Zurück zu Bruder Erdoğan

Viele der IS-Dschihadisten, die sich in Deir ez-Zor den QSD ergeben haben, kommen aus Turk-Republiken. Sie sind über die Türkei nach Syrien eingereist und wollen in die Türkei zurück. Nach dem Grund gefragt, antworten sie: „Das sind unsere Brüder.“

ERSİN ÇAKSU / DEIR EZ-ZOR, 9. März 2019.

Ein großer Teil der Dschihadisten des sogenannten Islamischen Staat (IS), die sich Anfang der Woche in al-Bagouz den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) ergeben haben, stammen aus Turk-Republiken. Alle sind über die Türkei nach Syrien eingereist und dorthin wollen sie auch zurück. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen, dass sie sehr schlichte Gründe für ihren Beitritt zu einer islamistischen Terrororganisation nennen. Einer spricht von Geld, für einen anderen reicht es als Grund aus, dass er den Koran gelesen hat. Zwischen den genannten Gründen und den furchtbaren Verbrechen, die der IS begangen hat, ist ein schrecklicher Zynismus spürbar.

Alle gehen fest davon aus, dass sie in der Türkei künftig ein ganz normales Leben führen können. Einer von ihnen sagt, er will nach der Rückkehr in die Türkei ins Telefongeschäft einsteigen. Auf die Frage, warum sie in die Türkei wollen, antworten die IS-Männer: „Das sind unsere Brüder.“

Murat Nuhoğlu hat sich mit seiner Frau und seinen drei Kindern aus Çankırı in der Türkei dem IS angeschlossen. Genaue Details zu der Fahrt nach Syrien will er nicht nennen. „Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, gab es einen Vermittler. Wir haben telefoniert und ich bin auf illegalem Weg über Antep [Dîlok] nach al-Rai gefahren. Dann war ich in al-Bab, dort habe ich mich in einem Dorf niedergelassen. Weil ich vorher operiert worden bin, konnte ich überhaupt keine Arbeit machen“, sagt er. Ob es zwischen der Türkei und dem IS eine Verbindung gibt, wisse er nicht, und auf die Frage, ob er Reue verspürt, sagt er: „Insgesamt nein, aber es gibt Dinge, die ich bereue.“

Nuhoğlu behauptet, nie bewaffnet gekämpft zu haben. Als wir ihn fragen, ob es ihn überhaupt nicht gestört hat, was der IS den Kurden und den anderen Völkern der Region angetan hat, windet er sich: „Soweit ich weiß, geht es dem Islamischen Staat nicht um Rassen, er kämpft gegen alle, nicht nur gegen die Kurden.“

Das sind unsere Brüder

Das IS-Mitglied Abdurrahman ist aus Turkestan in die Türkei gereist und von dort aus weiter nach Idlib. Auf die Frage nach dem Grund antwortet er: „Es hieß, dass es hier viel Geld gibt, deshalb bin ich gekommen.“ Auch er will niemals gekämpft haben. Motorräder habe er repariert, sagt er. Nach seinen Zukunftsplänen gefragt, sagt er, dass er zurück in die Türkei will. Warum? – „Das sind unsere Brüder.“

Yusuf Türkmen gibt an, dass er aus Turkmenistan stammt und sieben Jahre lang im Istanbuler Stadtteil Avcilar als Autowäscher gearbeitet hat. Seit vier Jahren ist er beim IS. „Warum?“, fragen wir. „Ich habe das Buch gelesen, dass Allah uns gegeben hat, so habe ich mich angeschlossen. Wir wollten nach dem Koran und nach der Scharia leben, aber es war anders, als wir es uns erhofft hatten. Es ist vieles falsch gemacht worden. Wir sind sehr belogen worden.“

Yusuf Türkmen war nach eigenen Angaben die meiste Zeit in Raqqa und eine kurze Weile auch im Irak. „Was hast du innerhalb des IS gemacht, hast du gekämpft?“, wollen wir wissen. Und er antwortet: „Ich bin Dschihadist.“

Jetzt will Yusuf zurück in die Türkei. „Ich wünschte, ich wäre nie gekommen“, sagt er. Glaubt er, dass er in die Türkei gehen kann? – „Ich habe ja nicht in Kobanê gekämpft“, antwortet er und denkt tatsächlich, dass das ein ausreichender Grund ist.

Henaa al-Seqir – Symbol des Frauenfreiheitskampfes

Die 48-jährige Henaa al-Seqir aus Deir ez-Zor ist ein Symbol des Widerstands. Sie leistete bewaffneten Widerstand gegen den IS und fiel gemeinsam mit ihrem Sohn.

ANF / DEIR EZ-ZOR, 8. März 2019.

Henaa al-Seqir ist unter den Frauen in Deir ez-Zor berühmt. Bei allen Aktionen führen die Frauen ihren Namen im Munde. Henaa al-Seqir kam im Dorf al-Dalim bei Deir ez-Zor 1971 zur Welt. Sie migrierte unter schwersten Bedingungen gemeinsam mit ihrer Familie nach Cezra und heiratet im Alter von 21 Jahren. Sie brachte 13 Kinder zur Welt. Ihr Ehemann arbeitete in der Landwirtschaft und die Familie leidete unter massiven ökonomischen Problemen. Um den Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, eröffneten sie einen Laden.

