufen nicht weg; wir haben viel Mühe und Kraft in den Aufbau gesteckt. Wir haben viele Ketten gebrochen, und darauf sind wir stolz. Ich mache Geschichte und schreibe sie. Heute hatten wir eine Ratsversammlung. Zwölf Frauen haben sich freiwillig gemeldet und gesagt, wir sind bereit, mit der Waffe in der Hand gegen Erdoğan zu kämpfen und auch in eine bewegliche Einheit zu gehen.

Der IS als psychologische Waffe

Wir sind nicht bereit, eine türkische Besatzung zu akzeptieren. In Efrîn wurde alles geplündert. Wir wollen einen gemeinsamen Weg gehen, Liebe zueinander und zu der Gesellschaft entwickeln. Es gibt viele Spielchen des Feindes gegen uns. Der IS ist vor allem auch eine psychologische Waffe gegen uns; wir sollen uns fürchten. Dem stellen wir ein Projekt für ein freies Syrien gegenüber.

Mit einer bourgoisen Mentalität wollen sie uns ebenfalls angreifen. Sie wollen, dass wir uns vom Kampf abwenden, daher ist Rojava/Nordsyrien auch immer noch nicht politisch anerkannt. Man greift uns auf allen Ebenen an. Wir müssen auch an vielen Fronten gleichzeitig kämpfen, gegen die Angriffe von außen und innen, wir müssen die grundlegendsten Bedürfnisse befriedigen, damit die Bevölkerung nicht wegläuft. Wir haben schon sehr viele Menschen verloren. Aber wie ihr seht, wurde hier an Neujahr überall gefeiert; trotz der Angriffsdrohungen durch Erdoğan halten wir zusammen.

Auf gedanklicher Ebene bereit sein

Wenn der Krieg kommt, stehen wir an der Seite der YPJ und YPG, ebenso wie die Asayisch. Wir bereiten uns vor. Abdullah Öcalan hat in den Briefen aus Imrali aufgezeigt, dass wir uns als eine Gesellschaft organisieren müssen, die auch im Krieg weiter funktioniert.

Verteidigung bedeutet nicht nur militärisch, sondern auch auf gedanklicher Ebene bereit zu sein. Einerseits bereitest du dich auf Luftangriffe vor. Aber man muss auch wissen, wie man sich gegen Hunger wappnet, wir geben Wissen weiter, wie wir uns auf Notsituationen vorbereiten. Wie Frauen sich gegen Männergewalt wehren können. Verteidigung ist sehr breit zu verstehen. Wir müssen bereit sein, im eigenen Haus die Rechte von Frauen und Mädchen zu verteidigen, zum Beispiel gegen die Heirat von Mädchen im Alter von 14 oder 15 Jahren.“

Selbstverteidigungskurs in einem arabischen Dorf

Am nächsten Tag haben wir die Gelegenheit genutzt, mit einer Vertreterin der HPC Jin in ein arabisches Dorf an der Grenze zu fahren, um dort beim Selbstverteidigungskurs zuzusehen. Das Dorf besteht seit den 1960er Jahren, arme arabischen Familien aus Homs und Hama wurden hier angesiedelt, da sie dort keine Möglichkeiten hatten, sich zu versorgen.

Auffällig ist, dass es außer der Sprache keinerlei Unterschiede zu kurdischen Dörfern gibt. Es gibt Ko-Vorsitzende, eine Frau und ein Mann. Zwei Männer aus dem Dorf sind im Kampf gegen den IS gefallen. Das Dorf hat eine Schule, in der 350 Kinder aus sieben Dörfern unterrichtet werden. Auch einen Kindergarten gibt es. Uns wird berichtet, dass der Militärdienst beim Regime kurz vor der Revolution von einem Jahr auf zwei Jahre erhöht wurde. Wer, während die Kämpfe begannen, gerade beim Militär war, wurde nicht zurückgelassen; viele Wehrpflichtige wurden ermordet. Im Komingeh kommen sechs Frauen und fünf Männer zusammen.

