Häuser der Hoffnung in Şırnak

von medico international, 17.10.2018.

Neue Häuser entstehen

Über 500.000 Menschen haben vor über zwei Jahren nach der brutalen Niederschlagung jugendlicher Aufstände in den Städten des kurdisch geprägten Südosten der Türkei ihr Zuhause verloren. Das türkische Militär zerstörte ganze Stadtteile, Tausende mussten fliehen. Nun werden die Städte auf Anweisung der staatlichen Wohnungsbaubehörde neu aufgebaut – eine Rückkehr wird für ehemalige Bewohner*innen extrem schwer gemacht.

Etwa 1000 vertriebene Familien aus Şırnak bauen in umliegenden Dörfern in gemeinschaftlicher Arbeit Häuser auf und schaffen sich ein neues Obdach. Sie setzen ihr Recht zu bleiben durch und schaffen die Grundlage für eine demokratisch verfasste Türkei, in der alle die gleichen Rechte haben. medico unterstützt sie seit Beginn dabei und begleitet die Entwicklungen vor Ort so gut es geht. Die Repression der türkischen Staatsbehörden nimmt zu und Helfer*innen werden verfolgt.

Selbstorganisierter Hausbau

Zement, Fenster, Türen, Bausteine und Farbe: Das Baumatrial wird in die Dörfer geliefert. Unter Anleitung bauen die Menschen ihre Häuser selber auf. Sie unterstützen sich gegenseitig. Alte Dorfbewohner*innen unterstützen die neuen Nachbar*innen. Sie haben Grundstücke zur Verfügung gestellt, damit die obdachlosen Familien sich ein neues Lebens aufbauen können. Die Besorgung und Anlieferung des Materials kann nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, denn das Projekt ist den Sicherheitsbehörden ein Dorn im Auge. Noch sind nicht alle benötigten Häuser gebaut, Baumaterial wird weiterhin dringend benötigt!

Gemeinschaftliches Leben

Die Hilfsbereitschaft und Solidarität untereinander ist groß. In den Stadtteilen Şırnaks hatten die Bewohner*innen eine soziale Infrastruktur in Cafés, kleinen Läden oder auf der Straße. Einige Nachbar*innen sind zusammen geflohen und bis jetzt zusammengelieben. Viele werden sich nicht wieder sehen. In den Dörfern ist das gemeinschaftliche Leben ein wichtiger Schritt, um die Gewalttaten und die Vertreibung zu verarbeiten. Der Wille zu bleiben und für eine demokratische Türkei einzustehen, in der alle gleiche Rechte haben – jenseits ethnischer oder religiöser Herkunft – ist ungebrochen.

Selbstversorgung

Einige Familien haben schon die ersten Gärten angelegt und Tiere angeschafft. So können sich die Menschen vorerst selbst versorgen. Dies allein reicht nicht um über den Winter zu kommen, aber eine erste Verpflegung ist mit den kleinen Gärten gewährleistet. Für eine autonome Versorgung werden nun Kooperativenstrukturen geplant, die das gemeinschaftliche (Über-)Leben sichern, jenseits staatlicher Abhängigkeiten.

wie weiter?

Die staatliche Repression in der Türkei nimmt weiter zu. Die Hoffnungen vor den letzten Parlamentswahlen im Sommer, das AKP-Regime zu stürzen, haben sich in Luft aufgelöst. Und trotzdem, die kurdenfreundliche Partei HDP hat den Einzug ins Parlament mit ganz unterschiedlichen Kanditat*innen geschafft und streitet dort unter schwierigen Bedingungen weiter für eine vielfältige und demokratische Türkei.

medico-Partner*innen sitzen in der Türkei in Haft, wurden kurzzeitig inhaftiert oder mussten fliehen. Sie machen trotzdem weiter, ungebrochen der Verfolgung und der Angst ins Gefängnis zu kommen. Ihr Einsatz für Menschenrechte, für Vielfalt und Demokratie braucht unsere Öffentlichkeit und Unterstützung!

Die Menschenrechtler und die Salafisten

von

Die Menschenrechtler und die Salafisten

Im Dezember 2013 ließ die salafistische Rebellenmiliz Jaysh al-Islam (Armee des Islam) im Damaszener Vorort Douma vier bekannte syrische MenschenrechtsaktivistInnen verschwinden. Eine von ihnen, die Anwältin Razan Zaitouneh, war eine enge Partnerin von Adopt a Revolution. Eine andere, die Verlegerin Samira al-Khalil, war mit dem syrischen Autor Yassin al-Haj Saleh verheiratet. Seit Jahren recherchiert Saleh in dem Fall und versucht, sich Klarheit zu verschaffen. Als das Assad-Regime im April Douma zurückeroberte, von den Verschwundenen jedoch weiterhin jede Spur fehlte, reiste Saleh in die Türkei, um dort unter den vertriebenen Einwohner Doumas nach Antworten zu suchen. Dies ist sein Bericht.

Im Lauf dieses Jahres, irgendwann zwischen Sommer und Herbst, verbrachte ich mehrere Monate in der Türkei, um im Fall der Aktivisten Samira al-Khalil, Razan Zaitouneh, Wael Hamade und Nazem Hammadi, den so genannten „Douma 4“, zu recherchieren. Sie waren im Dezember 2013 in Douma, östlich von Damaskus, entführt worden. Seitdem sind sie verschwunden. Mein Ziel war, möglichst viele der Menschen zu befragen, die im Frühjahr gewaltsam aus Douma und Ost-Ghouta vertrieben wurden. Eigentlich hatte ich auch beabsichtigt, in das von türkischen Streitkräften in Nordsyrien kontrollierte Gebiet zu reisen, um dort weitere Vertriebene zu treffen, darunter Freunde von mir. Doch das war unmöglich aus Gründen, über die ich zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal schreiben werde.