Im Syrienkrieg wurde Deir ez-Zor zunächst vom Al-Qaida-Ableger Jabhat al-Nusra beherrscht, dann folgte der IS. Die Familie wurde, wie Tausende andere auch, zur Zielscheibe der Gewalt der Dschihadisten. Als die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) ihre Offensive zur Befreiung von Deir ez-Zor aufnahmen, wuchs ihre Hoffnung auf eine Rückkehr zu einem normalen Leben.

Nach der Befreiung der Region unterstützte Henaas ältester Sohn die QSD. Er kümmerte sich um die Rückkehr von Familien und arbeitete als Minenentschärfer. Am 20. Mai 2017 nutzen die Dschihadisten einen Sandsturm und griffen das befreite Cezra an. Henaa leistete gemeinsam mit ihrem Sohn Widerstand gegen die Dschihadisten. Ihre Tochter Wefaa Jalal erzählt: „Die Banden griffen unser Haus an. In diesem Moment stellte sich meine Mutter ihnen entgegen. Die Dschihadisten fragten meine Mutter ‚Wo sind die Schweine‘ und meinten damit die QSD.

Meine Mutter antwortete, ihr seid die Schweine, haut ab von hier. Sie holte eine Waffe aus der Tasche und erschoss drei der Dschihadisten. Dann erschossen die Dschihadisten meine Mutter und meinen Bruder. Sie kamen beide ums Leben.“

Sie sei stolz auf ihre Mutter, sagt Wefaa Jalal und fährt fort: „Meine Mutter ist zum Symbol der freien Frau geworden, ihr Name wird überall genannt. Wefaa gab ihr Wort, den Spuren ihrer Mutter und ihres Bruders zu folgen.“

Hela Jalal, ebenfalls Tochter von Henaa, beschreibt ihre Gefühle: „Wie meine Mutter und mein Bruder gehandelt haben und wie sie gefallen sind, hat mir Kraft gegeben. Ich werde ihren Weg gehen und in die Fußstapfen der Gefallenen tretet.“

YPJ-Kämpferinnen feiern Frauentag

Während die finale Operation zur Zerschlagung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ im Osten Syriens weitergeht, feiern die Kämpferinnen der YPJ am Rande der Offensive den internationalen Frauenkampftag.

ANF DEIR EZ-ZOR, 8. März 2019.

An der finalen Operation der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) zur Zerschlagung der Überreste der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) nehmen auch die Kämpferinnen der Frauenverteidigungskräfte YPJ (Yekîneyên Parastina Gel) teil.

Während die Offensive „Gewittersturm Cizîrê“ südöstlich der ostsyrischen Stadt Hajin in der letzten IS-Bastion al-Bagoz weitergeht, feierten YPJ-Kämpferinnen im gegenüber liegenden Dorf Soussa den internationalen Frauenkampftag am heutigen 8. März. Die Kämpferinnen tanzten ausgiebig bei kurdischer und arabischer Musik und feierten ihren Tag.

Arya Qamişlo, eine Kommandantin der Frauenverteidigungseinheiten, hielt eine kurze Ansprache. Die erfahrene Kämpferin gratulierte zunächst den Komponenten der QSD zum internationalen Frauentag. Anschließend erklärte Qamişlo: „Wir feiern hier heute den Weltfrauentag 8. März. Gleichzeitig beseitigen wir in Nord- und Ostsyrien die Überreste der Dschihadisten vom IS. Das ist historisch“.

Niederlage des IS und 8. März zusammen feiern

Melka Awad al-Kharib aus Deir ez-Zor lebt mit ihren Kindern im selbstverwalteten Frauendorf Jinwar in Rojava. „Ich werde die Niederlage des IS und den 8. März zusammen feiern“, erklärt sie.

ANF / HESEKÊ, 7. März 2019.

Die Bewohnerinnen des selbstverwalteten Frauendorfs Jinwar bereiten sich auf den 8. März vor. Eine von ihnen ist Melka Awad al-Kharib. Sie ist besonders aufgeregt, da sie zum ersten Mal den Weltfrauentag begehen wird. Der 8. März sei der Kampftag der Frau und der Tag der Niederlage des IS, betont sie.

Die Revolution von Rojava hat vieles verändert“

Die Nachrichtenagentur ANHA sprach mit der 25-Jährigen. Melka Awad al-Kharib ist Araberin, ihr Ehemann wurde vor zwei Jahren vom IS ermordet. Seitdem lebt sie mit ihren drei Kindern im Frauendorf Jinwar, das am 25. November 2018 in Rojava im Kanton Hesekê nach zweijähriger Bauzeit offiziell eröffnet wurde. Melka sagt zum Leben im Frauendorf: „Die Frauen in unserer Region kennen ihre Geschichte nicht. Doch die Revolution von Rojava hat vieles verändert. Die Errichtung eines Frauendorfs ist dafür beispielhaft. Ich bin aus meinem eigenen Willen hier. Alles machen wir gemeinsam.“

