Gire Spi (Rojava): Demokratische Autonomie

YÖP 22/23/24. März 2016 Dengir Güneş

Die Stadt Gire Spi (Tell Abyad auf arabisch: weißer Hügel) liegt wie Kobane direkt an der türkischen Grenze, im Schnittpunkt zwischen Rakka – Urfa und Kobane – Serekaniye. Die Stadt zählt ca. 50 000 Einwohner, überwiegend Araber und Kurden, aber auch Turkmenen, Assyrer und Armenier. Sie ist erst am 15. Juni 2015 vom IS (Islamischen Staat) befreit worden. Seither wird sie in demokratischer Autonomie selbstverwaltet.

Für die Bewohner ist das eine Revolution, wie sie die Journalistin Dengir Güneş in einem aufschlussreichen Bericht wiedergibt.

Gire Spi ist das Produkt eines Völkermords. Im Jahr 1915 trieb der Osmanische Staat über eine Million Armenier in die syrische Steppe. Fast alle kamen um. Einige aus Van, Antep, Muş und Urfa strandeten an der Bagdad-Bahnlinie; daraus entstand das heutige Gire Spi. Auch (christliche) Assyrer/Süryani aus Urfa flüchteten vor dem Völkermord hierher. Die handwerklich geschickten Armenier sorgten dafür, dass die Stadt sich zu einem Zentrum entwickelte, in das vor allem Kurden zogen.

Ab 1965 wurde Gire Spi Opfer des Arabisierungsplans des neuen Baath-Regimes: Ein “arabischer Gürtel” sollte die Grenzregion zur Türkei “sichern”. Landbesitz der Kurden wurde enteignet, vielen von ihnen wurde die syrische Statsbürgerschaft aberkannt, Kurdisch- Unterricht an den Schulen und sogar Kurdisch-Sprechen wurde verboten… Auch die Armenier und Assyrer wurde so drangsaliert, dass die meisten nach Europa und Armenien auswanderten, zumindest aber in die Großstädte Aleppo und Damaskus zogen. Dafür wurden Araber aus Rakka und Deir-Ez-Zor hier angesiedelt.

Trotz der Arabisierung erlebte Gire Spi einen wirtschaftlichen Aufschwung. Sie zählte 2010 schon 25 000 Einwohner. Der ganze Bezirk zusammen mit 600 Dörfern zählte 225 000 Einwohner, davon 60 % Araber, 35 % Kurden und 5 % Turkmenen und Armenier.. Gire Spi galt als der Ort, wo mehrere Völker, Sprachen und Religionen friedlich zusammenleben.

Als am 15. März 2011 der Aufstand gegen das Assad-Regime losbrach, organisierten auch die Kurden von Gire Spi ihre Selbstverteidigung und gründeten an die 150 “Kommunen”. Am 18. September 2012 allerdings besetzten El Nusra und Ahrar al Scham zusammen mit dem IS, dem Islamischen Staat, die Stadt. Am 21. Juli 2013 wurde das “Mala Gel”, das kurdische Volkshaus, besetzt, und am 19. August 2013 die kurdischen Dörfer der Umgebung. Tausende von Kurden wurden vertrieben.

Am 27. Januar 2014 schließlich übernahm der IS allein die Stadt. Sie wurde nun zum Drehpunkt für die regen Beziehungen zwischen dem IS mit seiner nahen Hauptstadt Rakka (120 km weiter südlich) und der Türkei.

Im Winter 2014/15 gelang es, wir erinnern uns, der 50 km westlich gelegenen Stadt Kobane in einem dramatischen Kampf, die IS-Offensive zurückzuschlagen. Einige Monate später, am 15. Juni 2015, wurde auch Gire Spi befreit von den vereinten Kräften YPG/YPJ und Burkan El Firat. Damit war die Landverbindung zwischen dem Kanton Kobane und dem Kanton Cezire wiederhergestellt und die direkte Verbindung zwischen Rakka und der Türkei abgeschnitten.

Die Befreiungstruppen waren nicht als Besatzer gekommen. Sie unterstützten die Einwohner beim Aufbau der Selbstverwaltung (aus Arabern, Kurden, Turkmenen und Armeniern) und zogen dann wieder ab. Am 21. Oktober 2015 rief man die demokratische Autonomie von Gire Spi innerhalb des Kantons Kobane aus, als Modell des Zusammenlebens der verschiedenen Völker unter Wahrung ihrer jeweiligen Kulturen, Sprachen und Religionen.

