Erdoğan’s Provokation gegen Minbic / Nordsyrien

 Von Demir Kücükaydın, 3. März 2017.

(Einleitung der Herausgeber:

Am 2.3.17 verkündete der Militärrat von Minbic: Die Verteidigung der westlichen Grenzregion von Minbic wird an das syrische Regime (bzw. Russland) übertragen. Unter den FreundInnen der von Öcalan inspirierten Revolution in Nordsyrienhat diese Entscheidung heftige Zweifel und Diskussionen ausgelöst.

Nachdem die revolutionäre Bewegung seit Kobane Militärhilfe von den USA erhält, verbündet sie sich jetzt auch mit Russland und damit vor Ort selbst mit Assad, dem schlimmsten Schlächter des 21. Jahrhunderts. Verrat?

 Unsere Meinung: Sicher, schön sind diese Bündnisse nicht. Aber es handelt sich um taktische militärische Vereinbarungen. Nicht um Bündnisse mit politischen Zugeständnissen. Das wurde auch vor 2 Jahren der US-Regierung mitgeteilt, als diese dagegen Einspruch erhob, dass die Selbstverwaltung und Selbstverteidigung auch auf die befreiten arabischen Regionen ausgeweitet wurde.

 Lenin meinte einst: In der Not können die Revolutionäre taktische Bündnisse sogar mit des Teufels Großmutter eingehen! Und ließ sich 1917 von der deutschen Regierung von der Schweiz nach Rußland bringen… Es handelt sich also um eine taktische Frage, nicht um eine grundsätzliche.

 Als Diskussionsbeitrag dazu schien uns ein Artikel von Demir Kücükaydın von besonderem Interesse. Demir ist unabhängiger Marxist, lebte etliche Jahre im Exil in Hamburg und hat zur “nationalen Frage” Positionen entwickelt, die in der Auseinandersetzung mit Öcalan’s Ideen und der Praxis in Rojava große Beachtung in der Türkei finden. Ingo)

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Vor ein paar Tagen schrieben wir schon, dass es nach Verbranntem riecht, dass Erdoğan mit dem Feuer spielt. Da besuchte KDP-Führer Barzani Ankara. Gleich darauf schickte Barzani seine Peshmerga nach Şengal, um die Selbstverteidigungskräfte YBŞ der Êzidî unter Druck zu setzen und Zusammenstösse zu provozieren. Freilich kam bald die nötige Antwort: “Xelil Şivan, der Pressesprecher von Şengal der Peshmerga-Kräfte, erklärte, dass die Zusammenstösse eingestellt wurden und dass die Peshmerga-Führung, um weitere Zusammenstösse zu vermeiden, in Gesprächskontakt mit den YBŞ seien”, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ‘Sputnik’.

Jetzt fing Erdoğan mit den Provokationen von Minbic und von Deutschland an. Der CHP-Führer Kılıçdaroğlu stellte sich, was Deutschland angeht, in Reih und Glied mit der türkischen Regierung – aber lassen wir diese Sache mal beiseite.

Schauen wir uns Minbic an. Hauptziel der Türkei (also von Erdoğan und der nationalistisch-kemalistisch ausgerichteten Militärführung, dem Ergenekon) ist es, Rojava völlig zu vernichten, zu zertreten.

Aber das geht nicht so einfach.

Dafür müssen zuerst zwei kurzfristige Ziele angegangen werden:

  1. Die Verbindungskanäle zwischen Kandil (Sitz der PKK-Führung in den Bergen zwischen kurdisch-Nordirak und dem Iran) müssen verstopft werden. Deshalb muss Şengal der Kontrolle der PKK bzw ihrer befreundeten Kräfte entrissen werden. Dafür braucht man vielleicht gar nicht selbst vor Ort präsent zu sein. Es reicht, wenn Barzani mit der gleichen Absicht Zusammenstösse provoziert mit seinen Peshmerga, wenn er permanenten Druck aufrecht erhält, um die Gegend unsicher zu machen. So werden die Êzidî in Unruhe und Unsicherheit versetzt. Genau das wird mit der Entsendung von Barzani’s “Rojava –  Peshmerga” nach Şengal und den Zusammenstössen bezweckt.