Für den IS sind Frauen Sklavinnen“

Melka lebte zwei Jahre unter IS-Herrschaft in Deir ez-Zor. Sie erzählt von ihren Erfahrungen: „Der IS griff die Freiheit der Frauen und ihren Willen direkt an. Für den IS waren die Frauen nur Sklavinnen. Sie zwangen uns, unsere Gesichter zu verhüllen. Weil ich mein Gesicht nicht verhüllt hatte, haben sie meinen Ausweis eingezogen. Alle, die sich ihnen nicht anschließen wollten, wurden umgebracht. Vor meinen Augen wurden Frauen geköpft.“

Sie sei glücklich in Jinwar, erklärt Melka und schließt mit den Worten: „Ich kannte die Bedeutung des 8. März nicht. Denn in unserer Region gab es eine sehr strenge Mentalität. Aber mit der Revolution verschwindet diese Haltung. Ich habe hier in Jinwar die Bedeutung des 8. März kennengelernt. Ich werde nun zum ersten Mal den 8. März feiern. Wir werden tanzen. Ich werde den 8. März und die Niederlage des IS zusammen feiern Die QSD haben Rache für meinen Ehemann und alle Gefallenen genommen. Deswegen hat der 8. März für mich eine noch größere Bedeutung.“

IS-Dschihadistin: In der Türkei war alles so teuer

Fatma Yildiz hat sich dem IS angeschlossen, weil sie nach dem Koran leben wollte und das Leben in der Türkei zu kostspielig war. In Syrien hat sie viermal geheiratet, ihre vier Kinder sind tot.

ANF / DEIR EZ-ZOR, 4. März 2019.

Das Kalifat der Terrormiliz „Islamischer Staat“ ist Geschichte. Im ostsyrischen Deir ez-Zor sind die Islamisten auf ein kleines Gebiet zurückgedrängt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) den militärischen Sieg über den IS verkünden.

In den vergangenen Tagen haben sich Hunderte Dschihadisten mit ihren Familien in al-Bagouz den QSD ergeben. Was die IS-Mentalität im Denken von Frauen bewirkt hat, zeigen die Aussagen, die sie nach ihrer Kapitulation gemacht haben. Ein Beispiel ist Fatma Yilmaz aus der Türkei. „Ich habe mich dem IS angeschlossen, weil ich nach dem Koran leben wollte“, sagt sie, „Außerdem war das Leben in der Türkei so teuer.“

Die 44-Jährige war bereits mit ihrem ersten Ehemann im Dschihad in Afghanistan. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie vor fünf Jahren mit ihren vier Kindern über die Türkei nach Syrien. Hier hat sie nacheinander vier weitere Islamisten geheiratet. Für Fatma war das Leben im IS-Kalifat eine Enttäuschung, wie sie selbst sagt: „Ich habe mich dem IS angeschlossen, um nach dem Koran zu leben. Nach zwei bis drei Jahren musste ich feststellen, dass vieles ganz anders war. Wir Frauen waren nur im Haus. Ich habe gesehen, dass die religiösen Gefühle der Menschen benutzt worden sind. Mit der Zeit ist vieles durcheinander geraten. Ja, der IS hat die Religion als Mittel zum Zweck benutzt.“

Auf die Frage, ob ihr bewusst sei, dass Tausende ezidische Frauen und Kinder vom IS verschleppt und vergewaltigt worden sind, antwortet Fatma: „Ich habe davon gehört. Viele Dinge weiß ich nicht, weil ich eine Frau bin. Frauen gehören ins Haus.“ Beharrlich wiederholt sie, dass sie nur nach Syrien gegangen ist, um nach dem Islam zu leben. Sie hat ihre vier Kinder verloren und will jetzt zurück in die Türkei. Über ihre Kinder sagt sie: „Sie sind für Allah zu Märtyrern geworden.“ Ihre Reise nach Syrien bezeichnet sie als „Hedschra“ und bezieht sich damit auf die Übersiedlung des Propheten Mohammeds nach Medina im Jahr 622.

Wie viele weitere Dschihadisten sagt auch Fatma Yildiz aus, dass der Grenzübertritt von der Türkei nach Syrien problemlos gewesen sei. „Das Leben in der Türkei war sehr teuer. Ich konnte meine Strom- und Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen. Uns wurde gesagt, dass in Syrien alles umsonst ist. Ich habe Kontakt zu einigen Schwestern aufgenommen. Mit meinen Kindern haben wir bequem die Grenze überquert. Zuerst kam ich nach Dscharablus, von dort nach Raqqa und Tabqa und schließlich hierher. Hier habe ich vier IS-Dschihadisten geheiratet.“

Auffällig an Fatmas Schilderung ist vor allem ihre Gelassenheit. Ein Schuldbewusstsein ist nicht zu erkennen.

Zusammen wachsen – Gegen Erdoğans Krieg, für eine Alternative

Der Krieg um Nordsyrien verschärft die ökologische Krise im Nahen Osten. Doch er bietet auch die Chance, die Zusammenhänge zwischen Imperialismus und Naturzerstörung offenzulegen und Kämpfe für Ökologie, radikale Demokratie und Frieden zusammenzuführen.

ANF / REDAKTION, 5. März 2019.

