Eziden fordern internationalen Gerichtshof für IS-Verbrecher

Ezidische Organisationen haben auf einer Pressekonferenz in Şengal die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofs für IS-Mitglieder gefordert.

ANF / ŞENGAL, 7. April 2019.

In Xanesor in der Region Şengal haben sich ezidische Organisationen für die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofs ausgesprochen, damit Mitglieder der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) verurteilt werden können. IS-Verbrechen, die im Irak begangen worden sind, sollen weiterhin vor irakischen Gerichten geahndet werden. An Prozessen vor dem einzurichtenden internationalen Gerichtshof sollen die Eziden beteiligt werden, fordern die ezidische Partei für Demokratie und Freiheit (PADÊ), die ezidische Frauenbefreiungsbewegung (TAJÊ), der demokratische Autonomierat Şengal und der provisorische Verwaltungsrat Şengal.

In einer gemeinsamen Erklärung, die von dem Autonomieratsvorsitzenden Hisên Heci verlesen wurde, hieß es unter anderem:

„Die IS-Banden haben am 3. August 2014 einen brutalen Angriff gegen die Eziden in Şengal und Ninova verübt. Tausende Dschihadisten aus dem Irak und Syrien haben Massaker an unserem Volk begangen. Ezidinnen und Eziden wurden getötet und verschleppt. Ihr Eigentum wurde gestohlen, ihre Häuser wurden geplündert. Unsere heiligen Stätten wurden zerstört. Tausende Tiere wurden getötet. Das Schweigen der Weltgemeinschaft und der irakischen Regierung haben dazu geführt, dass der IS noch grausamer wurde. Ezidische Frauen, Jugendliche und Kinder wurden gefoltert. Frauen und Männer wurden an verschiedene Orte verschleppt. Jungen, die älter als 13 waren, wurden ermordet. Die Jüngeren wurden zum Militär verschleppt. Sie wurde ideologisch und militärisch geschult. Frauen und Kinder wurden auf Märkten verkauft.

Auch fünf Jahre nach dem Massaker sind immer noch Tausende ezidische Frauen, Jugendliche und Kinder in IS-Gefangenschaft. Wir fordern von der irakischen Regierung, der internationalen Gemeinschaft, der irakischen Gerichtsbarkeit und der Leitung in Nord- und Ostsyrien, dass die an dem Massaker Beteiligten nach irakischen Gesetzen verurteilt werden. Die Opfer müssen entschädigt werden.“

Flucht von IS-Gefangenen verhindert

Im nordsyrischen Dêrik ist ein Fluchtversuch von IS-Gefangenen von den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) vereitelt worden. QSD-Sprecher Rêdur Xelil appelliert an die Weltgemeinschaft, eine Lösung für die IS-Gefangenen zu finden.

ANF / HESEKÊ, 6 April 2019.

Am Freitag hat ein Fluchtversuch aus einem Gefängnis für IS-Mitglieder in Dêrik stattgefunden. Nach vorliegenden Informationen konnte der Ausbruchversuch durch die Intervention der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) verhindert werden.

Als Verantwortlicher für auswärtige Angelegenheiten der QSD bestätigte Rêdur Xelil den Fluchtversuch vom gestrigen Abend. Den QSD sei es innerhalb von wenigen Stunden gelungen, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, keiner der IS-Gefangenen sei flüchtig, erklärte Xelil. Die internationale Koalition gegen den IS habe Kontrollflüge über dem Gefängnis durchgeführt.

„Wie wir bereits zuvor erklärt haben, zeigt dieser Vorfall, dass es sich um Terroristen und Mörder handelt, die eine Gefahr darstellen. Aus diesem Anlass appellieren wir ein weiteres Mal an die internationalen Kräfte. Diese Gefangenen sind nicht nur für Rojava und Nordsyrien eine Gefahr, sondern für die ganze Welt. Es muss sofort eine tragfähige Lösung gefunden werden. Wir wiederholen unseren Aufruf zur Gründung eines internationalen Gerichtshof“, so der QSD-Sprecher.

In einer Erklärung der internationalen Anti-IS-Koalition teilte Scott Rawlingson mit, dass die QSD die Lage in Dêrik auf friedliche Weise geklärt hätten und die Koalition während des Vorfalls Luftunterstützung gegeben habe.

5000 IS-Gefangene in der Autonomieregion Nordsyrien

Nach dem militärischen Sieg der QSD über den IS in Syrien ist die Anzahl der in Gefangenschaft genommenen Islamisten mit 5000 beziffert worden. Der Großteil ist nicht-syrischer Herkunft. Sie befinden sich in Gefängnissen in Nordsyrien, die von den QSD überwacht werden. Zu den männlichen Gefangenen kommen Zehntausende Frauen und Kinder, die in gesonderten Bereichen in Flüchtlingscamps untergebracht sind. Im Flüchtlingscamp Hol leben zurzeit über 72.000 Menschen, neben den IS-Familien handelt es sich um Geflüchtete aus dem Irak und Syrien.

Autonomieverwaltung schlägt Konferenz zur IS-Gefangenenfrage vor

Die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien hat in Gesprächen mit der Internationalen Koalition gegen den IS eine Konferenz zur Lösung der IS-Gefangenenfrage vorgeschlagen.

ANF / GIRÊ SPÎ, 6. April 2019.

Die Ko-Vorsitzende des Büros für Außenbeziehungen der Autonomen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens, Emel Dada, erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur ANHA, die Autonomieverwaltung habe auf einem Treffen mit der Internationalen Koalition eine länderübergreifende Konferenz zur Lösung der IS-Gefangenenfrage vorgeschlagen.

