Ezidi: Tapfere Herzen in Momentaufnahmen

ANF 3.8.16, von Zeynep Nergiz Botan.

Eine kurdische Reporterin war dabei, als die PKK-Gerillas in die Şengal-Berge eilten, um die EzidInnen vor dem Völkermord durch die IS-Banden nach dem 3. 8. 2016 zu retten.

Die FreiheitskämpferInnen machten sich auf nach Şengal. Mit der Absicht: vielleicht kann ich ein Leben retten… In Gegenden, die zur Hölle geworden waren, öffneten sie einen paradiesischen Ausweg. Mit ihren eigenen Körpern boten sie Deckung für die schutzlos verlassenen Leute.

Sie wussten, sie würden ankommen und es ihnen an den Tagen blinder Grausamkeit schon zeigen, als sie sich auf den Weg in die Şengal-Berge machten. Zuerst kamen ihrer 12 an. Wie 12 Apostel, wie 12 Kampfgefährten von Dewreş (einem mythologischen ezidischen Freiheitshelden) marschierten die 12 hinauf. 12 Apostel, die nicht zulassen wollten, dass diese Gegenden besudelt werden. Dann trafen Hunderte in Şengal ein. Sie sorgten dafür, dass das Volk die Şengal-Berge erreichte. Wenn die Leute Schutz finden konnten, dann doch wohl in den Bergen. Wozu denn taugten die Städte? Jetzt haben die Berge ihnen wieder ihre Arme ausgebreitet, sie unter ihre Fittiche genommen. Im Laufe der Geschichte hat Kurdistan so viele Massker erlebt. Wenn man die Toten Kurdistans alle in einer Reihe aufstellen würde… Wenn Du ein kurdisches Kind bist und sowas nicht miterlebst, dann hast Du Glück gehabt. Deshalb hat sich in uns eine Riesenwut angesammelt. Deshalb befindet sich ein Kurde dauernd im Zustand der Selbstverteidigung. Denn sein Feind gesteht ihm nicht einmal das normale Recht zum Leben zu. Das Volk von Şengal ist wehrlos gelassen worden. Es wurde verraten und verkauft. Die Kräfte, die versprochen hatten „wir verteidigen euch“, haben ihm einen Dolchstoß in den Rücken versetzt, haben es untergehen lassen, dem Tod überlassen.

Ich wollte auch hin. Als Augenzeugin werde ich vielleicht mein Leben lang diese Momentaufnahmen menschlicher Dramen in meinem Hirn speichern. Am 5. August schlugen wir den Weg nach Şengal ein. Damit wir, und sei es auch nur ein bißchen, für die spätere Geschichte bezeugen können, was diese Feinde der Menschlichkeit mit wehrlosen Menschen machen… und damit die herrschenden ausbeutenden Kräfte, welche die Feinde der Menschlichkeit nähren, hochpäppeln und schützen, nicht die Wirklichkeit verbergen können…

Und dann sind da die Freiheits-Gerillas. Wie ein Licht, das in der Dunkelheit erglüht und aus dem ein Korridor der Menschlichkeit entsteht, das verhindert, dass die wehrlosen Menschen, die Kinder, die Alten, die Kranken, dass einer nach dem anderen untergeht, sondern dass sie gerettet werden und sichere Gegenden erreichen… Ja, sie haben sich in Bewegung gesetzt, um ihre Leute zu schützen, zu retten. Sind nicht genau aus diesem Grunde, mit diesem Bestreben Tausende von jungen Herzen in die Berge (zu den Gerillas) gegangen?

Und die Leute von Şengal…

Der 5. August 2014 ist für mich der Tag, an dem jeden Augenblick, jede Sekunde vor meinen Augen das Drama der Menschlichkeit vorbeizieht. Ich sah, wie die Menschlichkeit ihren letzten Punkt erreicht. Zwei Jahre sind seither vergangen, aber ich spüre die gleichen Gefühle, mich packt die gleiche Wut wie an diesem Tag.

Auf dem Weg begegneten wir Tausenden von Leuten aus Şengal auf überladenen Fahrzeugen, deren Gesichter, Haare und Kleider vom weissen Wüstenstaub bedeckt waren. In den angsterfüllten Augen eines jeden sah ich nichts als tiefste menschliche Hoffnungslosigkeit. Ich wollte sie fragen, was sie fühlten, was sie dachten. Aber ihre Augen liefen über von Gefühlen, die in Worten gar nicht auszudrücken sind. Da waren Trauer, Gram, Wut… Wut auf die Menschheit. Auf die, welche behaupten, Menschen zu sein, aber stumm blieben, ihre Augen vor diesem Zustand verschlossen. Die einzigen, die einfach als Menschen, einfach aus Menschlichkeit ihnen das Leben retteten, sie aus dieser Lage befreiten, das waren die tapferen jungen Frauen und Männer, die man „Apocular“ nennt, Apo-Anhänger. Denn sie waren die Retter. Hinter jedem einzelnen, der wieder zum Leben fand, der dem Tod, dem Abgund den Rücken kehrte, standen die Apocular; sie waren wie das Licht für sie. Sie machten sie unglaublich glücklich, weckten in ihnen wieder menschliche Gefühle, gaben ihnen Vertrauen.

