Gefangene Islamisten wollen in die Türkei

Tausende Islamisten sind von den QSD gefangengenommen worden. Im Falle ihrer Freilassung wollen sie in die Türkei gehen: „Im schlimmsten Fall kommen wir für sechs Monate ins Gefängnis, danach können wir ganz normal weiterleben.“

ANF / TABQA, 31. März 2019.

Etwa 5000 männliche Islamisten befinden sich in Nordsyrien in Gefangenschaft der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), die den IS unter hohen Opfern besiegt haben. Die in Rojava ansässige Nachrichtenagentur ANHA hat vier der IS-Gefangenen interviewt. Die Männer stammen aus Dagestan, Russland und Tschetschenien und würden am liebsten in die Türkei gehen. „Dort fühlen wir uns sicher“, sagen sie.

Ataief Khorman Ali hat sich dem IS 2015 aus der Kaukasusrepublik Dagestan angeschlossen. Auf die Frage, was er tun würde, wenn er freigelassen wird, antwortet er: „Am besten wäre es, in die Türkei zu gehen. Die Türkei ist sicherer. Dort würden wir höchstens sechs Monate im Gefängnis bleiben müssen.“

Die Türkei hat seit Beginn des Syrien-Krieges als Transitland für Dschihadisten gedient. Islamisten aus aller Welt sind über die Türkei nach Syrien eingereist, so auch der Gefangene aus Dagestan: „Ich bin aus Dagestan nach Istanbul gereist und von dort aus weiter nach Syrien“, sagt er.

Der Russe Mohammed al-Khanushi bezeichnet die Türkei als sicheren Ort für IS-Mitglieder, die aus Syrien flüchten: „Die Türkei liefert uns nicht an Russland aus, deshalb ist es ein guter Ort. Im schlimmsten Fall kommen wir für ein Jahr in der Türkei ins Gefängnis, danach können wir ganz normal weiterleben.“

Die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien hat diverse Male die Herkunftsländer der Dschihadisten dazu aufgerufen, ihre Staatsbürger zurückzunehmen. Niemand will die IS-Mitglieder haben, für Nordsyrien stellen die Tausenden Gefangenen eine untragbare Belastung und Bedrohung dar.

„Wir bekommen die türkische Staatsbürgerschaft“

Ein Islamist mit dem Namen Awaro Silemano (Abu al-Bara) träumt von einer baldigen Freilassung und geht davon aus, dass er die türkische Staatsbürgerschaft erhält: „In der Türkei würden wir höchstens ein Jahr im Gefängnis sein. Nach der Einbürgerung können wir ganz normal weiterleben. Ich habe Freunde, die in der Türkei verhaftet worden sind. Sie waren eine Zeitlang im Gefängnis und sind danach ins normale Leben zurückgekehrt.“

Auch der Tschetschene Maghomadov Mansur ist über die Türkei nach Syrien gekommen: „Der Grenzübergang verlief problemlos“, bestätigt er.

Theater in Idlib: »Wir zeigen, was Gefangenschaft bedeutet«

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»Wir zeigen, was Gefangenschaft bedeutet«

Unser Partner Rami A. hat in Idlib eine kleine Theater-Gruppe gegründet. Ihr erstes Stück hätte eigentlich gerade Premiere feiern sollen, doch dann kamen Luftangriffe dazwischen. Ein Interview über Theater, Dschihadismus und die Bombardierungen auf Idlib.

Rami ist ausgebildeter Informatiker. Aber schon seit seiner Kindheit spielt er leidenschaftlich Theater. Schon 2013 inszenierte er ein politisches Theaterstück in Idlib, das damals noch vom Assad-Regime kontrolliert wurde. Rami wurde von der Bühne weg verhaftet und blieb drei Monate eingesperrt. 

Nun versucht er erneut Theater in Idlib zu machen: Unter anderen Vorzeichen, denn heute wird die Stadt von Islamisten kontrolliert. In ihrem ersten Stück geht es um das Schicksal der politischen Gefangenen. Nicht wenige der Teilnehmer saßen selbst einmal hinter Gittern oder haben Angehörige, die in Haft verschwanden. Wir sprachen mit Rami über sein von Adopt a Revolution gefördertes Projekt.

+++ Nachtrag 25.3.: Mittlerweile konnte die Premiere stattfinden – nach fast sechs Jahren ist es Rami endlich gelungen, eines seiner Theaterstücke in Idlib zur Aufführung zu bringen. +++

Wir haben gehört, dass Eure Premiere aufgrund von Luftangriffen verschoben werden musste. Viele befürchten, dass es bald zur Offensive auf Idlib kommen könnte…

Ich denke nicht, dass die große Offensive auf Idlib bevorsteht. Ja, die jüngsten Angriffe waren sehr schlimm aber dennoch ist das kein Auftakt zu etwas Größerem. Russland und die Türkei sind permanent in Verhandlungen und wenn Moskau Druck auf Ankara ausüben will, bombardiert es in Idlib. Das ist alles. Die Situation mag ausweglos sein, aber der finale Angriff kommt so schnell nicht.

Worum geht es in eurem Stück?

Es geht um politische Gefangene. Es gibt vier Hauptprotagonisten und mehrere Statisten. Zwei von ihnen sitzen schon sehr lange im Gefängnis, einer kommt neu dazu und einer ist bereits tot. Um ihre Ängste und Erinnerungen dreht sich alles.

Was hofft ihr damit zu erreichen?

Es geht darum, den Zahlen ein Gesicht zu geben. Auch in Idlib fällt es vielen, die nicht selbst betroffen sind oder betroffene Angehörige haben, schwer, sich vorzustellen, was Gefangenschaft bedeutet. Essen – Trinken – Folter – Essen – Trinken – Folter – ja, das ist der grobe Ablauf, aber dazwischen gibt es so viel Details und Gefühle, die man sich kaum vorstellen kann. Allein die Einsamkeit und die Sehnsucht nach deinen Freunden und deiner Familie… das wollen wir vermitteln. Das Stück beginnt ganz ohne Text, in der Diktatur. Alle Schweigen. Erst mit der Revolution finden die Menschen ihre Sprache. Ich selbst saß ja in Haft, ebenso ein anderer Schauspieler. Wieder ein anderer vermisst seinen Bruder, der seit Jahren hinter Gittern verschwunden ist, und wieder ein weiterer ist ein Vertriebener aus Ost-Ghouta, der Jahre der Belagerung überlebt hat, was auch eine Art der Gefangenschaft ist.

Das Thema der Gefangenen darf nicht in Vergessenheit geraten. Fast nur die, die selbst davon betroffen sind, kümmern sich auch um das Thema, an den meisten anderen geht das einfach vorbei. Aber das ist eine Angelegenheit aller, die einst gegen Assad aufgestanden sind. Und gleich ob in Idlib, der Türkei oder Europa: Wir dürfen nicht locker lassen. Außerdem wollen wir, dass man die Menschen in Idlib nicht nur als Extremisten sieht. Hier gibt es kluge Menschen, die etwas drauf haben und jeden Tag versuchen, die Lage ein bisschen besser zu machen.

Wie findet Hai’at Tahrir al-Sham (HTS), die Dschihadistenmiliz die Idlib kontrolliert, eigentlich Theater?