Zur Frage zum Umgang mit den von den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) gefangengenommenen ausländischen IS-Dschihadisten erklärte sie: „Eine Delegation des französischen Außenministeriums hat uns vor wenigen Tagen besucht und fünf Kinder von IS-Dschihadisten aufgenommen. Die Gespräche zu den anderen Gefangenen gehen weiter. Die Russische Föderation hat bisher drei Kinder übernommen.“

Darüber hinaus habe eine sudanesische Delegation die Region besucht, die sudanesischen Dschihadisten konnten allerdings wegen laufender Ermittlungen nicht übergeben werden. Für die Auslieferung der Dschihadisten sei ein koordinierter Mechanismus notwendig, betonte Emel: „Es wurde diesbezüglich ein Komitee eingerichtet. Das Komitee nimmt mit den betreffenden Staaten über das Internet Kontakt auf.“

Zur Situation der Gefangenen erklärte sie: „Diese Situation stellt eine große Last für die autonome Selbstverwaltung dar. Die Verantwortung fällt aber nicht allein uns, sondern der ganzen Welt zu. Im Moment haben wir Dschihadisten aus 54 Ländern bei uns in Haft.“

Die Dschihadisten sollten vor ein internationales Gericht gestellt werden, erklärte Emel: „Auf einem Treffen mit Kräften der Koalition zu den Gerichtsverfahren gegen die Dschihadisten haben wir vorgeschlagen, eine internationale Konferenz abzuhalten und die Dschihadisten vor ein internationales Gericht zu stellen.“

Kinder, die dem Diktator Assad huldigen müssen – so sieht Schulunterricht in Erbin / Ost-Ghouta heute aus.

adopt a revolution, 3.4.19.

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Noch vor etwas mehr als einem Jahr lernten Schulkinder in Erbin in von uns unterstützten unterirdischen Schulen, die sie vor den Bomben des Assad-Regimes schützten und die ein klares Ziel hatten: Erziehung ohne politische und religiöse Indoktrination!

Vor einem Jahr wurden die Schulen unserer syrischen PartnerInnen in Erbin komplett zerbombt, das Assad-Regime marschierte ein, unsere PartnerInnen wurden aus Ost-#Ghouta vertrieben. Viele von ihnen leben jetzt in #Idlib und versuchen, dort neue zivile Projekte aufzubauen – gegen Diktatur und Dschihad.

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Schnuppertrip ins Terrorreich

Reiserouten des „Islamischen Staats“

Die Türkei war das perfekte Transitland für die Terroristen des „Islamischen Staats“ – das belegen Reisepässe, die der SPIEGEL einsehen konnte. Was aus den Besitzern der Papiere wurde, ist unklar.

Von und

Woher die Zehntausenden kamen, die ab 2013 zum „Islamischen Staat“ reisten, ist bekannt: aus etwa 100 Staaten vor allem des Nahen Ostens, Nordafrikas und Europas.

Aber dass sie so gut wie alle denselben Weg nahmen, ließ sich bislang vor allem durch Aussagen und die Rekonstruktion ihrer Reiserouten belegen. Das globale Nadelöhr war: die Türkei.

Nun durfte ein Team von SPIEGEL und SPIEGEL TV erstmals eine ganze Kiste voller amtlicher Belege zur Rolle der Türkei einsehen: Mehr als 100 Reisepässe von IS-Angehörigen aus 21 Ländern, die kurdische Milizionäre in den vergangenen Monaten erbeuteten. Darunter einige deutsche, viele aus Indonesien, Russland, Tunesien, aber auch aus so unerwarteten Staaten wie Trinidad und Tobago, Südafrika und Slowenien.

Eines haben alle gemeinsam: mindestens einen türkischen Einreisestempel. Manchmal sind auch zwei oder sogar drei Einreisen verzeichnet, was dazu passt, dass in der Anfangszeit bis 2014 viele Dschihad-Reisende erst einmal zum Schnupperaufenthalt ins Terrorreich kamen. Nach zwei, drei Monaten reisten sie wieder aus, um daheim weitere Willige zu rekrutieren und abermals zu kommen.

Das perfekte Transitland Türkei

Nur eines fehlt in den Pässen ebenso verlässlich: ein letzter Ausreisestempel. Offiziell haben die Passinhaber die Türkei nie verlassen, gingen über die anfangs wenig gesicherte Grenze nach Syrien oder ließen sich von Schleusern schmuggeln.

Die Türkei war das perfekte Transitland, um unauffällig aus einer normalen Existenz ins „Kalifat“ des IS zu wechseln: ein Touristenland, das von vielen Ausländern kein Visum verlangt und als Reiseziel völlig unverdächtig erscheint.

Dass allerdings der rasant steigende Zustrom vor allem junger Männer aus Tunesien und anderen arabischen Staaten selbst in den Wintermonaten die türkischen Behörden nicht misstrauisch werden ließ, ist befremdlich. Ebenso, dass der kleine Flughafen in der Südprovinz Hatay ab Sommer 2012 gewirkt haben muss wie eine VIP-Lounge für internationale Fanatiker.

Beides spricht dafür, dass die kurdischen Machthaber in Nordostsyrien nicht ganz Unrecht haben mit ihren Vorwürfen gegen den Erzfeind in Ankara: „Wir haben von Anfang an der Weltöffentlichkeit gesagt, dass die Regierung Recep Tayyip Erdogans dem IS hilft“, sagt der Militärsprecher Mustafa Bali beim Ausbreiten der Pässe in einem Kulturzentrum in Qamischli: „Damals wollte uns keiner glauben. Heute haben wir die Beweise.“

In jedem Pass steckt ein grüner Klebezettel auf der Seite mit dem letzten türkischen Einreisestempel. Die Verwaltung im syrischen Ableger der türkischen Kurdenorganisation PKK ist bürokratisch penibel. Auch wurde die Kiste mit den Pässen extra aus der Geheimdienstzentrale ins Kulturzentrum zur Ansicht gebracht. „Wir haben tausend solcher Pässe“, versichert Bali. Aber zur Ansicht freigegeben sind nur die mitgebrachten.

Einige der Pässe hätten gefangen genommene IS-Angehörige bei sich gehabt. Ein großer Teil sei aber in gestürmten Verwaltungsgebäuden gefunden worden. Das deckt sich mit den Aussagen Gefangener oder Geflohener. Demnach war ab 2015 die Ausreise aus dem Terrorstaat strengstens verboten, Pässe und Ausweise wurden konfisziert. Wer floh, riskierte sein Leben.

