Das Leben in Nordsyrien wird von Frauen gestaltet

Der Aufbau einer demokratischen Gesellschaft bringt eine bunte Vielfalt der Kulturen hervor. Menschen diskutieren, wie sie sich organisieren können, welche Probleme bestehen, wie sie diese angehen und welches die geeigneten Lösungen sein können.

ANF / QAMIŞLO, 2. Dez. 2018.

Die aktuelle Situation in der Demokratischen Föderation Nordsyrien erstreckt sich über die Erfahrungen und die Begeisterung des Aufbaus eines selbstbestimmten Lebens bis hin zu der praktischen Organisierung der demokratischen Selbstverwaltung. Die politisch angespannte Situation in Syrien selbst und dazu die drohenden Angriffe der Türkei stellen eine reale Drohung für die gesamte Bevölkerung und speziell für Nordsyrien dar. Typisch für Erdoğan ist, dass er den Krieg wieder als Propaganda für die Wahlen in der Türkei und für die Stärkung seiner Macht nutzt. Auf der anderen Seite der Grenze bringt der Aufbau des Lebens der demokratischen Gesellschaft täglich eine bunte Vielfalt der Kulturen hervor. Menschen diskutieren, wie sie sich organisieren können, welche Probleme bestehen, wie sie diese angehen und welches dazu die geeigneten Lösungen sein können. Ideen entstehen, entwickeln sich weiter und gewinnen an Form und Qualität.

Projekte der Frauenstiftung WJAR

Im Rahmen dessen führt die Stiftung der Freien Frau in Rojava/Nordsyrien (WJAR) Projekte zur Unterstützung der Frauenkommunen durch. Die Stiftung ist während der Revolution in Nordsyrien von Frauen vor Ort gegründet worden. Vorschläge von Frauen aus den Kommunen, den Räten für Projekte, werden nach den Bedürfnissen gemeinsam konzeptioniert und umgesetzt. In den Projekten von WJAR gilt es, die sozial tief verankerten Probleme zur Veränderung des Geschlechterverhältnisses, wie die ökonomische Abhängigkeit, den Zugang zu Wissen und Bildung, die Verantwortung um Kindererziehung und Gesundheit sowie die Kenntnis um die Rechte von Frauen anzugehen. Im Rahmen der Projekte findet ein laufender Entwicklungs- und Lernprozess durch Probieren, Diskussion und gemeinsame Weiterbildung statt. In diesem kollektiven Prozess professionalisieren sich die Frauen, im besonderen diejenigen, die bisher keinen Zugang zu Bildung oder Ausbildungen hatten.

Die Gesundheitsarbeiten von WJAR verdeutlichen diesen Wandel: Zunächst ist der Gesundheitssektor auch in Nordsyrien ein Bereich gewesen, in dem wenige Frauen eine Ausbildung hatten. Für alle Gesundheitsthemen waren zu 95 Prozent männliche Ärzte und Apotheker Ansprechpartner. Durch die Fluchtwelle, vor allem 2015, war ihre Anzahl zudem gering, sie waren sehr überlastet, und durch die Inflation waren die privatwirtschaftlichen Behandlungsgebühren unbezahlbar geworden.

Dem entgegen werden von WJAR gemeinsam mit den Frauenkommunen von Kongreya Star sowohl Erste-Hilfe-Kurse als auch Seminare zu verschiedenen Gesundheitsthemen durchgeführt. Die Mitarbeiterinnen von WJAR konnten einige Ärzte und Hebammen gewinnen, mit denen diese durchgeführt wurden. Mehrere tausend Teilnehmerinnen in den Städten haben an den Kursen und Seminaren teilgenommen. Durch die Seminare können die kommunalen Gesundheitsmitarbeiterinnen in ihren Kommunen oder Arbeitsbereichen in Fällen von Verletzungen schnell reagieren und bei Krankheiten besser einschätzen, ob das Aufsuchen eines Arztes tatsächlich notwendig ist oder ob sie auch selbst behandeln können. Dieser erste Schritt war wichtig, um einen Teil des Gesundheitswesens zu dezentralisieren und die Ärzte zu entlasten. Auch sind kommunale Gesundheitszentren eingerichtet worden, die in ärmeren Regionen eine Versorgung der Frauen und Kinder ermöglichen, ohne dass sie weite Wege oder hohe Kosten auf sich nehmen müssen. Einige der Arbeiten werden mit den Gesundheitskomitees organisiert und zum Teil von Heyva Sor, dem Kurdischen Roten Halbmond, unterstützt.

Naturheilkunde gegen Alltagsbeschwerden

Mit der diesjährigen Eröffnung eines Frauenheilzentrums ist ein neuer Schritt erfolgt. Neben den täglichen Behandlungen wird in diesem das Wissen über natürliche Heilmittel konserviert und auch an jüngere Generationen weitergegeben. Die Heilstoffe der teuren und schwer erhältlichen westlichen Medikamente sind auch in lokalen Pflanzen und Wurzeln zu finden. In dem Zentrum stellt eine erfahrene Naturheilkundlerin derzeit vor allem Öle gegen Entzündungen, Krampfadern, Rückenschmerzen, Prostatabeschwerden sowie Tees für Magen- und Darmkrankheiten, Menstruationsbeschwerden, Infektionskrankheiten etc. her. Zudem werden vier junge Frauen in Naturheilkunde ausgebildet. Auch werden Öle und Massagen als Physiotherapie bei Babys und Kindern mit Spitzfüßen, Verdrehungen oder Behinderungen bei der Geburt angewendet. In Rojava wird insgesamt der Aufbau einer nachhaltigen Gesundheitsarbeit diskutiert.

Pädagogik der Freiheit

Die Einrichtung von Kindergärten zielt darauf ab, junge Frauen und Mütter zu entlasten und ihnen die Möglichkeit zu geben, auch an Aktivitäten außerhalb des Haushaltes und Hauses teilzunehmen. Über den Umgang mit Kindern, pädagogische Konzepte, die ideologische Schulung von Kindern im kapitalistischen System und die Frage, wie dazu eine Alternative, eine Pädagogik der Freiheit entwickelt werden kann, findet derzeit eine umfangreiche Diskussion in der Stiftung und in allen Bildungseinrichtungen statt. Sowohl in den Kindergärten als auch in dem Projekt Alan‘s Rainbow für Waisenkinder und Halbwaisenkinder in Kobanê findet eine tägliche Auseinandersetzung über gesellschaftliche Strukturen und Gewohnheiten und deren positive wie negative Einflüsse auf die Kinder statt. Nicht selten leiden die Kindern auch direkt oder indirekt unter den Auswirkungen von gesellschaftlicher und sexistischer Gewalt. Deren Aufarbeitung wie die des Effektes von Kriegen auf die Kinder und die Gesellschaft ist ein andauernder Prozess in diesen Einrichtungen.

Arbeit mit geflüchteten Menschen aus Efrîn

Auch in den Entwicklungen in Şehba unter den Geflüchteten aus Efrîn finden diese Auseinandersetzungen statt. Nach dem Angriff der Türkei auf Efrîn sind ca. 300.000 Menschen aus der Stadt und den umliegenden Dörfern geflüchtet. Dabei mussten sie alles zurücklassen. Sie haben unter Bäumen am Straßenrand, in Kriegsruinen und verlassenen Häusern geschlafen. Hunderte Menschen sind bei ihrer Suche nach einem Unterschlupf durch die vom IS in der Region zurückgelassenen Minen umgekommen oder verletzt worden.