Zunächst berichtet eine Kommandantin der YPJ ausführlich über verschiedene Waffenarten, und wie sich die Bevölkerung im Falle eines Luftangriffes am besten schützen kann. Dann beginnt der Unterricht an der Kalaschnikow – Auseinanderbauen und Zusammensetzen. Die meisten Männer haben Erfahrung mit Waffen, sind aber angesichts der Präsenz der YPJ und HPC Jin sowie unserer Anwesenheit offensichtlich nervös und machen Fehler. Die Frauen wirken entspannt und wissbegierig. Sie haben die Gelegenheit, so lange zu üben, bis es routiniert klappt.

Atareb / Provinz Idlib: Dschihadisten auf dem Vormarsch

+

von

Dschihadisten auf dem Vormarsch

Titelbild: Kämpfer von HTS triumphieren in Atareb und treten die Flagge der Revolution mit Füßen.

 

Im Norden Syriens nimmt die Al-Qaida-nahe Miliz Hai’at Tahrir al-Sham derzeit zahlreiche Orte ein. Schon am Sonntag traf es die syrische Kleinstadt Atareb. Der Fall der Stadt steht exemplarisch für die Komplexität lokaler Dynamiken, die Rolle der Zivilbevölkerung und für das Totalversagen des westlichen Anti-Terror-Kampfs.

Für die meisten LeserInnen dürfte die folgende Neuigkeit auf den ersten Blick ungefähr so spannend klingen wie die Nachricht vom berühmten umgefallenen Sack Reis in China: Die syrische Kleinstadt Atareb wurde von der Miliz Hai’at Tahrir al-Sham (HTS) eingenommen. Welche Relevanz hat schon eine kleine syrische Stadt mit ein paar tausend Einwohner? Und was hat das Schicksal dieser Menschen schon mit uns zu tun?

Für uns ist der Fall der Stadt Atareb an die Dschihadisten der HTS sehr relevant, weil wir dort ProjektpartnerInnen haben, die nun nicht wissen, unter welchen Umständen sie ihre Arbeit wieder aufnehmen können, ohne von den Bewaffneten verfolgt zu werden – so dass wir an dieser Stelle von ihnen nichts weiter über sie berichten wollen, ohne zunächst ein paar Sicherheitsfragen zu klären.

Paradebeispiel für die Bedeutung der Zivilgesellschaft

Aber nicht nur für uns ist der Fall relevant: Atareb ist ein Paradebeispiel für die Bedeutung der Zivilbevölkerung für lokale Konfliktdynamiken, ein Beispiel dafür, was Extremismus befördert und bekämpft. Aber der Reihe nach:

Atareb liegt etwa 30 Kilometer westlich von Aleppo. Als Transportdrehscheibe ist der Ort von relativer Bedeutung für den Nordwesten Syriens. Eine bescheidene Bekanntheit zumindest unter mit Syrien befassten Menschen erlangte Atareb aber, weil sich die Stadt immer wieder erfolgreich Dschihadisten entgegenstellte. Damit ist sie damit keineswegs allein. Es gibt viele Städte, die vom Extremismus weitgehend unberührt blieben oder ihn bekämpften. Allein in Nachbarschaft Atarebs etwa die Städtchen Saraqib, Kafranbel und Maarat al-Nu’man – letzteren Orten droht ebenfalls eine Übernahme durch HTS. In allen vier Städten gingen Menschen immer wieder gegen die Extremisten auf die Straße — so gab es etwa gemeinsame Demonstrationen unter dem Motto „Kein Platz für al-Qaida in Syrien“.

Das Beispiel Atareb illustriert die Geschichte der jungen syrischen Zivilgesellschaft besonders deutlich, wie sie im ganzen Land nach 2011 entstanden ist. 2012 hatten Rebellen die Kontrolle über die Stadt übernommen. Es folgte wie immer das willkürliche Bombardement durch die syrische Armee. Aber Atareb organisiert sich fortan selbst, um die staatlichen Institutionen zu ersetzen. Es entstand eine Art Selbstverwaltung und eine lebendige Zivilgesellschaft, deren Existenz von den AnhängerInnen des Assad-Regimes stets geleugnet wird – für die Regime-Propaganda ist es essentiell, jede Opposition zu diffamieren und als terroristisch darzustellen.