Anders als beim IS ist Theater für HTS nicht völlig Tabu. Aber natürlich gibt es Regeln: Frauen dürfen nicht öffentlich auftreten, es darf nicht gesungen werden und allgemein sind nur bestimmte Arten von Musik zulässig. Ich hoffe aber, dass wir mit unserem nächsten Projekt in Azaz arbeiten können, wo HTS nicht herrscht und dort mit einem Frauenprojekt kooperieren können.

Kulturprojekte wie das Theater in Idlib zeigen Alternativen zu Diktatur und Dschihadismus auf, sie bieten Denkanstöße inmitten von Krieg und Terror und psychosoziale Unterstützung für die Zivilbevölkerung.

Aufruf von „medico international“: Nach dem IS ist nichts vorbei

Flüchtlingscamp al Hol, Rojava

Medizinische Versorung unter schwierigen Bedingungen. NothelferInnen machen die hygienischen Bedingungen im Flüchtlingscamp al Hol große Sorgen. (Foto: Heyva Sor A Kurd)

20.3.2019. Ein Hilferuf der medico-Partner aus Rojava. Unterstützung für das Flüchtlingscamp al Hol dringend benötigt.

 

Seit Wochen läuft die Offensive gegen die letzte IS-Bastion im Osten Syrien bei Baghouz. Seither fliehen Zehntausende von Menschen vor den Kämpfen in die Gebiete der nordsyrisch-kurdischen Selbstverwaltung. Ziel der meisten ist das al-Hol Camp. Doch die unerwartet hohe Zahl Ankommender übersteigt die Kapazitäten des Flüchtlingslagers bei weitem, wie der medico-Partner Sherwan Bery vom dort tätigen medico-Partner Kurdischer Roten Halbmond berichtet. Hinzu kommt, dass unter den Eintreffenden sowohl Opfer des IS als auch Angehörige des IS sind.

Ein Krankenhaus für das Flüchtlingslager

Das Flüchtlingscamp al Hol ist eigentlich für 10.000 Menschen ausgelegt. Doch die jüngsten Fluchtwellen haben die Zahl der Menschen auf über 65.000 schnellen lassen, 10.000 weitere werden laut UN in den nächsten Tagen erwartet. „Die Strukturen sind schon jetzt völlig überlastet“, erklärt Bery. Und die Ankommenden sind meist in einem schlechten Zustand. In der IS-Zone gab es kaum noch Nahrungsmittel und die 300 Kilometer weite Flucht durch kalte Winternächte hat die Menschen weiter ausgezehrt. Sie sind unterkühlt und unterernährt. Besonders die Situation der Kinder ist dramatisch.

Im Camp durchlaufen die Flüchtlinge zuerst die Gesundheitsposten vom Kurdischen Roten Halbmond. Dort leisten die NothelferInnen medizinische Erstversorgung, seit Wochen, rund um die Uhr. „Schwere Erkrankungen und Verletzungen müssten schnell behandelt werden. Kritische Fälle bringen wir in die nächstgelegenen Krankenhäuser, aber auch dort ist kein Platz mehr“, so Bery. Auch die sanitären Anlagen reichen nicht aus. Die Verbreitung von Krankheiten wie Durchfall oder Infektionen könnte zu einer humanitären Krise im Camp führen. Daher sein Appell: „Wir benötigen dringend internationale Hilfe, um eine angemessene medizinische Behandlung im Camp sicherzustellen.“ In einer ersten Nothilfemaßnahme unterstützt medico die Nothilfe beim Aufbau eines Feldkrankenhauses im Camp. Dann könnn Verletzte und schwer erkrankte Personen direkt vor Ort behandelt werden.

Viele Herausforderungen

Zu dem allgegenwärtigen Mangel kommt eine besondere Herausforderung hinzu: Viele der Flüchtenden sind Zivilisten, die unter der Herrschaft im selbsterklärten Kalifat gelitten haben. Andere jedoch sind Angehörige der IS-Kämpfer, zumeist Frauen mit ihren Kindern. Sie fliehen also Seite an Seite mit IS-Opfern und suchen ausgerechnet in einer kurdisch geprägten Region Zuflucht, die vom IS jahrelang bekämpft worden ist. Laut dem Rat für humanitäre Aufgaben der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien befinden sich rund 6.000 Angehörige von Dschihadisten in dem Flüchtlingslager. Das führt unvermeidlich zu Spannungen.

„Alle Ankommende sind für uns erst einmal Flüchtlinge und wir versuchen, sie so gut es eben geht medizinisch zu versorgen“, beschreibt Sherwan Bery die Haltung. Um im Camp Eskalationen zu vermeiden, werden die IS-Angehörigen in der schwarzen Niqab und ihre Kinder in einem gesonderten Bereich untergebracht. Lösen lassen sich die Konflikte damit nicht.

An den Gesundheitsposten kommt es immer wieder zu verstörenden Momenten – etwa dann, wenn jesidische Frauen oder Kinder oder Frauen mit Kindern ihrer Folterer eintreffen, die vor fünf Jahren in die Gefangenschaft der IS-Terroristen geraten waren. „Kinder wurden an der Waffe ausgebildet oder zu Selbstmordattentätern erzogen. Die meisten sind völlig verstört“, so Bery, der, selbst Jeside, als Nothelfer im Shengal-Gebirge im Einsatz war, als der IS einen Genozid an den JesidInnen begann. „Die Gewalttaten, die den Kindern von ihren Peinigern angetan wurden, und die ideologische Indoktrinierung zeichnen ihre Körper und ihr Verhalten.“ In der Nähe der Stadt Amunde gäbe es ein Haus, in dem sie versorgt und psychologisch betreut werden können. Doch auch hier fehlt es an vielem, vor allem an Fachkräfte für eine angemessene und intensive Betreuung. „Selbst unter günstigen Umständen kann eine Rehabilitation Jahre dauern“, meint Bery.

Auch im Camp wird sich die Situation nicht schnell entspannen. Denn wo sollen die Menschen auch hin? „Die internationalen IS-Frauen wollen zurück in ihre Herkunftsländer – und sollten es auch“, sagt Bery auch in Richtung Deutschland. Schon seit Monaten fordert die nordsyrische Selbstverwaltung, dass die internationalen IS-Kämpfer und ihrer Angehörigen rückgeholt werden. Umso genauer wird die laufende Debatte in Deutschland verfolgt. Bis heute aber entzieht sich die Bundesregierung der Verantwortung für ihre Staatbürger und bürdet sie – wieder einmal – der nordsyrischen Selbstverwaltung auf. Und das womöglich dauerhaft, wird hierzulande doch erwogen, betreffenden Dschihadisten die Staatsangehörigkeiten zu entziehen.

Im Widerspruch dazu sieht medico in der Einrichtung eines internationalen Gerichtshofs für diesen Personenkreis die einzige angemessene Handlung der internationalen Gemeinschaft. Nur so ließe sich für die Opfer des IS-Terrors und Gräueltaten minimale Gerechtigkeit erlangen.

Aktuell benötigen die die medico-Partner dringend solidarische Unterstützung für die Nothilfe vor Ort. Mit einer Spende können Sie helfen, damit das ersehnte Feldkrankenhaus errichtet werden kann. Spendenstichwort „Nothilfe Rojava“

 

Veröffentlicht am 20. März 2019

Abschlusserklärung des 3. Syrischen Dialogforums

In Kobanê hat das 3. Syrische Dialogforum mit 148 Delegierten aus verschiedenen Institutionen und Parteien stattgefunden. In der Abschlusserklärung wird die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien als geeignetes Modell für das ganze Land bezeichnet.

