Vier Jahre Revolution in Nordsyrien – Bilanz

Aus: “Özgürlükçü Demokrasi” vom 31.12.2016

( = “Freiheitliche Demokratie”, Internet-Zeitung, erscheint seit 8/2016)

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Panorama

Zu Beginn des Jahres 2012 begann faktisch der syrische Bürgerkrieg. Nach vier Jahren gibt es Hunderttausende Tote. Die Städte sind in Ruinen. Die Region wird als Schlachtfeld des 3. Weltkrieges taxiert. Und genau hier proklamiert die Revolution von Rojava aufgrund politischer, diplomatischer, militärischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Entwicklungen: “Eine andere Welt ist möglich!”

Genfer Verhandlungen ergebnislos

Der “Stellvertreterkrieg” ging 2016 nicht zu Ende, sondern durch das direkte Eingreifen von Rußland, der USA, des Irans und der Türkei verschob sich nur das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld. Die 3. Genfer Verhandlungsrunde, die am 25. Januar beginnt, wird genauso ergebnislos verlaufen wie die vorherigen.

Lösung nicht von außen

Während aufgrund des Drucks der Türkei auch bei der 3. Verhandlungsrunde Politiker aus Rojava – Nordsyrien nicht eingeladen sind, gewinnt in Syrien die Überzeugung an Gewicht, dass eine Lösung nur von innen kommen kann. Am 17. März 2016 versammelten sich 200 kurdische, arabische, aramäisch-assyrianische, turkmenische, armenische und tschetschenische Delegierte in Rimêlan (Kanton Cizirê) und riefen den Gründungsrat des Demokratischen Föderalismus von Rojava – Nordsyrien aus.

Die Kräfte des Demokratischen Syrien (KDS) wurden zum Alptraum der Islamisten

Im Verlauf des Jahres befreiten die Kräfte des Demokratischen Syrien Shedade, Hol, den Norden von Rakka, Tishrin und zum Schluß auch Minbic.. Zahlreiche bewaffnete Gruppen in Syrien schlossen sich den KDS an. Militärräte wurden für Minbic, Bab und Cerablûs ausgerufen.

Erdogan kriecht zu Kreuze

Als die Türkei am 24. November 2015 ein russisches Flugzeug abschoss, disqualifizierte sie sich damit für das syrische Feld. Erst als Staatspräsident Erdogan am 27. Juni 2016 dem Präsidenten Putin einen Reuebrief geschickt hatte, durfte sie wieder mitspielen. Aber aus Erdogan’s Gebet in der Großen Moschee von Aleppo wird nichts mehr.

Kläglicher Verzicht auf Aleppo

Aufgrund der Gespräche, die die Türkei unter Vermittlung des Iran in Algerien führte, wurde nach den Regeln des Teppichhandels Aleppo gegen El Bab verramscht. Im November ging der Verkauf von Aleppo über die Bühne.

Mein Bruder Assad’

Nachdem die Türkei Aleppo verkauft hatte, unterzeichnete sie am 23. November in Moskau eine Vereinbarung in 8 Artikeln, in denen vom “Bruder Assad” (früher war es “der Mörder Assad” die Rede ist – eine völlige Kehrtwende. Hauptsache, die Kurden kriegen nichts!

In Zahlen…

Am Jahresende sind vom syrischen Gebiet (mit Ausnahme der Wüste) 17 % unter Kontrolle des Regimes, 11 % der Opposition, 36 % des IS, 4,5 % der Türkei und 16,5 % der YPG/YPJ bzw. der “Kräfte des Demokratischen Syrien” KDS.

Alles WiderstandskämpferInnen

Nach den Erfolgen der KDS schlossen sich 20 militärische Gruppen aus Rakka, Aleppo, Şehba (el Bab) und Deir Az-Zor den KDS an. Im Verlauf des ganzen Jahres traten 30 000 Leute von den Völkern der Kurden, Araber, Aramäern, Assyriani, Turkmenen und Tscherkessen in die Reihen der KDS. Die Eintritte in die Asayiş (Sicherheitspolizei) zählen 6 200, die in die Reihen der lokalen Selbstverteidigungskräfte 6 170. Die eigentliche Armee der Revolution von Rojava, die HPC (Selbstverteidigungskräfte von Rojava), hat mit 29 400 Soldaten 204 Batallione aufgestellt.