Noch in der Nacht der Flucht haben unter anderem die Organisationen Kongreya Star und die Familien der Gefallenen eine erste Versammlung abgehalten, um zu besprechen, wie sie die geflüchteten Menschen unterstützen können. Es wurde eine Bestandsaufnahme von der Anzahl der Menschen, die in die Region Şehba geflüchtet sind, und ihren Erfahrungen in der Selbstorganisierung gemacht. Innerhalb weniger Tage wurden Komitees für die Organisierung der Frauen, aller Flüchtlinge und der Arbeit der Stadtverwaltung zusammengestellt. Diese Komitees bauten in sechs Monaten die ersten drei Camps mit den Namen Berxwedan (Widerstand), Serdem (Etappe, Zeitraum) und Efrîn auf. Die Camps sind von Anfang an nach den Bedürfnissen und Organisationsstrukturen der Menschen gestaltet worden. Jede Kommune hat eine Küchenzeile und Waschräume. Durch den betonierten Boden sind die Zelte gegen die anstehenden Regengüsse geschützt.

Die Angriffe und die Besatzung der Türkei sind täglich ebenso Thema wie der Wunsch nach Rückkehr. Besonders die ökonomische und gesundheitliche Situation ist schwierig. Die Menschen befinden sich in einem Gebiet, welches eingeschlossen ist von Kräften des syrischen Regimes, den türkischen Besatzern und ihren dschihadistischen Verbündeten. Es gibt kaum landwirtschaftliche oder andere Produktionsmöglichkeiten. Es ist ein herber Rückschritt in der Entwicklung der Gesellschaft, die sich bisher ökonomisch-kommunal selbst organisiert und bestimmt hat. Dies und auch die Unsicherheit in Bezug auf die politischen Entwicklungen sind eine schwere Belastung für die Menschen aus Efrîn. In Erklärungen und auch in Gesprächen fordern sie nach wie vor dazu auf, eine stärkere internationale Resonanz gegen die Besatzung zu organisieren. Ebenso diskutieren die Menschen intensiv darüber, wie sie selbst ihre Situation verbessern können. Zur Unterstützung der Gesundheitsversorgung vor allem der Frauen, die nicht in den Flüchtlingskamps untergebracht sind, werden der Frauenrat und WJAR ein mobiles Gesundheitszentrum einsetzen, dessen Team für die Flüchtlinge in den Dörfern arbeiten wird.

Ein Leben ohne Gewalt und in Freiheit gestalten

Ein weiteres Projekt von WJAR und besonderes Beispiel ist das Frauendorf Jinwar, welches erst kürzlich seine Eröffnung feierte. Frauen erschaffen sich und ihren Kindern ein Zusammenleben, welches sie ausschließlich selbst gestalten.

Im Rahmen von derartigen Projekten versucht WJAR die Revolution der Frauen zu unterstützen und die Politik der Isolation und des Embargos zu durchbrechen. Die Frauen führen Projekte durch, die anregen und neue Perspektiven schaffen.

Der Kampf der Frauen in Nordsyrien macht deutlich, dass ein selbstbestimmtes Leben in den Händen von Menschen liegt und es an ihnen ist, es trotz aller Hürden in seine schönste Form zu bringen: Es geht einfach darum, das Leben ohne Gewalt und in Freiheit zu gestalten.

Dialogforum Syrien: Opposition berät in Ayn Isa

Gestern hat das Dialogforum Syrien, ein vom Demokratischen Syrienrat ausgerichtetes Zusammentreffen syrischer Oppositioneller, in Ayn Isa begonnen. Es wird über die Zukunft Syriens beraten.

ANF / AYN ISA, 29. Nov. 2018.

Seit gestern beraten Oppositionelle im nordsyrischen Ayn Isa über die Zukunft Syriens. An der vom Demokratischen Syrienrat (MSD) ausgerichteten Konferenz nehmen 100 Delegierte teil. Sie sind aus Nord- und Ostsyrien, aus Tartus, Latakia, Homs, Hama, Şehba und Damaskus sowie aus Brüssel, Deutschland, der Schweiz, der Türkei, dem Libanon und Ägypten angereist.

„Das Regime gibt dem Volk gar nichts“

In den Reden wurde betont, dass die Bevölkerung Syriens vor allem Freiheit brauche und dass weder das Regime der Bevölkerung etwas gegeben habe noch die Politik der äußeren Mächte im Interesse der Völker Syriens agiere. Es wurde kritisiert, dass diese Mächte keine Position gegen die grausamen Angriffe in Syrien an den Tag gelegt hätten.

„Die türkische Besatzung vertieft die Krise“

Die erste Sitzung drehte sich um die humanitäre Lage im Rahmen der Syrienkrise. In vielen Redebeiträgen wurde beschrieben, dass Binnenflüchtlinge aus den Flüchtlingslagern in Nord- und Ostsyrien nicht in ihre Heimatorte zurückkehren wollten, da sie dem Regime nicht vertrauten. Insbesondere die Gewalt in Efrîn durch dschihadistische Milizen und das türkische Besatzungsregime wurde als Grund für eine weitere Vertiefung der Syrienkrise analysiert. Vor allem Frauen, die schon schwer unter den Verbrechen des IS gelitten haben, sind von schweren Übergriffen der Milizen betroffen.

Demokratisch-autonome Selbstverwaltung

In der zweiten Sitzung stellte Ilham Ehmed als Ko-Vorsitzende des Demokratischen Syrienrats (MSD) das Modell der Demokratisch-Autonomen Selbstverwaltung vor. Ilham Ehmed legte dar, wie das dezentrale Modell der Selbstverwaltung die Probleme zwischen dem staatlichen System und der Gesellschaft lösen könne: „Dieses System zielt auf eine Form der Verwaltung ab, durch welche die Probleme gelöst und jeder zufrieden gestellt werden kann. Das System soll ebenfalls für Sicherheit sorgen. Das dezentrale System ist das einzig mögliche Modell, um für Freiheit zu sorgen und die Rechte der Gesellschaft zu garantieren.“

Ehmed beschrieb Demokratie als einen Naturzustand der Gesellschaft, der jedoch durch die herrschenden zentralistischen Systeme vernichtet worden sei. Die Revolutionen in Europa hätten immer mit einer nationalstaatlichen Ausrichtung stattgefunden und in den künstlich gezogenen Grenzen seien monistische Systeme errichtet worden. Im aktuellen System geht der gesamte Gewinn der Gesellschaft an das Monopol einer Partei oder einer Regierung. Zwischen dem zentralstaatlichen Denken und Herrschaft gebe es eine sehr enge Verbindung, erklärte Ehmed und fuhr fort: „Überall wo der Staat ist, existiert Herrschaft. Die Existenz von Herrschaft bedeutet, dass alle Rechte, also vom Militär zur Ökonomie, von der Politik bis zur Bildung allesamt in einer Hand konzentriert werden. Auf diese Weise wird es der Bevölkerung die Luft zum Atmen genommen.“ Alle Völker und Weltanschauungen in Nord- und Ostsyrien hätten eine Einheit gebildet, um die Demokratie in ganz Syrien zu verbreiten, sagte Ehmed: „Das Leben hier spiegelt die demokratische Kultur in Syrien wieder. Die demokratische Nation ist eine der Grundlagen, auf denen die autonome Selbstverwaltung aufgebaut ist. Wir weisen das nationalstaatliche System zurück, weil es nicht der Realität der Völker Syriens entspricht. Das Modell der demokratischen Selbstverwaltung kann nicht nur auf der Grundlage eines Volks oder einer Weltanschauung aufgebaut werden. Eine demokratische Nation entsteht aus der Vereinigung der kulturellen und nationalen Identitäten. Das ist die Grundlage der autonomen Selbstverwaltung. In der Kultur der demokratischen Autonomie kann keine Identität oder Weltanschauung verleugnet werden.“

Ökonomie und Projekte für die Zukunft Syriens

Auf der dritten Sitzung zum Thema Wirtschaft sprachen Ziyad Wetfe von der Bewegung für einen Demokratischen Wandel (Heyet Al-Tensiq) und der promovierte Ökonom Ehmed Yûsif.