Dennoch: Ich traf mich mit etwa zwanzig Vertriebenen und sammelte auch Informationen von Personen, die ich nicht persönlich treffen konnte. Hier meine Zusammenfassung dessen, was ich über das Verbrechen an den „Douma 4“ in Erfahrung bringen konnte.

Samira al-Khalil, Nazem Hammadi, Wael Hamade und Razan Zaitouneh (von oben nach unten)

Viele haben noch immer Angst vor Jaysh al-Islam

Unter den Befragten war keiner, der nicht bezeugen würde, dass Jaysh al-Islam verantwortlich für das Verschwinden der Aktivisten ist, darunter auch Personen, die früher einflussreiche Positionen in der Organisation innehatten. Tatsächlich gibt es auch keine realistische Alternative dazu. Es scheint vielmehr, als dass die Miliz aus diesem Verbrechen in ihrem engeren Umfeld nie einen Hehl gemacht hätte. Ich selbst hatte an ihrer Verantwortung nie gezweifelt. Sollte es jedoch noch jemanden geben, der sich in der Sache unsicher ist, so kann er die Angelegenheit selbst untersuchen – das ist heute nicht mehr schwierig.

Jedoch konnte ich keine schlüssigen Informationen über den Verbleib der Verschwundenen erhalten. Ich musste mir die schlimmsten Hypothesen und Möglichkeiten anhören. Einige sprachen von einer Hinrichtung, von der manche meinten, sie wäre schon kurz nach der Entführung geschehen. Anderen Stimmen zufolge waren einige der vier Aktivisten noch bis Februar dieses Jahres in den Gefängnissen der Jaysh al-Islam. Einige hielten es für wahrscheinlich, dass sie dem Assad-Regime übergeben wurden, doch gibt es dafür keine Beweise. Ich hoffe, ich verleugne nicht, wenn ich behaupte, dass das Worst-Case-Szenario nicht unbedingt eingetreten sein muss.

Die Anführer der Gruppe machen in der Türkei Millionengeschäfte

Viele der kürzlich Vertriebenen fürchten Jaysh al-Islam weiter. Sie erzählen von der Grausamkeit der Miliz, ihrer Kriminalität und ihrer Macht, anderen Leid zuzufügen. Manche wollen aus Angst vor Vergeltung selbst in der Türkei nicht über den Fall der vier Verschwundenen sprechen – oder tun es nur, wenn man ihre Sicherheit gewährleisten kann.

Inzwischen konnte ich mir ein klareres Bild von der Struktur Jaysh al-Islams machen. Die „Armee des Islams“ ist aufgeteilt in vier Bereiche: Sicherheits-, Scharia-, Verwaltungs- und Finanzapparat. Im Kern ist die Organisation zum einen Teil auf Religion aufgebaut, zum anderen Teil geheimdienstlich organisiert, wobei die Religion eine gemeinsame Sprache herstellt und zur Rechtfertigung von Bedrohungen, Korruption, Folter, Vergewaltigung bis hin zum Mord dient. In Istanbul und anderen türkischen Städten sind Anführer der Gruppe an diversen privatwirtschaftlichen Unternehmen beteiligt. Dabei geht es um Millionen von Dollar, und die Führer der Organisation können sich frei zwischen Nordsyrien und der Türkei hin und her bewegen.

In Teilen Nordsyriens hat Jaysh al-Islam Land im Wert von mehreren Millionen Dollar erworben und bieten ihre Dienste als Söldnertruppe der Türkei an. Und so scheint es, als hielten die türkischen Behörden sie für eine nützliche Karte im syrischen Machtkampf, die sie eines Tages ausspielen können. Solche Verbindungen machen es jedoch schwierig, die Verbrechen der Jaysh al-Islam aufzuklären. Dabei sind die Täter einfach zu benennen, die Führungsstruktur des militärischen, religiösen und politischen Arms der Organisation ist bekannt. Jede ernsthafte Untersuchung könnte die Wahrheit über den Verbleib von Samira, Razan, Wael und Nazem aufdecken – ohne nennenswerte Schwierigkeiten.

Assadismus in langbärtiger Form

Die Organisation ist in ihrer Zusammensetzung zutiefst kriminell und korrupt. Nach außen hin erscheint sie als streng religiöse Gruppe, die in den Alltag der Menschen eingreift und der von ihr kontrollierten Gemeinschaft ein strenges Regiment auferlegt, insbesondere in Douma. In ihren höchsten Kreisen gleicht Jaysh al-Islam jedoch einer degenerierten religiösen Bande von verkommener Moral und großer Grausamkeit. Sie ist zutiefst korrumpiert und besessen von Geld und Sex. Ihre Führung lebte im Luxus während die Menschen von Douma und Ghouta hungerten. Hinzu kommt, dass die Mitglieder der Gruppe auch gegeneinander intrigierten. Es herrschte tiefes Misstrauen, und so sammelten sie Material gegen die jeweils anderen, etwa schmutzige Videos.

Es scheint, als ob ein großer Teil derjenigen Einwohner Doumas, die nach der Rückeroberung der Stadt durch Assads Truppen dort geblieben sind, das nur machen, um die Herrschaft der Jaysh al-Islam loszuwerden — auch wenn das bedeutet, wieder unter dem Stiefel des Regimes zu leben.

