Frauen-Revolution in Rojava: Schon 1.000 Frauen-Kommunen!

ANF aus Qamışlo (Nordsyrien), Berîtan Sarya:

 Die Revolution von Rojava begann im Jahre 2012. Von Beginn an machten die Frauen ganz aktiv mit. Gegen die heftigen Angriffe entwickelte man erfolgreich den Selbstverteidigungskrieg. Die gesellschaftliche Revolution und die Revolution der Frauen schufen sich von Tag zu Tag festere Grundlagen. Dass die Frauen sich strukturierten und organisierten, war am Anfang nur in den Kreisen der Revolutionärinnen und der leitenden Frauen zu finden; aber heute findet man dieses Phänomen in allen Kantonen auf der Ebene der Kommunen. “Kongreya Star”, das organisatorische System der Frauen in Rojava, ist seit zwei Jahren dabei, mit den Frauen-Kommunen das ganze Organisations-System umzuwälzen und alle Frauen, die darin zusammenkommen, zu aktivieren.

Valide Boti von der Führung der “Kongreya Star” war im Kanton Cizîr von Anfang an beim Aufbau der Frauen-Kommunen aktiv und beantwortet unsere Fragen.

Was ist nach Auffasssung von Kongreya Star das Grundkonzept der Frauen-Kommunen, und welche Rolle sollen sie spielen?

 Mit den Frauen-Kommunen wird angefangen, damit bei der Organisierung der Frauen und der Gesellschaft der Wille der Gesellschaft und der Frauen auch tatsächlich zum Ausdruck kommt. Bei uns als Kongreya Star ist derzeit die organisatorische Grundeinheit die Kommune. Das stellt unsere frühere Organisationsstruktur völlig auf den Kopf. Also mit dem Aufbau der Kommunen wurde unsere Organisationsstruktur geradezu umgekehrt. Und sie wurde noch demokratischer. Im neuen System sind alle Frauen gefordert und spielen in den Diskussionen und bei der Beschlussfindung eine aktive Rolle. Ihr eigener Wille kann sich also offen ausdrücken. Alle Beschlüsse, die von den Kommunen gefasst werden, sind für die Leitungen bindend.

Zum Beispiel fasst die Kommune in dem von ihr definierten Gebiet die Beschlüsse, welche ihr eigenes Leben betreffen, selber und führt sie auch aus. Sie stellt die Einheiten auf, die dazu nötig sind. Sie kann auch Fragen diskutieren und Vorschläge machen, die das ganze Stadtviertel oder die ganze Stadt betreffen, und sie dann dem Statviertel-Rat und dem Stadtrat vorlegen. Wie gesagt, auch unsere Komitees werden von den Kommunen ausgehend aufgebaut. Wir als Kongreya Star kümmern uns darum, dass die Wirtschaft, das Gesundheitswesen, die Verteidigung, die Mobilität, die Beziehungen der Leute untereinander, das Erziehungswesen usw. auf festen Grundlagen stehen. Zu diesen Bereichen werden in den Kommunen Komitees geschaffen und so das Leben der Frauen und der Gesellschaft organisiert.

Wann habt ihr begonnen mit dem Aufbau der Grundstrukturen?

 Als die Revolution begann, also im Jahre 2011, haben wir unsere Versammlungen als Yekitiya Star so organisiert, wie sich die Gesellschaft und die Frauen organisieren sollten. Wir hatten als Yekitiya Star einen Allgemeinen Rat. Im Verlauf der Diskussionen stellten wir Schritt für Schritt Stadträte auf. In Jahre 2013 fassten wir auf unserem 5. Kongress einen entsprechenden Beschluss. Im Grunde hatten wir in jeder Stadt schon eine Koordination. Aber wir beschlossen, Stadträte zu schaffen. In diese Stadträte kommen die Vertreterinnen der Aktiven und der Vereine. Natürlich wurden damals viele neuen Aktivitäten sowohl diskutiert als auch in die Praxis umgesetzt. Wir stellten Stadträte auf, so dass allen Vertretern dafür ein Ort zur Verfügung stand.

In dieser Phase unseres Sytems konnten wir nicht direkt mit den Kommunen beginnen. Die Gesellschaft war noch nicht so weit. Es brauchte eine feste Leitung. Deshalb wurden die Räte geschaffen.