Ziyad Wetfe ging zunächst auf die Geschichte Syriens und die Ziehung der Grenzen ein, die den Interessen der imperialistischen Staaten entsprächen. Dabei wies er auf vielen verschiedenen Identitäten, die in Syrien existieren. Zur Ökonomie erklärte er, eine Neudefinierung der Arbeitsbereiche und insbesondere der Landwirtschaft seien dringend notwendig. Um umfassende ökonomische Projekte zu realisieren, müssten zunächst die notwendigen Sicherheitsbedingungen in Nord- und Ostsyrien geschaffen werden.

Dr. Ehmed Yûsif betonte, dass die Zentralregierungen wenig Kenntnis über die regionalen Besonderheiten hätten und daher die ökonomische Verwaltung nicht völlig unzureichend gewesen sei. Er beschrieb die ökonomischen Projekte in Nord- und Ostsyrien als weltweit einmalig, es gebe aber aufgrund der Neuheit der Projekte auch gewisse Hindernisse. Das ökonomische System der Region müsse der gesamten Bevölkerung zu Gute kommen.

Das Forum wird heute fortgesetzt.

Wie Frauen in Rojava für Sicherheit sorgen

Seit 2013 gibt es in Hesekê auch Frauensicherheitskräfte, die Asayîşa Jin. „Wir sind die Sicherheitskräfte der Selbstverteidigung der Frauen“, erklären sie.

ANJA HOFFMANN / HESEKÊ, 29. Nov. 2018.

Hesekê ist eine sprachlich, kulturell und religiös vielfältige Stadt. 2013 begannen die YPG und YPJ diese Stadt nach und nach zu befreien. Hesekê erholt sich langsam vom Krieg. Während 2014 noch vier südliche Stadtteile von Daesch (Islamischer Staat) besetzt waren und fast täglich Bombenanschläge stattfanden, hat sich die Situation nun beruhigt. Damals war ein großer Teil der Bevölkerung geflohen. Immer noch ist ein Teil des Stadtbezirks Matar al-Janoubi unter der Kontrolle des syrischen Regimes, hier befinden sich einige Einrichtungen des syrischen Staates. Während es im letzten Jahr noch häufiger zu Gefechten mit Regimekräften kam, gebe es nun eine Institution, die bei Problemen Verhandlungen führe, wird uns gesagt. Die Asayisch, also die Sicherheitskräfte der Demokratischen Selbstverwaltung von Rojava, spielen eine enorm wichtige Rolle für die Sicherheit der Bevölkerung.

Seit 2013 gibt es in Hesekê auch Frauensicherheitskräfte, die Asayîşa Jin. Die Leitung der Gesamtasayisch von Hesekê liegt in den Händen einer Doppelspitze, die weibliche Leitung obliegt Heval Özlem, die selbst aus Serêkaniyê stammt. Sie ist seit 1992 in der Bewegung und war 20 Jahre Mitglied der Frauenguerilla. „Wir mussten erst einmal lernen, gegen Daesch hier in der Stadt zu kämpfen, das war eine vollkommen neue Erfahrung, nicht vergleichbar mit den Bergen, die uns beschützt haben“, berichtet sie.

Heval Necla, ebenfalls in der Leitung der Frauensicherheitskräfte, erklärt uns, dass das Ziel der Asayîşa Jin vor allem sei, die Unterdrückung gegen Frauen aufzubrechen, ihnen ihre Kraft zurückzugeben, aber gleichzeitig auch die Stadt und ihre Menschen vor Angriffen zu schützen. Sie selbst hatte Gewalt durch ihren Mann erfahren und verließ ihn daraufhin. Laut Gesetz der Demokratischen Selbstverwaltung werden die Kinder in diesem Fall automatisch der Mutter zugesprochen. Trotzdem floh der Mann mit den Kindern in die Türkei. Seitdem hat sie ihre Kinder nie wieder gesehen und keinen Kontakt zu ihnen. Als ihr Bruder, Mitglied der YPG, gefallen ist, beschloss sie sich den Asayisch anzuschließen und sozusagen die Waffe ihres Bruders aufzunehmen.

„Die Angriffe auf Frauen erfolgen durch Männer: Ehemänner, Väter, Onkel oder Brüder“, erklärt sie, „sie wollen, dass die Frauen ihre Köpfe nicht heben, dass sie kein eigenes Denken entwickeln. Unser Ziel ist, alle Angriffe auf Frauen zurückzuschlagen. Wenn wir erfahren, dass eine Frau irgendeiner Bedrohung ausgesetzt ist, schreiten wir ein.“

„Wir arbeiten eng mit dem Mala Jin (Frauenhaus) zusammen,“ berichtet sie. Das Mala Jin treffe Entscheidungen und die Asayisch sind mit dafür verantwortlich, diese in die Praxis umzusetzen. Man gehe in die Häuser der Frauen und diskutiere mit den Betroffenen, bis eine Lösung gefunden werde. Dies sei nicht immer einfach, es brauche viel Geduld und Überzeugungskraft.

Necla berichtet auch von einem weiteren Beispiel. „Ein Mann wollte seine Frau, mit der er schon viel gemeinsam erlebt hatte und mit der er gemeinsame Kinder hat, hinauswerfen und sich eine andere Frau nehmen. In diesem Fall haben wir mit ihm geredet und ihn gefragt, was er fühlen würde, würde seine Frau sich ihm gegenüber so verhalten. Er hat dann verstanden, in welche Lage er seine Frau bringen wollte, und die beiden leben heute wieder zusammen.“

Das Beispiel der Frauen in ihren Uniformen und die Art wie sie arbeiten, motiviere viele Frauen, sich ihnen anzuschließen, erzählt Hevala Delal. Immer mehr Frauen würden erfahren, dass es die Asayîşa Jin gebe und bitten sie um Hilfe. Hier könne sich jede Frau beteiligen, Frauen aus allen Bevölkerungsgruppen, auch Mütter, können diese Aufgabe übernehmen. Sie gingen dann nachmittags um drei zu ihren Kindern nach Hause, während andere Mitglieder der Asayisch rund um die Uhr vor Ort seien und in allen Teilen der Stadt eingesetzt würden. Die Familien der Mitglieder erhalten eine Unterstützung, das wäre nicht als Bezahlung zu verstehen.

„Wir sind zu Beginn der Revolution zu den Asayisch gekommen, um unsere Bevölkerung und die Frauen zu beschützen. Dies ist die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, wir sind in diesem Sinne 24 Stunden für den Schutz der Frauen zuständig“. Das habe nichts mit Bezahlung zu tun, sondern sei eine revolutionäre Notwendigkeit, so Hevala Delal. „Wir sind die Sicherheitskräfte der Selbstverteidigung der Frauen.“

Friedenskomitee Raqqa löst 500 Fälle

In den vergangenen sechs Monaten hat das Friedenskomitee der nordsyrischen Stadt Raqqa bereits 500 juristische Fälle gelöst und maßgeblich dazu beigetragen, das Verständnis der „gesellschaftlichen Gerechtigkeit“ zu festigen.

ANF / RAQQA, 29. Nov. 2018.