Im November 2017 tötete ein Luftangriff der syrisch-russischen Allianz auf den Markt von Atareb mehr als 60 Menschen, die meisten von ihnen ZivilistInnen.

Dschihadisten vor den Toren der Stadt

Wie in viele Städte sickert ab 2013 auch in Atareb subtil der »Islamische Staat« ein. Weil internationale Unterstützung weitgehend ausblieb, bleibt die neue Verwaltung der Stadt schwach. Das eröffnete den Dschihadisten die Möglichkeit, sich mit eigenen öffentlichen Dienstleistungen als effizientere und bessere Regierung zu gerieren. So oder so ähnlich läuft es in dieser Phase in zahllosen syrischen Orten.

In Atareb inszenierte sich etwa ein IS-Gericht als Garant für die lokale Sicherheit: Erbarmunglos machte es kurzen Prozess mit Verdächtigen, egal ob schuldig oder nicht, und inszenierte sich so als effizienter als die lokale Justiz. Währenddessen verfolgte, entführte und tötete die Gruppe ihre Gegner. Doch als der IS versucht, die Kontrolle über die ganze Stadt zu übernehmen, organisiert die Bevölkerung Widerstand: Zivile Aktivisten protestieren gegen den IS und motivieren die bislang vorherrschenden bewaffneten Gruppen, die dem IS zuvor gegenüber zurückhaltenden agierten, ihren Aufstand gegen die Dschihadisten militärisch zu unterstützen. Schließlich muss der IS abziehen.

Später wird die Stadt bedroht vom syrischen al-Qaida-Ableger Jabhat al-Nusra, aus dem das heutige Milizenbündnis HTS hervorging. Regelmäßig demonstriert die Bevölkerung Atarebs gegen die Dschihadisten und übt zivilen Ungehorsam. Insbesondere gegen den Einzug der Extremisten in die örtlichen Gerichte protestiert die Bevölkerung. Auch ein zweiter Versuch der Dschihadisten, die Stadt einzunehmen, scheitert 2015 am Widerstand der Bevölkerung: Die Nusra-Front zieht sich in ein Quartier mehrere Kilometer vor der Stadt zurück. „Die Proteste gegen IS und al-Nusra unterschieden sich kaum von denen, die wir damals gegen das Regime gemacht haben. Nur waren sie stärker und heftiger, weil die Blockade der Angst, die uns früher im Nacken saß, inzwischen durchbrochen war“, erinnert sich ein Aktivist.

Protest gegen Dschihadisten in Atareb, 2017

Wer kontrolliert die Bäckerei?

Auch die Nusra-Front versucht sich mit öffentliche Dienstleistungen die Unterstützung der Bevölkerung in Atareb zu sichern. Doch aufgrund ihrer Erfahrung mit dem IS wissen die Aktivisten, dass sie die lokalen Institutionen verbessern müssen, damit kein Vakuum entstehen kann, in das die Nusra-Front dringen könnte. Als etwa die örtliche Bäckerei Anfang 2017 in finanzielle Not gerät, versucht die Nusra-Front sofort, sie zu übernehmen. Es gibt erneut Proteste, auf Plakaten ist zu lesen: „Atareb ist eine befreite Stadt unter ziviler Verwaltung, die vom Lokalen Rat repräsentiert wird, der vom Volk gewählt wurde“. Auf einem anderen steht: „Der Ofen von Atareb ist Eigentum des Volkes“. Aktivisten gelingt es schließlich anderweitig Geld aufzutreiben, um die Produktion auch ohne die Nusra-Front aufrechterhalten zu können. Vor dem Hintergrund solcher Beispiele plädiert der Politologe Haid Haid immer wieder dafür, Extremismus durch internationale Unterstützung für lokale zivile Verwaltungen zurückzudrängen.

