Hintergrundanalyse zum Massaker in Cizre (türkisch-Kurdistan)

Stand der Information heute 12.Febr. 2016:

Der türkische Innenminister Efkan Ala verkündet gestern morgen: “Operation beendet!”
Das heißt wohl: Alle 138 Personen, die seit Wochen in den Kellern von drei Gebäuden Zuflucht gefunden hatten, sind jetzt massakriert. Zerfetzt, verbrannt, von Trümmern erschlagen, erstickt… nach dem Zustand der Leichen zu urteilen, die nach und nach in die Krankenhäuser zur Autopsie gebracht werden. Keine Schußwunden. Aber zerstückelt und verbrannt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Cizre ist jetzt von PK*-Terroristen gesäubert, verkündet die Regierung. Das verbreiten auch dpa und die Medien in Deutschland.. Ohne sich zu fragen, warum keine Waffen gefunden wurden.

Kommunale Selbstverwaltung – für Erdogan ist das Terrorismus

In Cizre, einer 100.000 – Einwohner – Stadt am Tigris nahe der syrischen Grenze, herrscht seit zwei Monaten Ausgehverbot.

Warum? Weil die Stadt die “kommunale Selbstverwaltung” ausgerufen hatte.

Für Erdogan ist das blanker PK* – Terrrorismus.Er schickt seine Gendarmen und Sonder-Kommandos, seine Elite-Einheiten mit Panzern, Drohnen und Hubschraubern hin (wie auch nach  Silvan, Silopi, Sur/Diyarbakir, Yüksekova, Idil, Sirnak, Nusaybin … alles “selbstverwaltete” Kommunen.)

Aber die Innenstadtviertel von Cizre verbarrikadieren sich und organisieren die “Selbstverteidigung” – die gehört schließlich nötigenfalls zur “Selbstverwaltung”!

“YPS” nennen sie sich, das ist kurdisch und eine Abkürzung für “Zivile Verteidgungs – Einheiten”. Übrigens haben sich auch “YPS-Jin” gebildet, das sind Frauen-Einheiten!

Angriffe auf die Bevölkerung durch die türkische Regierung

Seit zwei Monaten beschießen nun die Elite-Einheiten der türkischen Streitkräfte die aufständischen Viertel und versuchen, sie zu überrollen und zu räumen. Die Häuser sind inzwischen zerstört, die Bewohner weitgehend evakuiert.

Da wird am 23. Januar bekannt, daß in einem Keller 31 Leute Zuflucht gefunden haben. Tage danach: ein zweiter Keller mit 62 Personen. Und später noch ein Gebäude mit 45 Personen. Es sind unbewaffnete Zivilisten, auch ein paar Frauen, Kinder, Alte… Der Ko-Volksversammlungspräsident MehmetTunc ist darunter und die ehemalige Distriktvorsitzende Derya Koc.

Ein Teil der Leute ist schon gestorben, fast alle noch Lebenden sind verletzt. Kranken- und Leichenwagen werden gerufen – statt dessen werden die drei Gebäude umzingelt und unter Beschuss genommen. Am Sonntag 7.Febr. werden die noch Lebenden im ersten Keller massakriert, dann alle im zweiten Keller und gestern am Donnerstag offensichtlich alle im 3. Keller. “Operation erfolgreich beendet!”

Unerbittlicher Krieg um die Wahrheit

Die türkische Regierung führt ihren Krieg an einer anderen Front mit der gleichen Unerbittlichkeit: den Krieg um die Wahrheit. Sämtliche Versuche von HDP-Politikern, Krankenpersonal, Familienangehörigen, zu den Eingeschlossenen vorzudringen, waren militärisch unterbunden worden: “Dort wird gekämpft!”.

Ein Krankenwagen-Fahrer wurde erschossen, als er Verletzte herausholen wollte. Einer der Eingeschlossenen, ein 16-jähriger Junge, wurde erschossen, als er am Kellerausgang erschien. In der Nacht, als die ersten Leichen zur Autopsie ins Krankenhaus von Cizre gebracht wurden, hat man das ganze Krankenhaus-Personal in ein Zimmer eingesperrt. Danach wurden alle Telefon-Verbindungen ins Krankenhaus unterbrochen.

Der Fahrer des städtischen Krankenwagens, der während drei Tagen die Leichen gebracht hatte, wurde gestern festgenommen. Die Toten werden zu Autopsie auf 5 Orte verteilt: neben Cizre auch Sirnak, Diyarbakir, Urfa und Silopi – alles, um eine kriminaltechnische Untersuchung zu vermeiden. Und als die ersten Fotos von verbrannten und verstümmelten Leichen im Internet auftauchten, beeilte sich der Gouverneur, zu dementieren: das sei alles gefälscht.

Wo bleibt die internationale Solidarität?