2.  Die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) sollen sich auf die Ostseite des Euphrat zurückziehen, also Minbic räumen; hier sollen die sogenannte Freie Syrische Armee und das türkische Heer stationiert werden. So wird eine Verbindung zwischen Afrin und Rojava verhindert. Deshalb ist ja die Operation “Euphrat-Schild” ingang gesetzt worden. Ergebnis dieser Operation allerdings ist, dass die türkische Armee selbst diese Verbindung (über vom Assad-Regime kontrolliertes Gebiet, s. Karte) hergestellt hat. Die türkische Regierung ist selbst in die Grube gefallen, die sie gegraben hat. Deshalb ist sie so wütend.

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Mit der Operation “Euphrat Schild” hat der Schicksalsbund zwischen Erdoğan und Ergenekon das ganze Land in Geiselhaft genommen – militärisch ein Fiasko, und für die türkische Armee und die sie unterstützenden Kräfte bedeutet es, dass sie sich selbst in die Ecke gedrängt haben.

Ein Fiasko, weil die türkischen Spezialkräfte und ausgesuchten Einheiten, obwohl sie faktisch auf dem Kampffeld den Ton angaben, es nicht fertiggebracht haben, Al Bab einzunehmen, sondern in den Außenbezirken hängen geblieben sind. Eine ganze Reihe von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen gerieten in die Hände des IS oder wurden zerstört, und nach offiziellen Zahlen fielen 70 Soldaten – türkische Soldaten wohlgemerkt; wieviel von der Freien Syrischen Armee, ist nicht bekannnt.

Cerablus und andere Ortschaften sind den Türken ja nicht durch Krieg in die Hände gefallen, sondern durch vorgetäuschten Krieg: entweder die IS-Kämpfer haben sich zurückgezogen, oder sie haben sich die Bärte abgeschnitten und unters Volk gemischt. Jedenfalls haben sie keinen Widerstand geleistet, sondern die Übergabe vereinbart. Und genauso ist den Türken Al Bab in die Hände übergegangen: in den Tagen, wo Barzani in die Türkei kam, hat sich der IS infolge einer Vereinbarung zurückgezogen.

Aber in dieser Zeit sind auch syrische Einheiten vom Süden her bis zu den Gebieten vorgedrungen, die von Minbic her unter Kontrolle der Demokratischen Kräfte Syriens stehen. So wurde der türkischen Armee der Weg nach Rakka versperrt. Wenn also die Türkei trotzdem nach Rakka vordringen will, dann muss sie gegen die Streitkräfte der von den Vereinten Nationen anerkannten syrischen Regierung kämpfen und sich offiziell als Besatzung bloßstellen. So ist faktisch der Plan, mit dem Vorwand “Rakka” das Gebiet von Rojava vom Süden her einzukreisen, ins Wasser gefallen.

Im Grund ist die Türkei selbst in die Grube gefallen, die sie gegraben hat. Denn die Demokratischen Kräfte Syriens befinden sich nicht im Kriegszustand mit der syrischen Regierung. Ihre Kämpfer sind alle syrischer Nationalität. Mit der Verbindung der syrischen Armee mit Minbic ist zugleich für ganz Nordsyrien der Austausch von Waren und Menschen wieder hergestellt, sind sozusagen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Rojava und Afrin wieder geknüpft worden. Und zugleich bedeutet es für die syrische Regierung, dass die so notwendige Lieferung von Getreide und Lebensmitteln aus Rojava, dass das wirtschaftliche Leben wieder in Gang kommt.