ANF / KOBANÊ, 29. März 2019.

Die Abschlusserklärung des 3. Syrien-Dialogforums ist veröffentlicht worden. In der Deklaration heißt es: „Der Demokratische Syrien-Rat (MSD) wird in ein demokratisches und nationales Zentrum umgewandelt, um für eine radikaldemokratische Veränderung auf der Basis eines Dialogs eine Einheit der syrischen Opposition herzustellen.“

Das Forum in Kobanê, an dem 148 Delegierte verschiedener Institutionen und Parteien aus Syrien teilgenommen haben, ist nach zweitägiger Diskussion mit der Verlesung der Abschlussdeklaration abgeschlossen worden.

Verlesen wurde die Erklärung von der MSD-Ko-Vorsitzenden Emine Omer. In der Deklaration wird unter anderem festgehalten:

„An dem Forum, das auf Einladung des MSD unter dem Motto ‚Mit einem Gesellschaftsvertrag für Syrien in eine neue demokratische Zeit‘ stattgefunden hat, haben Hunderte Vertreterinnen und Vertreter politischer Parteien, zivilgesellschaftlicher Institutionen und Organisationen sowie unabhängige Politikerinnen und Politiker teilgenommen.

Auf dem Forum wurde der Sieg der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) über den Terror begrüßt.

Zwei Tage lang haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Frage einer neuen Verfassung und Lösungsperspektiven für Syrien beschäftigt. Über die grundlegenden Prinzipien eines vom Vorbereitungskomitee vorgelegten Entwurfs für eine neue syrische Verfassung konnte ein Konsens hergestellt werden. Demnach muss die Verfassung die Einheit und Gesamtheit Syriens garantieren und ein politisches System gewährleisten, mit dem ein dezentralisiertes und demokratisches Syrien aufgebaut werden kann.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ausführlich über das Projekt der Autonomieregierung von Nord- und Ostsyrien diskutiert. Das Projekt wurde als geeignetste Form für eine Lösung der bestehenden Krise in Syrien klassifiziert und sollte in ganz Syrien umgesetzt werden. Eine Lösung in Syrien ist nur auf politischer Grundlage möglich, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Dialogforums treten entsprechend der UN-Resolution 2254 für eine politische Lösung und einen Waffenstillstand ein.

Es wurde betont, dass es außer einer politischen Lösung unter Einbeziehung aller oppositionellen Kreise und laizistisch-demokratischen nationalen Kräften keine Alternative gibt. Auf diese Weise können in Syrien, in der Region und weltweit Frieden, Ruhe und Sicherheit einkehren.

Auf dem Forum erging der Aufruf, dass die Besatzung von allen Gebieten innerhalb Syriens und die Präsenz ausländischer Kräfte im Land beendet werden müssen. Kein Land hat das Recht, sich syrisches Territorium anzueignen.

Um die Meinungsbildung der syrischen Opposition weiterzuentwickeln, müssen Dialoge zwischen den Menschen in Syrien stattfinden. In diesem Rahmen wird der MSD in ein demokratisches und nationales Zentrum umgewandelt, um für eine radikaldemokratische Veränderung auf der Basis eines Dialogs eine Einheit der syrischen Opposition herzustellen. Mit dem Ziel eines gesamtsyrischen Nationalkongresses beauftragen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums den MSD und das Beobachtungskomitee mit der Kontaktaufnahme zu weiteren syrischen, arabischen, regionalen und globalen Kreisen.“

Siegesfeier in Deir ez-Zor: „Der IS war wie ein Krebsgeschwür“

In Deir ez-Zor ist von den QSD der Sieg über den IS offiziell erklärt worden. Nach dem QSD-Kommandanten Mazlum Ebdi haben sich Vertreter*innen der internationalen Koalition, der Autonomieverwaltung und des MSD geäußert.

ANF / DEIR EZ-ZOR, 23. März 2019.

Nach jahrelangem Kampf haben die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) heute den offiziellen Sieg über den „Islamischen Staat“ erklärt. Auf der Siegeszeremonie in Deir ez-Zor teilte der QSD-Kommandant Mazlum Ebdi mit, dass insgesamt 52.000 Quadratkilometer in Syrien von der IS-Herrschaft befreit worden sind. In diesem Kampf sind 11.000 Menschen gefallen, 21.000 Kämpferinnen und Kämpfer wurden verletzt.

Die Zeremonie wurde mit Redebeiträgen von Vertreterinnen und Vertretern der internationalen Anti-IS-Koalition, der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien und des Demokratischen Syrienrates (MSD) fortgesetzt.

Internationale Koalition: Der Kampf gegen den IS wird fortgesetzt

Der US-Gesandte William Roebuck verwies auf die Rolle der USA in der internationalen Koalition gegen den IS, in der 59 Länder vertreten sind. Zugleich erklärte er, dass der Sieg über den IS „ohne unsere Partner in Syrien“ nicht möglich gewesen wäre. Wie zuvor der QSD-Kommandant Mazlum Ebdi kündigte er eine Fortsetzung des Kampfes bis zur vollständigen Vernichtung des IS an.

Autonomieverwaltung: Kobanê war die Medizin gegen den IS

Als Ko-Vorsitzender der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien sagte Hamid al-Mihbash in seiner Rede: „Heute ist ein historischer Tag für die Völker Syriens und der gesamten Welt. Nord- und Ostsyrien sind vom Terror befreit. Die QSD haben ihre Aufgabe erfolgreich erfüllt. Man wird sich an die QSD als eine Friedenskraft für die Menschheit erinnern.“

Der IS habe sich wie ein Krebsgeschwür über weite Teile Syriens ausgebreitet, so al-Mibash. Der Widerstand der YPG/YPJ in Kobanê sei wie eine Medizin gewesen, mit der die Ausbreitung gestoppt worden sei.

Ilham Ahmed: 5000 IS-Gefangene müssen vor Gericht gestellt werden

Die MSD-Exekutivratsvorsitzende Ilham Ahmed wies darauf hin, dass die Gefahr des IS in der Region noch nicht gebannt sei: „In diesem Moment, in dem wir die Niederlage des Terrors deklarieren, hält die Gefahr in anderen Regionen Syriens weiter an. Dass eine Region befreit worden ist, heißt nicht, dass der Terror vollständig beendet ist. Es gibt weiterhin IS-Zellen und es besteht die Gefahr, dass der IS über regionale Kräfte erneut wieder auftaucht. Die kommende Zeit wird sehr intensiv werden.

Darüber hinaus gibt es 5000 gefangene IS-Mitglieder, die vor ein internationales Gericht gestellt werden müssen. Auch für die 80.000 Angehörigen vom IS muss eine Lösung gefunden werden. Als MSD vertreten wir die Meinung, dass hierfür internationale Unterstützung notwendig ist.“

Demonstrationen gegen Assad in Deraa

„Alles was uns noch fehlte, war eine Statue von Hafez“

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„Alles was uns noch fehlte, war eine Statue von Hafez"

In Daraa, wo vor acht Jahren der Aufstand gegen Assad begann, demonstrierten am Wochenende Hunderte Menschen gegen das Regime – unter anderem wegen einer Bronzestatue.

