Murat Karayilan zum Widerstand in Nordkurdistan

Published by ISKU Informationsstelle Kurdistan e.V. on 22. Juni 2016

Murat Karayılan, Oberkommandeur der Volksverteidigungskräfte Hêzên Parastina Gel (HPG ), hat sich in einem Gespräch mit dem Fernsehsender Stêrk TV zu den Entwicklungen und zum Widerstand der letzten 10 Monate in Bakur/Nordkurdistan geäußert. Wir geben es hier gekürzt wieder.

Die Gründe für das Ende der Verhandlungen zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Freiheitsbewegung sieht Karayılan im Erfolg der HDP bei den Wahlen am 7. Juli (2015), in der Girê Spî-Offensive in Rojava und einigen anderen Entwicklungen, die nicht im Interesse der AKP gelegen seien. Für Karayılan ist ganz klar die Türkei diejenige, die die Verhandlungen beendete. Karayılan betonte, dass sie gegenüber der Waffenruhe und den Verhandlungen aufrichtig gewesen seien, dass sie mit politischen Mitteln und Wegen zum Ergebnis kommen wollten, die AKP aber wohl nie wirklich vorhatte, eine politische Lösung zu entwickeln.

Für Karayılan ist der Widerstand der letzten Monate in den Städten zwar eine „neue Phase im Widerstand des kurdischen Volkes, eine Phase, in der der Widerstand nicht nur in den Bergen, sondern auch in der Ebene und in den Städten geführt wurde“, aber – und das ist interessant – für Karayılan handelt es sich bei dem Widerstand keinesfalls um einen Aufstand. Er erklärte: Das war sicherlich kein Aufstand. Wenn es sich um einen Aufstand gehandelt hätte, wären sicher erst die (Ämter) von Landrat und Gouverneur erstürmt worden … Bei Einem Aufstand erhebt sich das Volk und erobert zuerst die Zentren des Staates. Dem war aber nicht so.

Für ihn wurde hier viel mehr „ein Wille“ formuliert. „Sie forderten einen Status“, sagt er. Sie fordern „die Abschaffung des Zentralismus in der Türkei, sie zielen auf eine Stärkung des Lokalen“. Dies wird oft mit dem Wort ‚özerklik‘ umschrieben. Zu erwähnen wäre, in Ermangelung von entsprechenden politischen Begrifflichkeiten wird ‚özerklik‘ oft fälschlicher Weise mit ‚Autonomie‘ gleichgesetzt. ‚Selbstverwaltung‘ wäre wohl das passendere Wort. Und Karayılan berichtet: „Die kurdischen Jugendlichen haben schon einmal, 2014, die Stadtviertel gehalten. Als am 24. Juli (2015) der Angriff (des türkischen Staates) begann, haben sie erneut viele Viertel der Städte in Kurdistan gehalten. Und die Räte dieser Viertel haben ihre Selbstverwaltung erklärt. Die Erklärungen der Selbstverwaltung waren Projekte, die kurdische Frage innerhalb der Einheit der Türkei zu lösen. Es war ein Schritt zu einer Lösung innerhalb der Türkei, die auch für die Türkei zu akzeptieren gewesen wäre. Das war nichts, das zentral beschlossen worden war, die Initiative dazu ging vom Lokalen aus. Damit gepanzerte Fahrzeuge nicht ungehindert in die Viertel kommen, haben sie Gräben ausgehoben, und die dortigen Räte haben die Selbstverwaltung ausgerufen.“

Und er kommt zurück auf die Zeit davor: „Grundsätzlich war die Intention die Lösung der kurdischen Frage und auf dem Weg, die Demokratisierung der Türkei.“

Zu Beginn hat der türkische Staat keine großen Probleme gemacht. 2014 war die Polizei damit etwas beschäftigt, später sind, im Rahmen eines Dialogs, die Gräben wieder zugeschaufelt worden. Auch jetzt wurden sie wieder damit beschäftigt und versuchten, mit Hilfe der Polizei die Barrikaden zu entfernen. Dann erkannten sie, dass sie kein Ergebnis erzielen konnten.

Als der Winter einbrach und sich damit der Bewegungsspielraum der Guerilla einengte, hat am 14. Dezember (2015) die Armee das Heft in die Hand genommen. Sie erklärten, dass es sich um einen Aufstand handele, dass die Türkei gespalten werden solle, dass für die Einheit der Türkei alles in Kauf genommen werden müsse, dass gegen diese Stadtviertel vorgegangen werde und sie eingenommen werden müssten. Dabei, so Karayılan, habe es sich vielmehr um eine Art Selbstverteidigung gehandelt habe. Er sagt: „Die Haltung des Volkes war, weil der Staat und seine Polizei uns unterdrückt, soll er nicht in unser Viertel kommen können. Wir schützen uns selbst vor der Unterdrückung und wollen uns auch endlich selbst verwalten.“