Abschließend möchte ich festzuhalten: Der Fall der Verschundenen Samira, Razan, Wael und Nazem ist nicht abgeschlossen, bis nicht alle Fragen aufgeklärt sind und die verantwortlichen Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden. Syrien mag zu einem Paradies für ungesühnte Verbrechen geworden sein, in dem Kriminelle von Kriminellen geschützt werden. Wie müssen uns aber trotzdem weiter für die Aufdeckung der Verbrechen Jaysh al-Islams einsetzen, denn das erhöht die Chancen auf Gerechtigkeit im Fall der Verbrechen anderer Kriegsparteien. Die Detailkenntnis, die wir über diese gleichermaßen eifernde wie degenerierte Bande erhalten konnten, wird von großem Nutzen sein, wenn wir uns eine Welt vergleichbarer Fälle ansehen, in denen der Assadismus in langbärtiger Form fortbesteht.

Yassin al-Haj Saleh ist ein syrischer Autor, ehemaliger politischer Gefangener und Mitbegründer des Onlinemagazins al-Jumhuriya. Sein aktuelles Buch heißt „The Impossible Revolution“. Dieser Artikel erschien zuerst in al-Jumhuriya und wurde hier mit freundlicher Genehmigung des Autors ins Deutsche übertragen.

Nalin Dilpak: Selbstverteidigung lässt sich nicht aufschieben

Zur Entstehung der kurdischen Frauenarmee erklärt die Guerillakommandantin Nalin Dilpak: „Innerhalb des Systems wissen Männer, wie sie sich schützen, sich organisieren und wie sie Krieg führen. Wir Frauen lernten es in der Praxis, indem wir es taten.“

DİLPAK DAĞ / BEHDÎNAN, 24. Okt. 2018.

Die YJA-Star-Kommandantin Nalin Dilpak hat sich im Radiosender Dengê Welat zur Entstehung einer autonomen Frauenarmee bei der kurdischen Guerilla Mitte der neunziger Jahre geäußert.

Wieso bestand Bedarf nach einer eigenen Frauenarmee?

Unsere Bewegung hat sich schon immer an der Frauenrevolution beteiligt. Dieser Schwerpunkt stand im Zusammenhang mit der Ideologie, der Philosophie und dem Leben von Abdullah Öcalan. Von Beginn an wurde in der Revolution in Kurdistan daran gedacht, dass Frauen überall beteiligt sein müssen. Frauen wurde eine große Rolle und Mission beigemessen. So konnten Frauen nach eigenen Vorstellungen, aus eigenem Willen, mit ihren eigenen Besonderheiten an der Revolution teilnehmen.

Später bereitete der Vorsitzende Abdullah Öcalan uns in Schulungen auf die Gründung einer Frauenarmee vor und sorgte dafür, dass wir selbst den Bedarf danach erkannten.

Hinsichtlich ihres eigenen Leben und eigener Vorstellungen standen Frauen unter hohem Druck und waren wehrlos. Um sich selbst und die eigene Meinung verteidigen zu können, war eine Waffe notwendig, aber eine solche hatten Frauen nicht. Der Vorsitzende sah diesen Bedarf und wollte Frauen eine Waffe in die Hand geben. „Solange ihr im Mittleren Osten über keine militärischen Verteidigungsstrukturen verfügt, wird mit euch nicht gerechnet“, sagte er. Diese Feststellung traf auf Frauen noch viel stärker zu. Auch in linken oder sozialistischen Organisationen gab es keinen Mechanismus, der Frauen miteinbezog, die Rechenschaft verlangten. Bei Frauen wurde der Wunsch stärker, Rechenschaft zu fordern. Die Frage, welche Mittel und Wege dafür erforderlich waren, führte zur Gründung der Frauenarmee.

Außerdem stand im neuen Jahrhundert der dritte Weltkrieg an. Es wurde bereits davon ausgegangen, dass er noch härter verlaufen wird als die vorangegangenen Weltkriege. Dafür mussten auf allen Ebenen Vorbereitungen getroffen werden. Der Vorsitzende sah voraus, dass in diesem Krieg, in dem wir uns heute befinden, eine extrem frauenfeindliche Politik den Ton angeben wird. Zur Vorbereitung darauf musste eine Frauenarmee gegründet werden.

Heute werden Städte und Dörfer entvölkert, Frauen werden wahllos ermordet und versklavt, aber sie werden übersehen. Ihre Existenz wird gar nicht in die Rechnung einbezogen. Ihre Häuser werden geplündert, ihr Leben, ihre Städte, ihre Dörfer, ihr Geschlecht, ihre komplette Existenz wird geplündert. Frauen werden vernichtet und dieser Angriff findet sowohl auf militärischer Ebene statt als auch auf kultureller Ebene. Frauen sind zu wehrlosen Wesen gemacht worden, ihnen sollte jede Basis für die eigene Selbstverteidigung entzogen werden. Psychisch und physisch ist ihnen jede Grundlage genommen worden, auf der sie sich selbst verteidigen könnten. Gegen das System aufzubegehren, gegen den Staat, gegen die Familie, gegen Männer aufzubegehren war damals eine Illusion.

Wie haben die Frauen es aufgenommen, als Abdullah Öcalan dieses Thema aufbrachte? Wie haben sie reagiert?

Am Anfang konnte niemand etwas mit dieser Idee anfangen. Als Öcalan die Gründung einer Frauenarmee thematisierte, bereitete uns Frauen die Frage Sorge, wie wir uns gegen die Männer verteidigen könnten, falls sie auf uns losgehen sollten. Es bestand Angst und Sorge. Eine eigene Armee machte uns Angst, der Gedanke, uns selbst zu verwalten und eigenständig zu organisieren, machte uns Angst. Wir hatten Zweifel daran, dass wir uns selbst schützen können. Unter uns redeten wir heimlich über unsere Ängste. Wir fragten uns, was mit uns geschehen wird, was wir tun sollen und wer das Kommando geben wird, wenn wir auf uns gestellt sind. Diese Ängste hatten ihren Ursprung tief in der Geschichte.

