Die arabische Jugend schließt sich der Revolution an

Hol (Nordsyrien) / ANF – Mehmet Nuri Ekinci, 15.11.2016

Die “kurdische Revolution” in Nordsyrien ist längst über das kurdische Siedlungsgebiet “Rojava” hinausgewachsen. Mit Hesekhe, Tel Abyad, Hol, Minbic wurden Städte und Gegenden vom IS befreit, wo die Kurden höchstens eine Minderheitsbevölkerung darstellen. Noch mehr gilt das für Rakka. Was wir zur Zeit erleben, ist keine “Ausdehnung des kurdischen Einflussbereichs”, sondern die Ausdehnung der Revolution. Ausdehnung in dem Maße, wie die revolutionären Ideen von der (arabischen) Bevölkerung aufgegriffen werden, wie tiefgreifende Veränderungen ihrem Bewußtsein vor sich gehen. (Die Redaktion)

 Als in Syrien das Chaos ausbrach und sich die Revolution von Rojava entwickelte, stellte deren aktivste Kraft die Jugend, berichtet Rênas Ezda Şêr, Mitglied der Dach-Organisation “Rojava Yekitiya Ciwanên Demokrat – Koordination” aus Kurden, Arabern, Assyrern und Aramäern, Tschetschenen und Turkmenen. Zugleich ist sie Leitungsmitglied der “Arabischen Jugend-Initiative”, die entstanden ist aus dem Umfeld des “Şehit Hozan – Sturms” von Arabern aus Deir-Ez-Zohr. Von Derik (im Osten) bis Minbic (im Westen), überall wo Araber siedeln, wird diese Arabische Jugend-Initiative aufgebaut, damit sich die “arabische Jugend ihrer Identität und Kultur als demokratische Nation bewußt wird”.

Ezda Şêr erzählt, dass die “Arabische Jugend-Initiative” unter dem Dach der “Rojava Yekitiya Ciwanên Demokrat” autonom ist: Sie will beim Aufbau eines demokratischen föderalen Systems in Syrien eine eigenständige Rolle spielen. Und Ezda ruft alle jungen Leute auf, die aus Syrien und Rojava ausgewandert sind, zurückzukehren und am Aufbau der Revolution mitzuwirken. Hier antwortet sie auf die Fragen des ANF-Korrespondenten:

Wann wurde die Initiative der Arabischen Jugend gegründet und mit welchem Ziel?

Schon Haki Karer und Kemal Pir, die die kurdische Freiheitsbewegung mitbegründeten und dafür ihr Leben opferten, waren keinne Kurden, sondern Türken. Und auch Aziz Arap, der sich in Rojava in der kurischene Bewegung in den Dörfern von Aleppo engagiert hatte und 1986 in Diyarbakır fiel, war kein Kurde, sondern Araber. Wir von der Arabischen Jugend-Initiative fühlen uns allen KämpferInnen, die im kurdischen Befreiungskampf fielen, verpflichtet; so verstehen wir die Solidarität der Völker. Als in Syrien das Chaos ausbrach und die jungen Leute in Rojava die Revolution entwickelten, beschlossen wir, die Jugend von ganz Rojava, die Kurden, Araber, Assyrer und Aramäer, Tschetschen und Turkmenen, von allen Völkern zu organisieren.

Und warum die arabische Jugend?

In Rojava und Nordsyrien stellen die Araber neben den Kurden die stärkste Volkgruppe dar. Das muss sich auch widerspiegeln in der Organisierung derer, die aktiv sind in der Revolution. Der Vorschlag kam auf, dass auch die arabische Jugend in einer Initiative ihre Kultur, ihre Identität, ihre Farben ausdrücken kann. Die jungen Leute, welche sich an den Ideen von Apo begeistern, wollen sich von Jahrezehnte altem Ballast lösen und die arabische Gesellschaft aufklären und bewußt machen. Im Juni 2016 wurde deshalb die “Arabische Jugend – Intiative” gegründet.