In den vergangenen Tagen gingen in Daraa mehrmals Menschen gegen das Assad-Regime auf die Straße, unter anderem wegen Luftangriffen in Idlib. Insbesondere entzündeten sich die Proteste aber an einer Statue: Kurz zuvor hatte das Regime eine bronzene Büste von Hafez al Assad wieder aufgestellt – dem ehemaligen Diktator und Vater von Bashar al Assad.

Am 25. März 2011 hatten Bürger von Daraa die verhasste Statue gestürzt und waren dabei beschossen worden. Daraa gilt als Wiege des Aufstands gegen das Regime. Indem das Regime die Statue jetzt am selben Ort errichtet, demonstriert es seinen Sieg. Großen Teilen der Bevölkerung gilt das als Provokation, die im ganzen Land verbreiteten Hafez-Statuen stehe für viele Menschen für Unterdrückung, Korruption und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Nachdem Daraa militärisch viele Jahre von FSA-Gruppen kontrolliert wurde, eroberte das Assad-Regime die Region im Juli 2018 mit russischer Unterstützung zurück. Die Offensive forderte zahlreiche zivile Opfer. Bewaffnete, aber auch zivile AktivistInnen wurden zur Flucht nach Nordsyrien gezwungen. Aufgrund häufiger Bombardements durch das Regime sind große Teile der zivilen Infrastruktur zerstört. Dass die Statue wieder aufgebaut wird – während große Teile der Stadt weiterhin in Trümmern liegen – ist für viele Menschen blanker Hohn.

Im Zuge der Regime-Offensive auf Daraa wurde am Ende ausgehandelt, dass manche Stadtteile zunächst unter Aufsicht des russischen Militärs bleiben und das Regime noch nicht mit seinen Sicherheitskräften einrückt. Ahmad, M., ein Aktivist aus Daraa erklärt uns:

„Die Demonstrationen, die in den letzten Monaten stattgefunden haben, haben meistens in Daraa Al-Balad stattgefunden. Das Regime ist entsprechend der Abmachung mit Russland noch nicht richtig in die Gegend zurückgekehrt. Deswegen wird dort recht viel demonstriert, denn das Regime kann dort noch nicht frei handeln. In Tafas gibt es die gleiche Abmachung und auch dort sind Menschen auf die Straße gegangen.“

Trotzdem wird über Verhaftungen durch die Geheimdienste des Assad-Regimes berichtet. Auf einem Transparent richten sich die Protestierenden an die Geflüchteten: „Kehrt nicht zurück, die Gefängnisse sind voll“

Ahmad M. geht davon aus, dass die Proteste trotzdem weitergehen:

„Diese Demonstrationen werden nicht aufhören, weil das Regime praktisch noch nicht die volle Kontrolle wiedererlangt hat. Aber die Menschen sind auch unglaublich erschöpft vom Krieg, deswegen haben sie die Rückkehr des Regimes ertragen. Gleichzeitig sind die Leute ständig unglaublich großem Druck ausgesetzt und deswegen kann es auch einfach gut möglich sein, dass sie wieder explodieren. Die Lebenssituation ist so hart vor Ort und dann werden auch noch die jungen Männer in die Armee abgezogen.“

Die Protestierenden spielen auf Transparenten sarkastisch auf ihre schwierigen Lebensbedingungen an: „Uns geht es bestens, alles, was uns fehlte, war eine Statue von Hafez al Assad“

Neustart in Idlib – trotz großer Risiken

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Neustart in Idlib - trotz großer Risiken

Im Frühjahr 2018 wurde unsere Partnerin Huda aus Ost-Ghouta vertrieben. Sie hat ihren Bruder verloren, Freundinnen und alles, was sie während der letzten Jahre aufgebaut hatte. In Idlib fängt sie nun wieder von vorne an, baut dort ein neues Frauenzentrum auf. Dabei kann auch dort alles jederzeit wieder vorbei sein. Woher nimmt sie die Kraft dazu?

Anfang 2018 bangten wir um das Leben vieler unserer PartnerInnen – unter anderem von Huda Khaitly, die ein von uns mehrere Jahre unterstütztes Frauenzentrum in Douma in Ost-Ghouta leitete. Ihr Zentrum bot Alphabetisierungs-, Englisch-, Computer- und Nähkurse für die ärmsten der dort lebenden Frauen an. Dies half den häufig aufgrund des Krieges früh verwitweten Frauen, eine Arbeit zu finden, um sich und die Kinder aus der größten Not zu befreien. Auch organisierten Huda und ihre Mitstreiterinnen eine Rechtsberatung für Frauen, die sie dabei unterstützte, soweit unter den gegebenen Umständen möglich ihre Rechtsansprüche durchzusetzen.

Doch Anfang 2018 – während der Hochphase der Offensive des Assad-Regimes und Russland gegen die Region – sterben in Ost-Ghouta täglich mehr als hundert Zivilisten pro Tag. Auch eine Zweigstelle von Hudas Frauenzentrum wird bei einem Luftangriff getroffen. Eine Lehrerin und drei Schülerinnen sterben. Später wird auch das Zentrum zerstört. Eine weitere Rakete reißt Hudas Bruder in den Tod, als er versucht, einen Wassertank zu reparieren. „Das ist für mich noch immer so surreal“, schrieb sie uns im Chat. „Wir saßen noch kurz davor zusammen und haben geredet.“

Huda beim beim Unterrichten eines Kurses im Frauenzentrum.

Am 7. April wird Houda noch Zeugin eines Chemiewaffenangriffs in Douma. Kurz darauf steigt sie in die Busse Richtung Idlib. Zivile AktivistInnen wie sie werden vom Assad-Regime gesucht. Ihr bleibt nur, sich im Rahmen der angeblichen „Evakuierung“ nach Norden bringen zu lassen. Ihr Frauenzentrum in Ghouta liegt seitdem in Schutt und Asche. Dass es Dank Huda und ihren Mitstreiterinnen heute wieder ein solches Zentrum in Idlib gibt, grenzt an ein kleines Wunder.

Weitermachen, trotz allem

Nach dem Tod ihres Bruders im März 2018, schrieb uns Huda: „Wir ertragen alles – Bomben, Hunger, Angst. Aber der Tod, das ist zu viel. Es ist zu viel, deinen eigenen Bruder in ein Leichentuch gehüllt vor dir zu sehen. Ich kann nicht mehr stark sein. Ich bin innerlich zerbrochen.“ Die ersten zwei Monate in Idlib verbrachte sie, wie sie uns schrieb, wie gelähmt, hat nicht einmal das Haus verlassen. „Ich habe zu viel in zu kurzer Zeit verloren. Mein Bruder ist tot, meine Familie ist weiter in die Türkei geflüchtet, ich habe meine Heimat verloren und alles was wir dort in den letzten Jahren aufgebaut haben.“

Huda stand bereits auf der Liste jener PartnerInnen von Adopt a Revolution, die wir derzeit bei der Flucht ins Ausland unterstützen. Zu unserer Überraschung entschied sich Huda zu bleiben. „Nicht zuletzt hat die Erfahrung von Ost-Ghouta uns gelehrt, widerständig zu sein“, sagt Huda. „Seht Euch an, was wir dort alles unter schlimmsten Umständen erreicht haben!“ Also baut Huda ein neues Frauenzentrum in Idlib auf – das Women Support and Epowerment Center in Idlib. Wieder bieten sie Bildungsangebote an, die Frauen dazu ermächtigen sollen, sich ein bisschen mehr Unabhängigkeit zu erkämpfen. Eine der ersten Aktionen des Zentrums: Eine Kampagne gegen häusliche Gewalt. Auch psychosoziale Unterstützung steht im Zentrum ihrer Anstrengungen. „Vielen sind in den letzten Jahren Dinge passiert, die es sehr schwer machen weiter zu funktionieren und weiter Teil dieser Gesellschaft zu sein“, sagt Huda. „Dabei helfen wir ihnen.“

Helfen Sie uns mit einer Spende, Hudas Frauenzentrum zu unterstützen!