Zum Kampf in den Städten erklärt Karayılan: „Wir wissen, dass der Widerstand von der YDG-H, der Bewegung der Jugend, begonnen wurde und dann von der gemeinsam mit einigen lokalen Kräften gebildeten YPS geführt wurde. Uns liegen (zum Kampf in den Städten) Informationen von der Koordination der YPS vor.“ Demnach hat in den letzten 10 Monaten „die YPS in 12 Städten den Kampf geführt. Bei den Städten handelt es sich um die Städte Sûr, Cizîr, Hezex, Nisêbîn, Şirnex, Gever, Silopiya, Farqîn, Derik, Kerboran, Bismil und Gimgim. Neben erwähnten Städten wurde auch in Wan und Sêrt der Kampf geführt. Hier jedoch nicht gestützt auf Gräben (und Barrikaden), sondern beweglich. In Städten wie Derik, Kerboran, Gimgim und Bismil war er auch nicht lang anhaltend, sondern auf eine oder zwei Wochen oder auch nur 2 bis 3 Tage ausgelegt.“

Im genannten Zeitraum habe nach Erkenntnissen von Karayılan „die YPS 376 Märtyrer zu beklagen“. Er wies darauf hin, dass die YPS zu den Ereignissen der vergangen Phase selbst noch eine Erklärung vorlegen werde. Für die HPG gibt Karayılan die Verluste mit 345 Märtyrern und 12 Angehörigen der HPG, die in Kriegsgefangenschaft geraten seien, an. Er kommt auch auf Sûr zu sprechen: „In Sûr haben 70 Menschen den Staat 105 Tage gestoppt; der Staat kam nicht hinein. Danach haben sie Sûr zur Ruine gemacht; nur so kamen sie da hinein. Und dann sprechen sie auch noch von Sieg. Es gelang ihnen nicht, die Stadt einzunehmen, sie konnten sie lediglich mit schweren Waffen auslöschen. Anschließend gehen sie hin und sagen über den Schutt, ich habe gesiegt. Wo ist da der Sieg? Das ist eine Niederlage.“ In Sûr, so Karayılan, haben die Widerstandleistenden Tagebuch geführt, ich denke, sie werden es bald veröffentlichen. Er erzählt vom Widerstand in Sûr: „Einige Zivilisten waren bei den Freunden. Nach einiger Zeit wollten diese Zivilisten gehen. Denn der Staat hatte die Wasser- und Stromversorgung abgestellt, es gab kein Feuerholz u. ä. Damit das Volk die Städte verlässt, hat der türkische Staat alles Lebensnotwendige entzogen. Trotzdem gab es immer noch Menschen, die an der Seite der Widerstandleistenden blieben. Doch nach einer Weile erklärten auch diese, dass sie gehen wollen. Çiyager (Kommandant von Sûr) spricht mit ihnen. Er sagte: ‚Geht nicht, hier sind Verletzte, pflegt sie und geht, nachdem wir gefallen sind.‘ Unter der Wirkung des Gesagten sagten sie ‚wir bleiben‘.“

Doch nach dem, was Karayılan berichtet, hat Çiyager sich später selbst an die Verbliebenen gewandt und ihnen gesagt, sie sollen gehen. Einige haben dann auch Sûr verlassen.

Im Hinblick auf Şirnex erklärte Karayılan: „In Şirnex haben sie 6 Stadtteile vernichtet. Aber wie viele ihr Leben verloren haben, das wissen wir nicht.“ Karayılan berichtet, wie der türkische Staat, als es ihm nicht gelang, die Städte einzunehmen, sie aus der Ferne zerstörte, und kommt dann auf Nisêbîn zu sprechen: „Es gibt keine Waffe, die sie nicht in Nisêbîn eingesetzt haben. Sie haben mit Kampfflugzeugen eine Tonne schwere Bomben auf Nisêbîn abgeworfen, haben Napalm abgeworfen, haben chemische Waffen eingesetzt.“

„In Şirnex, Nisêbîn, Gever, Sûr und Cizîr wurde über einen langen Zeitraum hinweg gekämpft. Das Ergebnis ist klar. Aber in einem Krieg gibt es auch den Rückzug. Ein Viertel muss nicht, koste es was es wolle, gehalten werden. Wir diskutieren noch über die Mängel und Fehler, die gemacht wurden. Aber eins ist sicher, der Widerstand verdient Respekt.“ Fehler sieht er in dem Mangel an unterschiedlichen Methoden. „Nur mit dem Ausheben von Gräben ist das nicht zu machen. Warum? Weil der Feind nicht gegen den Kämpfer, die Kämpferin ankommt, er aber die Stadt zerstört; dabei hat das Volk den Schaden. Der Feind ist unerbittlich. Er wird mit dem Widerstand nicht fertig und zerstört deshalb die Häuser und vernichtet die Städte.“

Karayılan fordert deshalb, Methoden anzuwenden, bei denen das Volk weniger Schaden erleidet. Und stellt fest, dass es „in diese Richtung bereits Bemühungen gibt“. Als Beispiele nennt er Şirnex, Gever und Nisêbîn, in denen zuletzt der Rückzug beschlossen wurde. Außerdem sei am 15. April der Beschluss gefasst worden, nicht nur den Stellungskampf zu betreiben, sondern auch beweglich zu kämpfen. Die Verluste in Gever erklärt er mit einem zu frühen Rückzug. Die Fakten bestätigen dies. In anderen Gebieten kam es ebenfalls zum Rückzug. Diese waren erfolgreich verlaufen. Außerdem sei mittlerweile erkannt worden, dass ein lang anhaltender Stellungskrieg nicht notwendig sei.