„Der Krieg um Nordsyrien/Rojava verschärft auch die ökologische Krise im Nahen Osten. Doch gleichzeitig bietet er die Chance, die Zusammenhänge zwischen Imperialismus und Naturzerstörung offenzulegen und Kämpfe für Ökologie, radikale Demokratie und Frieden zusammenzuführen. Um voneinander zu lernen, und international zu einer neuen und breiteren Mobilisierung gegen das Erdogan-Regime und die Bedrohung Rojavas auszuholen“ – eine Perspektive für die Solidaritätsarbeit der Kampagne „Make Rojava Green Again“.

Zusammen wachsen – Gegen Erdoğans Krieg, für eine solidarische und ökologische Alternative

Seit in Schweden die Schülerin Greta Thunberg, gemeinsam erst mit hunderten, dann tausenden Mitschüler*innen begonnen hat, immer freitags die Schule zu bestreiken, um gegen Naturzerstörung und den menschengemachten Klimawandel zu protestieren, geht eine Welle des Protests durch die halbe Welt. Es ist die breiteste ökologische Protestbewegung seit vielen Jahren. Sie ist geprägt von Akten des Ungehorsams, der Verweigerung, weiter tatenlos zuzusehen. Die Proteste sind eine Antwort auf die globale Klimakrise und spiegeln deutlich das zunehmende Bewusstsein einer neuen Generation. Am Anfang wurden die Proteste kleingeredet, doch sie wachsen immer noch, Freitag für Freitag.

Die Natur werde dem Wirtschaftswachstum, dem Kapitalismus geopfert, für den Profit einiger Reicher, sagt Greta vor der UN-Klimakonferenz, das Video ihrer Ansprache hat sie berühmt gemacht. Sie hat recht. Es tobt ein weltweiter Krieg um Ressourcen, mit Verlierern und Siegern, ein Krieg, der zugleich ein Krieg zwischen Großmächten und ein Krieg gegen die Natur ist. Es geht um die Kontrolle des Wassers, den Abbau von Ölsand und teuren Erden, um die Förderung von Uran, Treibhausgasemissionen oder auch um die Frage, wer den Kampf gegen den Klimawandel bezahlen soll. Nur, um einige Beispiele zu nennen. Puzzlesteine, die oft getrennt voneinander gesehen werden, die aber weltweit Menschen verbinden, von den Menschen die am Mekong, einem der längsten Flüsse Asiens vom Fischfang leben, und deren Heimat von Staudämmen des chinesischen Staates bedroht ist bis zur indigenen Bevölkerung Chiles, deren Heimat Stück für Stück von Baggern und Motorsägen zerfressen wird.

Oben und Unten

Aber auch wenn die ökologische Krise global ist, sind nicht alle Menschen gleichermaßen davon betroffen: Während die Entscheidungen über unsere Welt vor Allem von alten Männern in den Büros von Firmen und Parteien getroffen werden, werden die Kinder und Jugendlichen von heute später mit den Konsequenzen leben müssen. Und die ökologische Frage verläuft auch zwischen Oben und Unten. Zwischen dem globalen Norden und Süden. Und zwischen den Klassen der Großgrundbesitzer, der Reichen und Kapitalisten auf der einen und den Arbeiter*innen, Angestellten und Bäuer*innen auf der anderen Seite.

Nichts macht das so deutlich wie der Klimawandel: Die Interessen der Vorstände der Kohleunternehmen sind mit den Interessen großer Teile der Menschheit unvereinbar. Weil der Profit des einen den Untergang der anderen bedeutet. Die ökologische Krise ist deshalb nicht zu lösen, ohne die Systemfrage zu stellen. Es ist auch eine Frage der Demokratie, des Kommunalismus oder Zentralismus, das zeigt sich unter anderem bei der Energiegewinnung: Kraftwerke die Energie aus Kernspaltung erzeugen, riesige Staudämme und Stromtrassen sind immer auch ein Ausdruck zentralistischer Herrschaftssysteme. Die Energiewende zeigt, dass die ökologische Krise nur durch dezentrale Lösungen behoben werden kann, sie zielt im besten Fall auf Selbstversorgung und Autonomie. Auf ein kommunales Versorgungs- und Entsorgungssystem.

Auch, und vielleicht gerade im Nahen Osten liegen die Zusammenhänge zwischen ökologischer und sozialer Unterdrückung auf der Hand. Die Ausbeutung des Öls durch transnationale Konzerne und imperialistische Staaten, riesige Staudämme die zu Versteppung ganzer Regionen führen und die Verpestung durch chemische Kriegswaffen sind da nur einige Beispiele. Auch in einigen Teilen des Nahen Ostens ist als Reaktion auf diese Naturzerstörung in den vergangenen Jahren eine Ökologiebewegung herangewachsen, noch ist es eine kleine Bewegung, doch sie ist in der Lage, die entscheidenden Fragen aufzuwerfen.

Ökologie ist auch eine der ideologischen Grundsäulen des radikaldemokratischen Aufbruchs in Rojava. Die Revolution von Rojava war von Anfang auch eine ökologische mit dem Ziel der dezentralen, ökologischen und diversen Landwirtschaft, nachhaltiger Energieversorgung und einer Produktionsweise, welche die Natur nicht ausbeutet und zerstört, sondern mit dieser im Einklang steht. Erreicht werden soll das durch die weitgehende Selbstversorgung der Kommunen und ein System von Kooperativen, also volkseigener Betriebe, welche von den Arbeiter*innen kontrolliert werden. Derzeit sind bereits große Teile der Landwirtschaft kollektivistisch organisiert und auch in den anderen Wirtschaftssektoren steigt der Anteil der kooperativen Wirtschaft gegenüber der klassischen kapitalistischen Produktionsweise. Somit ist Rojava nicht nur zu einer Hoffnung für die Freiheit der Frauen in der Region und ein friedliches und demokratisches Zusammenleben verschiedener Völker, Religionen und Kulturen geworden, sondern auch für ein ökonomisches System jenseits von Profitorientierung und Konkurrenz.