Es geht uns darum, zur Bewußtseinsstufe der Rojava-Jugend aufzuholen. In der Organisierung haben wir in den drei Monaten bis jetzt schon einiges erreicht. In Hesekê ist die Gründung der Arabischen Jugend-Initiative bekanntgegeben worden. Von Derik im Osten bis zum erst vor kurzem befreiten Minbic im Westen, überall wo Araber leben, greifen junge Leute unser Projekt von der Organisierung als Arabische Jugendinitiative auf. Ich kann sagen, ihre Gründung und Verbreitung geht von den Jugendlichen aus.

Wie kommmt die Idee vom gemeinsamen Zusammenleben bei den arabischen Jugendlichen an?

Die herschenden Kräfte funktionieren, indem sie sich auf Kader stützen. Jedes System spannt gerade die Jugendlichen als Kader für sich ein. Durch ihre Arbeit stärken sie das hegemoniale System. Genau so setzen sich die militärischen Kräfte aus den Jugendlichen zusammen. Sowohl das Baath-Regime als auch die oppositionellen Moslembrüder bemächtigten sich der Jugend. Als in Syrien der Krieg ausbrach, erfasste er die jungen Leute am stärksten, da jede Seite sie in ihre Reihen aufzunehmen suchte.

Als die Revolution in Rojava losging, wollten die schmutzigen und faschistischen Gruppen die arabische Jugend für die Konterrevolution einsetzen. Die arabische Jugend erkannte in den letzten 5 Jahren die schmutzigen Machenschaften sowohl des Regimes als auch der islamistischen Gruppen. Große Teile der arabischen Jugend sah, dass die Verleumdungen gegen die Revolution von Rojava nicht der Wahrheit ensprechen, sondern dass die Revolution neue Hoffnungen in den Völkern weckte, und sie wurden zu Zeugen dafür, dass ein neues gemeinsames Leben aufgebaut wird. Dass im Konzept der “demokratischen Nation” von Apo (Öcalan) die Widersprüche gelöst und dass Freiheiten erblühen, wo Spannungen herrschten. Sie erkannten, dass dieses philosophische Konzept nicht nur für ein Volk, für eine Fahne, für eine Kultur gilt. Diese Tatsache hat große Auswirkungen auf die Jugend und führt dazu, dass sie sich den Reihen der Revolution anschließt.

Die arabischen Jugendlichen haben sehr aktiv an der Selbtverteidigung und der Selbt-Organisierung mitgemacht, und sie haben auch einen hohen Preis dafür bezahlt. Rojava ist nicht nur das Problem eines einzigen Volkes, sondern ist zu dem Punkt gekommen, wo es alle angeht. Die arabische Jugend sieht, dass es weder vom Baath-Regime noch von der Sichtweise der islamistischen Gruppen einen neuen Ausweg geben kann, und sie organisiert deshalb eine neue Formation, mit der sie von der Erfahrung der Rojava-Jugend profitieren will. Und deshalb ist sie auch Teil der “Yekîriya Ciwanên Demokrat” als Dachverband für ganz Nordsyrien. Wir scheuen vor keiner Anstrengung, um unsere jungen arabischen Geschwister an unseren Erfahrungen und unserer Unterstützung teilhaben zu lassen. Dass jemand, der selber kein Araber ist, zu ihnen kommt, sich für ihre Probleme interessiert und ihnen zur  Selbst-Organisierung beisteht, das erfüllt sie mit Freude und Genugtuung. “Jahrzehntelang hat uns die Regierung betrogen und uns die Kurden als unsere Feinde dargestellt”, sagen sie. “Jetzt aber sehen wir, dass die Kurden für unsere Freiheit ihr Leben opfern.” Das Baath-Regime und die islamistischen Gruppen verleumdeten uns Kurden, dass wir ein Regime wie das israelische aufbauen wollen. Wird den Arabern aber erst einmal bewusst, welchen Blödsinn das Regime ihnen eintrichtern wollte, dann ist ihre Wut umso größer, den Kampf gegen das System und die Islamisten aufzunehmen.

Von der Erfahrung der Rojava-Jugend profitieren… worin besteht denn der Unterschied zwischen der Arabischen Jugend-Initiative und der Jugend von Rojava?