Doch den IS und Nusra vertreiben konnten die ZivilistInnen nie allein: Dies gelang nur in Kooperation mit den lokal vorherrschenden bewaffneten Gruppen. Wenn sich ziviler Aktivismus unmittelbar Waffengewalt ausgesetzt sieht, bleibt den ZivilistInnen oft nur ein Zweckbündnis mit Bewaffneten. Bei diesen Milizen handelt es sich nie um unproblematische Akteure, sondern um Gruppen, die selbst Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen begehen. Im Gegensatz zu den extremistischen Milizen der Nusra-Front bzw. HTS oder dem IS zielen sie jedoch nicht auf die vollständige politische Kontrolle der Gesellschaft. Für die Menschen vor Ort macht das einen großen Unterschied. „Die Aufgabe der bewaffneten Fraktionen beschränkt sich lediglich darauf die Stadt an ihren Grenzen zu beschützen. Es ist nicht ihr Job, das Gebiet zu regieren“, erklärte einmal ein Aktivist das Arrangement in Atareb.


Aktivisten versuchen, die allgegenwärtigen Waffen aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Sie wissen: Chaos hilft der Nusra-Front.

Ziviler Widerstand ohne Unterstützung

Bis zuletzt kämpften die Menschen von Atareb den Antiterrorkampf um ihre Stadt ohne substanzielle Unterstützung, während sie immer wieder vom Assad-Regime und Russland aus der Luft angegriffen wurden. Am Sonntag verloren sie diesen Kampf, als die örtliche Rebellengruppe militärisch kollabierte und HTS kurz davor stand, die Stadt zu überrennen. Mangels ausreichender militärischer Unterstützung blieb der Stadt nichts übrig, als der Miliz die militärische und politische Kontrolle zu übergeben – im Gegenzug erhielten 70 von den Dschihadisten gesuchte Menschen und ihre Familien freies Geleit. Mehr konnten die Verhandlungsführer der Stadt mangels Druckmitteln nicht erreichen.

In der ganzen Region ist HTS auf dem Vormarsch – offenbar auch deshalb, weil ein Teil der von der Türkei unterstützten Milizen für eine Offensive gegen die kurdische Selbstverwaltung in den Norden beordert wurden. Auf lange Sicht gesehen dürften für das Erstarken von HTS nicht nur geopolitische und militärische Gründe eine Rolle spielen: Hätten in der Region die zivilen Institutionen in der Region in den vergangenen Jahren mehr internationale Unterstützung erhalten, vielleicht wäre die Geschichte Atarebs anders ausgegangen – und die Extremisten hätten sich nicht derart durchgesetzt, wie wir es heute beobachten müssen.

 

Minbic: Russische Patrouillen koordinieren sich mit uns

Der Sprecher des Militärrats von Minbic Şervan Derwiş erklärte, dass die Koordinierung mit dem syrischen Regime durch russische Vermittlung stattfindet.

ANF / MINBIC, 12. Jan. 2019.

Şervan Derwiş, Sprecher des Militärrats von Minbic, betonte, die Patrouillen der Internationalen Koalition würden fortgesetzt. Er sprach mit der Nachrichtenagentur ANHA über die letzten Entwicklungen in Minbic (Manbidsch).

Derwiş stellte in dem Gesprächt fest, dass die jüngsten politischen und militärischen Entwicklungen in Minbic sowie in Nord- und Ostsyrien mit dem nahenden Ende des IS und der Rückzugsentscheidung der USA zusammenhängen. Minbic grenzt westlich und südlich an Gebiete, die vom syrischen Regime kontrolliert werden und im Norden und Westen an vom türkischen Staat besetzte Regionen. Derwiş betonte dazu, dass diese geographische Lage Minbic ins Zentrum der politischen und militärischen Entwicklungen in der Region rücke.