Wie ging es dann weiter?

Es war nicht einfach, aber allen Befürchtungen zum Trotz wurde die Frauenarmee gegründet. Wir verdanken Abdullah Öcalan viel. Nach all den großen Ängsten zu Beginn fürchten wir jetzt nur noch, dass der Frauenarmee etwas zustoßen könnte. Wir arbeiten ständig daran, sie auszubauen und weiterzuentwickeln. Wir sind Frauen, die den Geschmack der Freiheit wahrgenommen habe, deshalb hat unsere Sorge jetzt ganz andere Dimensionen angenommen.

Die Frauenarmee ist innerhalb einer bereits bestehenden Guerillaarmee entstanden. Was hat die Autonomie von Frauen mit sich gebracht?

Diesen Widerspruch haben sowohl Frauen als auch Männer empfunden. Es gab bereits eine Armee, die für Freiheit, für die Befreiung von den Herrschenden kämpfte. Den Grundstein zu dieser Armee hatte der Vorsitzende gelegt und beide Geschlechter kämpften in ihr Schulter an Schulter. Sie kämpften für ein Volk, dem die Freiheit und das Recht auf Leben genommen worden war. Wofür brauchten wir dann innerhalb dieser Armee eine neue Armee, wozu sollte das gut sein? Natürlich gibt es in einer allgemeinen Armee bestimmte Probleme, auch wenn es in ihr Freiheit, Einheit und Demokratie gibt, aber damals war wir uns dessen nicht bewusst. Warum wird die Armee von Männern dominiert? Weil es eine Vergangenheit und eine Grundlage dafür gibt. Männer können kämpfen, Männer haben Selbstvertrauen. Innerhalb des Systems wissen Männer, wie sie sich schützen, sich organisieren und wie sie Krieg führen. Frauen lernen es gerade erst. Das gilt für alle Bereiche des Lebens, sowohl gedanklich als auch physisch. Wir lernten es durch die Praxis: indem wir es taten.

Natürlich traten dabei große Probleme auf. Unsere größte Sorge war, ob wir überhaupt verstanden hatten, was der Vorsitzende von uns wollte. Das hatten wir nicht, und das war unser größtes Problem. Die Umsetzung bereitete uns Schwierigkeiten. Wir kamen schließlich aus einem System, in dem wir versklavt waren. Bei der Interpretation von Befreiung und der Gründung einer Frauenarmee traten vor allem unsere reaktionären Seiten in den Vordergrund. Das galt nicht nur für die Frauen, sondern auch für die Männer. Die Männer, mit denen wir gemeinsam kämpften, hatten nicht wirklich verinnerlicht, was Demokratie bedeutet, und sich geistig und gedanklich befreit. Wenn der Vorsitzende einen Schritt setzte, um eine Entwicklung voranzutreiben, dauerte es immer mindestens ein Jahr, bis verstanden wurde, was er meinte. Er sagte trotzdem nie wie die klassischen revolutionären Organisagionen: ‚Zuerst wird das Land befreit und demokratisiert, und dann befreien wir die Frauen!‘ Das hätte nicht zu seiner Philosophie und seinem Verständnis von Freiheit gepasst. Bei jedem Schritt, den er setzte, wurde gleichzeitig etwas für die Frauenbefreiung getan. Das verlief immer parallel, und so ist es bis heute geblieben. Frauenbefreiung lässt sich nicht aufschieben. Und jetzt können Frauen sich selbst schützen. Dass Frauen heute nicht mehr vor dem Feind und seiner Denkweise kapitulieren, ist der Frauenarmee zu verdanken. Jede einzelne Frau, die gegen die herrschende Mentalität aufbegehrt, zeigt der gesamten Gesellschaft, dass man sich wehren kann und sich nicht beugen muss.

Wenn im Nahen Osten die Grundlagen für eine Frauenarmee gelegt werden, dann hat das Auswirkungen nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt. Und nicht nur auf die kurdischen Frauen. Schon jetzt haben in unseren Reihen nicht nur kurdische Frauen Platz, sondern auch Türkinnen und Turkmeninnen, Perserinnen, Araberinnen, Aramäerinnen und Frauen aus Europa.

Wir haben erlebt, dass in den Gegenden, wo wir die Frauen vom Islamischen Staat befreiten, sie den schwarzen Umhang wegwarfen und unsere Kämpferinnen umarmten.  Militärischen Einheiten aus Frauen zu begegnen, gibt ihnen enormes Vertrauen. Sie spüren, dass sie ihre Rücken an eine Frauensarmee anlehnen konnten, dass Frauen sich nicht mehr alleine fühlen müssen. Das erzeugt bei den Frauen des Mittleren Ostens ein neues Lebensgefühl.

Der Feind hat es gerade auf die Frauen abgesehen. Er versucht, unsere freiheitsliebenden Familien im Namen von Sitte und Tradition zu verunsichern, vor allem unsere Mütter: ‚Holt eure Töchter (aus den Bergen) zurück; wir machen ihnen garnichts!‘ Das ist die alte Unterdrücker-Mentalität; darauf dürfen unsere Familien nicht hereinfallen! Im Vergleich zu den 90er Jahren haben sich die Bedingungen in den Bergen Kurdistans verbessert: mit den Schulungen, mit der Technik, mit der Versorgung. Seit 40 Jahren hat uns der Feind nicht kleingekriegt. Und wir sind eine junge Bewegung, eine junge Partei, eine junge Armee. Jeden Tag beginnen wir von Neuem, mit neuer Zuversicht.