Jetzt spenden!

Start einer Kampagne gegen Gewalt an Frauen im neuen Frauenzentrum in Idlib.
Foto: Women Support and Empowerment Center

Wir haben uns schnell entschieden, Hudas Arbeit und den Aufbau des Frauenzentrums zu unterstützen – auch wenn jederzeit wieder alles vorbei sein könnte: Ende 2018 drohte bereits eine Großoffensive des Assad-Regimes auf die von ismlamistischen Milizen dominierte Region, die UN fürchtete ein bislang beispielloses Blutbad. Ein Deal zwischen Russland und der Türkei verhinderte die Offensive, aber das Assad-Regime plant weiterhin, die Region militärisch einzunehmen. Die Offensive auf Idlib ist aufgeschoben, nicht abgeblasen. Dazu kommt, dass auch die islamistischen Milizen in Idlib ihre politischen Gegner verfolgen, die Zivilgesellschaft mit harten Repressionen überziehen und so gut wie alle Menschen die Willkür der bewaffneten Gruppen fürchten müssen.

Huda auf einer Demonstration gegen die drohende Offensive des Assad-Regimes im September 2018 in Idlib

Huda versucht angesichts der schwer einzuschätzenden Gefahren nicht so viel an die Zukunft zu denken, um in der Gegenwart couragiert handeln zu können. Wass immer passiert ließe sich kaum verhindern, längst liege alles nur noch in der Hand der Interventionsmächte. Aber deswegen die Frauen der Region allein lassen? Das kommt für Huda nicht in Frage. „Es ist auch eine Besonderheit, dass sich Adopt a Revolution immer wieder darauf einlässt, uns auch in solch einem risikoreichen Umfeld wie Idlib weiter zu unterstützen“, sagt Huda. Tatsächlich: Viele Geldgeber würden unter den gegebenen Umständen in Idlib wohl keine Investitionen wagen. Wir gehen dieses Risiko bewusst ein: Wenn Leute wie Huda den Mut haben, weiterzumachen, werden wir auch den Mut aufbringen, sie dabei weiter zu unterstützen.

Helfen Sie mit, die mutige Arbeit von AktivistInnen wie Huda zu ermöglichen. Tragen Sie mit Ihnen – wenn möglich regelmäßigen – Spende dazu bei, das Hudas Frauenzentrum in Idlib aufzubauen!

Zum militärischen Sieg der Syrisch-Demokratischen Kräfte über den IS

Peter Schaber / The Lower Class Magazine vom 20.3.2019.


Der IS kontrolliert keine Gebiete in Syrien mehr. Das ist ein Grund zur Freude. Doch der Krieg ist keineswegs vorüber.

Im Spätherbst 2014 standen Milizionäre der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in der nordsyrischen Kurdenmetropole Kobanê. Es sah schlecht aus. Dschihadisten twitterten schon, man werde die Stadt von den ungläubigen Kommunisten säubern. Der IS kontrollierte damals ein riesiges Gebiet, sowohl auf dem Territorium des Irak, wie auch in Syrien.

Doch der Jubel der islamistischen Mörder war verfrüht. Sie hatten die Rechnung ohne jene Bewegung gemacht, die seit über 40 Jahren im Kampf gegen die NATO, insbesondere den türkischen Staat, im Mittleren Osten überlebt. Knapp fünf Jahre später sieht die Karte Syriens und des Iraks vollständig anders aus. Der IS hat die letzten Gebiete, die er verbissen hielt, verloren. Viele seiner in- wie ausländischen Anführer sind tot oder in Gefangenschaft der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF), des Bündnisses zwischen kurdischen, assyrischen, arabischen Milizen zur Verteidigung des Aufbaus eines Rätesystems im Norden Syriens.

Nicht nur Syrien kann aufatmen. Der blutige Krieg, das haben die Sprecher*innen der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) immer wieder betont, war einer für die gesamte Menschheit. Sein Resultat ist die Zurückdrängung einer politischen Kraft, deren Herrschaft für Millionen Menschen, insbesondere für Frauen, im Mittleren Osten nichts als Unterdrückung, Tod und Erniedrigung bedeutete. Man muss es so deutlich sagen: Die immer noch in den USA wie Europa verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hat zusammen mit ihren syrischen Verbündeten von YPG und YPJ weitere Genozide etwa im irakischen Jesidengebiet genauso verhindert wie Terroranschläge in Europa oder den Vereinigten Staaten.

Wie kam dieser Sieg zustande? Klar, eine kluge Bündnispolitik spielte eine Rolle; und klar, viel Diplomatie mit denen, die nur darauf warten, das demokratische Projekt in Nordsyrien auszulöschen, wurde betrieben.

Aber all dies wäre nichtig gewesen ohne die hunderttausenden Menschen, die im zivilen politischen Aufbau und in den militärischen Selbstverteidigungseinheiten tagtäglich ihr Bestes gaben. Und viele von ihnen gaben das letzte, was ihnen noch geblieben war: Ihr Leben. Der Preis für diesen Sieg war hoch. Alle, die in diesem Krieg oder im zivilen Aufbau im Norden Syriens einen Beitrag leisteten, haben Menschen verloren, die ihnen sehr nahe standen. Es gibt keine Mutter im Norden Syriens, die nicht eine Tochter oder einen Sohn beweint; keine Schwester, die nicht ihren gefallenen Bruder vermisst und kein Kind, das nicht seinen Onkel oder seine Tante in den Krieg ziehen und nicht mehr wiederkommen sah. Und es gibt unter den Internationalist*innen niemanden, der/die nicht Trauer und Wut über den Verlust von Anna Campbell, Kevin Jochim oder Lorenzo Orsetti fühlt.

Die Trumps und Macrons dieser Welt können sich den Sieg auf die Fahnen schreiben, errungen haben nicht sie ihn, sondern die tausenden Genoss*innen, die in den Schützengräben und Stellungen, auf den Häuserdächern und in den verschachtelten Straßen im Häuserkampf fielen. Dieser Sieg ist ein Sieg der Şehîds, der Gefallenen. An sie sollten wir denken, wenn wir in diesen Tagen jubeln und feiern.

Und wenn wir an sie denken, merken wir auch: Wir haben eine Schlacht gewonnen, aber der Krieg geht weiter. Denn das, wofür sie starben und wofür wir anderen überlebten, ist nicht nur die Zerschlagung einer besonders grausamen Miliz. Sie fielen im Kampf für eine bessere Welt, eine Welt jenseits der kapitalistischen Moderne und jenseits staatlicher, imperialistischer und kolonialer Unterdrückung.

Dieser Krieg geht weiter. Im Mittleren Osten lauern diejenigen, die das kleine befreite Gebiet im Norden und Osten Syriens auslöschen wollen: Das Erdogan-Regime, das es militärisch überrennen will; die Trump-Administration, die es in die Knie zwingen und entpolitisieren will; Moskau und Damaskus, die es dem Assad-Regime unterwerfen wollen. Die Phase, die nun beginnt, wird eine der Neuordnung der Bündnissysteme sein. Die USA wollen ihren Krieg gegen den Iran, die Türkei streben nach der Expansion des von ihr kontrollierten Territoriums. Die Karten werden, wieder einmal, neu gemischt.