Koordination zwischen unseren Kräften und der Koalition geht weiter“

Derwiş beschrieb die Situation in Minbic als bisher unverändert und sagte: „Die Koalition hat noch keine Schritte unternommen, um sich aus der Stadt zurückzuziehen. In der aktuellen Phase gibt es Diskussionen darüber, wie die Lücke, die nach dem Rückzug entsteht, ausgefüllt werden kann. Die Koordinierung zwischen unseren Kräften und der Internationalen Koalition dauert unverändert an. Die Patrouillen der Koalition gehen an der nördlichen und westlichen Grenze weiter.“

Unsere Kräfte koordinieren sich durch russische Vermittlung mit dem Regime“

Derwiş berichtete, man koordiniere sich mit dem Regime über russische Vermittlung: „Die Regimekräfte, die in dem Gebiet westlich und nordwestlich von Minbic Stellung halten, wurden vor über einem Jahr aufgrund eines Übereinkommens mit dem Regime, das durch russische Vermittlung entstanden ist, dort stationiert. Diese Koordination dauert an.“ Die Koordination sei eine Weile unterbrochen gewesen, habe aber aufgrund der politischen und militärischen Entwicklungen wiedereingesetzt. Derwiş kündigte an, man werde die Städte der Region und ihre Bevölkerung verteidigen: „Als Militärrat von Minbic geht es uns darum die Völker von Minbic zu schützen. Angriffe auf uns werden nicht unvergolten bleiben.“

Wir ziehen eine politische und diplomatische Lösung vor“

Zur Lösung der Syrienkrise sagte Derwiş: „Als eine Kraft Syriens ziehen wir eine politische und diplomatische Lösung der Syrienkrise durch Dialog vor. Wir glauben an den Zusammenhalt Syriens und würdigen jeden Schritt hin zu einer politischen Lösung.“ Am Ende des Gesprächs erklärte er, man sei darauf vorbereitet die Völker Syriens gegen jeden Angriff zu verteidigen und gemeinsam zu handeln, solange die Zivile Selbstverwaltung von Minbic anerkannt und die besetzten Gebiete befreit werden.

Die Bethnahrin Frauenverteidigungskräfte HSBN

Die Suryoye (Aramäer*innen, Assyer*innen und Chaldäer*innen) gründeten im Januar 2013 ihre eigenen Verteidigungskräfte, die MFS in Rojava/Nordsyrien. Seit 2015 haben sie auch eigene Fraueneinheiten, die HSBN. Beide sind Mitglieder der QSD.

ANJA HOFFMANN / TIL TEMIR, 12. Jan. 2019.

Seit einiger Zeit schon hatte die Frauendelegation von „Gemeinsam Kämpfen“ versucht, die Suryoye Fraueneinheiten zu treffen. Nun endlich hat es mithilfe der „Diplomatischen Beziehungen“ von Kongreya Star geklappt. Die Frauenkräfte haben ihren Stützpunkt außerhalb der Stadt in einem kleinen syrianischen Dorf, wo wir sie mit unserer Delegation besuchen.

Natürlich wird zunächst Tee und Kaffee serviert. Während wir Platz nehmen, verrät uns die Kommandantin Inanna, dass sie deutsch spricht und vor einigen Jahren aus Deutschland gekommen sei, um die Suryoye in Bethnahrin (aramäisch für das Land zwischen Euphrat und Tigris) gegen Daish (Islamischer Staat) zu verteidigen.

Gründung erster Fraueneinheiten

„Die HSBN (Haylawotho d’Sutoro d’Neshe d’Beth Nahrin) wurden am 30. August 2015 gegründet. Beim Aufbau wurden sie von dem MFS (Militärrat der Suryoye – Mawtbo Fulḥoyo Suryoyo) und Sutoro (autonome Sicherheitskräfte der Suryoye) sowie der YPJ unterstützt“, berichtet Inanna. Die Anfangszeit sei sehr schwer gewesen, fährt sie fort: „Frauen aus dem Mittleren Osten sind Disziplin nicht gewohnt, ebenso auf sich selbst zu vertrauen, sich für andere einzusetzen. In der ersten Ausbildungseinheit waren wir 30 Frauen, sie wurde vom MFS und den YPJ geleitet. Wir haben Ausbildung an verschiedenen Waffen erhalten, auch Nachtwanderungen etc. gelernt. Es war sehr schwer und anstrengend für uns. Wir waren es nicht gewohnt, aber alle haben durchgehalten. Die Ausbildung dauerte einen Monat.“

Die Frauen berichten uns weiter, dass sie nun eine eigene Militärakademie bei Til Temir aufgebaut hätten, an der die Frauen für die HSBN und die Sutoro ausgebildet würden. Weibliche Sutorokräfte gebe es in Dêrik und Hesekê.

