Idlib: Russische Streubomben, syrische Faßbomben

Unser Partner Abo Ibrahim ist vor wenigen Tagen aus seinem Heimatdorf in #Idlib vor den Bomben des Assad-Regimes und seiner russischen Alliierten geflohen. Der Rohbau hier ist sein aktueller Unterschlupf und das hier ist sein Bericht, den er uns gestern per Voice Message geschickt hat:

„Unser Dorf ist schon seit April unter Beschuss, im Mai begann dann die Eskalation, auf einmal kamen russische Flugzeuge, die alle Orte bombardiert haben, die ihnen irgendwie verdächtig waren, mal einen Berg, mal ein kleines Gehöft. Dann begangen sie auch Straßen zu beschießen, das hat mehr zivile Opfer gefordert. Auf einmal benutzen sie dann auch Streubomben. Es wurden immer mehr russische Angriffe.

Es gab keine militärische Präsenz der Opposition in der Gegend. Die Menschen wandten sich auch gegen die Präsenz bewaffneter Gruppen hier in der Pufferzone, weil sie fürchteten, ein Verstoß gegen as Waffenstillstandsabkommen würen dem Regime nur einen Vorwand liefern, die Gegend zu beschießen. Daher waren wir erstaunt über die Heftigkeit der Angriffe.

Bald sah man mehrere russische Flugzeuge auf einmal in der Luft, die zusammen sehr intensive Angriffe ausführten, sodass unsere Häuser bebten. Wir verloren die Hoffnung, dass das nur etwas vorrübergehendes sei.

Irgendwann wurden wir nachts mit einem 40er- Raketenwerfer beschossen. Das ist eine Waffe, die in einem Moment 40 Raketen auf einmal abschießt. Das war eine schreckliche Nacht, das ist kaum zu beschreiben. Um zu fliehen, brauchen die Menschen Licht, aber jedes Licht wurde sofort beschossen. Zwischen jedem Angriff lagen 30 Minuten. Das reicht nicht, um zu fliehen.

Seit vorletztem Freitag gab es Beschuss aus Hubschraubern. Das kannte wir ja schon aus den vorherigen Jahren, aber nicht in dieser Intensität. Sie haben die ganze Nacht und den ganzen Tag durchgebombt mit Fassbomben, die um uns herum mindestens zehn Gebäude zerstört haben. Neben den Häusern haben die Leute auch ihr Vieh verloren, das bei den Angriffen starb. Die Angst, die man bekommt, wenn sich so ein Hubschrauber nährt, ist unglaublich.

Das ist auch der Grund, warum die Menschen hier dann sogar aufs offene Feld geflohen sind. Als es dann so weit war, dass alle 15 Minuten bombardiert wurde und sieben Bomben auf einmal abgeworfen wurden, beschloss meine Frau, dass wir gehen müssen. Wir sind dann am Freitag, den 3. Mai 2019 aus unserem Dorf geflohen, nachdem wir einen Tag vorher meinen Freund beerdigt hatten – einen Lehrer aus Maarat an-Numan, der an seinen durch Raketensplitter verursachen Wunden gestorben ist.

Während unserer Flucht waren die ganze Zeit Hubschrauber über uns. Jedes Mal, wenn wir ein neues Dorf erreichten, waren wir erleichtert, überlebt zu haben, bis wir dann endlich in unserer Zwischenstation in Maarat An-Numan angekommen sind. Die Straßen von Maarat An Numan bis Sarmada, wo wir jetzt ausharren, sind voller Autos, die Menschen mit ihrem Besitz – oder auch ohne irgendwas – transportieren.

Wir sind nun in einem Rohbau mit drei anderen Familien in Sarmada. Es gibt weder Fenster noch Türen. Wir haben einen Teppich vor die Öffnung in der Wand gehängt. Ein Zelt konnten wir uns nicht leisten, das kostet 100 Dollar.

Mein Vater und meine Geschwister haben noch keinen Weg aus unserem Dorf herausgefunden aufgrund der intensiven Bombardierung. Wenn wir mit ihnen reden, sagen sie immer, dass der Himmel sich nicht klärt.

Das gesamte zivile Leben ist tot: es gibt keine Lebensmittelläden, Brotläden, Heizöl oder Treibstoff. Das gleicht der Situation einer Belagerung. Eine Familie, die erst vor einigen Monaten zu uns gezogen war und die zuvor aus Homs geflohen war, liegt nun unter den Trümmern ihres Hauses.

Unsere 60-jährige Nachbarin, die sich um ihren blinden Mann kümmert, wurde ebenfalls in ihrem Haus von einer russischen Rakete getroffen. Mehr als 80 Häuser sind in unserem Dorf komplett oder teilweise zerstört.“

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