Doch der Krieg geht nicht nur irgendwo weit weg, jenseits der Empörungsschwelle der Bevölkerungen der reichen westlichen Nationen weiter. Er geht auch hier weiter. Auch in Deutschland wird der Staat erneut ausholen, um die Kurdinnen und Kurden, die türkische Exilopposition und alle, die mit ihnen zusammenarbeiten, anzugreifen, zu verfolgen und einzusperren.

Wenn es soweit sein wird, dann sollten wir daran denken: Wir alle haben eine Schuld abzutragen. Wir als revolutionäre Linke sowieso, denn es war die kurdische Bewegung, die uns auf einen gangbaren Weg zurückführte, auf dem wir heute unsere ersten kindlichen Schritte gehen können. Aber auch alle anderen stehen in der Schuld der Gefallenen der Syrisch-Demokratischen Kräfte. Es wird genügend Gelegenheiten geben, um zumindest anzufangen, diese abzutragen.

Şengalrat: Wer uns nicht anerkennt, den erkennen wir nicht an

Nach dem Angriff der irakischen Armee auf ein Fahrzeug der YBŞ trafen sich die Institutionen der Selbstverwaltung Şengals mit Vertretern der irakischen Armee. Die ezidische Seite verurteilte die Nichtanerkennung der YBŞ auf das Schärfste.

ANF / ŞENGAL, 19. März 2019.

Nach dem Angriff des irakischen Militärs auf die Widerstandseinheiten Şengal (YBŞ) am vergangenen Sonntag, bei dem zwei YBŞ-Kämpfer ums Leben gekommen sind, kamen gestern Vertreter*innen der Institutionen der Selbstverwaltung von Şengal mit Verantwortlichen des irakischen Militärs zusammen. Nach dem Treffen gab die ezidische Seite eine gemeinsame Erklärung ab.

An der Pressekonferenz nahmen Vertreter*innen des Übergangsrats von Şengal, des Rats der demokratisch-autonomen Selbstverwaltung von Şengal (MXDŞ), der ezidischen Freiheits- und Demokratiepartei (PADÊ), der ezidischen Frauenfreiheitsbewegung (TAJÊ) sowie Vertreter der Stämme und einflussreiche Persönlichkeiten der Region teil.

Neuer Plan gegenüber ezidischer Gesellschaft

Die Erklärung wurde vom Ko-Vorsitzenden des MXDŞ Hisên Heci abgegeben. Dieser verurteilte zunächst Berichte in den Medien, wonach YBŞ-Einheiten das Feuer auf die irakische Armee eröffnet hätten. „Diese Darstellung entspricht nicht der Wahrheit. Wir verurteilen die Presseorgane, die bewusst falsche Informationen verbreiten. Es waren die irakischen Militärs, die unsere Kämpfer getötet und verletzt haben“.

Anschließend berichtete Heci von dem Treffen mit irakischen Regierungsvertretern. Ihnen sei nachdrücklich erklärt worden, dass die Widerstandseinheiten Şengal den Schutz der Grenzen in der Region gewährleisten. „Allerdings weigern sich die irakischen Regierungsvertreter, die ezidischen Verteidigungskräfte anzuerkennen. Sie erklären, dass sie die Ezidinnen und Eziden, die seit fünf Jahren ihre Region schützen und ihr Blut vergießen, nicht anerkennen. Bagdad will offenbar wieder einen Plan gegenüber der ezidischen Gesellschaft umsetzen. Es existiert ein Abkommen mit der südkurdischen Regionalregierung in Bezug auf Şengal. Hier gibt es eine Reihe von Kräften, die offiziell der irakischen Regierung angehören. Warum werden die Kräfte der ezidischen Gesellschaft nicht anerkannt?“, sagte Heci.

„Wir werden uns nie wieder auf irgendeine andere Kraft verlassen“

Weiter erklärte der Politiker: „Wir werden uns nie wieder auf irgendeine andere Kraft verlassen. Nur diejenigen, die diese Region verteidigen und für sie Blut vergießen, werden hier die Verteidigung stellen. Anstatt diese Kraft anzugreifen, hätte die irakische Regierung sie anerkennen müssen. Dies ist absolut inakzeptabel. Wir wollen, dass die Verantwortlichen des irakischen Militärs folgendes wissen. Die Bevölkerung von Şengal wird sich keiner Kraft, die von außen kommt, ergeben oder diese auch nur akzeptieren. Die ezidische Gesellschaft hat nichts zu verlieren. Solche Nichtanerkennungserklärungen des Willens und der Verteidigungskraft des ezidischen Volkes sind beschämend. Diejenigen, die uns nicht anerkennen, erkennen wir ebenfalls nicht an. Wenn sie uns anerkennen, dann treffen wir uns mit ihnen unter irakischer Fahne. Aber wenn sie es nicht tun, werden wir es auch nicht tun.“ Seine Rede brachte Hisên Heci mit einem Aufruf an die ezidische Gesellschaft zum Abschluss: „Übernehmt, um kein weiteres Massaker zu erleben, Verantwortung für euren Willen und eure Verteidigungskräfte. Protestiert gegen die Haltung der irakischen Regierung und gegen deren Praxis.

Massiver Anstieg von Dschihadisten-Familien in den Camps

Die Ko-Vorsitzende des Rates für humanitäre Aufgaben der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, Zozan Alluş, erklärt, dass für Familien der IS-Dschihadisten eine internationale Lösung gefunden werden muss.

BERİTAN SARYA aus AIN ISSA, 14. März 2019.

Die Ko-Vorsitzende des Rates für humanitäre Aufgaben der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, Zozan Alluş, sagt, die Entwicklung einer Lösung für die Frauen und Kinder der IS-Dschihadisten sei ein Teil des Kampfes gegen den IS. An die internationalen Mächte gewandt sagte sie, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, sich durch diese Kinder der IS neu formieren könne.

Alluş berichtet vom massiven Anstieg der Anzahl der Familien von IS-Dschihadisten in der Region: „In der aktuellen Lage fehlen uns die Ressourcen, sie zu schützen, zu versorgen, zu erziehen und zu rehabilitieren. Deshalb müssen alle Staaten ihre Aufgabe in dieser Hinsicht erfüllen“, erklärt Alluş.

Die Familien von IS-Dschihadisten sind in speziellen Bereichen in den Gebieten der demokratisch-autonomen Selbstverwaltung in den Flüchtlingscamps Ain Issa, Roj und Hol untergebracht. Mit der Offensive auf al-Bagouz ist die Anzahl der Camp-Bewohner*innen in Hol auf 65.114 gestiegen, davon sind 6.000 Angehörige von IS-Dschihadisten und ihre Familien. Im Camp von Ain Issa befinden sich ebenfalls 3.000 Frauen und Kinder von IS-Dschihadisten, im Roj-Camp sind es etwa 2.000.

Wir haben mit Zozan Alluş über die aktuelle Lage im Hinblick auf die Angehörigen von IS-Dschihadisten gesprochen.

Seit wann kommen die Familien von IS-Dschihadisten auf das Gebiet der demokratisch-autonomen Selbstverwaltung oder werden festgenommen und in den Camps untergebracht?

