Schon 100 000 aus Rakka geflüchtet !

 

Nein, die Einwohner von Rakka haben sich nicht in einem Aufstand erhoben gegen die Schreckensherrschaft des Islamischen Staates (IS). Obwohl die Stadt weitgehend von den BefreiungskämpferInnen der “Syrischen Demokratischen Kräfte” umzingelt ist. Die Stadtbewohner sind von den täglichen öffentlichen Auspeitschungen und Hinrichtungen derart terrorisiert, dass sie alles aufzugeben bereit sind, um zu fliehen, um sich zu retten.

Die Zivilbevölkerung retten – das ist auch für die SDK das oberstes Gebot. Deshalb kommen sie bei der Befreiung der IS-Ortschaften nur langsam voran; immer wieder sichern sie “Korridore”, damit die Leute fliehen können. Die Flüchtenden werden dann mit dem Notwendigsten versorgt und ins sichere Hinterland geleitet. Viele unter ihnen schließen sich den Befreiungskräften an, wollen den IS bekämpfen, wollen Rache nehmen.

Das befreite und selbstverwaltete Nordsyrien umfaßt inzwischen neben Afrin (ganz im Westen) und Şex Meqsud (nördliches Stadtviertel von Aleppo) das ganze Gebiet von der irakischen Grenze bis Kobanê und Minbic (Provinz Aleppo) und breitet sich in die syrische Wüste bis vor Rakka und Dair Ez-Zor aus. Handelte es sich vor 5 Jahren um eine “kurdische Revolution”, so sind es längst überwiegend arabische Truppen, die von Arabern bewohnte Gegenden einnehmen.

Was in Deutschland völlig unbekannt ist: Jeden Tag flüchten Hunderte, ja Tausende ins befreite Nordsyrien. Aus den umkämpften oder vom IS noch gehaltenen Orten. Aber auch aus allen anderen Gebieten Syriens, seien sie nun vom Assad-Regime, von den “Rebellen” oder von der Türkei besetzt. Selbst aus dem Irak, aus Mossul und Tel Afer, kommen Flüchtlinge. Das selbstverwaltete Nordsyrien ist zu einem Magnet geworden – obwohl es selbst eingeschnürt ist und so gut wie keine Hilfe von den internationalen Organisationen erhält. Denn es steht allen Fliehenden offen, ohne Asylverfahren, ohne Diskrimierung nach Herkunft, Religion oder sonstwas, und ohne Abschiebungen. Von den ca. 4 bis 5 Millionen Einwohnern dürften inzwischen 1 Million Flüchtlinge sein. (Redaktion 29.4.2017)

 

 Hilferuf des Zivilen Rates von Rakka

 ANHA 27.4.2017

Hesen Mihemed El-Xabûr, Mitglied des Rates von Rakka, richtete folgenden Aufruf an die internationale Öffentlichkeit:

“Seit geraumer Zeit führen die Demokratischen Kräfte Syriens um Rakka einen Kampf gegen die Banden des IS; dabei errangen sie große Erfolge. Gleichzeitig mit dem Vormarsch der KämpferInnen ist die Anzahl der Flüchtenden aus Rakka erheblich gestiegen. Sie hat inzwischen die Hunderttausend erreicht, und der größte Teil dieser Flüchtenden hat weder  Lebensmittel noch sonstwas zum Überleben.

Da die internationalen Organismen ihre Aufgabe nicht erfüllen und sich taub stellen, fehlt es vor allem an Lebensmitteln und Medikamenten, so daß bereits 23 Flüchtlinge gestorben sind. Die internationalen Organisationen schauen diesen Dramen nur zu.

Als Ziviler Rat von Rakka setzen wir alles dran, um mit unseren beschränkten Mitteln die Flüchtlinge zu unterstützen. Aber wir appellieren an die auf internationaler Ebnene tätigen Organisationen, ihren Aufgaben als Menschen und ihrer Verantwortlung gerecht zu werden, denn die Flüchtlinge aus Rakka brauchen dringend Hilfe.”