CNT schließt sich „Make Rojava green again“ an

Die in Spanien aktive anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT hat sich der Kampagne „Make Rojava Green again“ angeschlossen, die für eine Wiederaufforstung in Nordsyrien arbeitet.

ANF / REDAKTION, 24. Okt. 2018.

Die Confederación Nacional del Trabajo (CNT), eine Konföderation anarchosyndikalistischer Gewerkschaften in Spanien, hat sich der Kampagne „Make Rojava green again“ angeschlossen.

„Make Rojava green again“ ist eine Kampagne der Internationalistischen Kommune, die sich in internationaler Solidarität direkt vor Ort an der Revolution von Rojava beteiligt. Die Kampagne zielt auf die Zurückgewinnung der Ökologie und Wiederaufforstung Nordsyriens ab. Das syrische Regime hat in den letzten Jahrzehnten vor allem durch die Ölförderung schwere Umweltzerstörungen in Rojava begangen. Außerdem war es den Bewohner*innen der Region verboten, Bäume zu pflanzen und Gärten anzulegen. Damit sollte die Sicherung der eigenen Lebensgrundlage der mehrheitlich kurdischen Bevölkerung erschwert werden. Zu den Zielen der Kampagne gehören auch die Wiederaufbereitung von Wasser und alternative Energiegewinnung.

Die CNT hat vor einer Woche eine Kampagne eingeleitet, um in Solidarität Spendengelder für „Make Rojava green again“ zu sammeln. In einer Erklärung schreibt CNT, dass sie auf diese Weise ihre Unterstützung für eine der wichtigsten libertären Initiativen weltweit – das System des demokratischen Konföderalismus – leisten wolle, „in dem die Rolle der Frau und der Jugend eine Bedeutung hat, wie sie selten in der Geschichte gesehen wurde“.

Muttersprachlicher Unterricht an Schulen in Nordsyrien

Lehrer*innen und Schüler*innen im nordsyrischen Şedadê erzählen über den erfolgreichen Unterricht mit den neuen muttersprachlichen Schulbüchern.

ANF / HESEKÊ, 24. Okt. 2018.

Als sich die Region Şedadê (asch-Schaddadi) unter der Herrschaft des IS befand, gab es dort keine Schulen mehr. Schulen waren in Trainingslager oder Folter- und Hinrichtungsstätten des Islamischen Staat (IS) umgewandelt worden. Nachdem die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) den Kanton Hesekê vollständig vom IS befreit hatten, kehrte wieder Leben in die Region zurück. Nach der Befreiung wurden zivile Einrichtungen der autonomen Selbstverwaltung eröffnet. Insbesondere der Bildung maß die autonome Selbstverwaltung eine herausragende Bedeutung bei.

In diesem Sinne wurden von der autonomen Selbstverwaltung Bildungszentren zum Wiederaufbau der Schulen der Region eröffnet. Das erste Bildungszentrum wurde in der mehrheitlich von Arabern bewohnten Kreisstadt Şedadê eingerichtet. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler hat in der Region mittlerweile wieder 14.000 erreicht. Die Selbstverwaltung drängte darauf, dass Schulbücher auf Arabisch nötig seien, um den Kindern Unterricht in ihrer Muttersprache geben zu können. Daraufhin hat das Erziehungskomitee für eine Demokratische Gesellschaft (KPC-D) Schulbücher in den Sprachen der Menschen der Region drucken lassen.

Zuvor waren Beschuldigungen laut geworden, die autonome Selbstverwaltung habe Kurdisch zur einzigen Sprache an den Schulen gemacht und zwinge alle Völker der Region dazu, Kurdisch zu sprechen. Lehrer und Schüler nahmen zu diesen Behauptungen gegenüber der Nachrichtenagentur ANHA Stellung. Die Lehrer*innen bewerten den Bildungsgang positiv. Dass die Bücher ebenfalls auf Arabisch seien, stelle eine nach den Grundsätzen der Demokratischen Nation zwingende Notwendigkeit dar. Die Beschuldigungen, die erhoben werden, zielten allein darauf ab, die Menschen der Region gegeneinander aufzubringen und die Errungenschaften der autonomen Selbstverwaltung zu vernichten.

Ein Lehrer erklärte, dass die Bücher außerdem leicht verständlich sind und dazu beitragen, insbesondere Schüler*innen, die Lücken aufweisen oder ein anderes Lerntempo besitzen, zu unterstützen. Auch die Schülerinnen und Schüler stellten klar, dass sie in ihrer Muttersprache unterrichtet werden.

Jineoloji an den Schulen in Cizîrê

Das Bildungskomitee für eine Demokratische Gesellschaft hat die Frauenwissenschaft Jineoloji in den Lehrplan an den Schulen von Cizîrê aufgenommen.

ANF / QAMIŞLO, 25. Okt. 2018.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur ANHA hat das Bildungskomitees für eine Demokratische Gesellschaft (KPC-D) die Frauenwissenschaft Jineoloji an alle Schulen Cizîrê der Region gebracht. Der Jineoloji-Unterricht hatte in Efrîn bereits 2016 begonnen und wurde dann in Kobanê eingeführt. Da es in Cizîrê am meisten Schüler, aber zu wenige Lehrkräfte gab, konnte der Jineoloji-Unterricht dort nur mit Verzögerung eingeführt werden.

