Stimmen aus Idlib: »Das hier war unser Zufluchtsort«

Seit drei Wochen greifen Russland und das Assad-Regime Idlib an. Wir dokumentieren die Stimmen unserer Partner vor Ort.

Luftangriffe auf Khan Sheikhoun, den Ort des Giftgasmassakers von 2017.

Die Bombardements nehmen kein Ende. Seit über drei Wochen fliegen das Assad-Regime und Russland Luftangriffe auf Idlib. Der Fortschritt ihrer Bodentruppen hält sich derweil noch in Grenzen, doch langsam aber stetig rücken sie in die „Deeskalationszone“ vor. 2,5 Millionen Menschen sind in Gefahr.

Die Zahl der Vertriebenen ist von den Vereinten Nationen schon vor fünf Tagen auf mindestens 180.000 beziffert worden. Seitdem dürften Zehntausende hinzugekommen sein. Die Zahl der Toten wird auf etwa 300 geschätzt, mittlerweile wurden 18 medizinische Einrichtungen angegriffen.

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Was passiert gerade in Idlib? Wie ist das Verhältnis von Zivilisten und Extremisten? Die Situation in Idlib, kurz erklärt.

Aktuell unterstützt Adopt a Revolution sieben zivilgesellschaftliche Projekte in der Region Idlib, darunter drei Frauenzentren, ein Theaterprojekt und andere Projekte zur Stärkung der lokalen Zivilgesellschaft. Hier berichten ProjektpartnerInnen von vor Ort:

Kafranbel: Gefechte sind nah

Suad, ein Aktivist aus Kafranbel, erzählt:

Wir sind nach wie vor in Kafranbel, aber die Situation ist beängstigend. Gestern zum Beispiel haben Bomben ganz in der Nähe meines Hauses eingeschlagen. Etwa ein Viertel der Bewohner unserer Stadt sind bereits Richtung Grenze geflüchtet. So viele von ihnen, sind schon einmal vertrieben worden: Aus allen Landesteilen haben Menschen hier in Kafranbel Zuflucht gefunden.

Die Gefechte sind nah. Vor einem Vorrücken der Bodentruppen des Regimes haben die Menschen am meisten Angst. Sie wissen, was folgt, wenn die Stadt eingenommen wird: Verhaftungen, Plünderungen, Razzien.

Idlib Stadt: Banges Warten

Die Frauenrechtlerin Huda überlebte die Schlacht um Ost-Ghouta 2018. Doch sie verlor ihren Bruder und Mitstreiterinnen. Trotz des Traumas entschloss sie sich damals, nicht mit Unterstützung von Adopt a Revolution nach Europa zu gehen, sondern in Idlib mit ihrer Arbeit weiterzumachen:

Bei uns in Idlib-Stadt ist die Situation bisher ruhig, die Angriffe treffen bisher nur Gebiete weiter südlich. Viele hier denken, dass die Stadt nicht vom Regime erobert wird und fühlen sich sicher. Aber ich habe eine andere Perspektive. Denn ich wurde bereits aus Ost-Ghouta hierher vertrieben. Schon damals dachten wir, dass die Welt nicht noch ein Massaker zulassen würde. Aber wir hatten uns getäuscht. Deshalb fürchte ich, dass die Assad-Armee mit russischer Hilfe schrittweise auch Idlib einnehmen wird. Ich werde dann so schnell wie möglich ins Ausland fliehen, denn ein zweites Ost-Ghouta stehe ich nicht durch. Aber bis dahin setzte ich meine Arbeit in unserem Frauenzentrum fort, solange es geht will ich für Frauenrechte streiten!

Idlib war der letzte Zufluchtsort für uns, eine Rückkehr unter die Kontrolle Assads ist völlig ausgeschlossen. Ich habe nach meiner Vertreibung aus Ghouta versucht, über einen Anwalt in Damaskus meinen Pass verlängern zu lassen – dabei ist herausgekommen, dass ich offiziell geheimdienstlich gesucht werde wegen meiner Arbeit im Frauenzentrum. Dass bedeutet Haft, eventuell Folter und Tod.

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„Pufferzone“: Flucht vor den Bomben

Unser Partner Abo Ibrahim ist mittlerweile wegen der Bomben des Assad-Regimes aus seinem Heimatort in der Idlib umschließenden Pufferzone geflohen. Diesen Bericht hat er uns als Sprachnachricht geschickt:

Unser Dorf ist schon seit April unter Beschuss, im Mai begann dann die Eskalation, auf einmal kamen russische Flugzeuge, die alle Orte bombardiert haben, die ihnen irgendwie verdächtig waren, mal einen Berg, mal ein kleines Gehöft. Dann begangen sie auch Straßen zu beschießen, das hat mehr zivile Opfer gefordert. Auf einmal benutzen sie dann auch Streubomben. Es wurden immer mehr russische Angriffe. Es gab keine militärische Präsenz der Opposition in der Gegend. Die Menschen wandten sich auch gegen die Präsenz bewaffneter Gruppen hier in der Pufferzone, weil sie fürchteten, ein Verstoß gegen as Waffenstillstandsabkommen würen dem Regime nur einen Vorwand liefern, die Gegend zu beschießen. Daher waren wir erstaunt über die Heftigkeit der Angriffe.