Die “Demokratische Jugendbewegung” hat nach ihrem 2. Kongress ihren Namen und auch manche Artikel ihres Statuts geändert. “Yekîtîya Ciwanên Demokrat” ist der Dachverband der Jugendlichen aller gesellschaftlichen Schichten. Die Arabische Intiative will nur die arabischen Jugendlichen organisieren. Bei den Kurden, die seit langen Jahren beherrscht worden waren, steht das Streben nach Freiheit obenan. Bei der arabischen Gesellschaft findet man nicht die gleichen Widersprüche. Das System blähte die arabische Gesellschaft mit dem Nationalismus auf; aber innerlich war sie hohl, und ihre Welt auf ein Minimum reduziert. Obwohl die arabische Gesellschaft auf eine reiche Kultur und eine tiefe Geschichte zurückblicken kann, so haben es das System wie auch die auf Glauben und Ideologieen basierenden Systeme diese Gesellschaft immer mehr sich selbst entfremdet und in eine geistige Armut gebracht, die nur ihnen selbst nützt. Fügt man noch die räuberische und kolonialistische Mentalität Europas hinzu, dann wundert es einen nicht, dass die arabische Gesellschaft kulurell und politisch auf den Nullpunkt gekommen ist. Wir als Arabische Jugend-Initiative versuchen, diese Widersprüche zu lösen und an ihre Stelle etwas Neues aufzubauen.

Wohin führt dieses Konzept der Solidarität mit den Arabern?

Da möchte ich ein interessantes Beispiel anführen. Auf manchen Versammlungen sagen wir “der Führer des kurdischeen Volkes”. Das bringt unsere arabischen GenossInnen in Rage: “Abdullah Öcalan soll der Führer des kurdischen Volkes sein? Das akzeptieren wir nicht! Das Konzept der Revolution von Rojava, das gleichberechtigte Zusammenleben der Völker, gilt ja nicht nur für euch, sondern auch für uns – er ist auch unser Führer. Deshalb wollen wir, daß ihr sagt “der Führer Apo”. Diese Haltung sagt sehr viel aus. Die Philosophie und die Ideen vom Führer Apo werden für die Völker der Region zur Hoffnung auf Befreiung. Deshalb sagen sie: “Öcalan war für euch die Führung, aber jetzt ist sie auch für uns nötig, deshalb können wir nicht akzeptieren, dass ihr ihn als euren Führer anseht. Reber Apo ist der Führer aller Völker.”

In der Philosophie und im Leben sehen sie die Führung auch für sie selber  immer klarer.Im Führer Apo sehen sie jemanden, der die arabische Gesellschaft in ihrer Identität neu erschafft. Mit den Konzepten und der Philosophie von Rêber Apo verhilft er dem arabischen Volk wie allen Völkern zu ihrer Identität, weckt sie auf und ermöglicht ihnen, ihre Zukunft in Freiheit aufzubauen. Und er warnt sie davor, auf die Spiele schmutziger Kräfte einzugehen. Da das arabische Volk sich dieser Tatsache bewußt wird, sieht es für sich selbst im Führer Apo eine Legende, einen Retter. Bei unseren Vorträgen und Diskussionen hören alle aufmerksam hin, wenn der Name “Führer Apo” fällt; sie sagen: “Ruhe jetzt. Ich will hören, was Rêber Apo sagen will.”

Als Minbic eben von den islamistischen Banden befreit worden war, diskutierten und unterhielten wir uns mit den jungen Leuten. Als erstes sagen sie uns: “GenossInnen, bringt uns eure Bücher. Wir wollen lesen und verstehen.” Die allermeisten Araber können lesen, aber Intellektuelle gibt es nicht viele unter ihnen. Aber als wir mit ihnen über die tatsächlichen Fragen des Lebens diskutierten und erzählten, wie der Rêber Apo die zu einem Nichts gewordene kurdische Gesellschaft gepackt und wie ein Gott neu geschaffen hat, da sagten sie uns: “Diesen Gott brauchen wir jetzt, der kann uns auch retten.” Das System der “demokratischen Nation” sehen sie als das genau richtige für die arabische Gesellschaft, und dass ihre Rettung nach tausend Jahren gerade auf diesem Weg liegt. Mit dieser Philosophie kann, so meinen sie, ihre eigene Identität, Kultur und Zukunft gerettet werden. Rêber Apo will, dass in diesen Gegenden gegen ein System, das die seit Jahrhunderten zusammen lebenden Völker gegeneinander aufbringt, ganz bewußt eine demokratische Nation zum Leben gebracht wird.

