Marasch (Osttürkei) gegen Flüchtlingslager

Ingo Speidel 10.5.2016 zur Diskussion:

Massiver Widerstand gegen die Errichtung von Flüchtlingslagern:

HÄNDE WEG VON UNSEREM LEBENSRAUM !

In diesen Lagern (syrischer Flüchtlinge) organisieren sich ISIS und andere salafistische Gruppen. Organistionen von Barbaren, welche den Alewiten den Kopf abschneiden, die Kurden bombardieren und die Jesiden versklaven. Wie Paschas werden sie in den Lagern aufgenommen.
In der Presse kann man viel darüber lesen, wie die ISIS-Leute ihre Familien hier unterbringen, und dass Zwangsprostitution herrscht…

Die sunnitischen Araber, die bereits in Syrien gegen die Alewiten kämpften, hier als Flüchtlinge mitten zwischen die alewitisch-kurdischen Dörfer anzusiedeln, das heißt doch neuen Marasch-Massakern Tür und Tor öffnen…Da geht es doch offensichtlich um ethnische Säuberung…die demographische Struktur zerstören, die Gegend von Alewiten und Kurden freimachen… Man will bestimmt unsere Ländereien verwüsten und unfruchtbar machen…In der Gegend sollen die alewitisch-kurdischen Lebensadern durchtrennt werden.

Es reicht, es reicht. Alles ist original zitiert:
– die Überschrift war die Hauptlosung auf einer Protestkundgebung am 7.5.16 auf dem Marktplatz Stuttgart,
– der erste Abschnitt gibt Worte des HDP-Abgeordneten Mahmut Toğrul wieder (YÖP 2.5.16),
– der zweite Abschnitt zitiert Elif Sonzamancı, Sprecherin der Marasch-Initiative und Korrespondentin von YÖP (2.5.16).

Jetzt der Reihe nach. Um was geht es eigentlich?
Die türkische Regierung baut ein Flüchtlingslager aus Containern für 27 400 Syrer in der Nähe des Dorfes Terolar (Sivricehöyük) bei Marasch/Südosttürkei.
In Marasch ereignete sich 1978 ein dreitägiges Massaker an alewitischen Kurden. Viele wanderten weg. Eine zweite Auswanderungswelle erfolgte Anfang und Ende der 90er Jahre aufgrund der blutigen Repression gegen die Kurden. Heute leben auf dem Lande der Gegend nur noch wenige alte Leute: etwa 2 000 in den Dörfern um Terolar.
Aber viele leben in Deutschland und sonstwo. Sie verbringen ihren Sommerurlaub in der alten Heimat. Endgültig zurückkehren tun sie nicht – aus ökonomischen Gründen.
Es stimmt, dass diese Gegenden in der Vergangenheit immer wieder Schauplatz von ethnischen Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Massakern waren. So stellten die Armenier in der osmanischen Zeit 40 % der Bevölkerung der Stadt Marasch. Noch heute sind viele Dörfer entweder sunnitisch oder alewitisch, nicht gemischt.

Aber wir leben im Jahr 2016. Seit 20 Jahren versucht Öcalan an der Spitze der PKK, den “primitiven Nationalismus” zu überwinden durch demokratische Autonomie, in der alle anwesenden Religionen, Ethnien, Sprachen und Kulturen sich frei entfalten können, aber nicht die Politik beherrschen. Wie das gehen soll, wird in Rojava vorgemacht, ganz praktisch.
Z.B. im Umgang mit Flüchtlingen. Im autonomen Kanton Afrin (gar nicht weit von Marasch) werden alle Flüchtlinge aufgenommen, egal von welcher Ethnie, Religion etc. Und egal welche Rolle ihre Ethnie oder Religion in der Vergangenheit gespielt hat. Und sie werden auch nicht aussortiert nach ihren “Fluchtgründen” und sonstigen rassistischen Schikanen wie in Deutschland. Zehntausende sind nach Afrin gekommen in den letzten Monaten. “Wir teilen unser Brot mit ihnen”, ist die Haltung der autonomen Verwaltung (vergl. auch “AK zur Kurdischen Revolution” Nr. 3 vom 29.2.16).

In der ganzen Türkei leben drei Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Viele erleben Solidarität. Viele erleben auch Ablehnung und Rassismus. Man kann sich vorstellen, wie die Massenbewegung der Leute von Marasch vor Ort und im Ausland gegen die “arabisch-sunnitischen” Flüchtlingslager auf sie wirkt. So ähnlich wie die rassistische Mobilisierung gegen Flüchtlings-Unterkünfte in Sachsen und sonstwo, stelle ich mir vor. Wo sich doch manche “Argumente” so ähneln…siehe die oben angeführten Zitate!

Nein, der Kampf gegen religiösen Fanatismus, Rassismus und Genozid erfordert nicht die Rettung “unseres Lebensraums”!

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