Die Bedeutung von Gerechtigkeit und Recht hat in Rojava/Nordsyrien eine etwas andere Bedeutung. Die Gesellschaft wurde vom Regime unterdrückt und vernachlässigt, zudem musste die Stadt sowohl unter dem Assad-Regime als auch unter der Herrschaft des sogenannten Islamischen Staates (IS) schwere Zeiten durchleben. Mit der Befreiung der Region im Oktober 2017 durch die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) begann auch die Phase des Neuaufbaus der Stadt. In der Bevölkerung wurden Räte, Kommunen und Dienstleistungsstrukturen organisiert, um eine neue Form von gesellschaftlicher Gerechtigkeit zu schaffen, die auf Ausgleich basiert.

Im Zuge dessen wurden in allen Regionen Nordsyriens Friedenskomitees und Kommissionen für gesellschaftliche Gerechtigkeit aufgebaut, um juristische und soziale Probleme zu lösen. Auch in Raqqa arbeitet ein Friedenskomitee, das an den Zivilrat gebunden ist daran, bei der Bevölkerung das Verständnis der gesellschaftlichen Gerechtigkeit zu festigen. Die aus mehreren Räten bestehende Kommission führt Ermittlungen durch und bearbeitet Anzeigen. Außerdem existiert ein an die Kommission angebundenes Versöhnungskomitee.

In den letzten sechs Monaten hat das Friedenskomitee der Stadt 800 Fälle aufgenommen, von denen bereits 500 gelöst wurden. An 300 Fällen wird weiterhin gearbeitet, um Konflikte zu verhindern oder diese zu deeskalieren. Schwierige Fälle, die vom Friedenskomitee nicht gelöst werden können, werden erst dann vor einem Gericht verhandelt.

Mustafa Ismail aus dem Vorstand des Friedenskomitees berichtet über die Arbeit: „Zur Verteidigung der Rechte benötigen wir zunächst die Zustimmung beider Parteien. Bei der Lösung der Fälle berücksichtigen wir dann selbstverständlich die gesellschaftliche Werte, Regeln und Normen. Andererseits dürfen wir die Rolle der Meinungsführer und Scheichs bei der Problemlösung nicht vergessen. Insbesondere ihr Einfluss bei der Überwindung von jahrelangen Blutfehden ist hoch“.

Veganes Leben in Amed

Amed ist eine Stadt mit hohem Fleischverbrauch. Gebratene Leber zum Frühstück gehört zur Alltagskultur. Als der Soziologe Cahit Şahin ein veganes Lokal eröffnen wollte, hielten es alle für einen Witz.

BİRCAN DEĞİRMENCİ / AMED, 26. Nov. 2018.

Vor Jahren kam eine Journalistin aus einer der westlichen Provinzen nach Amed (Diyabakir) und ging in eines der damals seltenen Lokale, die etwas anderes als Kebab anboten. Sie bestellte ein Gemüsegericht ohne Fleisch. Der Kellner blickte sie etwas mitleidig an und brachte ihr einen Teller, auf den er neben dem Gemüse zwei Stücke Fleisch gelegt hatte. Als die Frau sagte, dass sie kein Fleisch isst, entgegnete der Kellner: „Ach kein Problem, das geht auf uns.“ Fleisch zählt als Luxus und der Kellner wollte die fremde Frau zuvorkommend behandeln.

Auch die Wertschätzung von Gästen zu Hause lässt sich mit Fleisch bemessen. Gemüsegerichte zählen nicht als Essen. Gerichte ohne Fleisch werden mit der Vorsilbe „Lügen“ bezeichnet: Lügen-Weinblätter, Lügen-Köfte.

„Das ist doch sowieso tot“

In Amed gibt es viele Vegetarier-Geschichten, aber für die Lokalbesitzer ist es eine mindestens ebenso schwere Situation wie für die Menschen, die kein Fleisch essen. Die Gastronomen verstehen einfach nicht, warum jemand kein Fleisch isst. Vom ganz normalen Mittagstisch bis zum Luxusrestaurant wird dasselbe Ritual angewendet. Ohne bestellt worden zu sein, werden verschiedene Salate der Saison und eingelegtes Gemüse serviert. Diese Spezialitäten dienen jedoch nur als Garnitur für das eigentliche Fleischgericht und werden nicht berechnet. Wenn man dann lediglich Salat bestellt, weil alle anderen Gerichte zumindest mit Fleischbrühe gekocht sind, wird man verständnislos angesehen: „Salat gibt es ja sowieso, aber welche Sorte Kebab wollen Sie?“

Wer Reis und Salat bestellt, bekommt in Fleischbrühe gekochten Reis. Fragt man nach, ob vielleicht Hühnerbrühe verwendet worden ist, heißt es: „Da ist doch kein Fleisch drin, was ist das Problem mit der Brühe?“ Oder in der Küche wird das Fleisch aus dem Eintopf gesammelt und der Eintopf als vegetarisches Gericht serviert. Sagt man: „Ich esse kein Fleisch“, sagt der Kellner: „Kein Problem“ und bringt Hühnerflügel, weil die meisten Menschen Geflügel gar nicht als Fleisch ansehen. Oder er sieht seinen Gast an wie einen Außerirdischen und fragt: „Und wovon lebst du?“

Ein weiteres häufig genutztes Argument gegen Vegetarier lautet: „Das ist doch sowieso schon tot. Wird es wieder lebendig, wenn du es nicht isst?“ Oder dein Gegenüber zeigt plötzlich Mitleid mit der Petersilie, die du zu dir nimmst, während du das Lamm zurückweist: „Du isst kein Fleisch, weil es Lebewesen sind, aber Pflanzen sind doch auch Lebewesen!“

Gegrillte Leber zum Frühstück

Amed ist für seine gegrillte Leber berühmt. Jeden Tag gibt es mehr Leber-Verkäufer. Sie stehen mit ihrem Grill am Straßenrand, aber inzwischen sind sie auch aus den Luxusrestaurants nicht mehr wegzudenken. Als ich zum ersten Mal davon hörte, dass es Läden gibt, die gegrillte Leber verkaufen, aber nur zwischen sechs und acht Uhr morgens geöffnet haben, konnte ich es nicht glauben. Gegrillte Leber ist eine Frühstücksspezialität.

In dieser Stadt ist es also für vegetarisch oder vegan lebende Menschen schwierig. Als wir mit einem Lokal wegen der Versorgung von Gästen eines Fotoworkshops verhandelten und mitteilten, dass unter ihnen Vegetarier sind, sagte der Besitzer: „Das ist überhaupt kein Problem, das regeln wir.“ Die Vegetarier bekamen fünf Tage lang Pide mit Käse vorgesetzt. Glücklicherweise waren keine Veganer unter ihnen, sie wären wohl verhungert.

Ein Mensch, der seinen Traum vom veganen Leben in Amed trotzdem wahrgemacht hat, ist Cahit Şahin, der Besitzer von „Gabo“. Das Lokal befindet sich im Stadtteil Ofis und trägt den Künstlernamen von Gabriel Garcia Marquez. Die Tische sind nach den Werken des Nobelpreisträgers benannt: Hundert Jahre Einsamkeit, Von der Liebe und anderen Dämonen, Ein blutroter Morgen. Auf der Karte stehen Gerichte wie „Die beste Linsensuppe der Welt“, „Nudeln nach Hakkari-Art“, „Siyabo“ und „Köfte à la Hiroshima, mon amour“.