Als die Verwaltungsstruktur der Demokratischen Autonomie gemäß dem System der Kantone eingerichtet wurde, haben wir als Frauenbewegung uns auch nach dem Kanton-System organisiert. Zuerst gab es Konferenzen auf der Ebene der Städte, dann auf der Ebene der Kantone. Wir organisierten uns auf der Ebene der Kantone und bildeten auf dieser Ebene unsere Räte.

Danach beschlossen wir, um die Gesellschaft auf möglichst breite und demokratische Art zu organisieren, die Kommunen aufzustellen. Es war die Frauenbewegung, die als erstes diesen Beschluss gefasst hat. Und als entschieden wurde, allgemeine Volksräte ausgehend von Kommunen auf geographisch definierter Grundlage zu organisieren, gründeten wir auf derselben geographischen Grundlage die Frauen-Kommunen.

Im Jahre 2014 begannen wir mit der Kommune-Arbeit. Aber ich kann sagen, dass die Kommunen erst 2015 so richtig in Gang kamen. Im Kanton Kobane war die Sicherheit wegen der Überfälle des IS ein großes Problem. Deshalb war es in diesem Kanton damals nicht möglich, Kommunen aufzubauen. Aber in den Kantonen Cizîr und Efrin gründeten wir Kommunen, und Ende des Jahre 2015 wurden die Kommunen zum allgemeinen System.

Wie habt ihr die Kommunen aufgebaut?

 In einem Stadtviertel hat man aus 200 Wohnungen eine Kommune gemacht. Es ging also nach dem geographischen Umfang. Alle, die in dieser Einheit leben, sind Mitglieder der Kommune.

Mit der Gründung der Kommunen änderte sich unser System völlig. Am Anfang hatten wir uns ja von oben nach unten organisiert. Zuerst der Allgemeine Rat, dann der Stadtrat, dann die Stadtteilräte bis hinunter zu den Kommunen. Aber jetzt, mit der Gründung der Kommunen, wurden die organisatorischen Mechanismen von unten nach oben entwickelt. Damit antwortet unser System auf den Willen jeder einzelnen Frau.

Nachdem wir im Jahre 2015 die Kommunen geographisch aufgeteilt hatten, luden wir alle in der jeweiligen Kommune lebenden Frauen zur Versammlung ein. So gründeten wir die Frauenkommunen, und die Frauen wählten selber ihre Vertreterinnen, ihre Leitungen. Wieder wurden Komitees für die Gesundheit, die Selbstverteidigung, das Schulwesen, die Mobilität, die Wirtschaft usw. eingerichtet. Gibt es zum Beispiel in einem Stadtviertel 10 Kommunen, dann bilden alle Vertreterinnen dieser Kommunen, also alle Leitungsmitglieder zugleich den Stadtteilrat. Nehmen wir zum Beipiel den Stadtteil Xerbi: alle Leitungsmitglieder seiner Kommunen sind zugleich Mitglieder des Stadtteilrates. Genauso mit den Dörfern, die zu diesem Viertel gehören. Die Vereinigung aller Stadtviertel-Kommunen bildet den Stadtrat.

In den Kommunen gibt es 5 Grundkomitees. Und neben diesen Grundkomitees können je nach den Bedürfnissen des Lebens, wenn es gewünscht wird, weitere Komitees geschaffen werden. Die Vertreterinnen der Komitees sind in den Stadtviertelräten. Aus diesen Komitee-Vertreterinnen in den Stadtviertelräten wird eine Vertreterin für den Stadtrat gewählt.

Wieviel Frauenkommunen gibt es derzeit im Kanton Cizîr?

 Bis Ende 2015 sind wir mit dem Aufbau von Kommunen im Großen und Ganzen fertig; aber es gibt noch Regionen, die erst vor kurzem befreit worden sind. Vor allem, wo die arabiscche Bevölkerung in der Mehrheit ist: Hol, Şeddadê, Minbic, waren bis dahin noch nicht befreit. Also bis Ende des Jahres 2015 sind an die 400 Frauenkommunen gegründet worden. Natürlich, wenn man sich die geographische Ausdehnung des Kantons vor Auigen hält, dann ist das nicht genug. Aber 2015 ist für uns der Anfang.

