medico international: Ein Krankenhaus für Rojava

Ein Beispiel wie es gehen kann: Im Krankenhaus von Rakka, das der Kurdische Roten Halbmond betreibt, werden die Menschen kostenlos behandelt. (Alle Fotos: Mark Mühlhaus/attenzione)

Veröffentlicht Dez. 2018.
medico international unterstützt die Sanierung und Ausstattung eines Krankenhauses im kurdischen Kanton Cizire in Nordsyrien. Helfen Sie mit!

Die Strom- und Wasserversorgung des verlassenen Krankenhauses in Tirbespi/Cizire muss wieder hergestellt werden und eine Notaufnahme, eine Röntgenstation, ein Labor und mehrere Patient*innenzimmer sollen in dem zweistöckigen Gebäude eingerichtet werden. Außerdem unterstützt medico die Beschaffung der Ausrüstung für eine Mutter-Kind Station (Frauenheilkunde und Geburtshilfe).

Die Neueröffnung hat höchste Priorität, denn das Krankenhaus wird für 100.000 Menschen die einzige Möglichkeit sein, eine kostenlose und gute Gesundheitsversorgung zu bekommen. Seit 2014 gibt es hier kein öffentliches Krankenhaus mehr, nur eine kleine Gesundheitsstation sichert notdürftig die medizinischen Grundbedürfnisse der Bevölkerung.

Unterversorgt waren die kurdischen Gebiete im Norden Syriens schon zu Zeiten der Herrschaft Assads. Die Korruption führte zu einer schleichenden Privatisierung des Gesundheitswesens, öffentliche Gelder fehlten auch bei der adäquaten Ausstattung der Gesundheitseinrichtungen. Ärzt*innen verließen wegen schlechter und unregelmäßiger Bezahlung die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen und eröffneten Privatkliniken, wo sie sich Behandlungen teuer bezahlen ließen. Auch in Tirbespi führten Korruption und Missmanagement dazu, dass die Bewohner*innen Privatkliniken aufsuchen mussten – obwohl es ein öffentliches Krankenhaus gab.

Mit der Belagerung durch die dschihadistische Al Nusra-Front ab 2014 und später dem IS verschärfte sich die Situation in Nord-Ost-Syrien dramatisch. Viele Menschen aus den umliegenden Dörfern flohen vor den Angriffen nach Tirbespi, das von der Schreckensherrschaft des IS verschont blieb. Das Krankenhaus war zu dieser Zeit schon nicht mehr in Betrieb.

Die medico-Partnerorganisation, der Kurdische Rote Halbmond, betreibt in Tirbespi inzwischen eine „Primary Health Clinic“, in der grundlegende Behandlungen durchgeführt werden können. Das Einzugsgebiet umfasst die umliegenden Kleinstädte und Dörfer, insgesamt etwa 100.000 Menschen. Aber es braucht dringend eine bessere Infrastruktur, denn für größere Operationen und Behandlungen müssen die Menschen in Hauptstadt von Cizire, nach Qamishlo fahren. Und auch hier gibt es nur Privatkliniken und ein Krankenhaus – das im Gebiet des Assad-Regimes liegt.

Zwischen Nothilfe und Strukturaufbau

„Die Bevölkerung in Nordsyrien leidet unter fehlender sozialer Infrastruktur. Besonders im Gesundheitsbereich ist die Situation noch besonders unzulänglich“ sagt der Vorsitzende des Kurdischen Roten Halbmondes Sherwan Bery gegenüber medico. In den letzten Jahren hat medico den Kurdischen Roten Halbmond größtenteils mit Nothilfemaßnahmen unterstützt, zuletzt bei der Medikamentenbeschaffung für das Flüchtlingslager Sheba, wo immer noch bis zu 100.000 Menschen festsitzen, die vor dem Einmarsch der Türkei in den kurdischen Kanton Afrin geflohen sind. Diese Hilfe des Roten Halbmonds und die Unterstützung dafür durch medico wird weitergehen.

Gleichzeitig unterstützen wir den Aufbau von Infrastruktur, denn nur so kann Veränderung nachhaltig werden. Unter der demokratischen Selbstverwaltung wird in Nordsyrien ein neues Gesundheitssystem aufgebaut, in einer Gesundheitsakademie werden nach einem eigens entwickelten Curriculum Ärzt*innen und Helfer*innen ausgebildet. Die ersten Absolvent*innen arbeiten bereits in Krankenhäusern oder Gesundheitsposten der Region. Ziel des Programms ist es, allen Gesundheitsarbeiter*innen ein angemessenes Gehalt zu zahlen und eine kostenlose Basisgesundheitsversorgung für die Bevölkerung sicherzustellen. Auch Gesundheitsbildung, Verhütung, die Reduzierung von Kaiserschnitten und sogar das Thema Abtreibung finden hier Eingang. In einer sehr konservativ geprägten Gesellschaft wie im Norden Syriens bedeuten bereits kleine Fortschritte in diesem Bereich einen großen Erfolg.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese Entwicklung in einer sehr bedrohlichen Situation stattfindet. Erst kürzlich startete die Türkei wieder Angriffe auf kleinere Orte in der Nähe von Kobane und der Fortgang des entgrenzten Stellvertreterkriegs in Syrien ist unklar. Dass die Kurd*innen in Nordsyrien in dieser undurchsichtigen und bedrohlichen Zeit Strukturen demokratischer Teilhabe und Partizipation aufbauen, ist mehr als unterstützenswert.