Viele neue Lehrerinnen eingesetzt

Das Bildungskomitee hat viele neue Lehrerinnen für den Einsatz im Jineoloji-Unterricht an den Schulen im Kanton Cizîrê ausgebildet. Viele kurdisch- und arabischsprachige Lehrerinnen haben im Jahr 2018 eine Fortbildung in Jineoloji abgeschlossen und zunächst mit dem Unterricht in der ersten Klasse begonnen. Das Komitee bereitet gerade mit Unterstützung der Jineoloji-Akademie ein Lehrbuch und Unterrichtsmaterialien auf Aramäisch für den Druck vor.

„Wir wollen eine freie Generation schaffen“

Nûpel Izedîn Ehmed von KPC-D-Jin erzählt, dass vor der Entscheidung zur Einführung des Jineoloji-Unterrichts damit begonnen wurde, das Thema der Bevölkerung zu vermitteln. Der Unterricht ziele darauf ab, auf der Grundlage eines gemeinsamen Lebens eine freie Generation auf ethischen Grundsätzen heranwachsen zu lassen. Sie fährt fort: „Eine freie Gesellschaft kann nicht mit einem herrschenden Mann und einer versklavten Frau aufgebaut werden. Die Jineoloji hebt dieses Problem auf und überwindet das Chaos in der Gesellschaft.“

Bildung auch auf Aramäisch

Şîlan Mihemed von der Jineoloji-Akademie sagt: „Jineoloji wird jetzt auf Arabisch und Kurdisch unterrichtet. Wir arbeiten daran, den Unterricht auch auf Aramäisch aufzunehmen.“ Nach Angaben von Lava Berko von der Akademie steigt mit dem zunehmenden Bewusstsein über die Geschlechterrollen in der Geschichte auch die Anzahl der Schülerinnen.

Schülerinnen: Wir haben die wahre Geschichte der Frauen gelernt

Eine der Schülerinnen ist Ayenda Hiso. Sie erzählt, dass sie den Jineoloji-Unterricht besucht, weil sie die Frauengeschichte erforschen will. Diese Wissenschaft müsse an breitere Kreise weitergegeben werden, findet sie. Die Schülerin Loranda Xelîl sagt, sie habe die wahre Frauengeschichte durch die Jineoloji gelernt.

Die Lehrerin Muhdiyê Mihemed sagt, dass auch viele Männer ein großes Interesse an der Jineoloji hätten und mit der patriarchalen Mentalität brechen wollten. Der Schüler Şiyar Hiso hält es für notwendig, dass alle gesellschaftlichen Kreise eine Ausbildung in dieser Wissenschaft erfahren.

Jaish al-Thuwar: Milizen werden aus Idlib nach Efrîn gebracht

Ahmet Sultan, stellvertretender Generalkommandant von Jaish al-Thuwar, berichtet, der türkische Staat habe einige seiner Milizen aus Idlib nach Efrîn abgezogen. Weitere Verlegungen seien zu erwarten.

BÊRÎTAN SARYA / MINBIC, 20. Okt. 2018.

Ahmed Sultan ist stellvertretender Generalkommandant der zu den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) gehörigen Gruppe Jaish al-Thuwar (Armee der Revolutionäre). Er ist davon überzeugt, dass sich der türkische Staat in Efrîn und Şehba dauerhaft einrichten möchte und die Frist für den Abzug der Milizen aus der Pufferzone um Idlib verlängert wird.

Im ANF-Interview äußerte sich Ahmet Sultan zu den aktuellen Entwicklungen in Idlib, Efrîn und Minbic.

War Idlib von Anfang an ein Zentrum der Dschihadisten?

Nein. Im Jahr 2011 begannen die Volksaufstände in Syrien zunächst in Dara, dann in Idlib. Die Revolutionäre und die Bevölkerung, die sich 2011 erhob, hatten ehrliche Absichten. Frauen, Kinder, Junge und Alte, die gesamte Bevölkerung ging auf die Straße. Mit Beginn der Revolution in Syrien errang die FSA 70 Prozent Syriens. Die FSA war damals eine revolutionäre Kraft. Bis dann mit Hilfe der Türkei die islamistischen Kräfte auf der Bühne erschienen.

Die Türkei hat Mitte 2012 dschihadistische Gruppen aufgebaut. Mit ihrem Erscheinen kam die Revolution von ihrem Weg ab. Dann kamen die Al-Qaida-Gruppen nach Idlib. 2013 tauchte der IS in Syrien auf, 2014 drang er in Idlib ein. Die revolutionären Kräfte von Idlib bekämpften den IS und begannen mit einer zweiten Revolution. Sie vertrieben den IS innerhalb von sieben Tagen aus Idlib. Wir haben uns also gegen den IS gestellt und ihn zurückgedrängt.

Wie verwandelte sich Idlib dann von einer revolutionären Hochburg in eine von den Dschihadisten beherrschte Region?

Wir, also die Revolutionäre von Idlib und die Bevölkerung, haben mit reinen Absichten begonnen. Aber durch den Einfluss des türkischen Staates wurde die revolutionäre Haltung in der Gesellschaft in eine islamistische Richtung gelenkt. Da die revolutionären Kräfte diese Korruption der Revolution nicht hinnahmen, haben al-Nusra und anderen Gruppen ihnen den Krieg erklärt. Die FSA-Gruppen, die zuvor mit uns gemeinsam agiert haben, wurden nach dem Verrat bestimmter Personen ebenfalls ein Teil davon. Dieser Krieg fand auf Wunsch der Türkei und Katars statt. Sie zwangen uns, Idlib zu verlassen. Der IS und al-Nusra haben unsere Panzer, unsere Waffen, unsere Häuser, unser Geld, unseren persönlichen Besitz, also alles, was wir hatten, an sich genommen. Wir kamen nur mit unserem Leben davon.