 

 

 Sammelaktion für die Flüchtlinge im ganzen Land

 ANHA 24.4.17 Medya Henan, Qamişlo

Edalet Umer gab im Namen des TEV-DEM – Rates des Kantons Cizre bekannt, dass jetzt überall gesammelt wird für die Flüchtlinge aus Rakka, die von den DKS gerettet wurden: “Jeden Tag nimmt die Anzahl der Leute zu, die sich vor dem IS zu uns gerettet haben. Sie brauchen materielle und moralische  Unterstützung von uns.

Tausende von Flüchtenden aus Rakka müssen unter sehr schwierigen Umständen leben, in der Wüste und auf offenem Felde. Wir erleben, dass die interntionalen Organisationen sich für die Leute aus Rakka nicht rühren. Um in der Lage zu sein, diesen zu helfen mit eigenen Mitteln, haben wir eine Kampagne ins Leben gerufen. Sie ist für 3 Tage vorgesehen. Wir stellten in allen Städten des Kantons Cizre große Zelte für Hilfsgüter auf, die in der Gegend gesammelt werden.” Und er rief das ganze Volk des Kantons Cizre auf, sich aktiv an der Kampagne zu beteiligen, mit Geld, Kleidung und Lebensmitteln.

 

35 000 Rakka-Flüchtlinge in 11 Tagen

ANHA 25.4.17 Meid Selûm / Xalid Hac Şerif aus Tel Abyad

Am 13. April begann die 4. Stufe der Militäroffensive “Zorn des Euphrat” zur Befreiung des Gebiets nördlich von Rakka. In den 11 Tagen seither sind 35 000 Flüchtlinge im Lager von Eyn Issa eingetroffen, überwiegend aus Rakka selbst sowie aus Meskenê und Tebqa.

Celal Ayaf vom Flüchtlingskomitee: “Jeden Tag werden es mehr Flüchtlinge, die uns erreichen. Wir müssen siei jetzt auf Minbic, Tel Abyad und die kürzlich befreiten Gebiete der Provinz Rakka verteilen. Denn mit 35 000 ist die Kapazität des Lagers Eyn Issa erreicht.” Und er richtet einen Appell an die internationalen Organisationen, dringend Nothilfe zu leisten.Das Lager Eyn Issa wird vom Flüchtlingskomitee der Demokratischen Autonomen Verwaltung von Tel Abyad geführt.

 

Eyn Issa: Kleine Kinder mit großen Herzen

YÖP 25.4.17

Die kleinen Kinder von Eyn Issa bieten am Strassenrand den Flüchtlingen, die sich aus Rakka in sichere Gebiete gerettet haben, ein Glas kühles Wasser.

Als wir aus der Kleinstadt Eyin Issa zum Flüchtlingslager etwas außerhalb fahren, sehen wir einige Kinder in bunten Kleidern am Rande der Straße. Wir halten das Auto an und nähern uns der Gruppe: Kinder aus dem Ort, die am Wegesrand den Rakka-Flüchtlingen Wasser anbieten. Letztere kommen übermüdet an, in Gesicht und Augen noch Staub und Sand der Wüste. Diese Kinder haben den Krieg und die Schrecken des IS ja selbst erlebt; nun bieten sie den Flüchtlingen ein Glas kühles Wasser, damit jene schnell die Schmerzen, die sie erfahren haben, wieder vergessen.

 

Auf der Flucht durch die Wüste

YÖP 25.4.17

Suhat Ruayib aus Meskene hat mit ihrer Familie Eyn Issa erreicht und erzählt der ANF-Reporterin unter Tränen: 35 Tage waren sie in der Wüste unterwegs, nachdem sie aus Meskene geflohen waren. In jeder Etappe den Tod oder das Gefängnis vor Augen; aber sie konnten sich retten. Sie gaben der Müdigkeit nicht nach, sie hielten durch, wie die anderen auch. Sie hatten Glück, konnten immer wieder Wasser finden. An keinem Ort hielten sie sich länger auf: “Denn der IS durchkämmte die Gegend auf der Suche nach Flüchtlingen. Wir gingen weiter, bis wir unsere Schuhe durchgetreten hatten.” Jetzt ist sie mit ihrer Familie in sicherem Gebiet.

Ihr Ehemann fügt hinzu: “Wir hatten gehört, dass die ‘Demokratischen Kräfte Syriens’ sich gegenüber der Zivilbevölkerung sehr respektvoll und menschlich verhalten. Das gab uns große Hoffnung, und jetzt haben wir es geschafft, jetzt haben wir bei ihnen Zuflucht gefunden.”