Auf welcher Stufe steht jetzt diese Initiative der Arabischen Jugend?

Zum Kanton Afrin hin hat man sich als Şehba-Jugend organisiert. Davon abgesehen haben wir als Initiative der Arabischen Jugend jetzt Strukturen von Derik (im Osten) bis Minbic, einschließlich Hol und Şeddadê, überall wo Leute vom arabischen Volk leben. Zentren werden eröffnet, Versammlungen werden abgehalten, Sport und andere Aktivitäten werden organisiert. Als Initiative bereiten wir jetzt einen Kongreß vor. In Girê Spi (Tel Abyad) und Minbic sind schon Hunderte von Jugendlichen unter dem Namen der Jugendinitiative aktiv, mit der Orientierung des Aufbaus einer demokratischen Nation und einer demokratischen Identität. Die Jugendlichen lernen sich bei diesen Aktivitäten selber neu kennen, entdecken sich sozusagen.

Unsere Aktivitäten stehen in Verbindung mit der “Demokratischen Jugend Rojava’s”, aber wir verfügen über autonome Strukturen. Mit dem Dachverband Demokratische Jugend nehmen wir natürlich auch an gemeinsamen Aktivitäten teil. Ich muss sagen, dass die Demokratische Jugend Rojava’s uns in all ihren Möglichkeiten unterstützt. In der Demokratischen Jugendd gibt es auch AraberInnen als Mitglieder. Jetzt arbeiten wir mit ihnen zusammen. Kurz gesagt: egal ob Demokratische Jugend, ob PYD-Jugend oder Yekitiya Jinên Ciwan, wir haben gemeinsme Aktivitäten.Bis unser Kongreß abgehalten wird, werden unsere Aktivitäten so weitergeführt werden. Später, wenn einmal die Föderation ausgerufen wird, wird die gemeinsame Jugendarbeit auf breitere Basis gestellt. Den Kongreß bereiten wir ganz demokratisch vor. Egal, woher die TeilnehmerInnen kommen aus Syrien, sei es aus Städten wie Damaskus, Aleppo oder Latakia, sei es von außerhalb, alle Schichten, die nicht die Meinung des Systems im Kopfe haben, sondern sich die gemeinsamen demokratischen Interessen der Völker zu eigen machen, wollen wir auf diesem Kongreß sehen. Wir strecken nach allen Seiten unsere Fühler aus.

Die Rojava-Jugend ist auf vielen Ebenen aktiv, als Erstes auf dem Gebiet der Selbstverteidigung. Welches sind eure Aktivitäten auf gesellschaftlicher Ebene?

Wir befinden uns in einer revolutionären Periode, und unsere Gesellschaft wird attackiert. Die arabische Jugend nimmt aktiv an der Selbstverteidigung unserer Gesellschaft teil. In den wenigen Monaten, wo unsere Initiative existiert, sind schon Dutzende unserer jungen FreundInnen der YPG beigetreten. Die einen als freiwillige Selbstverteidigungseinheiten, andere als Soldaten, wieder andere als ‘Asayış’ (Hilfspolizisten). Auch wenn wir erst seit kurzem aktiv sind, stossen wir bei der arabischen Jugend auf zunehmendes Interesse. In immer mehr Dörfern sind wir präsent; dennoch gibt es Gegenden, die wir noch nicht erreicht haben.

Nach dem 19. Juli musste auch die arabische Jugend in Aktion treten. Wir müssen selbstkritisch festellen, dass wir spät dran sind. Die Jugend-Aktivitäten blieben bislang auf die Kurden beschränkt. Einer unserer Genossen, Arap Aziz, hat bisher die Kurdische Jugend mit aufgebaut. Ihm verdanken wir viel. Auf dieser Bewegung aufbauend und der Offensive “Rache für Şehit Hozan” haben wir die Arabische Jugend-Initiative ins Leben gerufen. Genosse Hozan war ein Mitglied der Jugend; er trat ihr in Dirbesiyê bei und fiel in Hol im Kampf gegen die Islamisten. Er war selber Araber und stammte aus Deir Ez-Zohr. Aus der Offensive “Rache für Hozan” entstand unsere Initiative.

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