Wir leben im Zeitalter des Internet. Die Kurden und die interessierte Öffentlichkeit verfolgten täglich, nein stündlich das Drama. Ungläubig, wütend, verzweifelt. Und entschlossen: Rache! Eine Welle von Protestaktionen fegt über Europa. – Dennoch darf man sich nicht täuschen: Es sind die Kurden, die überall auf die Strassen gehen. Darüberhinaus kaum Solidarität. Man nimmt das Massaker nicht einmal wahr. Bezeichnend die Reaktion von Merkel, die ausgerechnet am Tag, als das Massaker bekannt wird, die Türkei besucht: Schweigen! (Bezeichnend auch die Montags-Demo gegen S 21 am selben Tag in Stuttgart: Schweigen!)

Einer der Eingeschlossenen hatte noch am Telefon gesagt: “Wir sterben nicht durch Bomben, sondern durch euer Schweigen!”

…………………………………………………………………

Die politische Bedeutung des Widerstands

Abgesehen von der humnitären, um nicht zu sagen menschenrechtlich Seite des Massakers von Cizre: Die eminent politische / militärtechnische Bedeutung des Widerstands wird nicht zur Kenntnis genommen.

“Partisanenbekämpfung” nannten die Deutschen im 2. Weltkrieg die systematischen Massaker an der Zivilbevölkerung. Zur “Vergeltung” von Aktionen der Partisanen wurden ganze Dörfer ausgerottet. Oradour sur Glane in Frankreich, Lidice in der Tschechei, Distomo in Griechenland, Santa Anna di Stazzema in Italien, Kragujevac in Jugoslawien… Das ist keine Spezialität der Deutschen. Im Algerien-Krieg kam diese Art der Kriegsführung zur Anwendung, im Vietnam-Krieg (My Lai). “Unfassbare” Kriegsverbrechen? Doch mit einer unbestreitbaren Logik der Besatzer: Wenn wir den Widerstands schon nicht brechen können, dann terrorisieren wir ihn. Sowas wie moderne Rache. Letztlich kommt damit aber auch die Ohnmacht der Besatzer zum Ausdruck: Sie können die Partisanen nicht besiegen!

Für eine Demokratisierung der Türkei

Da ist noch der militärtechnische Aspekt des kurdischen Widerstands, der neu ist, der noch gar nicht erfaßt worden ist. Dass der kurdische Partisanenkampf militärisch nicht siegen kann und militärisch nicht besiegbar ist, davon gehen sowohl die PK* als auch (uneingestanden) die türkische Regierung aus. Die politische Dynamik ist entscheidend. Das HDP-Projekt ist, die (ganze) Türkei zu demokratisieren: dann wird auch das “Kurdenproblem”, das in Wirklichkeit ein “Türkenproblem” ist, gelöst. Diese Perspektive ist in weite Ferne gerückt, seit Erdogan zur Festigung seiner Diktatur im Juli letzten Jahres den “Krieg gegen die PK*” wieder vom Zaume gebrochen hat.

Kampf um Selbstverwaltung

Als Antwort auf die Eskalation der Repression durch Erdogan haben über ein Dutzend kurdischer Städte die “Selbstverwaltung” ausgerufen. Das entspricht der PK* – Linie; nur haben das die Politiker bei uns noch nicht mitbekommen: sie glauben, es ginge immer noch um einen eigenen kurdischen Staat. Die “Selbstverteidigung” in den kurdischen Städten, das ist nicht der Krieg, der vom Land in die Stadt getragen wird nach der Guerrilla-Strategie von Mao Tse Tung. Die PK*-Partisanen sitzen überwintern derzeit immer noch in den Bergen und warten ungeduldig aufs die Schneeschmelze, um loszuschlagen. Sondern aus den engierten Jugendlichen in diesen Stadten haben sich die Selbtverteidigungs-Einheiten YPS und YPS-Jin gebildet. Getreu der Linie der PK*. Sicher nicht ohne (auch technische) Entwicklungshilfe der PK*. Und direkt inspiriert vom Kampf um Kobane.

Historisch einmaliger Befreiungskampf

Die Dynamik und Stärke dieses städtischen Widerstanskampfes hat alle Aktiven und Beobachter überrascht, auch die HDP- und PK* – Führung selbst. Wo gab es das in der neueren Geschichte, dass ein städtischer militärischer Widerstandskampf, militärtechnisch äußerst ungleich wie jeder Guerillakampf, derart hartnäckig und erfolgreich durchgehalten wird? Man kann zum Vergleich heranziehen die Pariser Kommune 1871, den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943, die “Schlacht von Algier” 1956/57, den Kampf um Kobane … Jeder Vergleich ist schief, unbefriedigend. Und doch wird klar: Der aktuelle Widerstand der kurdischen Städte ist einmalig in der Geschichte. Es ist eine neue Dimension im Kampf der Kurden, ja im Kampf von Bevölkerungen gegen Besatzer überhaupt.

Ingo Speidel

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.