Rojava ist nun mit Syrien und Afrin verbunden. Dabei war es die Türkei, die den IS aus der Region vertrieben hat. Dafür mussten sich weder Syrien noch die Demokratischen Kräfte Syriens in die Schlacht stürzen. Dadurch, dass die Türkei durch Vereinbarungen und ein bißchen Krieg den IS aus der Gegend vertrieben hat, wurden Rojava, Afrin und die Gegenden unter Kontrolle der syrischen Regierung verbunden. Genau das Gegenteil ist herausgekommen von dem, was die türkische Regierung nach ihren eigenen Erklärungen bezweckt hatte.

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Und jetzt versucht sie in einem Anfall von letzter Entschlossenheit, Minbic unter Druck zu setzen. Sie lässt die Einheiten der Freien Syrischen Armee angreifen, unterstützt diese mit Bombardements von hinten und bringt ihre Einheiten in Bewegung.

Die USA versuchen wie bisher, um die Türkei zufrieden zu stellen, auf die YPG Druck auszuüben, sich doch zurückzuziehen. Aber mit dieser Haltung wird die YPG nur Kräfte, die sie für die Rakka-Operation abgezweigt hatte, wieder zur Verteidigung von Minbic einsetzen. Denn die YPG hat viele Menschenleben geopfert, um Minbic einzunehmen, und sie wird auf keinen Fall wie eine Lämmerherde abziehen.

Es ist ziemlich ausgeschlossen, dass die türkische Armee, während die YPG immer, auch in den schwierigsten Situationen (Kobane), gesiegt hat, dass die türkische Armee, die auch nicht El Bab im Kampf besiegen konnte, jetzt einen Erfolg beim Angreifen von Minbic erringen kann. Aber es würde bedeuten, dass Hunderte, dass Tausende ihrer Soldaten im Sarg heimkehren. Die Syrischen Demokratischen Kräfte, kampferfahren und mit neuen Waffen und neuer Munition ausgerüstet, würden der türkischen Armee viele Niederlagen beibringen, und wenn sie tatsächlich besiegt und zum Rückzug gezwungen würden, dann würde selbst so ein Sieg der türkischen Armee teuer zu stehen kommen.

Aber lassen wir mal den militärischen Aspekt beiseite. Die Syrischen Demokratischen Kräfte haben diese Provokation der Türkei mit einem sehr schlauen Zug gekontert, indem sie erklärten, die Dörfer und Ländereien, die an das von der türkischen Armee kontrollierten Gebiet angrenzen, der syrischen Regierung zu überlassen. Genauso, wie (der Türkei) der Weg nach Rakkka versperrt wurde, wird ihr nun diesmal der Weg nach Minbic versperrt. Die Türkei und die von ihr unterstützten Räuberbanden müssen nun, um Minbic anzugreifen, zuerst die Streitkräfte der legalen syrischen Regierung angreifen. Als letztes Mittel bleibt der Türkei und Erdoğan nichts anderes übrig, als zu jeglicher Provokation zu greifen: noch bevor die Kräfte der syrischen Regierung eingetroffen sind, wollen sie sich auf Minbic stürzen

Vielleicht können sie sich sogar anschicken, einen Krieg vom Zaum zu brechen. Denn in Syrien bleiben ihnen jetzt keine Felder mehr, auf denen sie sich bewegen können. Morgen wird man ihnen sagen. “Was sucht ihr auf syrischem Gebiet? Hier gibt es keinen IS! Macht, dass ihr wegkommt!” Das Gebiet zwischen Rojava und Afrin ist jetzt unter Kontrolle der legalen syrischen Regierung und verbindet mit Autostrassen die Kantone.

Dass die Rakka-Operation von den Demokratischen Kräften Syriens durchgeführt wird, ist so gut wie sicher. Und dass mit Rakka als Vorwand die Türkei von Norden in Rojava einmarschiert, ist derzeit nicht realistisch. Dass Barzani’s sogenannte “Rojava – Peshmerga” Şengal unter Druck setzen, hat nicht geklappt. Und wird auch nicht gelingen. Denn offensichtlich stellt sich hier der Iran der Türkei entgegen. (…)

 

 

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