Die Guerilla selbst habe lange wegen der klimatischen Verhältnisse nicht einschreiten können. Mit Einbruch des Frühjahrs, erklärt Karayılan, hat sie mehr Bewegungsfreiheit erlangt. Für Karayılan hat der Staat bewusst seinen Angriff im späten Herbst begonnen. Er sagt: „Nachdem die Guerilla sich in die Winterstellungen zurück-gezogen hatte, haben sie unter Einbeziehung der Armee die Städte forciert angegriffen. Mit Beginn des Frühlings haben sie am 13. März (2016) die 3 Städte, in denen die YPS kämpfte, umzingelt. Als die Armee sich einmischte, wollten wir intervenieren. Letztes Jahr sagte ich noch ‚Wenn die Armee in die Städte geht, dann tun wir das auch. Am 14. Dezember (2015) aber war tiefer Winter. Später, am 13. März (2016), umzingelten sie Şirnak, Nisêbîn und Gever. Es war für die Guerilla nicht möglich, dorthin zu kommen. Die dort waren, haben gekämpft.“

Zum Verhältnis zwischen HPG und YPS befragt, erklärt Karayılan, dass es sich um Ansätze der Ideologie bzw. um eine Philosophie von Abdullah Öcalan handelt, das sich überall auf der Welt auf Basis dieser Organisationen bilden können, wie das z.B. auch beim Marxismus der Fall war. Das aber trotzdem jeder für sich selbst verantwortlich ist. So lehnt Karayılan dann auch die These, dass YPS und PKK ein und dasselbe wären, ab. Er sagt: „Sie sind nicht dasselbe; sie teilen nur den ideologischen Ansatz.“ Aber die YPS zeichne sich gegenüber den anderen in den Augen von Karayılan durch eine Besonderheit aus. „Die YPS ist in Nordkurdistan entstanden. In einem Gebiet, in der die PKK ihren Kampf führt. Die Jugendlichen, die mit der Kultur Abdullah Öcalans aufgewachsen sind, sind jetzt heran gewachsen und organisieren sich selbst in den Städten als Kräfte der zivilen Verteidigung. Wir sind eine Organisation, sie eine andere. Aber wir unterstützen sie. Wie kämpfen sie in den Städten? Am Anfang mit Molotowcocktails, später mit der Kalaschnikow. Sie verfügten weder über Scharfschützengewehre noch mittelschwere Waffen.“ Er fügt hinzu: „Wenn die PKK den Aufstand erprobt hätte, dann wäre alles anders. Die PKK verfügt über Munition, schwere Waffe, professionelle Kämpfer. Aber in diesen Städten gab es das alles nicht.“ Aber er erklärt auch, dass mit dem Einbeziehen der Armee am 14. Dezember (2015) einige Mitglieder der HPG sich dazu entschlossen hätten, in ihre Heimatorte zu gehen. Es wäre weder organisiert gewesen, noch hätte es dazu einen zentralen Beschluss gegeben. Es hat sich dabei eher um eine Unterstützung gehandelt, die sich ganz natürlich ergeben hat. Es gibt Stimmen, die behaupten, die PKK habe begonnen, den Kampf in den Städten zu führen. Die PKK hat nicht damit begonnen, in den Städten zu kämpfen; aber es ist auch ganz natürlich, dass sie darin involviert wurde. Erst nachdem die Jungendlichen die Viertel gehalten haben, habe man diese nicht allein lassen und sie unterstützen wollen. Vielerorts wäre das jedoch zu Anfang wegen oben erwähnter Gründe nicht möglich gewesen. Die Jugendlichen waren umzingelt, ein Dazustoßen nicht möglich gewesen. Doch an ihrer Seite seien zumindest doch immer auch einige Erfahrene gewesen. Karayılan forderte dann auch das Volk auf, einander zu helfen und den zerstörten Städten zur Seite zu stehen.

ANF, 22.06.2016, ISKU

Posted in Nordkurdistan/Türkei, Presse, Türkei Tagged Şirnex/Şırnak, Bakur/Nordkurdistan, Gever/Yüksekova, Murat Karayılan, Nisêbîn/Nusaybin, Silopi
Article written by ISKU Informationsstelle Kurdistan e.V.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.