*

Die Frauen, früher zuhause eingeschlossen, jetzt die Subjekte der Selbstbehauptung

Schon imer waren es die Frauen, die der Stadt ihre unterschiedlichen Farben aufdrückten. Jetzt findet man sie überall, von der Kampffront bis zur Verwaltung, vom Gesundheits- bis zum Erziehungswesen. Sie bauen das neue Leben auf. Sie nehmen Rache am IS. Nach der Befreiung der Stadt war ihr erster Schritt, sich zu organisieren. Das war die Grundlage. Kurdische, arabische, armenische und turkmenische Frauen errichteten an jedem Ort Räte und Kommunen. Frauen organisieren die Streifen der Sicherheitskräfte (asayış), aber auch Arbeitsstellen: als erstes Nähwerkstätten.

Die Ko-Vorsitzende der Demokratischen Autonomie von Gire Spi: “Alles, was wir in der Stadt unternehmen, machen wir Kurdinnen, Turkmeninnen, Armenierinnen und Araberinnen gemeinsam. Für uns hat eine neue Zeitrechnung angefangen. Wir haben das Frauenhaus (Mala Jine) eröffnet, haben das Frauenkomitee, die Frauen-Kommunen und die landwirtschaftlichen Komitees geschaffen. Mit praktischen Massnahmen haben wir gezeigt, welche Kraft in den Frauen steckt. Wir haben angefangen, zusammen mit dem Frauenhaus in den Schulen Kurse für Frauen zu organisieren: Lesen, Schreiben, kurdische Sprache. Um Arbeitsstellen zu schaffen, haben wir Nähereien eröffnet. Keine Frage, das sind nur die ersten Schritte. Weitere Projekte folgen in der Zukunft.”

Zeliha Abdi ist eine Frau aus der Leitung des Mala Jine, welche solche Unternehmungen vorantreibt. Sie war 17 Jahre lang Arabisch-Lehrerin und kann nun ihren Herzenswunsch erfüllen: nämlich Kurdisch zu unterrichten. Ausserhalb des Unterrichts widmet sie ihre ganze Zeit den Frauen-Projekten: “Für die Frauen-Befreiung gibt es sehr viel zu tun für uns. In den letzten 9 Monaten komprimiert haben wir grosse Schritte unternommen. Denn der IS hat auf der Frauen-Front die schlimmsten Verheerungen angerichtet. Die in ihren Häusern eingeschlossenen Frauen haben wir ins öffentliche Leben, in die Gesellschaft gebracht. Im Mala Gel (Volkshaus) und in den anderen Strukturen sind jetzt auch viele arabische Frauen; bei allen Initiativen sind sie dabei. Mit allen Frauen von Gire Spi zusammen wird viel unternommen und die Solidrität neu geschaffen. Wir lassen es nicht mehr zu, dass unser Zusammenleben kaputt gemacht wird. Wir bauen das Leben in seiner schönsten Form auf, so wie es das Volk auch verdient.”

*

Zum ersten Mal Turkmenisch – Unterricht!

Zu den ersten Aufgaben, die man nach der Ausrufung der demokratischen Autonomie von Gire Spi angepackt hat, gehört die Eröffnung des Unterrichts in den Schulen. Dabei musste man fast bei Null anfangen, denn die IS-Banden hatten in den Schulen sogar die Strom-Stecker geklaut. Innerhalb von 9 Monaten wurden in Gire Spi und den Dörfern 300 Schulen eröffnet. In den Schulen unterrichten 700 Lehrer und 500 Aushilfskräfte.

Hadschi Abdullah unterrichtet seit 27 Jahren. Er berichtet, dass nach der Besetzung durch den IS die 600 Schulen geplündert und als Quartiere benutzt wurden und dass schon zwischen 2012 und 2014 der Unterricht an den Schulen eingestellt worden war. Die Tage jetzt sind die glücklichsten seines Lebens: “Mit dem Abzug des IS sind wir vor der Dunkelheit gerettet und sehen den hellen Tag. Nicht nur die Schüler und Lehrer, das gesamte Volk von Gire Spi erlebt das. Wir sind wie neugeboren. Gehen wir zur Schule, dann freut uns jedes Kind und gibt uns Hoffnung…”

Der grösste Erfolg im Schulwesen ist, dass jetzt Kurdisch-Unterricht gegeben wird. Sofort nach der Befreiung der Stadt legte die KPC Demokratik (Schulbehörde?) los. 100 Lehrer erlangten das Zertifikat für Kurdisch-Unterricht. Im Augenblick unterrichten allein in der Stadt Gire Spi 30 Lehrer Kurdisch. Und zwar nicht nur für kurdische Kinder; auch bei arabischen wächst das Interesse an Kurdisch von Tag zu Tag.