Bald sah man mehrere russische Flugzeuge auf einmal in der Luft, die zusammen sehr intensive Angriffe ausführten, sodass unsere Häuser bebten. Wir verloren die Hoffnung, dass das nur etwas vorübergehendes sei. Seit vorletztem Freitag gab es Beschuss aus Hubschraubern. Das kannte wir ja schon aus den vorherigen Jahren, aber nicht in dieser Intensität. Sie haben die ganze Nacht und den ganzen Tag durchgebombt mit Fassbomben, die um uns herum mindestens zehn Gebäude zerstört haben. Neben den Häusern haben die Leute auch ihr Vieh verloren, das bei den Angriffen starb. Die Angst, die man bekommt, wenn sich so ein Hubschrauber nähert, ist unglaublich.

Das ist auch der Grund, warum die Menschen hier dann sogar aufs offene Feld geflohen sind. Als es dann so weit war, dass alle 15 Minuten bombardiert wurde und sieben Bomben auf einmal abgeworfen wurden, beschloss meine Frau, dass wir gehen müssen. Wir sind dann am Freitag, den 3. Mai 2019 aus unserem Dorf geflohen, nachdem wir einen Tag vorher meinen Freund beerdigt hatten – einen Lehrer aus Maarat al-Numan, der an seinen durch Raketensplitter verursachen Wunden gestorben ist.

Während unserer Flucht waren die ganze Zeit Hubschrauber über uns. Jedes Mal, wenn wir ein neues Dorf erreichten, waren wir erleichtert, überlebt zu haben, bis wir dann endlich in unserer Zwischenstation in Maarat al-Numan angekommen sind. Die Straßen von dort bis Sarmada, wo wir jetzt ausharren, sind voller Autos, die Menschen mit ihrem Besitz – oder auch ohne irgendwas – transportieren.

Wir sind nun in einem Rohbau mit drei anderen Familien in Sarmada. Es gibt weder Fenster noch Türen. Wir haben einen Teppich vor die Öffnung in der Wand gehängt. Ein Zelt konnten wir uns nicht leisten, das kostet 100 Dollar. Mein Vater und meine Geschwister haben noch keinen Weg aus unserem Dorf herausgefunden aufgrund der intensiven Bombardierung. Wenn wir mit ihnen reden, sagen sie immer, dass der Himmel sich nicht klärt.

Das gesamte zivile Leben ist tot: es gibt keine Lebensmittelläden, Brotläden, Heizöl oder Treibstoff. Das gleicht der Situation einer Belagerung. Eine Familie, die erst vor einigen Monaten zu uns gezogen ist und die zuvor aus Homs geflohen war, liegt nun unter den Trümmern ihres Hauses.

Unsere 60-jährige Nachbarin, die sich um ihren blinden Mann kümmert, wurde ebenfalls in ihrem Haus von einer russischen Rakete getroffen. Mehr als 80 Häuser sind in unserem Dorf komplett oder teilweise zerstört.

Die Herrschaft der HTS-Miliz

Ein weiterer Aktivist berichtet uns vom Vorgehen Hai’at Tahrir al-Shams (HTS). Die aus al-Qaida hervorgegangenen Miliz ist die wichtigste bewaffnete Fraktion in Idlib:

„HTS hat unsere Stadt im Januar dieses Jahres eingenommen. Die lokalen Rebellen wurden nach Afrin verbannt, an Stelle des alten Lokalen Rates wurde ein neuer installiert, der völlig von HTS kontrolliert wird. Die meisten Organisationen haben dann ihre Hilfe für die Zivilisten hier eingestellt. Es war ausgemacht worden, dass keiner der Stadtbewohner aus politischen Gründen verfolgt oder vor Gericht gestellt wird. Allerdings hat sich HTS nicht daran gehalten und über 20 Jugendliche vorgeladen. Einige davon haben versucht zu fliehen, andere wurden geschnappt. Sie berichteten uns später von Folter. Nachts patrouilliert HTS in den Straßen, es besteht eine Ausgangssperre.

Als dann vor drei Wochen die Militäroffensive des syrischen Regimes begann und über 150.000 Menschen flohen, da stellte HTS den Menschen überhaupt keine Unterstützung zur Verfügung um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden. Sie zwangen lediglich lokale humanitäre Akteure dazu, in ihrem Namen Nahrungsmittelpakete zu verteilen. Gleichzeitig mit dem Angriff des Regimes kreierte HTS ein Zakat-Komitee, welches sehr intransparent, die Menschen zu neuen Steuerabgaben an HTS zwingt. [Anm.: Der Zakat sind eigentlich Almosen, die Muslime an Bedürftige abtreten]. Wir wissen weder wie genau sie das alles berechnen, noch wie diese Mittel dann den Armen zu Gute kommen sollen.

Abseits davon sind die Kosten auf dem Markt stark gestiegen. Das liegt auch an HTS: Sie nehmen an jedem Checkpoint Schutzgeld von den Händlern. Wenn die Waren dann in die Städte gebracht werden, dann müssen sie noch zusätzlich eine Einfuhrsteuer auf den erwarteten Gewinn bezahlen.

Es ist nicht das erste Mal, dass HTS befreiten Boden an das Regime preisgibt, während es an seiner Macht festhält und Geld von der Bevölkerung erpresst. Das gleiche war Anfang 2018 der Fall im Umland von Aleppo. Die Menschen hier in der Gegend sind mit ihrem Schicksal völlig auf sich allein gestellt.