Was aus den Besitzern der Papiere wurde, mehrheitlich Männern, in geringerer Zahl Frauen und mitausgereiste Kinder, weiß Bali nicht. Vielleicht tot, vielleicht gefangen, Schulterzucken. Sicher sei nur: „Sie kamen über die Türkei!“ Wie die Deutsche Asmaa A. aus Frankfurt, die Anfang 2014 einmal kam, wieder ausreiste, und im November dann zurückkehrte. Noch ein roter Einreisestempel vom Istanbuler Flughafen.

Aber kein blauer Ausreisestem

Sechs Jahre YPJ: Wachsen und die Gesellschaft verändern

Vor sechs Jahren sind die Frauenverteidigungseinheiten gegründet worden. Die YPJ-Sprecherin Nesrin Abdullah wirft einen Blick zurück in die Anfangszeit, als die kurdischen Frauen in Rojava zu den Waffen griffen.

BÊRÎTAN SARYA / AXIN TOLHILDAN aus QAMIŞLO, 4. April 2019.

Die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) wurden am 4. April 2013 gegründet. Aus Anlass des sechsjährigen Bestehens hat sich die YPJ-Sprecherin Nesrin Abdullah im ANF-Interview zu den Entwicklungen seit den ersten Anfängen geäußert.

Sie waren bereits in der Gründungsphase der YPJ dabei. Auf welcher Grundlage wurden die YPJ gegründet?

Frauen spielen eine strategische Rolle für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker sowie für die Ruhe und Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Geschlechtergleichheit, gesellschaftliche Gerechtigkeit, ein Leben in freier Partnerschaft und mit eigener Identität sind wichtig für eine Gesellschaft. Das sehen wir vor allem an der kurdischen Gesellschaft. Das kurdische Volk hat sich trotz jahrhundertelanger Kolonialisierung und feindlicher Angriffe das eigene Ich bewahrt. Das war kein politischer Anspruch, aber als Volk hat es die eigene Kultur, Existenz, Traditionen und Bräuche geschützt. Dafür war es immer im Widerstand.

In der Geschichte gab es viele Revolutionen und die Vergangenheit ist voll mit den Geschichten dieser Revolutionen. Dabei waren Frauen immer maßgeblich beteiligt und sind in den Vordergrund getreten. Selbst zu Zeiten, in denen es keine Frauenorganisationen gab, haben Einzelfrauen das Geschehen geprägt.

Im Vergleich mit den anderen Teilen Kurdistans hat Rojava immer Hilfestellung geleistet und Möglichkeiten geschaffen. Es hat jedoch keine Revolution stattgefunden und es gab keine organisierten Verteidigungsmechanismen, insbesondere keine, an denen Frauen Anteil hatten. In der Geschichte Rojavas ist es erstmalig zu einer Revolution gekommen, und in dieser Revolution spielen Frauenverteidigungseinheiten eine führende Rolle. Das war ein historischer Prozess für Rojava.

Es war also eine Premiere, die wir allerdings im Zusammenhang mit dem Kampf der Kurden sowie der Frauen weltweit und der kurdischen Frauen sehen müssen. „Wir sind im Beginn der Geschichte verborgen und die Geschichte in unserer Gegenwart“ – Diese Aussage ist nicht umsonst gemacht worden. Die bestehende Kampferfahrung hat in Rojava und vor allem in den Frauen von Rojava Gestalt angenommen. Als YPJ betrachten wir uns selbst als Fortsetzung des Erbes, das aus den Kämpfen der Frauen weltweit und der kurdischen Frauen hervorgegangen ist. Die YPJ ist unter der Führung von Kurdinnen aufgebaut worden.

Rojava ist vom Baath-Regime, einem chauvinistischem und ignoranten System, regiert worden. Nicht nur die Frauen, das gesamte kurdische Volk war entrechtet. Es gab kein Recht auf Identität und politischen Status. Die herrschende Unterdrückung war so groß, dass den Kurden nicht einmal das Ausleben der eigenen Kultur und Bräuche gestattet war. Es gab viele Gefallene und Frauen wurden der Folter unterzogen. Trotzdem hat die Bevölkerung von Rojava niemals kapituliert. Vor allem Frauen wurde keine Luft zum Atmen mehr gelassen, aber sie haben darauf beharrt, für sich selbst zu sprechen und sich politisch zu organisieren.

Ein weiterer Faktor sollte nicht vergessen werden: In diesem Teil Kurdistans hat zwar früher keine Revolution stattgefunden, aber es war das Nest, aus dem alle Revolutionen Kurdistans hervorgegangen sind. Und Abdullah Öcalan hatte großen Einfluss in diesem Gebiet. Er hat jahrelang Bildungsarbeit zur Frauenbefreiungsideologie in der Bevölkerung geleistet, diese Arbeit hat unter den Frauen große Wirkung gezeigt. Bereits damals haben sich zahlreiche Frauen aus Rojava dem Befreiungskampf angeschlossen und viele von ihnen sind gefallen. Auch heute noch ist diese Wirkung spürbar. Frauen haben Selbstvertrauen gewonnen und in der Bevölkerung ist ebenfalls Vertrauen entstanden. Dieser Faktor hat zur Entstehung der YPJ beigetragen.

Wie ist es zu dem Entschluss gekommen, die YPJ zu gründen?

Die YPJ sind nicht plötzlich auf Beschluss von oben gegründet worden und sie sind auch nicht einfach so entstanden. Sie sind auf der Basis eines Bewusstseins gegründet worden, auf einer wissenschaftlichen Basis. Die Geschichte der Frauen weltweit und der kurdischen Frauen ist erforscht und interpretiert worden. Der Beschluss zum Aufbau eigener Frauenkräfte basiert auf wissenschaftlichen Feststellungen. Um einen starken Aufbruch zu ermöglichen, sind Vorbereitungen für den notwendigen Unterbau getroffen worden.