„Unsere Fraueneinheiten haben sich an den Operationen in Hol, Schaddadi und Hesekê beteiligt, bei uns gibt es Aramäerinnen, Assyerinnen, Armenierinnen und sogar Kurdinnen.

Zunächst scheint es, dass die kurdischen und arabischen Frauen unterdrückter sind als die Suryoye, bei uns gibt es zum Beispiel keine Polygamie. Allerdings sind die kurdischen Frauen wesentlich aktiver als die Suryoye-Frauen. Unsere Freiheit ist wohl eher äußerlich. Ich denke, jede Frau hat ein Körnchen Freiheit in sich, das gegossen werden muss“, fährt Inanna fort.

Sie beschreibt die Reaktion der Familien, als sich ihre Töchter dem HSBN angeschlossen haben: „Für die Familien war es anfangs sehr schwer zu akzeptieren; die Eltern hatten die Einstellung, dass Frauen das nicht können. Der Ehrbegriff ist zwar bei uns nicht so verankert wie in der kurdischen Gesellschaft, aber dennoch wurde es den Frauen nicht zugetraut zu kämpfen.

Beteiligung an Kampfeinsätzen gegen Daish

Erste Erfahrungen haben wir im Krieg in Hol gesammelt; dort waren wir noch eher in der hinteren Front. In Schaddadi konnten wir dann schon Erfahrung in den Angriffsgruppen sammeln, den Wind des Krieges kennenlernen“, berichtet Inanna.

„Wir waren zwei Monate in Schaddadi; dort mussten wir lernen, viel zu laufen. Manchmal fünf bis sechs Stunden. An der Front hatten Bagger die Stellungen ausgehoben. Es war Februar, es hatte viel geregnet, wir hatten in den ersten Tagen keine Decken und keine Zelte. Es ist uns schwer gefallen, dass wir unter den Männern keine Privatsphäre hatten. Wir waren nur vier Frauen unter vielen Männern. Unsere Gruppe hatte aber als einzige ein Auto. Der MFS hat uns gerufen, denn weiter vorne an der Front war eine Mine explodiert. Daish hatte alles vermint, und in kurzem Abstand sind Minen hochgegangen. Der MFS und die YPG haben versucht, eine Mine zu entschärfen und sie ist explodiert.“ Die Erfahrung, die Leichen der Genossen zu sehen, sei sehr hart gewesen, habe sie aber stärker gemacht, erklärt Inanna.

Frauen sind stark geworden

Sie berichtet darüber, dass sie über den Fernsehsender Suryoyo TV vom MFS erfahren und sofort beschlossen habe, sich anzuschließen. „Im Februar 2015 gab es den ersten Gefallenen beim MFS, da hatte ich das Gefühl, dass ich kommen muss. Ich war 19 Jahre alt. Ich habe meine Ausbildung beendet und bin gegangen. Meine Mutter hat viel geweint und mich versucht zurückzuhalten, aber mein Vater hat mich verstanden. Zuhause hatte ich polnische und türkische Freundinnen; von denen hat nur eine verstanden, warum ich gehe. Zu den anderen habe ich den Kontakt abgebrochen. Ich habe mich in Deutschland schon immer fremd gefühlt. Dieses Gefühl ist verschwunden, seitdem ich hier bin.“ Am Anfang habe sie sich unwohl gefühlt, denn die kulturellen Codes seien ganz andere. Hier würden junge Frauen, die nicht nach den Regeln lebten, sehr misstrauisch beobachtet. „Was macht so ein junges Ding hier alleine?“ Aber die Haltung gegenüber Frauen hat sich in den letzten Jahren stark verändert. „Die Frauen trauen sich jetzt viel mehr zu.“

Auf die Frage, ob es noch andere Kämpferinnen aus Europa gibt, sagt uns Inanna, dass es noch eine aus Schweden gibt. „Für uns ist es sehr wichtig, dass Frauen selbst entscheiden. Ohne Frauenbefreiung kann auch die Gesellschaft nicht frei sein“, erklärt sie.

