Flüchtlinge aus Efrîn: „Niemand ist mehr sicher“

Nach Angaben von Menschen aus Efrîn, die vor den türkisch-dschihadistischen Besatzungstruppen aus dem nordsyrischen Kanton flüchten mussten, ist niemand dort mehr sicher.

MIHEMMED HISÊN / ŞEHBA, 1. Sept. 2018.

Das unmenschliche Vorgehen der türkisch-dschihadistischen Besatzer in Efrîn kennt keine Grenzen. Täglich ergreifen weitere Menschen die Flucht aus der Stadt und den umliegenden Ortschaften, weil sie ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Viele Menschen, die im Frühjahr vor der türkischen Invasion geflohen sind, kehrten nach einiger Zeit probeweise in ihre Heimat zurück und mussten Efrîn aufgrund der lebensbedrohlichen und entwürdigenden Situation erneut verlassen. R.Ş. und C.E. sind zwei von ihnen. Im ANF-Interview haben sie sich zu ihren Erlebnissen geäußert.

„Als wir in Şehba waren, bekamen wir Anrufe von Leuten aus Efrîn. Sie meinten, dass es dort keine Probleme gebe. Daraufhin sind wir zurückgekehrt. Als wir jedoch dort waren, mussten wir erkennen, dass alles anders war. Man kann wegen den Dschihadisten das Haus nicht verlassen. Es gibt keine Arbeit, und wenn du doch Arbeit findest und ein bisschen Geld in die Hand kriegst, kommen sie abends in deine Wohnung und nehmen es dir wieder weg“, erzählt R.Ş.

Niemand ist sicher in Efrîn

Niemand in Efrîn sei seines Lebens sicher, sagt er. Aus Angst bleiben die Menschen zu Hause. Vor allem Frauen trauen sich nicht auf die Straße, weil sie Angst vor Übergriffen und sexueller Belästigung haben. „Aber auch junge Männer verlassen das Haus kaum, weil immer die Gefahr besteht, dass sie als YPG-Mitglieder abgeführt werden. Die Dschihadisten foltern ihre Entführungsopfer eine Zeitlang und fordern dann Lösegeld von den Angehörigen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. In unserer Straße wurde ein Jugendlicher erwischt. Sie sagten, er hätte mit der Organisation gearbeitet, und dann nahmen sie ihn mit. Elf oder zwölf Tage wurde er festgehalten. Als er zurückkam, war er in einem schrecklichen Zustand. Seine Familie musste ihn tagelang pflegen. Wer auch immer anruft und sagt, dass Efrîn sicher ist, lügt. Ich habe es keine drei Tage dort ausgehalten. Bis ich einen Weg gefunden habe, um wieder herauszukommen, war ich vollkommen fertig. Schließlich musste ich den Dschihadisten Geld geben, um Efrîn verlassen zu können.“

Häuser werden gewaltsam beschlagnahmt

An fast jedem Abend gibt es Auseinandersetzungen zwischen den Dschihadisten, erzählt R.Ş. weiter: „Sie erschießen sich gegenseitig wegen der Beute, die sie mit Diebstahl und Plünderung ergattern. Ich habe die Räder von meinem Auto abgebaut, damit es nicht gestohlen wird. Trotzdem habe ich die ganze Nacht Wache gehalten. Mein Haus und mein Geschäft sind mir schon vorher weggenommen worden. Ich habe nur noch das Auto, wenn das auch noch weg ist, habe ich gar nichts mehr.

Die Menschen werden aus ihren eigenen Wohnungen vertrieben. Die Dschihadisten kommen und fragen nach, ob das Haus auf deinen Namen eingetragen ist. Wenn nicht, werfen sie dich hinaus und verkaufen sämtliches Inventar. Anschließend bekommt einer von ihnen die Wohnung.“

„Der türkische Staat will die Dschihadisten nach Qendîl schicken“

Der türkische Staat hat den Dschihadisten einen monatlichen Sold von 800 Dollar angeboten, wenn sie nach Südkurdistan in die Qendîl-Berge gehen, sagt R.Ş.: „Einer der Dschihadisten hat abgelehnt, deswegen wurde er hinausgeworfen. Er war drogen- und alkoholabhängig. Als er nichts mehr in den Händen hatte, ist er in die Wohnungen von Kurden gegangen und hat alles verkauft, was er dort gefunden hat, vor allem Kühlschränke und Waschmaschinen. Er hat sogar Sachen von einem frisch verheirateten Paar verkauft, die noch verpackt waren. Einmal habe ich meinen Ärger darüber gezeigt, da hat er gesagt: ‚Die Türken haben meinen Sold gestrichen. Sie sagen, dass wir entweder nach Qendîl gehen oder unser Gehalt gestrichen wird und wir nach Hause geschickt werden.‘ Einige von ihnen wollten wohl nach Qendîl gehen, aber da wussten sie noch nicht, was Qendîl für ein Ort ist. Später haben sie erfahren, dass es dort sehr anders ist, als ihnen erzählt wurde. Ein Teil von ihnen wollte dann nicht mehr gehen. Die anderen werden jetzt auf dem Militärstützpunkt in Qibarê ausgebildet.“