Suhat Ruayib fliessen Tränen, als sie von der Kleinstadt und ihrem Haus dort erzählt, das sie zurücklassen mußten: “Ohne Heim und Herd, ohne Heimat, das macht den Menschen zu einem erbärmlichen Wurm”. Sie zeigt auf sich und die anderen: “Wir mussten alles hinter uns lassen. Unsere Gärten und Felder, die Früchte jahrelanger Arbeit, unsere Erinnerungen, alles ließen wir hinter uns.” Dann holt sie einen tiefen Atemzug, trocknet ihre Tränen, schaut auf ihre Angehörigen, ihre Augen füllen sich mit Zuversicht, und sie fügt hinzu: “Nochmals danke, das wir hier heil angekommen sind.”

Suhat Ruayib hat auch erlebt, wie die IS-Kriegsgewinnler auf dem Rücken der Fliehenden Kapital akkumulieren: “Manche kauften uns, manche verkauften uns. Käufer und Verkäufer waren vom IS. Nur so konnten wir dem IS entkommen.”

Ähnliches erzählen Turkmenen, die aus Tel Afer (Nordirak) flohen, als durch die Kämpfe um Mossul ein Kontroll-Vakuum entstand, um in Hesekê (Nordsyrien) Zuflucht zu suchen. Nasir lebte mit Frau und Kindern zwei Jahre lang in Tel Afer unter der Herrschaft des IS, bis ihm die Flucht gelang: Sie fuhren nach Baaj und mussten dann nachts fünf Stunden lang zu Fuß gehen, bis sie die Grenzen von Rojava bei Hesekê erreichten. “In Tel Afer einerseits die Tyrannei des IS, andererseits die Kämpfe. Bis dahin hatten wir keinen Weg gefunden zum Fliehen. Der IS erlaubte uns nicht, dass wir weggehen, dass wir fliehen. Und dann waren es seine eigenen Leute, die von denen, die raus wollten, 300 Dollar pro Kopf verlangten und uns bis zu einem bestimmten Punkt brachten. Dort sagten sie uns: Los, haut ab!”

 

Keine Befreiung ohne Versorgung der Menschen!

 YÖP 25.4.17

Ilham Ehmed ist Ko-Präsidentin des “Demokratischen Rates von Syrien”. Sie hat klar ausgedrückt, welch hohen Stellenwert für die revolutionäre Führung die Versorung der Flüchtlinge bei den militärischen Offensiven hat:

“Unsere Offensive hat nicht nur eine militärische Dimension, sondern daneben auch menschliche, gesellschaftliche Dimensionen. Jetzt wird nur von der militärischen Unterstützung geredet. Aber wird auch gesellschaftlich, sozial und wirtschaftlich entsprechend Unterstützung geleistet, an erster Stelle, wenn es um Rettung und Schutz der Flüchtlinge, der Zivilbevölkerung geht? Wir retten und befreien das Volk aus den Klauen der islamistischen Banden; aber wieso wird ihnen nicht geholfen, bis sie wieder auf ihr Land, in ihre Häuser, in ihre Heimat zurückkehren können? Etlichen sind ja im Krieg ihre Häuser zerstört worden. Ihre Häuser wurden zerstört und verbrannt, ihr Hab und Gut wurde geraubt; sie mussten die Wüste durchqueren, um sicheres Gebiet zu erreichen. Wozu haben wir sie befreit, wenn wir sie nicht auch mit einem sicheren Zufluchtsort, einem Schluck Wasser und einem Stück Brot versorgen, solange bis ihre Häuser wieder aufgebaut sind und sie wieder ihr Land bearbeiten können?”