Auf die Frage, wie denn der Alltag der Fraueneinheiten aussehe, antwortet Inanna: „Wir stehen morgens um sechs Uhr auf, machen einen Appell, dann Sport und Frühstück. Wir halten 24 Stunden Wache, aber der Schwerpunkt unserer Arbeit ist Bildung.“

Über die Haltung syrianischer Familien gegenüber der Bewegung sagt Inanna, viele seien noch an das Regime gebunden, aber nur aus Angst davor, dass es zurückkommen könnte. Sehr viele Familien hätten Nordsyrien verlassen, aber tatsächlich seien jetzt einige zurückgekommen. Die Familien, die gegangen sind, sind dort nicht glücklich“, fährt Inanna fort.

Tiamat, eine weitere Kämpferin, sagt, dass es ihr wichtig sei, ihr Volk schützen zu können. Sie habe bei den HSBN sehr viel gelernt. Viele aus ihrer Familie seien bei den Sutoro oder dem MFS. Ihre Familie hätte nichts dagegen gehabt, dass sie sich angeschlossen hat. „Im Gegenteil“, sagt sie. „Wir stärken uns als Frauen. Die Frauen stehen jetzt im Zentrum.“

 

IS-Minen haben die Hoffnung Tausender in Raqqa zerstört

Der sogenannte IS hatte sich akribisch auf die QSD-Offensive auf Raqqa vorbereitet und Tausende Minen und Sprengfallen gelegt. Nach der Befreiung der nordsyrischen Stadt wurden rund 4200 Menschen durch die tödlichen Hinterlassenschaften verstümmelt.

ANF / RAQQA, 8 Jan. 2019.

Auch mehr als ein Jahr nach der Befreiung der nordsyrischen Stadt Raqqa von der Terrorherrschaft der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) fordern die tödlichen Hinterlassenschaften der Islamisten menschliche Opfer. Rund 4200 Menschen wurden seit der Befreiung durch die Detonation von Minen und Sprengfallen verstümmelt.

Mit der Besetzung der Großstadt durch den IS im Jahr 2014 galt Raqqa als Hauptstadt des sogenannten „Kalifats“. Tausende Menschen wurden Opfer von Massenexekutionen, Versklavungen und Gräueltaten gegen die Menschlichkeit. Unter der Führung der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) wurde die Stadt am 17. Oktober 2017 vollständig befreit. Die Terrormiliz ist zwar aus der Region vertrieben, allerdings sorgen die insbesondere in zivilen Siedlungsgebieten hinterlassenen Sprengfallen noch immer für Massaker.

Versehrte Menschen können nicht ausreichend versorgt werden

Mit der Befreiung der Stadt wurde mit dem Wiederaufbau der Infrastruktur begonnen. Nach und nach kehrten die Menschen zu Tausenden in ihre Heimat zurück. Viele verloren dabei ihr Leben oder ihre Körperteile. Das Büro des Zivilrats von Raqqa für Menschen mit Behinderung gibt eine Zahl von 4.200 verstümmelten Menschen in Folge der Detonation von IS-Hinterlassenschaften an. Die Minenräumarbeiten in Raqqa sind noch immer nicht abgeschlossen. Es wird Jahre dauern, bis die Stadt vollständig geräumt ist.

Emire al-Hassan ist Ko-Vorsitzende des Büros für Menschen mit Behinderung. Sie erklärt, dass der Zivilrat die versehrten Menschen nicht ausreichend versorgen kann. Bisher konnte lediglich drei Prozent der Menschen mit Behinderung ausreichende Hilfe und Unterstützung zur Verfügung gestellt werden. Al-Hassan ruft deshalb internationale Hilfsorganisationen auf, sie bei der Unterstützung der Zivilbevölkerung mit Behinderung zu unterstützen.