Ökologie in Rojava

Die schwierige wirtschaftlichen Lage, die Embargos und die ständige militärische Konfrontation haben dazu geführt, dass Ökologie in Rojava oft nur eine abstrakte Idee blieb, einige Anfänge wurden aber bereits gemacht: Die Landwirtschaft wird seit einigen Jahren zunehmend von Monokulturen auf eine diversifizierte Fruchtfolge umgestellt um die Böden zu schonen und dem Artensterben entgegenzutreten. Es wurde ein Müllentsorgungssystem aufgebaut, einige Gebiete wurden unter Naturschutz gestellt und in der Gesellschaft wird über Bildung und praktische Maßnahmen ein ökologisches Bewusstsein entwickelt. Darüber hinaus gibt es Wiederaufforstungsprogramme in deren Rahmen bereits zehntausende Bäume gepflanzt wurden. Die Wiederaufforstung wird auch von unserer Kampagne Make Rojava Green Again unterstützt.

Mit der Idee einer ökologischen Gesellschaft in Rojava, sind also konkrete Projekte verbunden, die in der Zukunft nicht nur dazu beitragen sollen, dass die Menschen trotz Klimawandel und ökologischer Herausforderungen in der Region leben können, sondern auch aufzeigen sollen, wie eine Gesellschaft im Einklang mit der Natur leben kann.

Vor Allem für das Problem der Wasserknappheit, müssen in Nordsyrien und im ganzen Nahen Osten dringend Antworten gefunden werden. Die Bäuerinnen und Bauern in der Region waren seit jeher auf das Wasser der Flüsse Euphrat und Tigris angewiesen, die aus dem Norden, also von türkischen Staatsterritorium Richtung Rojava fließen. Der türkische Staat nutzt das aus, er weiß: Wer das Wasser kontrolliert, der kontrolliert auch das Leben. Der türkische Staat errichtet in den von ihm Besetzen Teil Kurdistans riesige Staudammprojekte wie das in Hasankeyf, und so nimmt der Wasserpegel der wichtigsten Flüsse Flussabwärts immer weiter ab. Ganze Landstriche veröden, nicht nur in Rojava, sondern auch im Irak.

Wiederaufforstung kann das Austrocknen der Böden verhindern. Und durch eine Diversifizierung der Landwirtschaft konnte der Wasserverbrauch bereits gesenkt werden. Doch es steht fest: Mit der Politik der künstlichen Wasserknappheit durch die Türkei, werden sich die Probleme für Natur und Landwirtschaft weiter verschärfen.

Krieg gegen die Natur

Das zarte Pflänzchen des ökologischen Aufbruchs in Rojava ist durch den Krieg Erdogans bedroht. Die Besatzung von Afrin und der seit Jahrzehnten andauernde Krieg in den vom türkischen Staat besetzten Teil Kurdistans zeigen, dass die Kriege des türkischen Regimes sich bewusst auch gegen die ökologischen Lebensgrundlage der Menschen richten, systematisch werden in den kurdischen Gebieten Wälder in Brand gesteckt und landwirtschaftliche Flächen zerstört. Was für Kurdistan gilt, gilt für den gesamten Nahen Osten: Kriege werden in Toten, in Verwundeten und wirtschaftlichen Schäden gemessen, über die zerstörte Natur wird kaum gesprochen. Beispiel Irakkrieg 2003: Während Besatzung des Iraks durch das US-Militär, wurden hunderte Ölquellen angezündet. Flächenbombardements trafen Industrieanlagen wie Raffinerien, Pipelines, Chemie- und Düngerfabriken, Staudämme und Elektrizitätswerke. Tonnenweise verschossene Uranmunition belastet bis heute Wasser, Boden und Lebensmittel, die Krebsrate steigt. Und unter der Luft- und Wasserverschmutzung litten nicht nur Menschen, sondern auch hunderttausende Schafe und zehntausende Kamele starben an den Folgen der Verschmutzung.

In Syrien zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Auch dort wurden im Krieg immer wieder Ölfelder angezündet und verschiedene Konfliktparteien setzten chemische Kampfstoffe wie Sarin ein, oder Brandkampfstoffe wie weißen Phosphor. Es ließen sich endlos weitere Beispiele für den Zusammenhang von Imperialismus, Krieg und der Zerstörung der Natur anreihen. Im Buch „Make Rojava Green Again“, das auf Englisch, Italienisch und nun auch auf Deutsch erschienen ist, gehen wir darauf näher ein.