Der Unterricht in der Muttersprache kommt voran dank der Initiative und der Hartnäckigkeit der Frauen. Von den Kurdisch-Lehrkräften sind 70 % Frauen. Und alles wird unternommen, damit auch in den anderen Sprachen unterrichtet werden kann. Zum Beispiel wird im turkmenischen Dorf Hamam, wo es bisher die eigene Sprache in der Schule nicht gab und die Muttersprache nicht gesprochen werden durfte, jetzt zum ersten Mal auf Turkmenisch unterrichtet. Die armenischen Schüler warten noch auf einen Armenisch-Lehrer. Die KPC Demokratik gibt in 6 Dörfern Gruppen von jeweils 25 Leuten Unterricht im Lesen und Schreiben und wird in den nächsten Tagen eine Akademie zur Ausbildung von Lehrkräften eröffnen.

*

Demokratische Autonomie in der Praxis

Neben einem Gespräch mit Mensur El Selum, dem (arabischen) Ko-Vorsitzenden der Demokratischen Autonomie von Gire Spi, hatte Dengir Güneş ein Interview mit Ömer Eluş, das wir fast ungekürzt wiedergeben.
Ömer Eluş ist seit den 1970er Jahren in der kurdischen Bewegung aktiv.

– Nach der Befreiung von Gire Spi waren Sie im Rahmen der Bewegung TEV-DEM beim Neuaufbau und der Überzeugungsarbeit engagiert. Was waren die ersten Schritte?

– Gleich nach der Befreiung haben wir mit allen Völkern hier, mit VertreterInnen der Kurden, Araber, Turkmenen und Armenier, den “Ruspiler-Rat” gebildet, um eine Verwaltung auf die Beine zu stellen. Als TEV-DEM haben wir unser System der Demokratischen Autonomie bekannt gemacht und ihre Meinung eingeholt. So wie es bereits in Kobane, Qamişlo, Serekaniye und in den anderen Städten von Cezire funktioniert, fanden sie es auch passend für Gire Spi.

Wir begannen damit, Komitees auf die Beine zu stellen. Das “Friedens-Komitee” für die Aussöhnung, dann eines für das Rechtswesen, eines für das Gesundheitswesen, eines für das Schulsystem und eines für die Wirtschaft. Die städtischen Dienstleistungen wurden ingang gesetzt. Klar, das war nicht so einfach. Seit Jahren war das Volk gewohnt, vom Baas-Regime gelenkt zu werden, und dann die Verheerungen durch den IS. Es galt, zu überzeugen, die neuen Strukturen festzuklopfen. Aber das Volk hat sich das neue System zu eigen gemacht. Es sieht, dass das sein Leben, seine Zukunft ist.

– Konkrete praktische Schritte?

– Von jedem Volk musste man VertreterInnen finden. Dann musste man die Waffen einsammeln, die jedes Volk hatte, und den “Asayış’, den Sicherheitskräften, aushändigen: “Waffen gegen Hefte und Stifte”. Das ging erstaunlich schnell. Genauso schnell wurden Dutzende Schulen wieder aufgemacht. Zum ersten Mal Unterricht auf Kurdisch! Ja, im turkmenischen Dorf Hamam fingen wir mit Türkisch-Unterricht an! Das gab’s noch nie; die hatten ihre Sprache schon fast vergessen. Und genauso wird es Armenisch-Unterricht geben; wir warten auf Lehrer aus Aleppo oder Damaskus. Die vom IS zerstörte Kirche wurde wieder hergerichtet. Die Grundlagen für ein demokratisches Zusammenleben wurden geschaffen. Jede und jeder lebt in seiner Sprache und in seinem Glauben, hat seine Vertretr in der Verwaltung und kann seine Meinung frei äußern.

– Und was funktioniert noch nicht?

– Die Versöhnungskommission ist noch nicht fertig. Das Rechtswesen zu verwirklichen braucht seine Zeit, weil wir nicht genügend Richter und Rechtsanwälte finden. Aber das wird bald funktionieren. Die jungen Leute sind im Krieg; deshalb fehlen noch Strukturen für Kultur, Kunst und Sport. Aber wir haben schon die ersten Schritte getan. Wir wollen ein Zentrum für die Entwicklung und Ausübung einer jeden Kultur.

– Wie steht es mit der Wirtschaft, unter den Bedingungen des Krieges und des Embargos?