Die Ankunft der Familien von IS-Dschihadisten begann mit der Offensive von Minbic. Damals kamen ab und zu welche. Aber mit der Offensive auf Raqqa stieg die Zahl massiv, und wir begannen sie in unseren Camps unterzubringen. Die während der Offensive auf al-Bagouz evakuierten Dschihadisten-Familien werden im Hol-Camp untergebracht.

Wie arbeiten Sie mit den Frauen und den Kindern der IS-Dschihadisten und wie unterscheiden sie bei den Frauen zwischen denen die an Verbrechen beteiligt waren und anderen?

Als demokratisch-autonome Selbstverwaltung ist unsere Perspektive für die Frauen eine etwas andere. Es gibt auch Unterschiede zwischen den IS-Familien. Manche sind in die vom IS beherrschten Gebiete in Syrien als Ehefrauen, manche als Kinder und andere, weil sie daran glaubten, gekommen. Manche haben Menschen gemordet, haben an Massakern mitgewirkt. Natürlich muss man die Frauen voneinander unterscheiden.

Aber dennoch, wir betrachten sie alle vor allem als Menschen. Wir sprechen mit allen und bringen sie unter. Natürlich finden Ermittlungen statt. Manche sagen uns selbst, dass sie beim IS Verbrechen begangen haben und erzählen uns von ihrer Aufgabe. Von manchen, die Verbrechen begangen haben, wissen wir das bereits bevor sie bei uns ankommen. Aber dennoch ist es unsere Aufgabe, diese Familien nach ihrer Ankunft in den aktuellen Camps unterzubringen.

Wie sinnvoll ist es, sie in normalen Flüchtlingslagern unterzubringen?

Wir haben leider nicht die Ressourcen für andere Alternativen. Sie befinden sich in gesonderten Bereichen in den Camps. Am Anfang bei der Raqqa-Operation hatten wir sie unter den anderen Flüchtlingen untergebracht. Aber wir haben beobachtet, dass daraus viele Probleme entstanden. Wir haben die Familien der Dschihadisten deshalb anders untergebracht und Sonderbereiche in Ain Issa, Hol und Roj eingerichtet.

Wie ist das Leben im Moment in den Camps?

In den Camps, in denen die Familien untergebracht sind, gibt es einige Probleme. Einige belassen es nicht dabei, nur an die Ideen des IS zu glauben, sie arbeiten auch weiter für ihn. Ich möchte hierzu ein Beispiel geben. In Ain Issa haben wir ein Bildungsprogramm für diese Frauen begonnen. Manche Frauen zeigten daraufhin ihre Gesichter, ihren Kindern erlaubten sie in die Schule zu gehen und die Mitarbeiterinnen des Camps konnten ihre Zelte zu betreten. Dann kam eine Frau namens Daye Ahmet Misri. Die Frauen begannen sofort wieder ihre Gesichter zu verhüllen und die Kinder nicht mehr in die Schule zu lassen. Einige von ihnen beeinflussen auch diejenigen, die sich eigentlich von diesen Ideen vollständig trennen und ein neues Leben beginnen wollen. In manchen Camps üben solche Frauen Gewalt gegenüber anderen Frauen aus. So wurde zum Beispiel eine Frau namens Nura, als wir sie zu ihrer Familie schickten, von diesen Frauen misshandelt.

Gut, aber welche Maßnahmen ergreifen Sie dagegen? Gibt es nicht die Möglichkeit eine solche gewalttätige Frau von den anderen zu trennen und unter Umständen zu inhaftieren?

Natürlich gibt es ein Verfahren in solchen Fällen und je nach Schwere der Schuld wird die Person zur Verantwortung gezogen. Aber viele Frauen können aus Angst bei solchen Ereignissen nicht kommen und etwas sagen. Aber später hören wir das dann von anderen. Solche Taten sind auch nicht so verbreitet. Wir können nicht sagen, dass dort auf alle Frauen Druck ausgeübt wird. Es gibt viele Frauen, die sich ändern, sich vom schmutzigen Denken des IS endlich trennen und ein normales Sozialleben begonnen wollen. Manche Frauen in den Camps sind aber noch sehr verbunden mit den Ideen des IS, und diese Frauen gehen vor allem in der Nacht gewalttätig gegen andere Frauen vor. Das liegt auch daran, dass wir nicht in der Lage sind, die gesamten Camps mit Strom zu versorgen. Wir haben in dieser Hinsicht große Probleme. Bei den Camps, von denen wir hier reden, handelt es sich auch nicht um kleine Orte. Es sind große Lager mit Tausenden von Zelten. Damit es in der Nacht sicherer ist, brauchen wir Strom. Dafür sind allerdings große Investitionen notwendig und wir haben nicht die Mittel dafür.

Trotzdem passieren solche Ereignisse nur ab und an. Wenn wir so etwas bemerken oder hören, dann holen wir die betreffende Täterin heraus und bringen sie ins Gefängnis. Aber es kann keine Lösung sein, diese Frauen von Beginn an zu inhaftieren. Wir schicken sie in ein solches normales Camp, um ihnen eine Chance zu geben, damit sie normal leben können. Aber diejenigen, die an den Konzepten des IS festhalten und sich so verhalten, gehen schließlich ins Gefängnis. Aber wir haben auch ernste Probleme für diese Frauen, die andere bedrohen und Verbrechen begangen haben, die die Organisierung des IS neu vorantreiben, eine Lösung zu finden. Immer wieder holen wir diese Frauen und sperren sie in Sonderabteilungen in den Gefängnissen, in denen sich auch die Männer befinden. Aber das sind keine Orte, die auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten sind.

Aber unter diesen IS-Frauen gibt es auch diejenigen, die bereuen, die wirklich nichts getan haben und für ihre Kinder ein normales Leben wollen. Natürlich will die Mehrheit nur noch, dass ihre Kinder ein normales Leben führen und auch so aufwachsen, und sie wollen in ihre Länder zurückkehren. Aber es gibt eben auch diejenigen, die wirklich gefährlich sind. Es reichen zwei oder drei von ihnen aus, um ein ganzes Camp zu stören. Sie sehen es als ihr Recht an, Gewalt anzuwenden. Wenn wir so etwas bemerken, dann bringen wir diese Frauen ins Gefängnis. Aber nach einer Weile müssen wir sie wieder in den Camps unterbringen. Aus diesem Grund brauchen wir ein Frauengefängnis, dafür aber brauchen wir Hilfe von den anderen Ländern.

Was machen Sie mit den syrischen Frauen, die sich dem IS angeschlossen oder bei ihm gelebt haben?

Gegen Syrerinnen, die ins Camp kommen, wird erst einmal ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Wenn sie niemanden umgebracht und keine schwere Straftat begangen und nur dort gelebt haben, dann können sie von ihren Familien abgeholt werden. Allerdings dauern die Ermittlungen monatelang. Wenn sich herausgestellt hat, dass sie keine Verbrechen begangen haben und ihre Familien und sie selbst es wollen, dann schicken wir sie zurück zu ihren Familien. Es gab zum Beispiel Nura aus Aleppo, sie bereute und ihre Familie wollte sie auch zurück. Da sie es ebenfalls wollte, schickten wir sie zurück zu ihrer Familie. Sie hatte ihre Verschleierung abgelegt und deswegen Gewalt von IS-Frauen im Camp erfahren. Manche Familien wissen, dass ihre Angehörigen oder ihre Töchter bei uns sind. Sie kommen und beantragen ihre Kinder abzuholen. Wenn die Töchter das wollen, dann schicken wir sie zurück, wenn sie das nicht wollen, dann bleiben sie bei uns im Camp.