Die Kämpfe zusammenbringen

Nun plant das faschistische AKP-MHP Regime unter Erdogan die weitere Besatzung Nordsyriens. Damit würden nicht nur die konkreten begonnenen ökologischen Projekte zerstört – es droht die Zerstörung eines alternativen Gesellschaftskonzeptes und die Zerstörung der Hoffnung auf ein friedliches, solidarisches und ökologisches Zusammenleben im Nahen Osten. Das ist der Grund, warum sich auch immer mehr Ökologieaktivist*innen den Protesten gegen Erdogan und seine westlichen Unterstützer*innen in Wirtschaft und Politik anschließen. Zuletzt sind zahlreiche Ökologiegruppen aus Europa, Kanada, den USA und anderen Ländern, dem ökologischen Aufruf der Kampagne Make Rojava Green Again und der Mesopotamischen Ökologiebewegung zu den Global Days of Action am 27. Und 28. Januar gefolgt und haben die Proteste unterstützt.

Die Aktionstage weisen in die richtige Richtung: Wir müssen den Widerstand gegen die militärische Bedrohung des demokratischen Aufbruchs in Kurdistan und Nordostsyrien in eine Offensive und in eine Stärkung der Zusammenarbeit zwischen ökologischen, feministischen, antikapitalistischen und anderen progressiven Kräften verwandeln. Dazu müssen wir unseren Einsatz gegen den Krieg und unseren Widerstand gegen die Unterstützung Erdogans durch Konzerne und Regierungen in die ökologischen Kämpfe dieser Tage hineintragen.

Wie gelebte Solidarität und ein voneinander Lernen konkret aussehen kann zeigen die Genoss*innen vom Hambacher Forst: Manche von ihnen sind nach Rojava gekommen, um dort für eine solidarische und ökologische Welt zu kämpfen. Menschen wie Waka Şahîn Qereçox, der im Oktober 2018 auf den Seiten der Volksverteidigungseinheiten YPG im Kampf gegen den klerikalfaschistischen IS gefallen ist. Umgekehrt beteiligen wir uns als Kampagne auch an Aktionen anderer Ökologiebewegungen wie Ende Gelände, auch wir sitzen auf den Gleisen wenn es darum geht, den Kohletagebau im Hambacher Revier zu stoppen.

Ob Fridays for Future, die NoTap-Bewegung in Süditalien oder die Wiederaufforstung in Rojava: Es geht um eine gemeinsame Hoffnung! Und um gemeinsame Perspektiven! Lasst sie uns zusammenbringen und zeigen, dass wir viele sind. Die nächste gute Möglichkeit dafür bietet der weltweite Klima-Streik am 15. März.

6000 Personen verlassen innerhalb von zwei Tagen al-Bagouz

Innerhalb der letzten zwei Tage haben 6000 Personen die IS-Enklave al-Bagouz in Ostsyrien verlassen und sich den Demokratischen Kräften Syriens ergeben. Es kommt weiterhin zu Gefechten.

ANF / DEIR EZ-ZOR, 6. März 2019.

Bereits im Februar haben die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) Tausende Zivilist*innen und die Familien von IS-Dschihadisten aus dem Dorf al-Bagouz evakuiert, Hunderte Milizionäre des IS ergaben sich den QSD. Die verbliebenen Dschihadisten, die nicht kapitulieren wollten, wurden von den QSD in einem kleinen Gebiet umstellt.

Nachdem die Evakuierung der Zivilisten abgeschlossen war, wurde am 1. März die finale Offensive gegen das letzte vom IS besetzte Gebiet in Ostsyrien gestartet. In den ersten zwei Tagen kam es zu heftigen Gefechten. Die Dschihadisten versuchten mit Selbstmordattentaten und Granaten den Vormarsch der QSD zu stoppen, die QSD-Einheiten rückten trotzdem an allen Fronten weiter vor. Laut einer am 4. März veröffentlichten Bilanz sind vier QSD-Kämpfer*innen in der Offensive gefallen, 38 wurden verletzt. Die Anzahl der getöteten Dschihadisten belief sich auf 164.

Derartig bedrängt erfolgte ein Aufruf der IS-Dschihadisten an die QSD, die im Dorf verbliebenen Familien zu evakuieren. Wie der QSD-Kommandant Dilşêr Hesekê gegenüber der Nachrichtenagentur ANHA erklärte, seien die QSD über die hohe Anzahl der Menschen überrascht. Sie hätten sich in Tunneln und Gräben aufgehalten und wären so bei der erfolgten Aufklärung übersehen worden.

Um die Dschihadisten, die sich ergeben haben, und ihre Familienangehörigen zu evakuieren, ist die Offensive an einer Front unterbrochen worden.

Alle Wege des IS führen über die Türkei

Die IS-Dschihadisten, die sich den QSD in Ostsyrien ergeben haben, kommen von überall auf der Welt. Ihnen ist gemein, dass sie sich alle in der Türkei der Terrormiliz angeschlossen haben.

ERSIN ÇAKSU / DIYAR CIWAN aus DEIR EZ-ZOR, 6. März 2019.

Gestern und vorgestern haben sich erneut zahlreiche IS-Dschihadisten und ihre Familien in al-Bagouz den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) ergeben. In al-Bagouz befinden sich noch etwa 2.000 IS-Dschihadisten mit ihren Angehörigen, vorwiegend aus dem Ausland.

Alle IS-Mitglieder außer denen aus dem Irak haben erklärt, über die Türkei nach Syrien eingereist zu sein. Der größte Teil der Dschihadisten hatte keinerlei Schwierigkeiten beim Passieren der Grenze von der Türkei nach Syrien.