Die Geschichte der Gabo-Küche

Cahit Şahin ist Soziologe und stammt aus einer „fleischfressenden“ Familie aus Colemêrg (Hakkari). In Amed fällt ihm auf, dass sich alle Lokale gleichen. Er ist Vegetarier und findet kein Restaurant, in dem er essen könnte. Deshalb muss er selber kochen oder hungern. So entsteht bei ihm der Traum, eine vegane oder vegetarische Küche zu eröffnen. Der Traum nimmt konkrete Formen an, aber er hat keinen Kurusch Geld in der Tasche. Also ruft er seine Mutter an und bittet sie um ihren Goldschmuck als Startkapital. „Was hast du vor?“, fragt seine Mutter freudig überrascht. „Ich werde ein Lokal eröffnen, in dem Essen ohne Fleisch angeboten wird“, antwortet er. Mit der anfänglichen Freude seiner Mutter ist es damit vorbei. In Colemêrg wird vor allem Viehzucht betrieben. Die „besten“ Schlachter und Döner-Verkäufer der Stadt sind Verwandte von Cahit. Als sie von seinen Plänen hören, rufen sie ihn an und machen sich über ihn lustig. Cahit bittet seinen Onkel um Geld. „Ich würde es dir ja geben, aber das ist doch hinausgeworfenes Geld. Wer will schon Essen ohne Fleisch? Diese Idee solltest du schleunigst aufgeben“, antwortet der Onkel. Aber Cahit gibt nicht auf. „Warum müssen die Leute unbedingt Leber und Lahmacun essen? Sollen sie doch grüne Bohnen essen! Es muss ja nicht jeder Vegetarier sein, aber in Amed findest du keinen Ort, an dem es grüne Linsen, vegetarischen Bohnen- oder Kichererbseneintopf gibt“, sagt er.

„In drei Monaten seid ihr pleite“

Mit zwei Freunden legt Cahit zusammen und macht sich auf die Suche nach einem passenden Ort. Mitten im Geschäftsviertel Ofis finden sie einen heruntergekommenen Laden, den sie als Lokal herrichten. Dann müssen sie die notwendige Lizenz bei der Behörde beantragen. Zunächst gibt es Schwierigkeiten bei der Stadtverwaltung. Als der zuständige Sachbearbeiter jedoch mitbekommt, dass es sich um ein veganes Restaurant handelt, bricht er in schallendes Gelächter aus. „Macht doch keine unnötigen Ausgaben, in drei Monaten geht ihr sowieso pleite“, sagt er und erklärt, dass sie dafür keine Lizenz brauchen.

„Wirklich alle haben sich über uns lustig gemacht. Wenn wir von unserer Idee erzählt haben, haben alle geglaubt, dass wir einen Witz machen. Ich hatte jedoch von Anfang an das Gefühl, dass es eine gute Sache wird. Es ging uns gar nicht darum, von oben herab eine Bewusstseinsveränderung herbeizuführen. Eine solche Mission hatten wir nicht, das stünde uns auch gar nicht zu. Wir wollten einfach nur ein rein veganes Lokal aufmachen. Wir sind ja auch keine politische Partei oder so. Der Laden ist unsere Arbeitsstelle und wir machen unsere Arbeit gern. Vegane Propaganda war auch gar nicht notwendig, unsere Existenz hat schon ausgereicht“, erzählt Cahit von der Anfangszeit.

Nach der Eröffnung wurde Gabo viel schneller als erwartet zu einer beliebten Adresse. Noch immer werden Witze gemacht. „Die Leute kommen und bestellen spaßeshalber ein Adana-Dürüm, oder sie erklären, sie hätten gerade Leber gegessen und seien nur zum Teetrinken gekommen. Aber das macht nichts, sie kommen ja trotzdem“, sagt Cahit.

Siyabo, ein Essen für Arme

Siyabo ist eine Pflanze, die in Colemêrg wächst. Sie wird mit Käse verarbeitet, eingelegt oder mit Eiern gebraten und gilt in Colemêrg als Grundnahrungsmittel. „Als ich meiner Mutter erzählte, dass es Siyabo auch bei uns im Gabo gibt, sagte sie: ‚Mein Sohn, mach das nicht, du machst uns ja lächerlich.‘ Wir braten Siyabo mit Kichererbsenmehl an. Die Pflanze wächst an hochgelegenen Orten. Im Sommer ziehen die Menschen los und pflücken sie. Dann wird sie in großen Kesseln gekocht, in der Erde vergraben und im Winter gegessen. Aber Gästen wird Siyabo niemals angeboten. Dabei ist es eine wertvolle Pflanze. Laut einer US-Studie ist sie gut für die Haut und hilft sogar gegen Schlangenbisse. Meiner Mutter ist es immer noch ein Rätsel, warum Siyabo bei uns gerne bestellt wird.“

Frauendorf Jinwar offiziell eröffnet

Fast zwei Jahre lang wurde das Frauendorf Jinwar in Rojava aufgebaut. Am 25. November, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen, wurde es offiziell eröffnet.

ANJA HOFFMANN / HESEKÊ, 26. Nov. 2018.

Am 10. März 2017 begann der Aufbau des Frauendorfes Jinwar mit der Unterstützung von tausenden Menschen. Schon am 25. November 2016 fand an diesem Ort zum ersten Mal eine Demonstration zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen statt. Zwei Jahre danach wird die offizielle Eröffnung des Frauendorfes gefeiert. Eine Schule, die Bäckerei, das Gesundheitszentrum für alternative Medizin, ein Laden, mehrere Wohnhäuser und eine Akademie wurden eingeweiht. Noch am Abend vor der Eröffnung war das Frauendorf unter dem Vollmond durch Regen aufgeweicht und matschig, doch pünktlich zur Eröffnung scheint die Sonne.

Gegen 11 Uhr treffen mehr und mehr Menschen ein, darunter Nachbarinnen und Nachbarn aus umliegenden Dörfern, zahlreiche Menschen, die beim Aufbau mitgewirkt haben, Vertreter*innen verschiedenster Organisationen aus ganz Rojava wie von Kongreya Star und der Jineolojî. Auch zahlreiche Mitglieder der YPJ sind gekommen, mehrere Delegationen aus Europa und viel Presse.

Das Aufbaukomitee besteht aus drei Frauen: Rûmet, Faraşîn und Nûjîn. Diese drei Frauen waren von Anfang an mit vier weiteren Freundinnen hier und übernachteten zunächst im Zelt. Sie haben es organisiert, dass hier mit 200.000 selbst hergestellten Ziegeln wunderschönen Häuser gebaut wurden. Inzwischen sind es 21 Wohnhäuser und zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen. Schon morgens werden Luftballons und Süßigkeiten an die Kinder von Jinwar verteilt. Mittlerweile sind es 29 Kinder, von denen jetzt viele in die neu aufgebaute Schule gehen.

Emira, eine der ersten Frauen, die hier eingezogen ist, schneidet das Band am großen Eingangstor durch und heißt die Menschenmenge willkommen. „Wir eröffnen diese Tür für alle Frauen und bedanken uns bei allen, die Jinwar ermöglicht haben“, erklärt sie. „Jin, Jiyan, Azadî“ rufen hunderte Frauen mit leuchtenden Augen. Alle gehen zusammen zur Dorfmitte, wo die Frauen, die nun in diesem Dorf leben werden, erneut die Gäste begrüßen und sich vorstellen.

Fatma erzählt als erste von ihrer Geschichte. Sie kommt aus Kobanê, ihr Mann ist dort bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Nun lebt sie mit ihren drei Kindern hier in Jinwar. Berîtan und Medya aus Til Temir sind Schwestern. Beide haben einige Jahre bei den YPJ gekämpft, ihr Vater ist gefallen. Emira hat fünf Kinder, sie ist eine der ersten Frauen, die hier eingezogen ist und kommt aus einem der umliegenden Dörfer. Ihr Mann ist vor einiger Zeit an einem Herzanfall gestorben. Zeynep kommt aus Mexmûr, ursprünglich aus Nordkurdistan, sie hat ein Kind. Es gibt zwei Melkas im Dorf, eine ist Ezidin und hat ein Kind. Melka aus Deir ez-Zor hat drei Kinder, ihr Mann ist gefallen. Bedra kommt aus Shaddadi und hat fünf Kinder. Alle acht Frauen danken den drei Freundinnen Rûmet, Faraşîn und Nûjîn. Es ist ein sehr berührender Moment, in denen vielen die Tränen in die Augen steigen. Die Bewohnerinnen von Jinwar zeigen die ganze Vielfalt auf, sie kommen aus Bakur, Başûr und Rojava. Unter ihnen sind Araberinnen, Kurdinnen und Ezidinnen. Nûjîn, die am Aufbau mitgewirkt hat, kommt aus Deutschland.

