Manbij, Al Bab und Raqqa, wie weiter?

rojda-felatAnja Flach, Ethnologin, 18.11.2016

Am 17.11. erklärten die YPG/J offiziell, dass sie sich aus Manbij zurückgezogen haben. Die Stadt war im August 2016 durch die SDF unter großen Opfern vom Islamischen Staat befreit worden. Mit dem Rückzug erfüllen die YPG/J die Forderung der Türkei, sich östlich des Euphrat zurückzuziehen. Er war nötig, um die Situation zu deeskalieren und auch Behauptungen entgegenzutreten, die kurdischen YPG/J besetzten arabische Städte.  Die Kräfte wurden Richtung Ayn Issa zurückgezogen, wo sie die Raqqa Front verstärken.1 Der Sprecher der US-Streitkräfte, John Dorrian, bestätigte den Abzug der YPG und YPJ.2 Adnan Abu Amjad, Sprecher des Militärrates von Manbij dankte den YPJ- und YPG-Einheiten. Man habe nun genügend eigene Kräfte an der Militärakademie Abu Leyla ausgebildet, um die Stadt zu verteidigen. Manbij wird jetzt von einem multiethnischen Rat als Teil der Shahba-Region innerhalb des de facto autonomen Gebietes Nord-Syrien verwaltet.

Die SprecherInnen der Selbstverwaltung von Manbij sind Scheich Farouk al-Mashi und Salih Haji Mohammed.

Durch den Rückzug fällt die wichtigste Begründung für einen von der Türkei geplanten Angriff auf Manbij weg. Erdoğan hatte immer wieder erklärt, er werde ein zusammenhängendes kurdisches Gebiet im Norden von Syrien nicht akzeptieren, sondern mit seinen Proxies Manbij angreifen, sollten die YPG/YPJ dort bleiben. Offensichtlich war der Rückzug notwendig, damit die USA den diplomatischen Drahtseilakt zwischen der Türkei und den SDF weiter ausbalancieren können.

Islamistisches Bündnis unter der Regie der Türkei

Am 24.8. war die Türkei gemeinsam mit den überwiegend jihadistischen Gruppen, die unter dem Namen „FSA“ agieren, mit der Operation „Euphrat Schild“ in die Region Shahba eingedrungen. Offizieller Anlass war ein Selbstmordanschlag in Antep am 20. August mit 54 Toten. Die Kräfte, die an dem Einmarsch teilnehmen, sind die Sultan Murad Division (Syrische Turkmenenbrigaden, die enge Verbindungen zur MHP haben), die Levante Front (al-Jabha al-Shamiya), ein Bündnis sunnitisch-salafistischer Gruppen, die radikal-salafistische Ahrar al-Scham, die von Saudi Arabien unterstützte jihadistische Nour al-Din al-Zenki Bewegung und weitere überwiegend jihadistische Gruppen.  Zunächst wurde am 25.8. die Stadt Jarabulus, der wichtigste Grenzübergang zwischen der Türkei und Nordsyrien, von der türkischen Armee und ihren Proxies eingenommen, ohne dass ein Schuss fiel. In der Folge nahm die Türkei das gesamte Grenzgebiet in dem Korridor ein und begann auch die von den SDF bereits befreiten Gebiete anzugreifen, was die USA jedoch offenbar verhinderten.

Besonders wegen der Teilnahme von Ahrar al-Sham, die enge Verbindungen zum Terrornetzwerk al Qaida pflegt, lehnten die USA die von der Türkei gewollte Teilnahme von US-Spezialkräften zur Koordinierung der Luftangriffe ab. Schon Mitte November hat sich die Obama Regierung endlich dazu durchgerungen, gegen die al-Nusra, die sich jetzt Jabhat Fatah al-Sham nennt, vorzugehen, eventuell in direkter Kooperation mit Moskau.  Trump hatte  dies im Vorfeld der Wahlen immer wieder zur Maxime seiner Außenpolitik gemacht.3

Deutschland unterstützt Operation „Euphrat Schild“

Die deutsche Bundesregierung jedoch erklärte am 24. August 2016 ihre „Unterstützung“ für die Euphrat Schild-Offensive, ebenso Frankreich. Diese beiden Staaten stehen also auf der Seite islamistischer Banden, die sich in nichts von dem Islamischen Staat unterscheiden, sowie der türkischen Armee. Nach der Aufklärung, u.a. durch deutsche AWACS, bombardiert die türkische Luftwaffe kurdische Dörfer in der Region, unter dem Vorwand den IS zu bekämpfen. Die türkische Armee bombardierte auch mehrmals Dörfer und Städte, die die SDF schon befreit haben, wie zum Beispiel am 15.11. die Stadt Till Rifaat. Die US Armee erklärte am 16.11. erneut, die Koalition unterstütze die im Rahmen der Euphrat Schild Kampagne geplante Operation auf Al Bab nicht, es sei eine eigenmächtige Militäroperation der Türkei.4

Zehntausende Menschen, überwiegend KurdInnen, mussten aus der Region Shahba, dem Korridor zwischen den Kantonen  Afrîn und Kobanî, nach Afrîn fliehen. Allein in den letzten Tagen waren es nach Bombardements der türkischen Armee auf die kurdischen Kleinstadt Qabasin rund 5000 Menschen. Nach Ansicht der SDF handelt es sich um  gezielte Vertreibung von KurdInnen. Şiyar Qabasin, ein Kämpfer des Al Bab Militärrates, der Mitglied der SDF ist, erklärte gegenüber ANHA, man versuche die Flüchtlinge sicher unterzubringen.