Unsere erste Feststellung in der Gründungsphase war der bestehende Bedarf nach spezifischen Fraueneinheiten zur Selbstverteidigung. Als zweites stellten wir fest, dass eine YPJ ohne Ideologie nicht möglich ist. Es war eine ideologische Teilnahme nötig, der reine Beitritt hat nicht ausgereicht. Wenn die Frauen sich und ihrer eigenen Stärke nicht vertrauen und kein Bewusstsein haben, hätte es keinen Unterschied gegeben. Frauen hätten Waffen getragen und Männer ebenso. Deshalb war die Frauenbefreiungsideologie für uns wesentlich.

Auch für die eigene Verteidigung war ein Maßstab notwendig, deshalb haben wir auf die legitime Selbstverteidigung gesetzt. In den darauf folgenden Entwicklungen war diese Linie immer maßgeblich und deshalb bestehen wir auch heute noch.

Es hat auch eine Auseinandersetzung über den Maßstab von Akzeptanz und Ablehnung von Frauen und die Frage der eigenen Organisierung stattgefunden. Neben den positiven Faktoren wie dem Vertrauen, das in uns gesetzt wurde und der bei uns heranwachsenden Entschlossenheit und Beharrlichkeit gab es schließlich auch viele Schwierigkeiten.

Was waren das für Schwierigkeiten?

Es war das erste Mal, dass in der Region Frauenverteidigungseinheiten aufgebaut wurden. Frauen wollten zur Waffe greifen und in diesem Teil der Welt eine eigene Identität darstellen. Das war für die Gesellschaft nicht so einfach zu akzeptieren, die Menschen akzeptierten es nicht. Wir wissen, dass die Gesellschaft in Kurdistan und im Mittleren Osten feudal ist. Es herrschte eine patriarchale Denkweise.

Im Mittleren Osten waren sowohl eine weibliche als auch eine männliche Mentalität entstanden. Dieser Denkweise zufolge waren Frauen hilflos. Ihnen wurde ein Leben innerhalb des Hauses zugewiesen. Frauen wurde beigebracht, dass sie nur auf die Welt kommen, um Kinder zu gebären und Männer zufriedenzustellen, dass sie schön, zerbrechlich und sanft sind. Bei den Männern hatte sich ein Herrschaftsverständnis festgesetzt. Natürlich gab es auch die vom Feind geführte Politik, die nicht nur innerhalb der Gesellschaft, sondern auch in der Persönlichkeit von Frauen eine lähmende Wirkung hatte.

Wie ist es Ihnen dann gelungen, in einer Gesellschaft mit festgeschriebenen Geschlechterrollen erstmalig Frauenverteidigungseinheiten aufzubauen?

Wir haben festgestellt, dass wir zunächst eine kleine Gruppe Frauen brauchen, die andere Frauen organisieren können. Hierbei haben Şehîd Warşin und Şehîd Jinda eine große Rolle gespielt. Beide haben viel dazu beigetragen, andere Frauen zum Beitritt zu den YPJ zu überzeugen. Die YPJ gab es noch gar nicht, aber es gab bereits den Beschluss, sie zu gründen. Deshalb mussten zunächst Frauen gefunden werden, die dazu bereit waren, ansonsten hätte der reine Beschluss keine Funktion gehabt. Wir sind von Haus zu Haus gegangen, haben uns mit den Frauen beschäftigt und mit ihnen geredet. Wir haben uns mit ihren Familien zusammengesetzt und stundenlang diskutiert. Diese Diskussionen dauerten manchmal tagelang, sogar monatelang an. Durch unsere Beharrlichkeit konnten Frauen davon überzeugt werden, sich dem Kampf anzuschließen.

Die Persönlichkeiten der Frauen waren nicht darauf vorbereitet, denn die Frauen werden innerhalb der Traditionen der Gesellschaft sozialisiert. Die Träume von Frauen gingen nicht über den Schulbesuch, ein Haus, einen Partner und Kinder hinaus. So war die Situation von Frauen in unserer Gesellschaft. Für uns war der Beitritt einer Frau genauso bedeutungsvoll wie die Befreiung einer Nation. In diesem Bewusstsein gingen wir vor. Es war schwierig für uns, aber es war sehr wichtig. Uns war bewusst, dass wir eine sehr schwierige Aufgabe übernommen haben, und mit jeder neuen Frau, die sich uns anschloss, wurde unsere Last leichter. Es war ein Erfolg und dieser Erfolg motivierte uns weiter.

2012 gründeten wir im Dorf Zixate in Dêrik eine Akademie mit dem Namen Şehîd Xebat.

Ist diese Akademie von den YPJ oder von den YPG gegründet worden?

In jener Zeit gab es auch die YPG noch nicht. Es war die Zeit der YXK, die Akademie war eine Militärakademie der YXK. Ein Freund namens Piling und ich arbeiteten am Aufbau einer militärischen Akademie. Heval Piling ist später gefallen. An den ersten drei Lehrgängen haben gar keine Frauen teilgenommen. Beim vierten Lehrgang haben wir beschlossen, die Frauen aus ihren Familien zu holen, damit sie ebenfalls eine Ausbildung bekommen. Zwei Frauen nahmen dann daran teil. Selbst das war ein großer Erfolg für uns. Mit der Zeit kamen immer mehr Frauen. Das Vertrauen in Frauen wuchs, sie wurden mutiger und selbstbewusster. Für uns war das ein Entwicklungssprung.

Wie ist es dann zur offiziellen Gründung der YPJ gekommen?

Bei vielen Organisationen findet erst der Aufbau und dann der Schritt in die Praxis statt. Bei den YPJ war es nicht so. Bei den YPJ und YPG fanden Organisierung, Aufbau und Verteidigung gleichzeitig statt. 2012 beteiligten sich unsere Freundinnen aktiv an der Verteidigung im Kampf gegen das Baath-Regime in Aleppo. Unsere Kräfte wurden aufgebaut und nahmen gleichzeitig in aktiver Form an der Verteidigung teil.