Rûmet spricht im Namen des Aufbaukomitees. Sie erinnert daran, dass der 25. November der Tag des Widerstandes gegen Gewalt an Frauen ist. Jinwar sei ein Projekt der Philosophie von Abdullah Öcalan und mit dem Aufbau von Jinwar werde auch der Traum vieler gefallener Freundinnen Realität.

Evîn Sued aus der Koordination der Frauenbewegung Kongreya Star sagt, es sei ein historischer Tag. Frauen könnten hier jenseits von Gewalt und Unterdrückung leben, gemeinsam ihre Kinder großziehen. Sie beglückwünscht die Frauen, die mitgearbeitet haben und die Frauen, die hier leben werden.

Faraşîn vom Aufbaukomitee erklärt: „Das ist ein bedeutender Tag, hier haben wir einen Traum von Serok erfüllt.“ Cihan, die Mutter von Şehîd Mazlum, die immer wieder hier mitgearbeitet hat, erklärt, Jinwar erbringe den Beweis, dass Frauen alleine und selbstbestimmt leben können. Im Anschluss gibt es einen Rundgang durch das Dorf, zu den Schulgebäuden, benannt nach der Mutter von Abdullah Öcalan, Dayika Üveyş, und zur Akademiya Jinwar. In der Akademie sind Bilder aus der Bauzeit ausgestellt. Hier hat das Dorf seine Bildungsstätte, den Ort, an dem die Philosophie vermittelt wird, der das wunderbare Projekt Jinwar hervorgebracht hat.

Frauendorf JINWAR öffnet am 25. November

Menschenrechte. Keine Zeit zum Deutsch lernen

Katja Maurer, von medico international, 22.11.2018.

Anwar Al Bounni. (Foto: Youtube)

Der Anwalt Anwar Al Bounni ist rund um die Uhr im Einsatz gegen Kriegsverbrecher in Syrien. Dafür hat er den deutsch-französischen Menschenrechtspreis erhalten. Von Katja Maurer

Wer Anwar Al Bounni in seinem Büro in Berlin besucht, trifft auf einen stets an der Grenze der persönlichen Belastbarkeit arbeitenden Menschen. In dem Hinterhof in Mitte klingelt ständig eines der Telefone. Al Bounni muss das Gespräch für andere dringliche Fragen unterbrechen. Dann fährt er mit demselben Engagement an der gleichen Stelle fort. Zum Deutsch lernen hat bei ihm die Zeit bisher nicht gereicht. Denn Anwar Al Bounni schultert – man möchte fast sagen im Alleingang – die die Menschenrechtsverletzungen in Syrien. Al Bounni ist Rechtsanwalt, saß selbst jahrelang als politischer Gefangener in syrischen Gefängnissen und versucht nun vom Berliner Exil aus, Menschenrechtsverletzungen in Syrien vor deutsche und internationale Gerichte zu bringen. „Wenigstens sollen sich die nicht frei in der Welt bewegen können, die für Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind“, sagte er bei unserer letzten Begegnung. Al Bounni ist damit durchaus erfolgreich, denn vor deutschen Gerichten sind erste Verfahren anhängig.

Die Bedingungslosigkeit, mit der er sich den Menschenrechten verpflichtet fühlt, ist beeindruckend. Für ihn gibt es kein Nachsehen gegenüber keiner der Parteien. Das merken wir, als wir die kurdische Frage diskutieren, und Anwar Al Bounni auch gegen kurdische Führer aus Syrien Anschuldigungen erhebt. Menschenrechte sind eben unteilbar. Für medico ist Anwar Al Bounni eine wichtige Quelle, um die Menschenrechtslage in Syrien zu verstehen und die fast nicht vorhandenen Handlungsspielräume auszuloten, die anwaltliche Hilfe vor Ort hat.

Anwar Al Bounni hat für seine aufopferungsvolle Tätigkeit nun den zum dritten Mal verliehenen deutsch-französischen Menschenrechtspreis erhalten, den die Außenminister der beiden Länder an Menschenrechtsaktivist_innen verleihen. Anwar Al Bounni den Preis zu geben, verpflichtet auch beide Länder darauf, dass eine wie auch immer geartete Normalisierung in Syrien nur dann Unterstützung für den Wiederaufbau erhalten kann, wenn die schwersten Menschenrechtsverletzungen in Syrien diskutiert und verfolgt werden. Davon kann, solange Assad der unumschränkte Herrscher ist, nicht die Rede sein. 150.000 Menschen sitzen derzeit in syrischen Gefängnissen. Die meisten von ihnen aus politischen Gründen. In diesem Jahr hat das syrische Regime Todeslisten von 5000 Gefangenen veröffentlich. Viele von ihnen junge Leute, über deren Schicksal die Angehörigen seit Jahren nichts erfahren haben.

Die Journalistin Kerstin Helberg, die seit vielen Jahren aus und über Syrien schreibt, merkte in einem Artikel in der taz vom vorletzten Novemberwochenende an, dass man es sich zu einfach mache, wenn man behaupte, dass es keine Wahrheit im Syrien-Konflikt mehr gäbe. Nach dem Motto „im Krieg stirbt zuerst die Wahrheit“. Zu den bewiesenen Wahrheiten gehört aber, wie Helberg schreibt, dass sich „43 Jahre lang die Assads per Referendum ohne Gegenkandidaten im Amt bestätigen ließen. Der gesamte Wahlvorgang liegt vom Zulassungsverfahren bis zur Stimmenauszählung in den Händen des Regimes“. Auch die Zuordnung eines großen Teils der Giftgasangriffe haben UNO-Experten nachvollziehen können. Von 39 dokumentierten Fällen konnten 33 eindeutig dem Regime zugerechnet werden. Zu den Wahrheiten zählen auch die Foltergefängnisse des Regimes, in denen seit Jahrzehnten unliebsame Gegnerinnen und Gegner festhalten werden oder auf immer verschwinden.

An diesen Wahrheiten festzuhalten und für Öffentlichkeit zu sorgen, ist auch das Verdienst von Anwar Al Bounni. Wir gratulieren zur Preisvergabe.

Dachverband des Êzîdischen Frauenrats fordert Ende der Gewalt

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen fordert der Dachverband des Êzîdischen Frauenrats die sofortige Beendigung des Genozids und Feminizids in Şengal, ganz Kurdistan und weltweit.

ANF / REDAKTION, 25. Nov. 2018.