 

Wetha rettete sich vor dem IS und schloss sich den YPJ an

 Şûjin Gazete / Kobanê, 23.4.17

Wetha (22) wurde von den Kämpferinnen der Befreiungskräfte aus den Klauen des IS gerettet, und sie schloss sich den Fraueneinheiten der YPJ an. Ihr Namen, “Wetha”, ist arabisch und bedeutet “Wirklichkeit”; sie hat ihre eigene Wirklichkeit in der YPJ gefunden.

 
wetha
Wetha stammt aus der Kleinstadt Meyedan (zwischen Deir Az-Zor und der irakischen Grenze). Ein Jahr lang war sie Gefangene des IS, denn ihr Vater hatte sie gegen eine Summe Geldes an drei IS-Emire verkauft, die sie sexuell ausbeuteten. Das war “die Wirklichkeit der Frau beim IS”, sagt Wetha; jeden Tag sann sie danach, wie sie fliehen, wie sie sich retten könnte. Sie erzählt:

 

“Mit drei weiteren Frauen wurden wir in einem verschlossenen Zimmer gefangen gehalten. Der IS-Bandit, dem ich von meinem Vater verkauft worden  bin, gab mich an drei verschiedene Emire weiter. Ausser von diesen drei Emiren wurde ich jeden Tag von 12 weiteren Männern mit vermummten Gesichtern vergewaltigt. Ich kenne die drei Emire und den Kerl, an den mich mein Vater verkauft hatte. Die 12 anderen waren immer vermummt. Ein Jahr lang dauerte diese systematische Folter an. In dem Zimmer waren noch drei weitere Frauen, die auch dauernd vergewaltigt wurden. An diesen dunklen Tagen war ich mit nichts anderem beschäftigt als mit der Suche nach einer Gelegenheit zur Flucht. Eines Tages konnte ich heimlich mich des Schlüssels bemächtigen. Mit den drei anderen Frauen verschwanden wir, ohne uns noch einmal umzudrehen. Wir wollten nichts wie weg, so weit wie möglich.

Wir wollten irgendwo hin, wo wir sicher sind. Aber sie haben unsere Abwesenheit gemerkt, als wir noch nicht weit von unserem Ort der Gefangenschaft weg waren. Die drei mit mir geflohenen Frauen wurden von den IS-Banditen wieder aufgegriffen. Ich habe mich unter die Menge gemischt und bin zunächst nicht entdeckt worden. Von den Leuten erfuhr ich über einen Ort, den sie ‘die Garage’ nennen. Dort gibt es Autos, welche Flüchtlinge in sichere Gebiete transportieren. Ich bat einen Mopedfahrer, mich dorthin zu bringen: das tat er. Dort fanden wir, 5 Frauen, ein Fahrzeug, das uns in das Dorf Ensare brachte. Hier kommen Zivilisten zusammen. Einen Monat lang verbrachte ich im Haus eines Dorfbewohners. Sie versteckten uns. Ich sagte nicht, dass ich vom IS fliehen wollte. Ich sagte, ich hätte meine Familie verloren und wollte zu einem Onkel nach Damaskus. Nach einem Monat machte ich mich auf und gelangte in sicheres Gebiet, wo es KämpferInnen der ‘Demokratischen Kräfte Syriens’ gab.”

Dort erzählte Wetha, was ihr zugestossen war, und die KämpferInnen versorgten sie mit allem, was sie brauchte. Sie teilte ihnen mit, dass sie sich besonders für die bewaffneten Frauen-Einheiten interessiere, und die KämpferInnen unternahmen, was sie konnten, um sie wieder ins Leben zu bringen. “Danach kam ich zu den YPJ-Kämpferinnen nach Kobane. Ich sagte den Frauen hier, dass ich nach Damaskus gehen wollte. Mehrere Tage lang lebte ich mit ihnen zusammen, und was sie machten, hat mir neuen Auftrieb, neue Lebenskräfte gegeben. Deshalb habe ich mich anders entschlossen. Schließlich habe ich mich mit ihnen zusammengesetzt: ‘Ich fühle mich beschmutzt. Wenn ihr einverstanden seid, möchte ich der YPJ beitreten. Mein Herz brennt, und dieses Feuer kann ich nur löschen, wenn ich gegen diese schwarze Denkweise kämpfe’, sagte ich. Was ich sagte, machte sie sehr glücklich. Sie halfen mir weiter. Jetzt kann ich sehen, wer ich eigentlich bin. Es war für mich eine einmalige Gelegenheit. Mit meinem Entschluss wurde mir klar, dass ich für die Frauen, die noch in Gefangenschaft sind, kämpfen werde. Ich verdanke meiner Freiheit, dass ich ein neues Leben beginnen kann.’”

 

 

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