Diese Zeit war für uns wirklich bemerkenswert. Wir machten alles gleichzeitig, erlebten gleichzeitig schöne und schwierige Dinge. Bevor die YPJ überhaupt offiziell gegründet waren, waren sie an der Revolution beteiligt, wurden größer und formierten sich.

Das war auch der Grund, warum die YPJ so schnell an Einfluss gewannen, sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch unter den männlichen Freunden. Sie wurden in der Gesellschaft anerkannt, es schlossen sich immer mehr Frauen an und bei den Freunden entstanden Respekt und Vertrauen.

Alle Frauen, die sich anschlossen, erklärten sich bereit, sich für dieses Volk, für das Land und für die Frauen zu opfern. Mit dieser Motivation traten sie bei und kämpften. Mit ihrer Überzeugung, ihrer Leidenschaft und dem Willen, den sie repräsentierten, bewiesen sie sich selbst sowohl bei der Organisierung im gesellschaftlichen Bereich als auch im Krieg. Sie vermittelten der Gesellschaft Vertrauen.

Im Krieg gewannen die Frauen schnell das Vertrauen der Männer. Obwohl sie unerfahren und jung waren, konnten sie den männlichen Freunden Kraft geben. Obwohl wir gerade unsere ersten Schritte setzten, war die Moral der Freunde an der Front ganz anders, wenn Frauen dabei waren. Ihre Überzeugung, ihre Beharrlichkeit und ihre Entschlossenheiten wurden größer.

Innerhalb der Bevölkerung sorgten die Freundinnen, die für die Organisierung verantwortlich waren, für eine ähnlich positive Atmosphäre. Das war sehr wesentlich für die YPJ. Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Anzahl der Kämpferinnen rasant an. Die unter den Frauen entstandene Motivation führte zu sehr schnellen Beitritten. Deshalb fanden wir es als YPJ-Kommandantur notwendig, 2013 eine Konferenz durchzuführen. Und am 4. April 2013 wurde die Gründung der YPJ deklariert.

Zu Beginn der Revolution war unsere Anzahl noch gering, wir befanden uns noch im Aufbau, trotzdem haben wir an allen Offensiven und Kämpfen teilgenommen. Seit 2012 bis heute sind die YPJ in allen Gebieten an der Verteidigung beteiligt. Die YPJ haben gegen das Regime, gegen islamistische Gruppen, gegen al-Nusra, den IS und sogar gegen die Banden des türkischen Staates gekämpft, Efrîn ist dafür ein Beispiel.

Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung? Sie haben gesagt dass die YPJ von kurdischen Frauen gegründet worden sind. Sind jetzt auch Frauen aus anderen Völkern dabei?

Vom ersten Tag bis heute haben wirklich sehr große Veränderungen innerhalb der YPJ stattgefunden. Sowohl die YPJ als auch die Gesellschaft haben sich verändert. Die YPJ ist unter der Führung kurdischer Frauen gegründet worden. Sie haben mit den kurdischen Frauen begonnen und sich dann in ganz Nord- und Ostsyrien organisiert, nicht nur innerhalb der kurdischen Gesellschaft, sondern in allen Völkern der Region. Die YPJ sind die Verteidigungskräfte aller Frauen der Region und auch aus anderen Völkern haben sich Frauen angeschlossen.

Innerhalb der YPJ gibt es arabische, aramäische, armenische, tscherkessische, tschetschenische und turkmenische Frauen. Die Farben aller Nationen sind vertreten. Die Umgangsweise der YPJ hat dafür gesorgt, dass auch Frauen anderer Völker ihren Platz innerhalb der YPJ gefunden haben. Jede Frau kann sich in den YPJ wiederfinden.

Dabei spielen die Grundsätze der YPJ eine wichtige Rolle. Eines dieser Prinzipien ist, dass der revolutionäre Kampf natürlich nicht nur für das kurdische Volk geführt wird. Unser wirkliches Ziel ist der Aufbau einer demokratischen, freien, ökologischen und gleichberechtigten Gesellschaft, die keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht. Wie unser Name schon sagt, sind wir eine Kraft, die sich die Verteidigung von Frauen zur Aufgabe gemacht hat, unabhängig von der Herkunft.

Jede Frau hat unabhängig von ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer Sprache und ihres Glaubens das Recht, sich den YPJ anzuschließen.

Welche Entwicklungen haben die YPJ seit ihrer Gründung in militärischer Hinsicht – Strategie, Taktik, Technik, Kommandantur – gemacht?

Ich habe ja schon gesagt, dass die YPJ in der Praxis gereift sind. Die YPJ wurden auf einer wissenschaftlichen Basis gegründet. Auf unserer Konferenz 2013 haben wir die Gründung von Militärakademien beschlossen. Wir haben sowohl die Notwendigkeit von ideologischer als auch von militärischer Ausbildung gesehen. Vorher gab es bereits Akademien, aber sie waren gemischt. Wir wollten eigene Frauenakademien gründen.

An unseren Akademien fand Unterricht in der Kriegskunst statt, gleichzeitig wurden in der Praxis Erfahrungen gesammelt. Beim Rückblick in die Anfangszeit sehen wir, dass wir sowohl als Kommandantur als auch als Kämpferinnen große Entwicklungen zu verzeichnen haben.

Wir haben gegen Armeen gekämpft und gegen islamistische Gruppen, die Guerillataktiken angewendet haben. Was die Verteidigungstaktik angeht, sind wir Expertinnen geworden. Der Kampf um Kobanê ist das beste Beispiel dafür, auch Raqqa ist ein gutes Beispiel. Die Befreiung von Raqqa ist unter der Führung der YPJ zu einer Vergeltungsoffensive für die Frauen aus Şengal geworden. Die YPJ sind zu einer professionellen Kraft geworden.

Gefangene Islamisten wollen in die Türkei

Tausende Islamisten sind von den QSD gefangengenommen worden. Im Falle ihrer Freilassung wollen sie in die Türkei gehen: „Im schlimmsten Fall kommen wir für sechs Monate ins Gefängnis, danach können wir ganz normal weiterleben.“

ANF / TABQA, 31. März 2019.