In den letzten Wochen sind die Proxies der türkischen Armee bis kurz vor Al Bab vorgedrungen. Erst in den letzten drei Tagen konnten auch die SDF ihre Kräfte von zwei Seiten weiter in Richtung al Bab voranbringen. Zwischen beiden Kräften kam es zu heftigen Gefechten. Am 16. und 17.11 konnten die SDF neun Dörfer befreien, u.a. das Dorf Kandirliyah. Nun trennen die beiden Kantone nur noch 12 km. Auch die Armee von Assad macht sich offensichtlich bereit, in das Geschehen einzugreifen. Das Abkommen zwischen Assad und der Erdoğan,  das beinhaltete, dass die Türkei ihre Al Qaida Proxies aus Aleppo abzieht und Assad dafür stillhält, wenn die Türkei in Shahba einmarschiert, scheint nun hinfällig zu sein, da sich die türkische Seite nicht an das Abkommen gehalten hat. Ilham Ahmed, die Sprecherin des Demokratischen Rates Syriens, bezeichnete dieses Abkommen als „großen Fehler“ der syrischen Regierung.5

Die Raqqa Operation – Der Zorn des Euphrats

Die am 5. November von den SDF mit Luftunterstützung der Koalition begonnene Befreiungsoperation auf die Stadt Raqqa kommt sehr gut voran. Am 17.11. wurde in einer Erklärung über ANHA eine erste Bilanz gezogen. Demnach haben die SDF Einheiten in der „Zorn des Euphrat“ genannten Aktion6, an der 30.000 KämpferInnen der SDF teilnehmen, 550 km2 von Daesh befreit, darunter 34 Dörfer, 31 Weiler und zahlreiche Hügel (sogenannte Tells), die in der flachen Landschaft von strategischer Bedeutung sind. 167 Daesh Kämpfer wurden getötet. 12 mit Sprengstoff beladene Autos konnten unschädlich gemacht werden, 240 Minen wurden entschärft.

Auf einer Pressekonferenz im Dorf Hisha erklärten die SprecherInnen Jiyan Sheik Ahmad, Rojda Felat, Kino Gabriel von den MFS7, der Kommandeur der Al Sanadid Forces, Bander Hambilde Al-Hadi sowie der Sprecher der SDF Talal Silo, dass die Stadt seit Jahren unter dem Joch von Daesh zu leiden musste, während die Weltgemeinschaft geschwiegen habe. Die Al Sanadid, Milizen des Şammar Stammes, waren erst vor wenigen Tagen dem Militärbündnis zur Befreiung von Raqqa beigetreten. Man plane jetzt zunächst die ländliche Umgebung von Raqqa zu befreien und Raqqa damit von seinem Umland zu isolieren. Vier KämpferInnen der SDF seien bisher verwundet worden.  Am 17.11. wurde das Dorf Tulth Khiniz befreit, 28 km westlich von Qanteri.Die SDF sind nur noch 26 km von Raqqa entfernt.

Nach wie vor ist es unklar, wie sich der neu gewählte Präsident Donald Trump nach seinem Amtsantritt am 20. Januar in dem Konflikt zwischen der Türkei und den SDF positionieren wird.  Nach seinen bisherigen Aussagen sieht es so aus, als ob er in Absprache mit Russland die Bekämpfung von Daesh, Al Qaida etc. verstärkt. Damit müsste er sich aber zum einen gegen die CIA stellen und würde zum anderen Assad und den iranischen Einfluss stärken. Es wäre eine naheliegende Möglichkeit, gegen Letzteres Rojava als Gegengewicht zu unterstützen, er kann dafür aber genauso auch auf die Türkei setzen. Es wird sicher viel davon abhängen, wie sich die Kräfteverhältnisse vor Ort bis zum Amtsantritt am 20. Januar entwickeln, insbesondere in Raqqa und Aleppo/Al-Bab. Daher sind alle Kräfte nun bemüht so die Situation zu ihren Gunsten zu verschieben.

Nach wie vor sind es die USA, die über Leben und Sterben im Mittleren Osten entscheiden Und das mit einer unberechenbaren Führungspersönlichkeit. Europa, uneins und gespalten, ist weit davon entfernt Einfluss zu nehmen. Deutschland und Frankreich haben sich jedenfalls nicht auf die Seite der Demokratie und des Friedens gestellt, sondern sind nach wie vor Steigbügelhalter für den Diktator und Kriegsherren Erdoğan.

In der Zukunft werden wir bitter bereuen, dass wir nicht dafür gesorgt haben, den Schachtelteufel Daesh /Erdoğan in die Kiste zurückzujagen.

 

 

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