Abdulhamid Dimashq berichtet, er sei aus Marokko in die Türkei eingereist. Er erklärt „Vor fünf Jahren bin ich über die Türkei eingereist und habe mich dem Staat [gemeint ist der IS] angeschlossen. Nachdem ich in der Türkei war, bin ich hierhergekommen. Ich weiß nicht, welches Abkommen es zwischen dem Staat und der Türkei gegeben hat, aber sie haben mich sehr entspannt über die Grenze gelassen. Ich bin offiziell ausgereist. Als ich angekommen bin, war ich eine Weile in Homs, dann war ich in Mayadin. Ich war nie in den Regionen Kobanê oder Cizîrê.“

Aus Indonesien in die Türkei und von dort zum IS

Abu Liya reiste aus Indonesien in die Türkei, um sich dem IS anzuschließen. Er berichtet, er sei vor vier Jahren über die türkisch-syrische Grenze gekommen: „Zuerst kam ich in die Türkei, von dort bin ich hierhergekommen. Nach meinem Grenzübertritt war ich in Tadmur, dann gingen wir nach Raqqa und von dort hierher.“

Aus Afghanistan in die Türkei und von dort zum IS

Suleyman ist IS-Dschihadist aus Afghanistan. Er berichtet: „Ich reiste über die Türkei nach Syrien. Ich war in Dscharablus. Zuvor war ich in Minbic gewesen. Dann ging ich nach Tabqa. Dort wurde ich verletzt. Nach Tabqa ging ich nach Raqqa und blieb eine Weile in Mayadin im Krankenhaus. Ich arbeitete dann für die Presse über das Internet.“ Auf die Frage nach Reue gibt er keine Antwort.

Von Dagestan in die Türkei und zum IS

Wir treffen auch zwei Dschihadisten aus Dagestan in Russland. Abubakir Dagestan erzählt in gebrochenem Arabisch, dass er vor dreieinhalb Jahren über die Türkei in Syrien eingereist sei.

Von Saudi-Arabien in die Türkei und dann zum IS

Mustefa Selah schloss sich im Irak dem IS an. Er erklärt, er sei „für den Islam“ dem IS beigetreten. Ein anderer IS-Dschihadist ist Senhad Salih aus Saudi-Arabien. Er reiste über Kilis nach Azaz ein und berichtet, seine Frau sei in der von dem protürkischen Dschihadistenverband „Schutzschild Euphrat“ kontrollierten Region in Nordsyrien. Er möchte nach Saudi-Arabien zurückkehren.

Aus IS-Gefangenschaft befreite Eziden erreichen Şengal

Drei ezidische Frauen und 18 Kinder, die von den Demokratischen Kräften Syriens aus der IS-Gefangenschaft befreit wurden, sind zurück in ihrer Heimat Şengal.

ANF / ŞENGAL, 1. März 2019.

Die Befreiungsoffensive „Gewittersturm Cizîrê“ gegen die letzten Überreste der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) steht unmittelbar vor ihrem Abschluss. Die Terrorgruppe ist in Ostsyrien militärisch besiegt, da sich zwischen den Islamisten jedoch noch immer Zivilisten befinden, gehen die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) sehr vorsichtig vor. In wenigen Tagen wird es mit dem IS in der gesamten Grenzregion zum Irak zu Ende sein. Seit Dezember haben bereits Zehntausende Menschen das ehemals vom IS besetzte Gebiet verlassen. Täglich werden weitere Menschen in sichere Gebiete gebracht.

Unter ihnen sind auch Eziden, die beim Überfall des IS auf das Hauptsiedlungsgebiet Şengal im August 2014 verschleppt wurden. Von den bisher rund 30 aus der IS-Gefangenschaft befreiten Angehörigen der religiösen Minderheit sind seit heute 21 Eziden zurück in ihrer Heimat. Die drei Frauen und 18 Kinder wurden in Şengal von Hunderten Menschen jubelnd empfangen.

Irakische Grenzeinheiten behindert Übertritt

Bevor die Frauen und Kinder Şengal erreichen konnten, wurden sie zunächst jedoch von irakischen Grenzsoldaten daran gehindert, den Übergang zu passieren. Seit Ende Januar ist der von Guerilla- und YPG/YPJ-Einheiten nach dem Völkermord an den Eziden freigekämpfte humanitäre Korridor zwischen Şengal und Rojava geschlossen. Erst nach Protesten der Bevölkerung genehmigten die irakischen Militärs die Durchfahrt der Menschen, die nach fast fünf Jahren Gefangenschaft wieder in Freiheit sind.

Nach einem Zwischenstopp in Xanesor ging es mit dem Konvoi aus dem Hol-Camp im nordsyrischen Hesekê Richtung Sinune. Dort warteten bereits Tausende Menschen und empfingen die befreiten Eziden mit einer Begrüßungsfeier.

„Wir wurden zu Selbstmordattentätern ausgebildet“

Der ezidische Junge Milad Yusif ist 13 Jahre alt. Im August 2014 wurde er beim Überfall auf Şengal von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ verschleppt. In al-Bagouz gelang ihm die Flucht zu den Demokratischen Kräften Syriens.