Friedhof zerstört, Wälder angezündet, Geschäfte beschlagnahmt

„Vor drei Wochen habe ich im Internet gesehen, dass der Gefallenenfriedhof Avesta Xabur zerstört worden ist“, erzählt R.Ş. „Am Anfang konnte ich es nicht glauben, aber dann bin ich mit einem Freund zusammen mit dem Motorrad daran vorbeigefahren. Es ist alles mit Bulldozern zerstört worden. Sie sagen, die Organisation hätte Dollars in den Gräbern versteckt und deshalb hätten sie alles kaputt gemacht.“

Auch die Wälder am Berg Hawar und beim Dorf Ster seien vom türkischen Militär und ihm unterstellten Milizionären angezündet worden, berichtet R.Ş.: „Acht Tage lang hat es ununterbrochen dort gebrannt. Der Berg Hemam ist auch an vier Stellen angezündet worden. Im Zentrum von Efrîn sind alle Geschäfte beschlagnahmt worden, vor allem von den Banden, die aus Ghouta und anderen Orten gekommen sind. Wenn du in ein Dorf fahren willst, musst du zunächst einen Passierschein kaufen. Auf dem Weg wirst du dann von weiteren Banden angehalten und musst auch ihnen Geld geben.“

Die Rechnung des ENKS ist nicht aufgegangen

In Efrîn werden Ausweise ausgegeben, die türkischsprachige Informationen enthalten und mit einem FSA-Stempel Gültigkeit bekommen, erzählt R.Ş.: „Wenn du so einen Ausweis von den Türken nicht hast, bekommst du gar nichts. Die Kurden werden sowieso ständig beleidigt. Ich habe mir so einen Ausweis nicht ausstellen lassen. Wenn du einen solchen Ausweis hast, kannst du Efrîn verlassen und kommst auch wieder hinein. Alle Kurden, die noch in Efrîn sind, können die Gegend nicht verlassen, weil sie kein Geld haben. Ohne Geld kann man bei den Dschihadisten gar nichts erreichen.“

R.Ş. verweist darauf, dass es in Efrîn auch Mitglieder des „Kurdischen Nationalrats“ ENKS gibt, und beendet seinen Bericht mit den Worten: „Am Anfang hatten die ENKS-Mitglieder noch etwas zu sagen. Jetzt besteht der ENKS nur noch auf dem Papier. Er hatte versprochen, dass alles besser wird, wenn die Organisation verschwindet, weil er dann selbst Macht bekommen würde. Aber so war es nicht und jetzt bereuen es alle. Sie sagen jetzt, dass die Organisation wiederkommen soll. Viele sind auch nach Europa oder in die Türkei geflüchtet. Die Rechnung des ENKS ist nicht aufgegangen. Jetzt wissen diese Leute nicht, wie sie da wieder herauskommen.“

„Es ist schwer, über die Folter zu sprechen“

C.E. war lange in Gefangenschaft der Dschihadisten. Über seine Erlebnisse zu berichten, fällt ihm schwer. „Auf dem Weg wurden wir von den FSA-Banden angehalten. Von jedem von uns nahmen sie 10.000 syrische Lira. Als ich in Efrîn ankam, wurde ich verhaftet. Folter, Grausamkeit, Beleidigungen, uns wurde alles angetan. Ich wurde gefragt, ob ich Gebete sprechen kann. Ich verneinte, daraufhin wurde ich schwer gefoltert. Sie nannten uns Ungläubige.“

Nach zehn Tagen wurde C.E. freigelassen und machte sich auf den Weg nach Cindirês. Bevor er ankam, wurde er erneut gefangen genommen. „Mir wurden die Augen verbunden. Ich weiß nicht, wohin ich gebracht wurde. Nach zwanzig Tagen kam jemand, der behauptete, ich hätte für die Organisation gearbeitet. Ich sagte, dass ich mit der Organisation nichts zu tun habe. Wir wurden auf jede erdenkliche Weise gefoltert. Sie gaben uns ihre Essensreste. Später kam ich in eine Einzelzelle. Dort blieb ich 52 Tage. Ich durfte mit niemandem reden. Mir sind sehr viele Dinge angetan worden. Über manches kann man nicht sprechen. Es fällt mir schwer. Wenn du in Efrîn kein Geld hast, kannst du dort nicht leben. Mir war klar, dass mir wieder etwas passieren wird, wenn ich dort bleibe. Deshalb war ich gezwungen zu fliehen.“