Von Minix bis Kizwan

Im Januar nahmen die KDS den Flugplatz von Minix ein, im Februar wurde Til Rifat befreit (beide liegen östlich von Afrin). Am 16. Februar begann die Operation “Zorn des Habur”, in deren Verlauf dann bis Sheddade (südlich von Hasakeh) 315 Dörfer befreit wurden. Westlich davon wurden mit der am 27. Februar begonnenen Operation “Şehit Elîn und Cûdî) der Kizwan-Bergzug bis in die Gegend nördlich von Rakka befreit.

Ebû Leyla’s Traum wurde wahrgemacht

Am 1. Juni begann die Operation zur Rettung von Minbic und Umgebung vom IS. Nach 75 Tagen von Gefechten waren 200 Dörfer und (am 13. August) das Stadtzentrum selbst gesäubert. Zu Ehren des Kommandanten des Minbic-Militärrats, Feysal Ebû Leyla, der in den ersten Tagen der Operation fiel, wurde der Operation sein Namen gegeben.

Die Operation “Zorn des Euphrat”

Am 5. November begannen die KDS die erste Phase der Operation “Zorn des Euphrat” zur Rettung von Rakka. Innerhalb von 10 Tagen waren Dutzende von Dörfern befreit. Im Dezember begann die zweite Phase des “Zorns des Euphrat” mit einer großen Anzahl neuer Bewaffneter, die sich angeschlossen hatten. Bis jetzt sind Hunderte von Dörfern bis zum Westrand des Tabka-Staudamms von den Islamisten gesäubert worden, und die Operation dauert an.

Eine weitere Widerstandsfront: Şêx Meqsûd

Von dem kurdischen Stadtviertel Aleppos aus, von Şêx Meqsûd, das seit 5 Jahren umzingelt ist und sowohl vom Regime als auch von den bewaffneten Gruppen ausgehend allen möglichen Angriffen widerstanden hat, sind die Kräfte der YPG/’YPJ in Aktion getreten und haben im November die Stadtviertel Bustan Pasha, Hulok, Biêdîn, El-Heyderiyê, Şêx Xidir und Şex Faris unter Kontrolle gebracht. Mehr als 30 000 Zivilisten, die in den Kämpfen zwischen dem Regime und den bewaffneten Gruppen eingeklemmt waren, haben sich auf sicheres Gebiet (unter Kontrolle der Revolutionäre) gerettet.

Diplomatische Schritte

Aufgrund diplomatischer Bemühungen wurden am 2. Februar in Rußland, am 4. April in der Tschechischen Republik, am 17. April in Schweden, am 7. Mai in Deutschland und am 8. September in den Benelux-Staaten Vertretungen eröffnet.

Besucher in Rojava

Rojava besuchten im Janaur der Vertreter Obamas für den Nahen Osten Brett McGurk, am 4. April der US-Kommandant für den Nahen Osten Joseph Votel und am 20. November der ehemalige französische Außenminister Bernard Kouchner zusammen mit dem US-Diplomaten Peter Kalbrais.

Sicheres Fluchtgebiet Rojava

Rojava ist für Leute, die aus Syrien und dem Irak flüchten müssen, ein sicherer Hafen. Im ganzen Jahr kamen 128 000 Geflüchtete. In den letzten 5 Jahren waren es insgesamt 928 125 Geflüchtete.

Organisierung an der Basis

In Nordsyrien wurden an die 10 000 Kommunen und 100 Kooperativen gegründet. Nahezu eine Million Schüler und Lehrer nehmen teil am Unterricht mit Material, das den Aufbau der demokratischen Natuion zum Ziel hat.

Vokszählung

Unter dem Dach des Gründungsrates des Demokratischen Föderalismus-Systems begann im Kanton Cizirê am 19. September die Volkszählung und wurde am 23. Oktober beendet. Dabei wurden 350 000 Familien registriert.

Die Türkei mordet über die Grenze hinweg

Nach Beginn ihrer Operation “Euphrat-Schild” tötete die Türkei in der Region Minbic – Cerablûs – Al Bab durch Artillerie- und Flugzeug-Bombardements 250 Zivilisten. An der Grenze wurden 48 Getötete registriert.

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