ANF / HESEKÊ, 28. Febr. 2019.

Vor ihrer abschließenden Offensive „Gewittersturm Cizîrê“ gegen die letzten Überreste der Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) setzen die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) ihre Spezialoperationen zur Evakuierung der Zivilbevölkerung fort. Seit Dezember haben Zehntausende Menschen das vom IS besetzte Gebiet verlassen. Dazu haben die QSD einen Sicherheitskorridor eingerichtet. Täglich werden weitere Menschen in sichere Gebiete gebracht.

Unter den in Ostsyrien von der Terrorherrschaft des IS befreiten Menschen sind auch Eziden, die beim Überfall auf das ezidische Hauptsiedlungsgebiet Şengal im August 2014 verschleppt wurden. Der 13-jährige Milad Yusif ist einer von ihnen. Er wurde als achtjähriger am zweiten Tag des Genozids mit weiteren ezidischen Kindern entführt. Vor wenigen Tagen gelang ihm auf spektakuläre Weise die Flucht aus einem IS-Gefängnis in al-Bagouz. Mittlerweile befindet sich Milad in der Obhut der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien im Camp Hol in Hesekê. Im Gespräch mit Şevîn Hesen von der in Rojava ansässigen Nachrichtenagentur ANHA (Hawarnews) berichtete der Junge von seinem Martyrium bei der Terrormiliz, wie er nach Tal Afar im Nordirak gebracht wurde und schließlich in einem Gefängnis landete.

„Im Kerker waren wir 21 ezidische Kinder. Die IS-Banden haben uns jeden Tag verprügelt. Wir wurden gezwungen, den Koran auswendig zu lernen. Die Kinder, die sich weigerten oder schlecht rezitierten, wurden auf bestialische Weise zusammengeschlagen“.

Von Tal Afar aus habe man die Kinder nach einer Zeit an einen anderen Ort gebracht. Milad gibt an, einen Fluchtversuch unternommen zu haben, der letztendlich aufgrund seiner mangelnden Ortskenntnisse scheiterte. Später seien die Kinder noch weitere Male an verschiedene Orte gebracht worden. In al-Bagouz landeten sie ebenfalls in einem Gefängnis.

„Zwei Freunde und ich nutzten während der Essensausgabe die Gelegenheit zur Flucht, als die Tür zu unserem Kerker kurz offenstand. Danach erreichten wir die von den QSD befreiten Gebiete“.

„Einige Kinder haben tatsächlich Selbstmordanschläge ausgeführt“

Dass der „Islamische Staat“ Kinder zu Soldaten ausbildet und als Selbstmordattentäter einsetzt, ist seit Langem bekannt. Die Kinder werden zunächst einer Gehirnwäsche unterzogen, anschließend wird ihnen Arabisch beigebracht und wie der Koran auswendig gelernt und rezitiert wird. Auch Milad spricht Arabisch, obwohl seine Erstsprache Kurdisch ist.

„Wir Kinder wurden von den IS-Banden zu Selbstmordattentätern ausgebildet. Einige Kinder haben tatsächlich Selbstmordanschläge ausgeführt. Die Kinder wurden zu Soldaten für den Dschihad gemacht“, erzählt Milad.

„Ich möchte zurück nach Şengal

Die aus der Gefangenschaft des IS befreiten ezidischen Frauen und Kinder werden vom „Haus der Eziden“ der Region Cizîrê betreut. Die Einrichtung kümmert sich um die Rückführung der Eziden nach Şengal. Auch Milad möchte zurück nach Hause: „Ich habe meine Mutter und meinen Vater sehr vermisst. Ich möchte sie endlich wiedersehen“, sagt er. Ob seine Eltern den Genozid an der ezidischen Bevölkerung überlebt haben, ist ungewiss.

Überfall auf Şengal

Am 3. August 2014 wurden die Eziden mit dem Einfall des Islamischen Staates in Şengal einem weiteren Völkermord, dem 73. Ferman, überlassen. Wer sich retten konnte, flüchtete in die Berge. Auf dem Weg dorthin verdursteten unzählige Kinder und ältere Menschen. Wer es nicht mehr rechtzeitig aus der Stadt schaffte, wurde vom IS bestialisch ermordet. Mehr als 12.000 Menschen wurden nach UN-Angaben ermordet, über 400.000 aus ihrer Heimat vertrieben. Tausende junge ezidische Frauen wurden entführt, auf den Sklavenmärkten des IS verkauft, misshandelt und vergewaltigt. Hunderte Kinder wurden verschleppt und zu Soldaten, Henkern und Selbstmordattentätern ausgebildet. Etliche Frauen, Männer und Kinder werden bis heute vermisst.

Dem Völkermord vorausgegangen war der Abzug der Peschmerga-Einheiten der südkurdischen Regierungspartei PDK, die noch vor der Zivilbevölkerung geflohen waren und damit Tausende Ezidinnen und Eziden schutzlos und ohne Waffen zurückgelassen hatten. Den Guerillakämpfer*innen der PKK und den Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ gelang es hingegen, 30.000 Eziden, die im Gebirge gefangen waren, das Leben zu retten, indem sie einen Korridor freikämpften. Rund Tausend Frauen sind noch immer in Gefangenschaft des IS.