Auch 2016 gründeten wir weitere Kommunen. Wiir haben sowieso als Kongreya Star beschlossen, bis zum Jahresende 2016 eine Bilanz über unsere Aufbauarbeit aufzustellen und allen Frauen und der Öffentlichkeit mitzuteilen. In diesem Panorama wird Platz finden, wie viele neue Kommunen geschaffen wurden. Manche schätzen ihre Gesamtzahl auf 1 000. Aber wir wollen, dass diese Kommunen auch alle wie richtige Kommunen arbeiten. Denn ihre Anzahl hat derart zugenommen, dass nicht überall richtig diskutiert wird und wir nicht überall dabei sein können. Jedenfalls schätzen wir die Anzahl der Kommunen bis Ende 2016 auf 1 000. Denn für deren Aufbau setzen wir alle unsere Kräfte ein.

Ihr definiert die Frauenkommunen auf geographischer Grundlage; wie sind die Verbindungen zu den allgemeinen Kommunen?

 Im Prinzip sind alle Frauen, die in den Frauenkommunen ihren Platz haben, gleichzeitig Mitglieder der allgemeinen Kommunen. Aber manche unserer Frauen wollen das nicht. Deswegen brauchen wir einen Mechanismus, der ihrem Willen entspricht und gleichzeitig ihre Vertretung in den allgemeinen Kommunen sichert. Als Kongreya Star haben wir deshalb diskutiert, dass die Leitungen unserer Frauenkommunen zugleich in den Leitungen der allgemeinen Kommunen vertreten sein sollen, und haben dieses Ziel auch gleich in die Praxis umgesetzt. In den allgemeinen Kommunen herrscht das System der Ko-Präsidentschaft (eine Frau, ein Mann). Von unseren Genossinnen aus der Leitung der Frauenkommune macht eine auch die Ko-Präsidentschaft der allgemeinen Kommune; so ist gewährleistet, dass der Wille der Frauen vertreten wird.

Welche Aktivitäten führen die geographischen (allgemeinen) Kommunen und die Frauen-Kommunen gemeinsam durch?

 Die geographischen Kommunen sind zuständig für die Organisierung des Lebens auf ihrem geographischen Gebiet und für Beschlüsse, die allgemein die Gesellschaft angehen. Was die Frauen-Kommunen angeht, so lösen sie die Frauen-Probleme. Die Frauen sind systematisch zuständig für die Lösung ihrer Probleme in autonomer Regie. Innerhalb der Frauenkommunen sind sie zuständig für die Frauen-Wirtschaft, das Selbstverteidigungssystem, das Erziehungswesen und ihre spezifischen Gesundheitsprobleme. Natürlich kümmern sich in den Frauen-Kommunen die Frauen auch um die grundlegenden Lebensfragen ihres Gebietes, fassen dazu Beschlüsse und setzen sie in die Praxis um. Und in den allgemeinen Kommunen nehmen sie wie die anderen Miglieder auch an den allgemeinen Aktivitäten teil.

Seit zwei Jahren praktiziert ihr nun die Frauen-Kommunen. Ist es gelungen, dass die Kommunen als Grundeinheit der Gesellschaft ihre Rolle spielen? Auf welche Probleme seid ihr gestossen?

 Da muss man schon vorausschicken, dass die Gesellschaft und die Frauen seit 5 000 Jahren in einem System der Klassenherrschaft und des Staats-Monopols leben. Und was Rojava angeht, so ist unsere Gesellschaft, sind unsere Frauen seit Jahrzehnten der Unterdrückung durch das Baath-Regime, einem uniformierten, zentralisierten Staats-System, ausgesetzt. Un das hat sich verheerend auf die Zerstückelung der Gesellschaft und auf die Persönlichkeit der Frau ausgewirkt. Daraus müssen die Menschen selber ihren Weg finden.

Aber wir haben als Volk und als Frauen durch den Freiheitskampf, den der kurdische Volksführer Abdullah Öcalan begonnen hat, eine regelrechte Renaissance erlebt. So was wie eine Aufklärung durch das Paradigma einer demokratischen, ökologischen, frauenbefreiten Gesellschaft unserer Führung. Aber das alles wirklich zu verinnerlichen mit Leib und Seele und in die Praxis umzusetzen, ist nicht leicht. Dazu ist ein harter Kampf nötig.