Unterwegs kamen wir zu Stützpunkten, die von der Rojava-Verwaltung eingerichtet waren, so dass die Fliehenden ausruhen und sich erholen konnten, bevor sie die Flüchtlingslager erreichten. An einem dieser Stützpunkte kam gerade eine Gruppe von Bewohnern Şengals an: ziemlich durcheinander, mit vom Staub weissen Gesichtern, Augen, Haaren, Kleidern. Barfüssige Kinder, die Mutter und Vater verloren hatten, Großväter mit deprimierten Gesichtern, deren Backen- und Schnurrbart die gleiche weisse Farbe vom Staub zeigten, und junge Mädchen und Kerle, deren Augen vor Wut und Rache blitzten und die sofort sich bewaffnen und kämpfen wollten…

Erschöpft am Stützpunkt angekommen, gab man ihnen gleich, damit sie wieder zu sich kommen, Schokolade, Kekse und Getränke. Da spürte ich sowas wie Stolz. Die Revolution von Rojava hat im Kampf gegen so grausame und zerstörerische Kräfte doch einiges erreicht! Jetzt rettet die Revolution von Rojava Menschenleben. Kaputte Gesichter, die alles aufgegeben haben, bringt sie wieder zum Leuchten. Aber als am Abend alle aus der Menge einen freien Platz zum Ausruhen gefunden hatten, konnte man das von den Kindern nicht sagen. Manche von ihnen konnten ihren Vater, ihre Mutter nicht finden. Vielleicht kommen die mit einer anderen Gruppe? Vielleicht hatten sie aber auch nicht die Chance, sich einer Gruppe anzuschliessen…

Das kleine Mädchen mit dem blauen Herz

„Überall hat sich der Staub des Weges absesetzt… Ich habe Tränen in den Augen, weil ich meine Mutter verloren habe. Hat jemand sie gesehen? Wer sind die Männer, die mich an den Händen halten? Mein Vater hat mir erst vor kurzem das blaue Kleid gekauft, und jetzt ist es so staubig geworden.“

Meine Augen blieben an dem kleinen Mädchen genau vor mir hängen, das zwei Männer an den Händen hielten und zu beruhigen versuchten, mit blauem Kleid, großen Augen, mit hellen Haaren, die fast weiss gworden sind vom Staub und der Sonne, und aus dessen Augen Tränen flossen. Ich ging zu ihr hin. In einer Hand umklammerte sie eine Kekspackung für ihre Mutter, die sie nirgends fand. Mit ängstlichen Augen sah sie um sich. Ich wollte mit ihr sprechen, aber vor lauter Schluchzen brachte sie kein Wort heraus. Eines Tages, wenn sie alt genug ist, wird sie die Ereignisse verstehen, und dass das nicht das erste Massaker ist. Aber dieses hat sie selbst miterlebt und kann es nicht begreifen. In dem Moment sucht ihr Kinderherz nur die Mutter… Weiß sie, wofür die Farbe blau steht? Als wir Kinder waren, hat man uns gesagt, das sei die Farbe der Tapferkeit. Ob sie an diesem Tag bewußt diese Farbe ausgesucht hat? Jedenfalls ein sehr mutiges Mädchen. Ein mutiges Kind eines mutigen Volkes…

In seinem Gesicht kann man die ganze Geschichte lesen

Wir setzen unseren Weg fort. Im Gesicht eines jeden Menschen von Şengal, dem wir begegnen, kann man diesen Schrecken, diese menschliche Fassungslosigkeit lesen. Kurz darauf fährt ein Wagen an uns vorbei, und mit Mühe gelingt mir ein Foto von einem Großvater aus Şengal mit völlig vergrämten Gesichtsausdruck. Das ist nicht das Bild eines Großvaters aus Şengal, das ist im Grunde das Gesicht von Şengal überhaupt. Denn in dem Moment kann man alles im Gesicht des Mannes lesen. Was ihm widerfahren ist, macht ihn fassungslos. Wo haben wir Fehler gemacht, wieso ist es so gekommen. Haben wir das alles verdient? Der 73. Ferman – aber keiner war so wie dieser, scheint er zu sagen. Und innerlich antworte ich ihm: Nein, Großvater, das habt ihr nicht verdient; ihr seid ein Volk, das seine Werte schützt. Die grausamen Gesichter des Kolonialismus konnten diese Haltung nicht ertragen! Die Augen des Großvaters sind ganz gerötet. Man sieht, dass er seit Tagen nicht geschlafen hat, vielleicht haben ihm Aufregung, Wut und Zorn in seine Augen rote Striche eingeritzt.

Wir näherten uns dem Zentrum von Sengal und begegneten allen möglichen menschlichen Erzählungen. Übermenschlicher Trotz. Kinder, die barfuß stundenlang den Weg entlangliefen, Ehepaare, die einander die Hände umklammerten, Babies am Hals ihrer Väter, mühsam vorankommende Alte. Beim Kreuzen mit unserem Fahrzeug wichen sie nicht auf die Seite. Jeder Schritt vorwärts war für sie ein rettender Schritt weg vom IS-Unheil. Deshalb marschierten sie ununterbrochen. Aber die Fahrzeuge waren dauernd unterwegs, um das Volk zu retten. Und die Freiheitskämpfer…die setzten alle ihre Kräfte ein, um Unheil vom Volk abzuwenden. Auf Lastwagen brachten die den durstigen Lippen und ausgetrockneten Kehlen auf der Strasse Wasser. Die Revolution von Rojava auf dem Weg. Wenn die Leute von Şengal das Wasser sahen, rannten sie wie neugeboren darauf zu. Wenn die Wasserbehälter leer waren, stiegen viele auf die Lastwagen, um sich in sichere Gegenden transportieren zu lassen.

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