Etwa 5000 männliche Islamisten befinden sich in Nordsyrien in Gefangenschaft der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), die den IS unter hohen Opfern besiegt haben. Die in Rojava ansässige Nachrichtenagentur ANHA hat vier der IS-Gefangenen interviewt. Die Männer stammen aus Dagestan, Russland und Tschetschenien und würden am liebsten in die Türkei gehen. „Dort fühlen wir uns sicher“, sagen sie.

Ataief Khorman Ali hat sich dem IS 2015 aus der Kaukasusrepublik Dagestan angeschlossen. Auf die Frage, was er tun würde, wenn er freigelassen wird, antwortet er: „Am besten wäre es, in die Türkei zu gehen. Die Türkei ist sicherer. Dort würden wir höchstens sechs Monate im Gefängnis bleiben müssen.“

Die Türkei hat seit Beginn des Syrien-Krieges als Transitland für Dschihadisten gedient. Islamisten aus aller Welt sind über die Türkei nach Syrien eingereist, so auch der Gefangene aus Dagestan: „Ich bin aus Dagestan nach Istanbul gereist und von dort aus weiter nach Syrien“, sagt er.

Der Russe Mohammed al-Khanushi bezeichnet die Türkei als sicheren Ort für IS-Mitglieder, die aus Syrien flüchten: „Die Türkei liefert uns nicht an Russland aus, deshalb ist es ein guter Ort. Im schlimmsten Fall kommen wir für ein Jahr in der Türkei ins Gefängnis, danach können wir ganz normal weiterleben.“

Die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien hat diverse Male die Herkunftsländer der Dschihadisten dazu aufgerufen, ihre Staatsbürger zurückzunehmen. Niemand will die IS-Mitglieder haben, für Nordsyrien stellen die Tausenden Gefangenen eine untragbare Belastung und Bedrohung dar.

„Wir bekommen die türkische Staatsbürgerschaft“

Ein Islamist mit dem Namen Awaro Silemano (Abu al-Bara) träumt von einer baldigen Freilassung und geht davon aus, dass er die türkische Staatsbürgerschaft erhält: „In der Türkei würden wir höchstens ein Jahr im Gefängnis sein. Nach der Einbürgerung können wir ganz normal weiterleben. Ich habe Freunde, die in der Türkei verhaftet worden sind. Sie waren eine Zeitlang im Gefängnis und sind danach ins normale Leben zurückgekehrt.“

Auch der Tschetschene Maghomadov Mansur ist über die Türkei nach Syrien gekommen: „Der Grenzübergang verlief problemlos“, bestätigt er.

Theater in Idlib: »Wir zeigen, was Gefangenschaft bedeutet«

von

»Wir zeigen, was Gefangenschaft bedeutet«

Unser Partner Rami A. hat in Idlib eine kleine Theater-Gruppe gegründet. Ihr erstes Stück hätte eigentlich gerade Premiere feiern sollen, doch dann kamen Luftangriffe dazwischen. Ein Interview über Theater, Dschihadismus und die Bombardierungen auf Idlib.

Rami ist ausgebildeter Informatiker. Aber schon seit seiner Kindheit spielt er leidenschaftlich Theater. Schon 2013 inszenierte er ein politisches Theaterstück in Idlib, das damals noch vom Assad-Regime kontrolliert wurde. Rami wurde von der Bühne weg verhaftet und blieb drei Monate eingesperrt. 

Nun versucht er erneut Theater in Idlib zu machen: Unter anderen Vorzeichen, denn heute wird die Stadt von Islamisten kontrolliert. In ihrem ersten Stück geht es um das Schicksal der politischen Gefangenen. Nicht wenige der Teilnehmer saßen selbst einmal hinter Gittern oder haben Angehörige, die in Haft verschwanden. Wir sprachen mit Rami über sein von Adopt a Revolution gefördertes Projekt.

+++ Nachtrag 25.3.: Mittlerweile konnte die Premiere stattfinden – nach fast sechs Jahren ist es Rami endlich gelungen, eines seiner Theaterstücke in Idlib zur Aufführung zu bringen. +++

Wir haben gehört, dass Eure Premiere aufgrund von Luftangriffen verschoben werden musste. Viele befürchten, dass es bald zur Offensive auf Idlib kommen könnte…

Ich denke nicht, dass die große Offensive auf Idlib bevorsteht. Ja, die jüngsten Angriffe waren sehr schlimm aber dennoch ist das kein Auftakt zu etwas Größerem. Russland und die Türkei sind permanent in Verhandlungen und wenn Moskau Druck auf Ankara ausüben will, bombardiert es in Idlib. Das ist alles. Die Situation mag ausweglos sein, aber der finale Angriff kommt so schnell nicht.

Worum geht es in eurem Stück?

Es geht um politische Gefangene. Es gibt vier Hauptprotagonisten und mehrere Statisten. Zwei von ihnen sitzen schon sehr lange im Gefängnis, einer kommt neu dazu und einer ist bereits tot. Um ihre Ängste und Erinnerungen dreht sich alles.

Was hofft ihr damit zu erreichen?

Es geht darum, den Zahlen ein Gesicht zu geben. Auch in Idlib fällt es vielen, die nicht selbst betroffen sind oder betroffene Angehörige haben, schwer, sich vorzustellen, was Gefangenschaft bedeutet. Essen – Trinken – Folter – Essen – Trinken – Folter – ja, das ist der grobe Ablauf, aber dazwischen gibt es so viel Details und Gefühle, die man sich kaum vorstellen kann. Allein die Einsamkeit und die Sehnsucht nach deinen Freunden und deiner Familie… das wollen wir vermitteln. Das Stück beginnt ganz ohne Text, in der Diktatur. Alle Schweigen. Erst mit der Revolution finden die Menschen ihre Sprache. Ich selbst saß ja in Haft, ebenso ein anderer Schauspieler. Wieder ein anderer vermisst seinen Bruder, der seit Jahren hinter Gittern verschwunden ist, und wieder ein weiterer ist ein Vertriebener aus Ost-Ghouta, der Jahre der Belagerung überlebt hat, was auch eine Art der Gefangenschaft ist.

