Die Rolle der YPJ-Kämpferinnen in Aleppo

Aleppo / ANF – Mahir Yılmazkaya / Darav Âlâ, 29.1.2017

Interview mit Zozan Hêvî, Kommandantin der YPJ in Aleppo

Der Osten von Aleppo war lange Zeit in der Gewalt von Al Kaida – Gruppen wie El Nusra und Ahrar Al Scham, also Banden der “Nationalen Koalition Syriens” (NKS). Dann ist in einer zwischen dem Baath-Regime und Rußland koordinierten Offensive Ost-Aleppo von diesen Banden gesäubert worden. Wie sieht es in Aleppo jetzt aus?

Der syrische Krieg wird jetzt 6 Jahre alt. Er begann 2011 mit einem Volksaufstand, den dann internationale und regionale Kräfte in ihren unterschiedlichen Interessen terrorisierten und in einen schweren Krieg umwandelten. Aleppo war eines der Zentren dieses Krieges. Um unser Volk vor den zerstörerischen Auswirkungen dieses Kriege zu schützen, übernahmen wir als Volksverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) die Aufgabe, es zu verteidigen. Wir bemühten uns, die Stadtviertel Şex Meqsud und Eşrefiye aus dem Krieg herauszuhalten, indem wir dort die Bewohner schützen. In einer Zeit, wo ganz Aleppo unbewohnbar wurde, haben die Kräfte von YPG und YPJ Şex Meqsud unnd Eşrefiye verteidigt und so auch für die flüchtenden Bewohner von Aleppo zu einer sicheren und bewohnbaren Gegend gemacht.

Es ist nur schade, dass diese sichere Gegend schweren Angriffen seitens des IS und der NKS-Gruppen ausgesetzt war. Aber sie konnten Şex Meqsud und Eşrefiye nicht besetzen, die kurdische Bevölkerung nicht vertreiben, es blieb ein sicherer Hafen für alle, Kurden und Zugeflüchtete. Viele Bewohner sind getötet, sind gefoltert worden. Aber den Angreifern haben sie standgehalten. Schulter an Schulter mit den KämpferInnen der Y’PG und YPJ haben sie widerstanden, sind nicht in die Knie gegangen. (…)

Aufgrund der Offensive Rußlands und der syrischen Regierung ist Aleppo von den NKS-Banden gesäubert worden. Natürlich haben auch wir in dieser Zeit eine Offensive unternommen. Insbesondere durch die Befreiungsoperationen der YPG/YPJ-Kräfte in vielen Vierteln Ost-Aleppos sind die NKS-Banden vollständig vertrieben worden.

Wieso war für euch diese Offensive nötig? Was war ihre Grundlage?

Wegen der Kämpfe zwischen der Regierung und den NKS-Banden suchten die Einwohner von Aleppo in großer Zahl Zuflucht in Şex Meqsud und in Gebieten unter unserer Kontrolle. Und sie wollten, dass die von der NKS besetzten Gebiete befreit würden. Die Leute, welche die östlichen Viertel Aleppos, die seit 6 Jahren von den Banden besetzt waren, bewohnten, hatten immer wieder an uns appelliert, diese Viertel zu befreien, vor allem in letzter Zeit, wo die Ausschreitungen der Banden überhand nahmen.

Wir als Volksverteidigungskräfte wollten auf diese Appelle des Volkes von Aleppo antworten. So begannen wir die Operationen zur Befreiung der Viertel von Ost-Aleppo. Unsere Kräfte haben etliche Viertel von den NKS-Banden gesäubert und befreit. Unsere Offensiven in jüngster Zeit wurden also aufgrund der Appelle der Bewohner ingang gesetzt und wurden in kürzester Zeit mit einem Sieg abgeschlossen.

In den jüngst befreiten Gebieten Aleppos – wie war dort vorher die Lage, und wie ist sie jetzt?

 Die Bewohner der seit Jahren von den NKS-Banden besetzen Viertel mußten viel Unterdrückung und Grausamkeiten erleben. Alles wurde ihnen geraubt. Zwang, Ausbeutung, Folter – und das alles auch noch im Namen des Islam! Diese Gesetze wurden ihnen einfach aufgezwungen.

Was ich betonen möchte: Die NKS-Banden hatten für die Frauen besonders schlimme Praktiken. So wurden die Mädchen von 9 bis 16 Jahren den Bandenmitgliedern zur Heirat gegeben. Es gab Steinigungen. Die Frauen durften nicht mehr aus dem Hause gehen.

Die NKS-Banden schlossen die Schulen und eröffneten Medressen, in denen ihre Weltsicht unterrichtet wurde. Im Scharia-Unterrricht wurde den Kindern Hass und Ekel eingetrichtert. Sie gaben vor, den Kindern Lektionen in Scharia und Dschihad zu geben, bildeten sie aber zu künftigen Selbstmord-Attentätern aus.

Und wie es jetzt in den befreiten Vierteln aussieht: Dass Volk verbindet die Wunden, versucht die Zerstörungen durch die NKS-Banden zu reparieren. Die Frauen, die ja unter der NKS-Besatzung nicht einmal auf die Strasse durften, organisieren ihr Leben neu. Unserer Leute können vor allem wieder frei atmen.

Welche Rolle habt ihr als YPJ bei den Operationen zur Befreiung der östlichen Viertel gespielt, welche Mission habt ihr übernommen?

 Die Frauen haben wie in jeder Offensive der Revolution von Rojava und der Praxis im Kampfe auch hier eine Vorreiterrolle übernommen, eine Mission erfüllt.

Ein Aspekt, der nicht genügend hervorgehoben werden kann, ist, dass die Frauen in dieser Offensive die führende, kommandierende Rolle gespielt haben. Das leitet sich von der historischen Aufgabe der Frauen und der von der YPJ übernommenen Mission ab. Denn wir sind vor allem und zuerst Frauen. Wir sind Frauen-Verteidigungs-Kräfte. Von den Frauen ist uns eine historische Aufgabe, eine historische Verantwortung übertragen. Egal wo, unserer erste Aufgabe ist, jede unterdrückte Frau zu schützen, die Identität der Frau zu wahren. Bei den Befreiungsoperationen ging es nicht nur darum, die Frauen von der Unterdrückung durch die NKS, sondern die Frauen überhaupt zu befreien. Uns ging es darum, die ganze Mentalität der NKS-Banden zu vernichten,die die Frauen zu einem Nichts machen wollen. Und ich kann sagen, dass wir als YPJ unser Ziel bei den Befreiungnsoperationen von Ostaleppo zum größten Teil erreicht haben. Aber es muss auch gesagt werden, dass die Abrechnung der YPJ mit dieser Mentalität nicht abgeschlossen ist. Unser Kampf geht weiter bis zum absoluten Sieg. (…)

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