Der Dachverband des Êzîdischen Frauenrats e.V. erinnert in seiner Erklärung zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen insbesondere an die Opfer des noch andauernden 73. Genozid und Feminizid in der Region Şengal durch den IS. Schätzungsweise 7.000 Mädchen* und Frauen* sind verschleppt worden, die sich noch immer in den Fängen des sog. IS und ihrer Verbündeten befinden, betont der Frauenrat und fordert ihre Freilassung sowie die strafrechtliche Verfolgung der Täter, Anstifter, Beihelfer und Unterstützer des Genozids/Feminizids, national und international, insbesondere die Verfolgung der Staaten, die darin verwickelt sind. In der Erklärung des Dachverbandes des Êzîdischen Frauenrats heißt es weiter:

„Zum diesjährigen Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen gedenken wir mit großem Respekt den Frauen*, die weltweit von physischer und psychischer Gewalt betroffen sowie Opfer systematischer Ausbeutung sind – sei es in Form von Reproduktionsarbeit oder auf dem Arbeitsmarkt. Als êzîdische Frauenbewegung gedenken wir insbesondere den Opfern des noch andauernden 73. Genozids und Feminizids an den Êzîd*innen vom 3. August 2014 in der Şengal-Region (Südkurdistan / Nordirak) durch den sog. Islamischen Staat, kurz ‚IS‘ und seine Verbündeten. Wir möchten an die verschleppten Frauen* und Kinder erinnern, von denen noch immer jegliche Spur fehlt. Gleichzeitig begrüßen wir den tapferen und historischen Widerstand der Frauenverteidigungseinheiten YJŞ und solidarisieren uns mit dem Befreiungskampf um die verschleppten Frauen* und Kinder! Auch wir werden uns weiterhin für ihre Freiheit einsetzen. Denn die Freiheit der Frauen* und Kinder in Şengal symbolisiert die Freiheit der Menschlichkeit!

Bisher konnte das gesamte Ausmaß des Genozids und Feminizids vom 3. August 2014 an den Êzîd*innen in Şengal noch nicht vollständig untersucht werden. Zum einen wurden große Teile Şengals und die umliegenden Dörfer zerstört und zum anderen ist die Umgebung noch voller Mienen. Schätzungsweise 7.000 Mädchen* und Frauen* wurden verschleppt und sind noch immer in den Fängen des sog. IS und ihrer Verbündeten. Sie werden als Kriegsbeute auf extra dafür eingerichteten Sklavenmärkten als Sexsklavinnen verkauft. Die Käufer sind Kämpfer des „IS“, aber vor allem saudische und europäische Geschäftsmänner, die die misogyne Ideologie des ‚IS‘ teilen. Frauen* werden lediglich als Lustobjekte betrachtet, die es ökonomisch und sexuell auszubeuten gilt. Frauen die sich befreien und fliehen konnten sind traumatisiert und psychisch am Boden, so dass ein „normales“ Leben nicht mehr denkbar ist.

Von ursprünglich 500.000 leben aktuell nur noch 80.000 Menschen in den Siedlungsgebieten der Êzîden. Die meisten sind in die umliegenden Staaten und nach Europa geflohen. Zudem führt die türkische Regierung seit dem 20. Januar 2018 einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Bevölkerung in Afrin in Nordsyrien. Zehntausende Êzîd*innen waren gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Durch die zunehmende Vertreibungspolitik und der völkerrechtswidrigen Angriffe versucht die türkische Regierung mit seinen verbündeten Terrorbanden die Êzîden zu vernichten und deren Siedlungsgebiete zu besetzen. Auch die Ermordung von Mam Zekî Şengalî am 15. August 2018 – ebenfalls durch die türkische Regierung – ist ein gezielter Angriff auf die êzîdische Gesellschaft und die Fortführung des Genozids. Mam Zekî Şengalî war einer der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Persönlichkeiten der êzîdischen Gemeinde. Mit seinem Einsatz in der Region Şengal hat er Tausende Êzîd*innen vor weiteren Gräueltaten des „IS“ und der Besatzerstaaten beschützt. Er hat sich in seinem 35-jährigen Kampf für den Erhalt und Aufbau von demokratischen Strukturen sowie einer geschlechterbefreiten Gesellschaft eingesetzt und hat somit einen enormen Beitrag zur Demokratisierung im Nahen Osten und weltweit geleistet.

Am 28. August 2018 wurden die arabischen Familien, die den „IS“ in der Ausführung des o.g. Genozids unterstützt haben, wieder in die Siedlungsgebiete der Êzîden umgesiedelt. Diese verantwortungslose Handlung durch die irakische Regierung führt zu weiteren Spannungen zwischen der êzîdischen Bevölkerung und den radikal islamistischen arabischen Bewohner*innen in der Region. Trotz der katastrophalen Zustände und der Vertreibungspolitik konnten die Êzîd*innen mithilfe von Basisdemokratie kommunale Selbstverwaltungsstrukturen aufbauen. Durch die Selbstverwaltung haben die Êzîd*innen an Hoffnung gewonnen und schauen zuversichtlich in die Zukunft der Region. 4 Jahre nach dem Genozid/Feminizid verfügen die Êzîd*innen in dem Gebirge Şengal eigene Einheiten – die Verteidigungseinheiten von Şengal (YBŞ) und die Êzîdischen Frauenverteidigungseinheiten (YJŞ) – die sich aus Êzîd*innen der Region zusammensetzen. Darüber hinaus sind Selbstverwaltungsstrukturen wie Frauen- und Volksräte gegründet worden. Neben der YJŞ, den Frauen*räten und der Frauenfreiheitsbewegung der Êzîdinnen* (TAJÊ) gibt es auch einen Kindergarten und ein Gesundheitszentrum. Es waren und sind vor allem die Frauen*, die diesen Prozess der Selbstorganisierung als Antwort auf den Genozid und Feminizid weiterhin vorantreiben und aktiv durchführen. Sie bestimmen ihr Schicksal als Subjekte auf Grundlage der Wissenschaft der Frau (Jineolojî), frei von patriarchalen Herrschaftssystemen.

Die Antwort auf Gewalt und auf das Patriarchat ist die Selbstverteidigung und Selbstorganisierung der Frau*, überall zu jeder Zeit!

Wir fordern:

  • – Sofortige Beendigung des Genozids/Feminizids in Şengal, ganz Kurdistan und weltweit
  • – Status für Şengal, auf Grundlage des demokratischen Konföderalismus
  • – Anerkennung des Genozids/Feminizids weltweit und Ernennung des 3.8. zum internationalen Gedenktag des Genozids/Feminizids an den Êzid*innen
  • – Strafrechtliche Verfolgung der Täter, Anstifter, Beihelfer und Unterstützer des Genozids/Feminizids, national und international, insbesondere die Verfolgung der Staaten, die darin verwickelt sind
  • – Freiheit für alle vom sogenannten IS und seinen Verbündeten verschleppten Frauen* und Kinder

STOP violence against women! Jin – Jiyan – Azadî !“

Revolution im Rechtssystem Nordsyriens

An der Rechtsakademie in Til Maruf werden Juristinnen und Juristen aus den befreiten Gebieten Nordsyriens in arabischer Sprache ausgebildet. Nach der IS-Herrschaft ist der Hunger nach Gerechtigkeit groß.

ANJA HOFFMANN / QAMIŞLO, 24. Nov. 2018.

Til Maruf ist ein kleiner Ort in Nordsyrien, der durch Angriffe der Al-Nusra-Front und des „Islamischen Staat“ schwer zerstört wurde. Die gesamte Bevölkerung war geflohen, erst 340 der ursprünglich 600 Haushalte sind nach der Befreiung zurückgekehrt. Überall gab es große Zerstörungen, sogar die örtliche Moschee wurde zerbombt.

Am Rande des Dorfes liegt die palastartige, arabischsprachige Akademie für Recht. Momentan lernen in dem inzwischen vierten Durchgang 50 Schülerinnen und Schüler, darunter 14 Frauen, das Rechtssystem der Demokratischen Selbstverwaltung von Nordsyrien kennen. Die meisten waren schon vor der Revolution Juristen, sie kommen aus Minbic, Raqqa und Deir ez-Zor.