Das Thema der Gefangenen darf nicht in Vergessenheit geraten. Fast nur die, die selbst davon betroffen sind, kümmern sich auch um das Thema, an den meisten anderen geht das einfach vorbei. Aber das ist eine Angelegenheit aller, die einst gegen Assad aufgestanden sind. Und gleich ob in Idlib, der Türkei oder Europa: Wir dürfen nicht locker lassen. Außerdem wollen wir, dass man die Menschen in Idlib nicht nur als Extremisten sieht. Hier gibt es kluge Menschen, die etwas drauf haben und jeden Tag versuchen, die Lage ein bisschen besser zu machen.

Wie findet Hai’at Tahrir al-Sham (HTS), die Dschihadistenmiliz die Idlib kontrolliert, eigentlich Theater?

Anders als beim IS ist Theater für HTS nicht völlig Tabu. Aber natürlich gibt es Regeln: Frauen dürfen nicht öffentlich auftreten, es darf nicht gesungen werden und allgemein sind nur bestimmte Arten von Musik zulässig. Ich hoffe aber, dass wir mit unserem nächsten Projekt in Azaz arbeiten können, wo HTS nicht herrscht und dort mit einem Frauenprojekt kooperieren können.

Kulturprojekte wie das Theater in Idlib zeigen Alternativen zu Diktatur und Dschihadismus auf, sie bieten Denkanstöße inmitten von Krieg und Terror und psychosoziale Unterstützung für die Zivilbevölkerung.

Aufruf von „medico international“: Nach dem IS ist nichts vorbei

Flüchtlingscamp al Hol, Rojava

Medizinische Versorung unter schwierigen Bedingungen. NothelferInnen machen die hygienischen Bedingungen im Flüchtlingscamp al Hol große Sorgen. (Foto: Heyva Sor A Kurd)

20.3.2019. Ein Hilferuf der medico-Partner aus Rojava. Unterstützung für das Flüchtlingscamp al Hol dringend benötigt.

 

Seit Wochen läuft die Offensive gegen die letzte IS-Bastion im Osten Syrien bei Baghouz. Seither fliehen Zehntausende von Menschen vor den Kämpfen in die Gebiete der nordsyrisch-kurdischen Selbstverwaltung. Ziel der meisten ist das al-Hol Camp. Doch die unerwartet hohe Zahl Ankommender übersteigt die Kapazitäten des Flüchtlingslagers bei weitem, wie der medico-Partner Sherwan Bery vom dort tätigen medico-Partner Kurdischer Roten Halbmond berichtet. Hinzu kommt, dass unter den Eintreffenden sowohl Opfer des IS als auch Angehörige des IS sind.

Ein Krankenhaus für das Flüchtlingslager

Das Flüchtlingscamp al Hol ist eigentlich für 10.000 Menschen ausgelegt. Doch die jüngsten Fluchtwellen haben die Zahl der Menschen auf über 65.000 schnellen lassen, 10.000 weitere werden laut UN in den nächsten Tagen erwartet. „Die Strukturen sind schon jetzt völlig überlastet“, erklärt Bery. Und die Ankommenden sind meist in einem schlechten Zustand. In der IS-Zone gab es kaum noch Nahrungsmittel und die 300 Kilometer weite Flucht durch kalte Winternächte hat die Menschen weiter ausgezehrt. Sie sind unterkühlt und unterernährt. Besonders die Situation der Kinder ist dramatisch.

Im Camp durchlaufen die Flüchtlinge zuerst die Gesundheitsposten vom Kurdischen Roten Halbmond. Dort leisten die NothelferInnen medizinische Erstversorgung, seit Wochen, rund um die Uhr. „Schwere Erkrankungen und Verletzungen müssten schnell behandelt werden. Kritische Fälle bringen wir in die nächstgelegenen Krankenhäuser, aber auch dort ist kein Platz mehr“, so Bery. Auch die sanitären Anlagen reichen nicht aus. Die Verbreitung von Krankheiten wie Durchfall oder Infektionen könnte zu einer humanitären Krise im Camp führen. Daher sein Appell: „Wir benötigen dringend internationale Hilfe, um eine angemessene medizinische Behandlung im Camp sicherzustellen.“ In einer ersten Nothilfemaßnahme unterstützt medico die Nothilfe beim Aufbau eines Feldkrankenhauses im Camp. Dann könnn Verletzte und schwer erkrankte Personen direkt vor Ort behandelt werden.

Viele Herausforderungen

Zu dem allgegenwärtigen Mangel kommt eine besondere Herausforderung hinzu: Viele der Flüchtenden sind Zivilisten, die unter der Herrschaft im selbsterklärten Kalifat gelitten haben. Andere jedoch sind Angehörige der IS-Kämpfer, zumeist Frauen mit ihren Kindern. Sie fliehen also Seite an Seite mit IS-Opfern und suchen ausgerechnet in einer kurdisch geprägten Region Zuflucht, die vom IS jahrelang bekämpft worden ist. Laut dem Rat für humanitäre Aufgaben der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien befinden sich rund 6.000 Angehörige von Dschihadisten in dem Flüchtlingslager. Das führt unvermeidlich zu Spannungen.

„Alle Ankommende sind für uns erst einmal Flüchtlinge und wir versuchen, sie so gut es eben geht medizinisch zu versorgen“, beschreibt Sherwan Bery die Haltung. Um im Camp Eskalationen zu vermeiden, werden die IS-Angehörigen in der schwarzen Niqab und ihre Kinder in einem gesonderten Bereich untergebracht. Lösen lassen sich die Konflikte damit nicht.