Danach wurde von der Türkei unter Führung von al-Nusra das Bündnis Fatah al-Sham gegründet. Im Frühling 2015 entrissen sie dem Regime die Kontrolle über die ganze Region Idlib. Die Bevölkerung wurde extrem unterdrückt. Als Russland in Syrien eingriff, bombardierten das Regime und Russland Idlib aus der Luft. Die Zivilbevölkerung litt sehr unter diesen Angriffen. In Idlib sammelten sich die Kräfte von überall her. Sowohl ihre Grausamkeit gegenüber der Bevölkerung als auch die Luftangriffe des Regimes und Russlands verursachten großes Leid in der Zivilbevölkerung.

Um das zwischen der Türkei und Russland bestehende Idlib-Problem zu lösen, wurde in Sotschi ein Abkommen geschlossen. Die im Abkommen genannte Frist zum Abzug der Milizen aus der vereinbarten Pufferzone ist am 15. Oktober abgelaufen. Wurde das Ultimatum umgesetzt?

In Sotschi wurde ein Abkommen über eine demilitarisierte Zone geschlossen. Russland und die Türkei haben sich auf bestimmte Punkte geeinigt. So konnte das syrische Regime in Ghouta und Dara wieder die Kontrolle erlangen. Das Abkommen von Sotschi ist nicht im Interesse der Bevölkerung, sondern für den Vorteil des Assad-Regimes geschlossen worden. Dem Abkommen entsprechend sollen alle schweren Waffen aus einem 20 Kilometer breiten Streifen abgezogen werden.

Das Abkommen wurde jedoch nicht wie vereinbart umgesetzt. Die türkeitreuen Gruppen haben das Abkommen zwar akzeptiert, sich aber real nicht bewegt. Der 15. Oktober, die Deadline zum Rückzug der schweren Waffen aus der Region, ist verstrichen. Aber die Waffen wurden nicht abgezogen. Hayat Tahrir al-Sham (HTS) hat sogar erklärt, das Sotschi-Abkommen und den Abzug der Waffen nicht zu akzeptieren. Einige Al-Qaida-Gruppen haben sich zusammengeschlossen und ein Operationszentrum gegründet. Auch sie haben das Abkommen nicht akzeptiert.

Was wird also in den nächsten Tagen in Idlib passieren?

Es sieht so aus, als ob die Frist verlängert wird. Das Regime scheint nicht über die Kraft zu verfügen, jetzt eine Operation gegen die Al-Qaida-Kräfte durchzuführen. Auch die politischen Machtverhältnisse sehen nicht danach aus. Hinter den Kulissen bewegt sich einiges im Geheimen. Wir wissen jedoch, dass die Staaten, die Sotschi unterstützen, also insbesondere die Türkei, Russland und der Iran, die FSA-Gruppen zu überzeugen versuchen und das Verhältnis zwischen ihnen und dem syrischen Regime zu verbessern. In der nächsten Zeit könnten sich alle Kräfte, die Sotschi nicht unterstützen, vereinen und gegen die jeweils anderen kämpfen. Meiner Meinung nach werden die radikal-islamischen Milizen so agieren, wenn es zum Krieg kommt und sie in die Ecke gedrängt werden.

Zunächst kann es zu einem Krieg zwischen HTS und der „Nationalen Befreiungsfront“ kommen. Die Nationale Befreiungsfront ist direkt an die Türkei angebunden und war die erste Gruppe, die Sotschi akzeptiert hat. Wenn es zu diesem Krieg kommt, wird der türkische Staat die Situation beobachten und manche islamistischen Gruppen unterstützen. Vielleicht werden auch einige Gruppen überredet, sich in Regionen wie Efrîn oder Şehba zurückzuziehen. Diese Möglichkeit besteht ebenfalls.

In der letzten Zeit sind hochrangige HTS-Kommandanten in Idlib ermordet worden. Niemand bekennt sich dazu. Was passiert da Ihrer Meinung nach?

Ja, es werden täglich mindestens drei Kommandanten umgebracht, manchmal sind es auch zehn. Die Mehrheit dieser Attentate wird verheimlicht. Es geht dabei nicht nur um HTS oder al-Nusra, die Kommandanten der übrigen dschihadistischen Gruppen werden ebenfalls ermordet. Soweit wir das beurteilen können, handelt es sich bei den HTS-Kommandanten und den Kommandanten der anderen Gruppen um Personen, die sich gegen Sotschi gestellt haben. Deswegen werden sie ermordet. Dahinter steht hauptsächlich die Türkei.

Als Jaish al-Thuwar haben Sie am Widerstand von Efrîn teilgenommen und gegen den türkischen Besatzerstaat gekämpft. In Ihrer Bewertung der möglichen Entwicklungen in Idlib haben Sie gesagt, die dortigen Milizen könnten dazu überredet werden, nach Efrîn zu gehen. Wurden schon zuvor Milizen aus Idlib nach Efrîn abgezogen?

Als wir durch das Komplott mit dem türkischen Staat mit Gewalt aus Idlib vertrieben wurden, sind einige Gruppen in die Türkei gegangen. Wir haben es nicht getan, denn wir kennen die Realität der Türkei. Stattdessen sind wir damals nach Efrîn gegangen und haben uns dort reorganisiert. Wir haben als eine der Hauptkräfte an der Befreiung einiger Gebiete in Şehba aus den Händen des IS teilgenommen und ungefähr 75 Dörfer befreit. In dieser Zeit hat der türkische Staat uns angegriffen, um den IS zu schützen. Deswegen konnten wir nicht alle Gebiete in Şehba befreien.