– Ja, wir leben unter einem totalen Embargo. Und dazu die militärischen Überfälle vom IS und der Türkei; wir durchlaufen wirklich eine ausserordentliche Phase. Das wirkt sich auf jeden Lebensbereich aus. Auf wirtschaftlichem Gebiet: neue Arbeitsbereiche werden nicht eröffnet, Investitionen werden nicht getätigt, der Handel entwickelt sich nicht. Aber hier entwickeln wir auch Initiativen:

Das Volk ist nicht in der Lage, Samen (zur Aussaat) zu kaufen. Wir haben den Bauern Saatgut und Dünger verteilt und versucht, ihren Bedürfnissen nachzukommen. Wir haben an der Wirtschaftskonferenz von Kobane teilgenommen, denn Gire Spi gehört ja zum Kanton Kobane. Dort ist unter anderem beschlossen worden, die Gründung von Kleinunternehmen und Ateliers zu unterstützen. Als erster Schritt: Die Kleinunternehmer sind von der Steuer befreit. Wir versuchen sogar, solchen Intitiativen den Terrain zur Verfügung zu stellen. Und in einer ersten Etappe brauchen sie für Wasser und Strom nicht zu zahlen. Wir müssen uns selbst versorgen und mit eigenen Kräften die Schäden des Embargos überwinden. Und wir lassen es nicht zu, dass aufgrund der Mangellage des Volkes die Preise steigen. Unsere Kommunen kontrollieren das scharf.

– Wie kriegt ihr die Zustimmung des Volkes? Wie macht es mit?

– Von den Dörfern in die Stadt haben wir unser System eingerichtet. Überall haben wir unsere Kommunen geschaffen. Das Volk hat sich das System zu Eigen gemacht, die Solidarität unter den Völkern und die Demokratie, so verwaltet es sich selbst. In keinem Dorf, in keinem Stadtteil gibt es auch nur eine Kommune, an deren Spitze Personen von oben ernannt worden sind. Überall werden die Funktionen vom Volk bestimmt. Wen das Volk will, den bestimmt es als VertreterIn.

Ich möchte unterstreichen: Das Volk hat diesem System zugestimmt. Auch die Jugendlichen, sie opfern sich für dieses System auf. Und ich möchte betonen: Wir leben im Krieg und ökonomisch im Mangel. Die Leute arbeiten wie Soldaten, kriegen keinen Lohn, mit grosser Begeisterung, sie haben diese Prinzipien verinnerlicht, wollen auf diese Art und Weise leben und verteidigen das System, das wir “demokratische Autonomie” nennen, mit ihrem Leben. Alle sind engagiert, um die Zukunft aufzubauen. Die Delegationen, die uns besuchen, kommen aus dem Staunen nicht heraus. So wie die Kurden identifizieren sich auch die andren Völker damit. Das ist auch eine Frage des Gewissens, sagen sie, da setzen sie alles dran.

– Am 27. Februar d.J. wurde Gire Spi von IS-Banden angegriffen: 43 VerteidigerInnen starben und und 28 Zivilisten. Die meisten Angreifer kamen über die Grenze aus der Türkei. Wie war die Haltung des Volkes, welche Auswirkungen hatte der Angriff?

– Das war ein Großangriff: Sie wollten nicht nur Terror verbreiten (wie beim Angriff auf Kobane im Juni letzten Jahres). Sie wollten unsere Stadt wiedererobern und dachten, die Bevölkerung ist ja mehrheitlich arabisch und hilft ihnen. Aber das ganze Volk von Gire Spi hat unter Einsatz seines Lebens die Stadt geschützt. Das war die Feuerprobe für uns, wie geeint und wie stark wir sind. Und wir haben unsere Entschlossenheit bewiesen. Sowohl die Kurden als auch die Turkmenen und Araber zählen Gefallene. An Orten wie Hamam oder Siluk gab es vielleicht ein paar Kollaborateure. Aber das waren zehn unter 100 000, sie repräsentieren nicht die Haltung des Volkes von Gire Spi.

Es war auch eine Antwort auf die Lügen, die YPG würde die Araber und Turkmenen von Gire Spi unterdrücken, würde ethnische Säuberungen durchführen. Und wichtiger als unser Erfolg auf militärischem Feld ist unser Erfolg beim Aufbau eines neuen Lebens. Was unseren militärischen Erfolg erklärt und vervollständigt, ist genau das: Das Volk von Gire Spi will den IS nicht, kämpft Schulter an Schulter unter Aufopferung seines Lebens für Gire Spi. Dieser IS-Angriff hat die Völker von Gire Spi noch fester zusammengeschweisst: es war ein konkretes “Ja” zur Demokratischen Autonomie und ein “Nein” zum IS. So wie Eisen wird unsere Einheit unter den Angriffen gefestigt.

– Von den Genfer Syrien-Verhandlungen ist Rojava ausgeschlossen…

– (…) Wenn den Völkern Syriens kein politisches Projekt vorgelegt wird, dann tragen Erfolge auf militärischem Gebiet langfristig auch nicht viel zum Frieden bei. Unser Vorteil ist, dass wir neben unseren militärischen Erfolgen ein starkes politisches Projekt verteidigen. Das ist die wichtigste Seite unseres Erfolgs. Das Volk unterstützt uns und ist mit uns einverstanden. Das garantiert, dass unsere Sache sich letztlich durchsetzt.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.