An den Gesundheitsposten kommt es immer wieder zu verstörenden Momenten – etwa dann, wenn jesidische Frauen oder Kinder oder Frauen mit Kindern ihrer Folterer eintreffen, die vor fünf Jahren in die Gefangenschaft der IS-Terroristen geraten waren. „Kinder wurden an der Waffe ausgebildet oder zu Selbstmordattentätern erzogen. Die meisten sind völlig verstört“, so Bery, der, selbst Jeside, als Nothelfer im Shengal-Gebirge im Einsatz war, als der IS einen Genozid an den JesidInnen begann. „Die Gewalttaten, die den Kindern von ihren Peinigern angetan wurden, und die ideologische Indoktrinierung zeichnen ihre Körper und ihr Verhalten.“ In der Nähe der Stadt Amunde gäbe es ein Haus, in dem sie versorgt und psychologisch betreut werden können. Doch auch hier fehlt es an vielem, vor allem an Fachkräfte für eine angemessene und intensive Betreuung. „Selbst unter günstigen Umständen kann eine Rehabilitation Jahre dauern“, meint Bery.

Auch im Camp wird sich die Situation nicht schnell entspannen. Denn wo sollen die Menschen auch hin? „Die internationalen IS-Frauen wollen zurück in ihre Herkunftsländer – und sollten es auch“, sagt Bery auch in Richtung Deutschland. Schon seit Monaten fordert die nordsyrische Selbstverwaltung, dass die internationalen IS-Kämpfer und ihrer Angehörigen rückgeholt werden. Umso genauer wird die laufende Debatte in Deutschland verfolgt. Bis heute aber entzieht sich die Bundesregierung der Verantwortung für ihre Staatbürger und bürdet sie – wieder einmal – der nordsyrischen Selbstverwaltung auf. Und das womöglich dauerhaft, wird hierzulande doch erwogen, betreffenden Dschihadisten die Staatsangehörigkeiten zu entziehen.

Im Widerspruch dazu sieht medico in der Einrichtung eines internationalen Gerichtshofs für diesen Personenkreis die einzige angemessene Handlung der internationalen Gemeinschaft. Nur so ließe sich für die Opfer des IS-Terrors und Gräueltaten minimale Gerechtigkeit erlangen.

Aktuell benötigen die die medico-Partner dringend solidarische Unterstützung für die Nothilfe vor Ort. Mit einer Spende können Sie helfen, damit das ersehnte Feldkrankenhaus errichtet werden kann. Spendenstichwort „Nothilfe Rojava“

 

Veröffentlicht am 20. März 2019

Abschlusserklärung des 3. Syrischen Dialogforums

In Kobanê hat das 3. Syrische Dialogforum mit 148 Delegierten aus verschiedenen Institutionen und Parteien stattgefunden. In der Abschlusserklärung wird die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien als geeignetes Modell für das ganze Land bezeichnet.

ANF / KOBANÊ, 29. März 2019.

Die Abschlusserklärung des 3. Syrien-Dialogforums ist veröffentlicht worden. In der Deklaration heißt es: „Der Demokratische Syrien-Rat (MSD) wird in ein demokratisches und nationales Zentrum umgewandelt, um für eine radikaldemokratische Veränderung auf der Basis eines Dialogs eine Einheit der syrischen Opposition herzustellen.“

Das Forum in Kobanê, an dem 148 Delegierte verschiedener Institutionen und Parteien aus Syrien teilgenommen haben, ist nach zweitägiger Diskussion mit der Verlesung der Abschlussdeklaration abgeschlossen worden.

Verlesen wurde die Erklärung von der MSD-Ko-Vorsitzenden Emine Omer. In der Deklaration wird unter anderem festgehalten:

„An dem Forum, das auf Einladung des MSD unter dem Motto ‚Mit einem Gesellschaftsvertrag für Syrien in eine neue demokratische Zeit‘ stattgefunden hat, haben Hunderte Vertreterinnen und Vertreter politischer Parteien, zivilgesellschaftlicher Institutionen und Organisationen sowie unabhängige Politikerinnen und Politiker teilgenommen.

Auf dem Forum wurde der Sieg der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) über den Terror begrüßt.

Zwei Tage lang haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Frage einer neuen Verfassung und Lösungsperspektiven für Syrien beschäftigt. Über die grundlegenden Prinzipien eines vom Vorbereitungskomitee vorgelegten Entwurfs für eine neue syrische Verfassung konnte ein Konsens hergestellt werden. Demnach muss die Verfassung die Einheit und Gesamtheit Syriens garantieren und ein politisches System gewährleisten, mit dem ein dezentralisiertes und demokratisches Syrien aufgebaut werden kann.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ausführlich über das Projekt der Autonomieregierung von Nord- und Ostsyrien diskutiert. Das Projekt wurde als geeignetste Form für eine Lösung der bestehenden Krise in Syrien klassifiziert und sollte in ganz Syrien umgesetzt werden. Eine Lösung in Syrien ist nur auf politischer Grundlage möglich, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Dialogforums treten entsprechend der UN-Resolution 2254 für eine politische Lösung und einen Waffenstillstand ein.

Es wurde betont, dass es außer einer politischen Lösung unter Einbeziehung aller oppositionellen Kreise und laizistisch-demokratischen nationalen Kräften keine Alternative gibt. Auf diese Weise können in Syrien, in der Region und weltweit Frieden, Ruhe und Sicherheit einkehren.

Auf dem Forum erging der Aufruf, dass die Besatzung von allen Gebieten innerhalb Syriens und die Präsenz ausländischer Kräfte im Land beendet werden müssen. Kein Land hat das Recht, sich syrisches Territorium anzueignen.

Um die Meinungsbildung der syrischen Opposition weiterzuentwickeln, müssen Dialoge zwischen den Menschen in Syrien stattfinden. In diesem Rahmen wird der MSD in ein demokratisches und nationales Zentrum umgewandelt, um für eine radikaldemokratische Veränderung auf der Basis eines Dialogs eine Einheit der syrischen Opposition herzustellen. Mit dem Ziel eines gesamtsyrischen Nationalkongresses beauftragen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums den MSD und das Beobachtungskomitee mit der Kontaktaufnahme zu weiteren syrischen, arabischen, regionalen und globalen Kreisen.“