In Efrîn und den befreiten Gebieten herrschte ein demokratisches Leben. Die Völker lebten friedlich zusammen. Es gab hunderttausende Schutzsuchende. Der türkische Staat hatte sich die Besetzung der Region in den Kopf gesetzt und Efrîn angegriffen. Wir als Jaish al-Thuwar haben gemeinsam mit den anderen Kräften der QSD Schulter an Schulter gegen die grausame Invasion der Türkei in Efrîn Widerstand geleistet. Wir hatten dort Gefallene. Der türkische Staat hat bei diesem Angriff alle möglichen Regeln des Menschen- und des Kriegsrechts gebrochen. Eine gezielte demografische Veränderung wurde zunächst in Ghouta vollzogen, jetzt werden diese Grausamkeiten in Efrîn umgesetzt.

Wir stehen in ständigem Kontakt mit Idlib. Nach uns vorliegenden Informationen hat der türkische Staat mehrere HTS-Gruppen und auch einen Teil der dschihadistischen Islamischen Partei Turkestans (TIP) nach Efrîn gebracht. Jetzt versucht er, die anderen Gruppen ebenfalls davon zu überzeugen, in Gebiete wie Efrîn oder Şehba zu gehen. Der türkische Staat will dauerhaft in Efrîn und Şehba bleiben. Wenn er es schafft, will er auch Idlib behalten. Ich lade die UN, die EU und alle Menschenrechtsorganisationen dazu ein, das Geschehen in Efrîn zu untersuchen.

Im Moment nehmen Sie als Jaish al-Thuwar an der Verteidigung von Minbic teil. Wie bewerten Sie die Drohungen des türkischen Staates gegen die Stadt?

Wir sind eine syrische Kraft, die aus Kämpfern vor allem aus Idlib, Hama und Homs besteht. Wir haben in Idlib, Şehba, Tishrin und Raqqa gegen den IS gekämpft. Wir waren Teil der Verteidigung von Efrîn. Nach der Besatzung von Efrîn sind wir als revolutionäre Kräfte nach Minbic gegangen. Wir sind nun Teil der Verteidigung von Minbic.

Der türkische Staat führt einen Spezialkrieg gegen die Gesellschaft Nordsyriens und die Einwohner von Minbic. Ein Einmarsch der FSA und der türkischen Armee in Minbic ist jedoch unmöglich.

Der Krieg in Syrien dauert nun schon acht Jahre. Die Bevölkerung Syriens ist sehr müde. Sie hat den Tod, die Zerstörung und den Krieg satt. Wir rufen alle politischen Institutionen und Kreise auf, wir müssen auf alle Gruppen Druck ausüben und Lösungen im Interesse der Völker Syriens finden. Die Bevölkerung will Sicherheit und ein Ende des Krieges. Sie hat mit dem Blut ihrer Kinder die Rechnung für diesen Krieg bezahlt. Es kann keine militärische Lösung geben, sondern nur eine politische. Jedes Bevölkerungsgruppe soll an diesem Lösungsprozess teilhaben.

Kooperative Ökonomie in Nordsyrien

Zur Organisierung der regionalen Ökonomie und um Arbeitsplätze zu schaffen, baut die Bevölkerung in Nordsyrien und Rojava eine kooperative Ökonomie auf.

ANF / SERÊKANIYÊ, 23. Okt. 2018.

Ein wichtiger Bestandteil der Ökonomie im Modell der Demokratischen Autonomie sind Kooperativen. In Rojava und Nordsyrien wird einerseits zur Entwicklung der gesellschaftlichen Ökonomie und andererseits mit dem Ziel, der Bevölkerung ein Auskommen zu schaffen und die gesellschaftlichen Unterschiede zu reduzieren, dem Modell der Kooperative eine große Bedeutung beigemessen. In den Kooperativen arbeiten alle gemeinsam und die Produkte werden auf gleiche Weise unter den Mitarbeiter*innen verteilt. Die Kooperativen sorgen für Respekt für die kollektive Arbeit und für die Entwicklung eines demokratischen gesellschaftlichen Dialogs. Der Aufbau des Kooperativsystems begann in Rojava und Nordsyrien im Jahr 2014 mit der Revolution von Rojava. Im Moment gibt es mehrere hundert Kooperativen in der Region. Eine der Regionen, in denen das System der demokratischen Ökonomie am stärksten ausgeprägt ist, ist Serêkaniyê.

Fadil Bozan aus der Leitung des Hauses der Kooperativen von Serêkaniyê erklärt, dass die Kooperativen für ein kommunales und demokratisches Leben organisiert werden: „Wir führen Versammlungen mit der Bevölkerung durch, um die Bedeutung der Kooperativen zu vermitteln. Die von der Bevölkerung vorgeschlagenen Projekte leiten wir dann an die verantwortlichen Stellen weiter.“

„Die Kooperativen geben allen Arbeit“

Bozan fährt fort: „In der individuellen Ökonomie gehört der Profit einer Person und nicht der Gesellschaft. Wer im kapitalistischen System arbeitet, wird nicht als Mitglied der Gesellschaft, sondern als Sklave angesehen. Im Gegensatz dazu geben die Kooperativen jedem Arbeit und haben Respekt vor der Arbeit des anderen.“ Bozan berichtet von 15 Kooperativen in Serêkaniyê und sagt: „Unsere Bevölkerung hat jahrelang im System der individuellen Ökonomie gearbeitet und sich daher noch nicht an das kooperative System gewöhnt. Man verhält sich den Kooperativen gegenüber auf die gleiche Weise. Es ist notwendig, ein entsprechendes Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen. Wir müssen das kooperative System in der Bevölkerung bekanntmachen.“