Drohende Idlib-Offensive: „Noch einmal Freiheit und Gerechtigkeit fordern“

Drohende Idlib-Offensive: »Noch einmal Freiheit und Gerechtigkeit fordern«

9. September 2018 von Adopt a Revolution

Es erscheint wie ein letztes Aufbäumen der Zivilgesellschaft in Idlib und dem Südwesten Aleppos. Zehntausende demonstrierten in den letzten Wochen in dutzenden Städten gegen Assads drohende finale Offensive. Diese wird immer wahrscheinlicher.

Die Bilder waren gewaltig. Große Menschenmengen zogen am letzten und vorletzten Freitag durch Idlibs Städte, um gegen die drohende Offensive des Assad-Regimes zu demonstrieren. Zigtausende waren auf der Straße. Ein Meer aus schwarz-weiß-grünen Oppositionsflaggen. Weit und breit kein einziges schwarzes Islamistenbanner – nicht einmal in der gleichnamigen Provinzhauptstadt Idlibs, die die Dschihadisten von Hai’at Tahrir al-Sham (HTS) kontrollieren.

Eigentlich haben die Radikalen die Fahne der Opposition verboten – doch davon ließen sich die Menschen nicht einschüchtern. Entsprechend aggressiv reagierte HTS auf die Proteste in der Stadt. Ein Video dokumentiert, wie die Radikalen das Feuer auf Demonstranten eröffneten. Diese ließe sich nicht auseinandertreiben, riefen lautstark: „Jolani raus!“, so heißt der Anführer von HTS. Und: „Shabiha! Shabiha!“, das Wort bezeichnet eigentlich korrupte Assad-treue Milizionäre, die in den ersten Monaten des Aufstandes besonders brutal gegen Demonstranten vorgegangen waren. Immer öfter wandten syrische Oppositionelle es in den letzten Jahren gegen die bewaffneten Rebellen.

Besonders groß waren die Proteste auch in Maarat al-Nu’man, Atareb, Kafranbel und Saraqeb – Städte, die sich seit Jahren erfolgreich gegen HTS zur Wehr setzten.

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Protest gegen den drohenden Angriff Assads in Maarat al-Nu’man.

Doch all das wird den Lauf der Dinge wohl nicht ändern. Massive Bombardements gingen in den letzten Tagen auf die Provinz nieder. Es ist der bereits gewohnte zynische Modus Operandi des Regimes: Wie immer zielten sie zuerst auf Krankenhäuser und Ersthelfer, sollen Panik und Verzweiflung schüren, um die Menschen zum Aufgeben zu bewegen.

Lesen sie im Folgenden ein Interview mit Mohammad Shakrdy, Leiter des von Adopt a Revolution unterstützten Zentrums der Zivilgesellschaft in Atareb, über die nahende Offensive.

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Protest gegen den drohenden Angriff in Idlib.

Wie ist die Stimmung bei euch in Atareb angesichts der drohenden Offensive des Assad-Regimes auf Idlib und den Südwesten der Provinz Aleppo?

Die Menschen erwarten alles und nichts und sind bereit für alles, das da kommen möge. Das ökonomische Leben ist zum Erliegen zu kommen; auch die meisten Hilfsorganisationen haben ihre Arbeit eingestellt. Die Leute klauben jetzt ihr ganzes Geld zusammen, damit sie auf den Ernstfall vorbereitet sind.

Hamstern die Menschen Vorräte?

Nein. Man kauft das Nötigste, was man eben braucht. Aber für mehr hat man gar nicht das Geld. Hinzu kommt, dass wir hier – anders als in Ost-Ghouta – keine Bunker haben, in denen man sich verstecken könnte. Und im Falle massiver Bombardements werden wir an die Grenze fliehen, da kann man sowieso keine Vorräte mitnehmen.

Es kam noch immer zu zahlreichen Großdemonstrationen in der ganzen Region.

Ja, das war sehr schön. Wir forderten noch einmal Freiheit und Würde gemeinsam und waren dabei irgendwie eins, nicht so zersplittert wie sonst. In Idlib waren die Menschen auf der Straße, obwohl Hai’at Tahrir al-Sham (HTS) auf sie geschossen hat. Das hat noch einmal gezeigt, dass die zahllosen Fehler, die gemacht wurden, von den bewaffneten Fraktionen zu verantworten sind und dass wir, die zivile Bewegung, bis zuletzt versuchten, uns dem entgegenzustellen.

Glauben die Leute, dass die Türkei es tatsächlich letztlich irgendwie schafft, sie vor einer Offensive zu bewahren?

Viele glauben noch immer daran, dass es der Türkei gelingen wird, einen Angriff zu verhindern. Ich denke das nicht. Ankara müsste sich dafür militärisch engagieren. Sie wollen aber weder groß Geld hier investieren, noch können sie menschliche Verluste zuhause rechtfertigen. Ihnen bleiben also nur Verhandlungen, und in deren Rahmen hat Russland längst klargemacht, dass sie militärisch gegen Idlib vorgehen werden. Die Türkei und Russland haben ein Problem mit den Dschihadisten von HTS, sie unterschieden sich nur darin, wie sie dieses Problem lösen wollen. Und anders als die Türkei ist Russland dazu bereit, militärische Anstrengungen zu unternehmen. Es geht also darum, wer die besseren Karten hat — und die hat Moskau.

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Mohammad Shakrdy auf einer Demonstration in Atareb.

Was würdest du tun, wenn Atareb ins Fadenkreuz von Regime und Russland gerät?

Dann habe ich keine andere Möglichkeit, als zu gehen. Weiter nach Norden.

Aber das ist ja keine Lösung. Der Norden unter türkischer Besatzung ist instabil, die Rebellen bekämpfen sich gegenseitig, ständig gibt es Anschläge.

Aber es wäre noch immer ein bisschen sicherer. Alle versuchen, in Idlib und West-Aleppo Chaos zu schaffen. Mit Anschlägen und Terror. HTS genauso wie das Regime. Sie wollen, dass sich die Bevölkerung der Seite zuwendet, die ihr am stärksten erscheint. Es gibt nur zwei Möglichkeiten für die Menschen hier: Zu fliehen oder ein Versöhnungsabkommen mit dem Regime abzuschließen. Und letzteres ist für die Revolutionäre unter uns keine Option. Blieben wir, so kämen wir entweder ins Gefängnis oder wir würden umgebracht. Das ist der Stand der Dinge.

Wir haben zu viele Fehler gemacht. Wir hatten weder eine geeinte Führung noch eine gemeinsame Vision für die Zukunft. Wer in irgendeiner Hinsicht anderer Meinung war als andere, hat einfach sein eigenes Bataillon gegründet. Diese Zersplitterung hat es ausländischen Kräften ermöglicht, ihre ganz eigenen Ziele voranzutreiben. Es mangelt an Kommunikation, und auch Sicherheit konnte nicht hergestellt werden. Also konnten wir der Aggression des Regimes nichts entgegensetzen.