Und wie ist das Prozedere mit ausländischen IS-Frauen und Kindern?

Wir arbeiten hier vor allem auf internationaler Ebene. Das Rote Kreuz arbeitet auch dazu. Sie nehmen ihre Namen und Adressen auf. Diejenigen, die es wollen, treten in Kontakt mit ihren Familien. Als demokratisch-autonome Selbstverwaltung nehmen unsere Außenbeziehungskomitees mit jedem der Herkunftsstaaten offizielle Kontakte auf. So werden zum Beispiel die Namen der betreffenden französischen Staatsbürgerinnen an die französische Regierung weitergeleitet. Bisher ist die Zahl der Staaten, die Frauen und Kinder zurückgenommen haben, ziemlich gering. Die USA haben eine Frau mit zwei Kindern aufgenommen. Der Sudan hat fünf oder sechs Frauen mit ihren Kindern übernommen. Sie kamen in unser Außenbeziehungsbüro in Qamişlo und haben sie offiziell übernommen. Russland hat ebenfalls ein paar Familien aufgenommen. Indonesien hat eine bedeutende Anzahl von Frauen und Kindern zurückgenommen. Belgien wollte eine Frau aufnehmen aber erklärt, man werde ihre Kinder nicht aufnehmen. Wir haben erklärt, dass wir Frauen und Kinder nicht trennen, sie müssen entweder alle nehmen oder wir werden eine andere Lösung finden. Das haben wir ihnen auch so gesagt. Frankreich wollte niemanden haben, sie haben gesagt: „Sollen sich eure Gerichte mit ihnen befassen, sie sollen auch bei euch ihre Strafe absitzen.“ Großbritannien hat eine Person ausgebürgert. Wir haben bei den Treffen gesehen, dass sich kein einziger Staat ernsthaft mit dem Thema beschäftigt. Sie sagen immer wieder: „Macht es so, wie ihr es in eurem Land für richtig haltet.“ Aber es reicht nicht aus, sich auf so eine Haltung zu beschränken. Es sieht doch so aus, wenn es deine Staatsbürger*innen sind, dann musst du sie auch nehmen und bei dir vor Gericht stellen. Wie sollen wir denn diese Leute nehmen, verurteilen und bestrafen? Bis jetzt ist unsere Selbstverwaltung nicht anerkannt. Wir diskutieren hier auch die Alternative eines internationalen Gerichtshofs.

Seit zwei Jahren sind Frauen und Kinder aus dem IS bei Ihnen, haben Sie selbst Projekte zur Resozialisierung durchgeführt?

Jetzt, wo die Territorialherrschaft des IS praktisch zu Ende ist, ist für die Frauen eine Rehabilitation und für die Kinder spezielle Schulen notwendig. Wir haben dazu einen Plan und eine Strategie. In Bezug auf diesen Plan treffen wir uns mit der internationalen Koalition. Das ist auch ein Teil des Kampfs gegen den IS. Heute ist der IS in al-Bagouz am Ende, aber wir können nicht einfach sagen, „mit dem IS ist es vorbei“. Ja, der militärische Kampf und der Frontenkrieg gehen zu Ende, aber die Mentalität des IS existiert weiter. Die Frauen und Kinder in unseren Camps sind ein Teil davon. Man muss diesen Prozess strategisch mit einem Plan angehen und sich um eine Resozialisierung bemühen. Für die Projekte braucht es sowohl ökonomische als auch fachliche Unterstützung. Außerdem benötigen nicht nur diese Frauen Bildung, auch die Flüchtlinge, die sonst in unseren Camps leben, müssen Bildung erhalten. Denn auch wenn sie keine IS-Mitglieder waren, so haben sie doch vier bis fünf Jahre unter der Herrschaft des IS gelebt. Das hat natürlich ihre Gedanken und ihren Willen beeinflusst. Diese Bildungsarbeit kann nicht jeder machen. Dafür sind professionelle Teams nötig. Auch hier brauchen wir Spezialist*innen und Mittel, um die Räume für solche Arbeiten bereitstellen zu können.

In unseren Camps gibt es einige Schulen. So gibt es in Ain Issa sechs Schulen. Fünf davon sind für Flüchtlinge und eine ist für die Kinder von IS-Mitgliedern. Im Roj-Camp gibt es eine Schule für Kinder von IS-Mitgliedern. In Hol gibt es immer noch keine. Aber das sind keine Schulen, die eine solche Spezialanforderung abdecken können, es handelt sich um normale Schulen. Nicht jeder kann mit den vom IS indoktrinierten Kindern sinnvoll arbeiten. Da haben wir ein ernstes Problem, denn wir haben nur sehr wenige Spezialist*innen und diejenigen die kommen, wollen nur wenige Stunden unterrichten. Sie haben ebenfalls Angst. Wir haben bereits viele Projekte und Programme, aber die können wir auch nicht allein fortführen. Wir brauchen wirklich Hilfe.

Und was hat die Koalition auf den Treffen Ihnen zu diesem Thema gesagt?

Wir haben uns nicht nur mit der Koalition, sondern auch mit anderen ausländischen Kräften getroffen. Sie haben gesagt: „Das ist richtig und das ist euer Recht. Dafür ist ein großes Projekt nötig. Wir werden das diskutieren.“ Aber bis jetzt gab es keinerlei Unterstützung.

Als demokratisch-autonome Selbstverwaltung haben wir nicht allein die Kraft, um das alles zu tragen. In der aktuellen Lage fehlen uns die Ressourcen, sie zu schützen, zu versorgen, zu erziehen und zu rehabilitieren. Deshalb müssen alle Staaten ihre Aufgabe in dieser Hinsicht erfüllen.

In unseren Camps befindet sich eine große Zahl von IS-Familien. Diese stellen sowohl jetzt als auch für die Zukunft eine Gefahr dar. Wir reden hier nicht nur von den IS-Frauen. Sie haben auch viele Kinder. Diese Kinder werden als „die neue Generation“ bezeichnet. Wenn nicht ausreichend Maßnahmen ergriffen werden und nicht für eine Resozialisierung gesorgt wird, dann wird eines Tages eine neue Terrororganisation durch sie entstehen.

Deshalb sollten die Staaten heute ihre Aufgaben wahrnehmen. Sie sollten nicht sagen, „die sind weit weg in Rojava, das geht uns nichts an“. Heute beeinflusst sich alles auf der Welt gegenseitig. Heute sind sie hier, morgen können sie schon wieder ganz wo anders sein.

Die ganzen europäischen Staaten sprechen von früh bis spät von Menschenrechten. Das fängt aber dabei an, eine Lösung für die Probleme mit dem IS, der sich gegen alle Menschenrechte richtet, zu finden und Verantwortung für die Familien und Kinder zu übernehmen.

Heute ist der Tag der Prüfung. Okay, es sind IS-Mitglieder, okay, es sind Frauen und Kinder von IS-Dschihadisten, aber bei dieser Sicht bleibt eine Tatsache auf der Strecke. Ob wir es wollen oder nicht es ist notwendig, eine Lösung für diese Situation zu finden. Denn in erster Linie sind es doch Menschen, und sie sind hier.