Um dieses staatsmonopolistische System wirklich zu überwinden und ein demokratisches System aufzubauen, spielen die Kommunen eine grosse Rolle. Die geeignetste Struktur für die Frauen beginnt mit der Organisierung in Kommunen. Aber wir haben große Probleme mit der Mentalität, welche der Staat und das uns auferlegte Regime in unserer Gesellschaft und bei den Frauen geschaffen hat. Vor allem das Baath-Regime hat in unserer Gesellschaft und bei den Frauen zu einer ungeheuren Schwerfälligkeit geführt. Alles, was eigentlich grundlegende Aufgabe der Gesellschaft wäre, hat das Regime selbst übernommen und so die Gesellschaft plump und unfähig gemacht. Sie hat sich daran gewöhnt, dass ihre Aufgaben von anderen gelöst werden, wurde so völlig asbhängig vom Staat und verlor all ihr Selbstvertrauen.

Jetzt mit den gesellschaftlichen Aktivitäten der Revolution beginnt diese Gesellschaft, beginnen unsere Frauen sich bewußt zu werden, dass ihre eigene Persönlichkeit, ihre Kultur, ihr Verständnis als Gesellschaft überhauptvon ihnen selber abhängt, dass sie im Grunde ihre Probleme selbst lösen können. Natürlich haben das an der Spitze die Revolutionäre und innerhalb der Gesellschaft die Aktivisten bewirkt. Und auch in diesem Punkt geht der Kampf weiter. Für uns als Frauenbewegung war es nicht einfach, eine Frau, die in ihrer Wohnung eingeschlossen ist, rauszukriegen und auf bewußter Art und Weise an den gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen zu lassen, und es ist weiterhin eine große Aufgabe für uns.

Noch haben wir viele Probleme. Zum Beispiel sollen die Kommunen sich nach ihren Bedürfnissen treffen, Beschlüsse fassen und diese umsetzen. Aber immer noch treffen wir auf die Haltung, dass vom Staat die Lösung der Fragen erwartet wird, nicht von einem selbst. Gegen diese Mentalität führen wir einen permanenten Kampf.

Aber immer mehr setzt sich die Auffassung durch bei den Frauen, dass eine Frage, die ihnen auf den Nägeln brennt und die sie nicht lösen konnten, jetzt dank der Kommunen selbst mit eigenem Willen und Lösungskraft angepackt werden muss. Natürlich gibt es immer noch Frauen, die ihre Probleme verbergen und in ihnen ersticken. Aber diejenigen, welche die Funktion der Kommunen richtig verstehen, werden zu natürlichen Pionieren. Und sie ziehen die anderen Frauen innerhalb der Kommune mit.

Aber was macht ihr, damit innerhalb der Kommunen – neben der natürlichen Führerschaft als Kongreya Star – solche Haltungen überwunden werden?

 Solche Haltungen zu überwinden, braucht konkrete praktische Arbeit und Kampf in den Frauen-Kommunen. Der wichtigste Faktor ist die Erziehung. Teile unseres Erziehungssystems sind sowohl die Akademien als auch die Kurse innerhalb der Kommunen. Jede Kommune erstellt ein Bildungssystem nach ihren eigenen Bedürfnissen. Mit der Zeit haben alle Kommunen eines Stadtviertels ein Bildungsprogramm aufgestellt, wie sie es für nötig halten. Themen sind z.B. die Frauengeschichte, oder dass sie sich der Auswirkungen, welche das bisher herrschende System auf die Frauen hatte, bewußt werden.  Oder welche historisch gewachsenen Strukturen hinter den Fragen stecken. Wir bemühen uns, eine einfache und konkrete Sprache zu verwenden, damit die Bildungsinhalte der Kommunen verstanden werden.

Welche Projekte habt ihr als Kongreya Star für die Kommunen?

 Nun, damit ein richtiges kommunales Leben entsteht, wollen wir uns weiter um die Kommunen kümmern, aber planvoller. Unser Ziel ist, dass jede Frau einen Platz in ihrer Kommune einnimmt. Das kommunale Wirtschaftssystem muss gestärkt und funktionsfähig werden. Auf wirtchaftlichem Gebiet sollen sie Kommunen ihre Bedürfnisse selbst decken und organisieren können; das ist unser Ziel. Und wenn sich mehrere Kommunen zusammentun, können sie größere wirtschaftliche Projekte in Angriff nehmen. Das unterstützen wir.

Schließlich ist eines unserer wichtigsten Projekte, dass jegliche Art von Gewalt gegen Frauen aufgrund der Macho-Mentalität überwunden wird. Dazu müssen auch die Frauen in der Kommune ihre Mentalität verändern; wir versuchen das durch Bildung, vor allem aber durch Selbstverteidigungskurse zu erreichen.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.