Eine Teilnehmerin des Lehrgangs berichtet, dass sie fünf Jahre unter der Besatzung des IS leben musste und daher der Hunger nach Gerechtigkeit besonders groß sei. Die Bildungsinhalte sind Geschichte und Philosophie, die Frauenfrage im Mittleren Osten und das Rechtssystem der Demokratischen Föderation Nordsyriens.

Begonnen wird morgens um 6.30 Uhr mit Sport, nach dem Frühstück beginnt der Unterricht um 8 Uhr und dauert mit Pausen bis 19 Uhr an. Danach gibt es noch eine Stunde Selbstbildung und Vorbereitung. Der Lehrgang dauert 45 Tage, ein sehr straffes Programm also.

In allen Regionen Nordsyriens wurden Gerechtigkeitskommissionen gebildet, die Rechtsstreitigkeiten regeln. Erst wenn diese die Probleme nicht lösen könnten, wird der Fall vor das „Diwana Adalet“ gebracht. Das Ziel sei nicht ein Urteil zu fällen, sondern eine Lösung zu finden, mit der beide Seiten gut leben können, betont ein Lehrgangsteilnehmer. Jetzt gegen Ende der Ausbildung findet eine Diskussion über die Unterschiede zum Rechtssystem des Regimes statt.

Frauenrechte

Nicht nur die Teilnehmerinnen, auch die Teilnehmer betonen die große Veränderung in Bezug auf die Rechte von Frauen. Fälle, die Frauen betreffen, werden zunächst im „Mala Jin“ besprochen, den in jedem Ort aufgebauten Frauenzentren. Meist wird dort schon das Problem gelöst. Eine Teilnehmerin betont, dass zuvor die Aussage von zwei Frauen so viel gegolten habe wie die eines Mannes. Kinder wurden bei einer Scheidung automatisch dem Mann zugesprochen, jetzt der Frau. Kinderehen und Polygamie werden jetzt systematisch bekämpft. Das Heiratsalter wurde auf 18 heraufgesetzt. Nach Jahren des Terrors durch den IS waren Frauen im öffentlichen Leben nicht mehr vorhanden, erst das neue Rechtssystem gibt ihnen wieder einen Platz in der Gesellschaft. „Während der Zeit des Regimes war das Justizsystem darauf aufgebaut, den Willen der Frauen zu brechen. Unter dem IS konnte ein Mann sogar vier Frauen heiraten. Jetzt steht das Recht auf Seiten der Frauen“, sagt die Teilnehmerin. Das neue Recht macht keinerlei Unterschiede bezüglich Herkunft, Alter oder Geschlecht. Frauen und Männer sind in allen Bereichen paritätisch vertreten. Die Juristinnen des Lehrgangs sagen, dass sie sich dieses Rechtssystem für ganz Syrien wünschen.

Die Gesellschaft löst ihre Probleme selbst

Das Neue an dem Rechtssystem bedeute vor allem, dass die Gesellschaft und nicht der Staat die Probleme löse. Früher habe es oft drei bis vier Jahre gedauert, bis eine Rechtsstreitigkeit gelöst wurde, nun dauere es nie länger als ein paar Wochen, erzählen die Frauen weiter. Das führe zu einer großen Akzeptanz in der Bevölkerung. Im vorherigen System sei das im Sinne der Herrschenden ausgeübte Gesetz unantastbar gewesen. Richter und Staatsanwälte wurden von oben eingesetzt und kamen in der Regel nicht aus der örtlichen Bevölkerung. Ziel war eine Bestrafung, es ging mehr um Rache als darum, eine Lösung zu finden. Das System des Regimes sei seit den 1970er Jahren unverändert gewesen, nun stünde ein großer Wandel an.

Jeder Stadtteil und jedes Dorf hat nun ein Friedens- und Konsenskomitee, das in der Gesellschaft sehr akzeptiert werde, schildern die Teilnehmerinnen. Das Wichtige sei, dass die Lösung nicht aufoktroyiert werde, sondern aus der Gesellschaft selbst komme. Werde auf dieser Ebene keine Lösung gefunden, gehe der Fall vor das „Dadgeha Gel“, das Gericht des Volkes, das von Mitgliedern der Stadtteilkomitees gebildet wird.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lehrgangs betonen, der Staat habe immer Widersprüche zwischen den Bevölkerungsgruppen geschaffen und viele Unterschiede gemacht. Auch der IS habe dieses Prinzip angewandt. Nun sehe man keine Notwendigkeit für Herrschaft mehr, die Gerechtigkeit gelte jetzt für „alle Farben der Gesellschaft“. Ihre Basis sei Ethik und Moral. Ohnehin unterschieden sich die Gesellschaften des Mittleren Ostens kulturell nicht sehr stark.

Botschaft an Europa

Ein Teilnehmer erklärt, es sei eine große Ungerechtigkeit, dass Abdullah Öcalan, der die Grundlage für die nun aufzubauende freie Gesellschaft geschaffen habe, in der Türkei inhaftiert sei. An die Menschen in Europa möchte er eine Botschaft richten: Man wolle ein föderales freies Syrien auf der Basis des Projektes von Abdullah Öcalan aufbauen, dafür sollten sich auch die Menschen in Europa einsetzten, denn es sei ein sehr gutes Projekt für alle Menschen.

Kommunales Leben in Xaneqîn (Irak)

Vor drei Jahren legte eine Gruppe von Menschen unterschiedlicher Ethnien im südkurdischen Xaneqîn den Grundstein für ein gemeinschaftliches Leben auf der Grundlage kommunaler Selbstverwaltung. Seitdem hat sich viel getan.

ANF / XANEQÎN, 24. Nov. 2018.

Im südkurdischen Xaneqîn (Chanaqin) in der Region Diyala kamen vor rund drei Jahren Menschen unterschiedlicher Ethnien zusammen und legten den Grundstein für ein gemeinschaftliches Leben auf der Grundlage kommunaler Selbstverwaltung. 2016 erhielt das Projekt den Namen „Kommune für Solidarität und ein gemeinschaftliches Leben“. Unter ihren Mitgliedern finden sich Kurden, Araber, Christen, Sunniten, Schiiten und auch Angehörige der Kakai-Kurden. Während die Kommune durch ihre Arbeit breite Unterstützung bei der Bevölkerung findet, engagieren sich auch viele Freiwillige für Projekte der Kommune. Damit schafft die Gruppe Alternativen für die Lösung von Problemen wie den maroden Straßen, begrenzten Bildungsmöglichkeiten und lebensnotwendigen Bedürfnissen im Ort.

Bisher hat die Kommune beispielsweise die Hawcem-Schule sowie ein Kulturzentrum im Viertel Imam Abbas errichtet, in dem neben kulturellen Veranstaltungen auch Gedenkfeiern abgehalten werden und Trauerzeremonien stattfinden. Außerdem wurde einer bedürftigen Familie ein Haus gebaut, im Moment arbeitet die Kommune an einem weiteren Haus.

Kommunales Leben existierte bereits in matriarchalischen Gesellschaften

Abas Rahman, ein Mitglied der Kommune erklärt, die nötigen Mittel für ihre Projekte von Wohltätern in Form von Spenden zu erhalten. Auch die Bevölkerung würde regelmäßig helfen. Der ebenfalls in der Kommune von Xaneqîn organisierte Salam Abdullah gibt an, dass kommunales Leben im Mittleren Osten nicht neu sei. „In der matriarchalischen Gesellschaft existierte bereits vor tausenden Jahren der kommunale Lebensstil. In den Dörfern Kurdistans wurde früher ebenfalls alles gemeinschaftlich angegangen. Heute tun wir hier das gleiche und arbeiten in Solidarität miteinander. Solange wir uns in einer Kommune organisieren, kann uns weder Armut, noch Arbeitslosigkeit oder Repression treffen“.