Hediye Yusif: Kein zweites Efrîn zulassen

Bei einem Einmarsch der Türkei in Nordsyrien würde sich die menschenverachtende Situation in Efrîn auf die gesamte Region ausweiten, warnt Hediye Yusif vom Frauenverband Kongreya Star.

ARAM HESEN / ŞEHBA, 9. Aug. 2019.

Seit der Besatzung von Efrîn im vergangenen Jahr hält sich Hediye Yusif bei den durch die türkische Invasion Vertriebenen im nordsyrischen Kanton Şehba auf. Sie gehört zur Koordination des Frauendachverbands Kongreya Star und hat sich gegenüber ANF zu einem möglichen weiteren Einmarsch der türkischen Armee in Nord- und Ostsyrien geäußert. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Angriffs sei nicht übersehen, erklärt sie: „Die aktuelle türkische Regierung hat mit ihrer Struktur das Potential, die Türkei in den Abgrund zu führen. Die USA und die internationale Koalition versuchen einen Mittelweg zu finden.“

Türkei will den Druck der USA verringern

„Auch die Türkei weiß, dass ein Angriff auf Nord- und Ostsyrien nicht den Interessen der US-geführten internationalen Koalition entspricht. Der türkische Staat steht wegen des Kaufs des russischen Raketensystems S-400 unter dem Druck der USA. Er befindet sich intern in einer großen Krise, die Regierungsmacht wird in Frage gestellt. Die NATO-Mitgliedschaft steht zur Diskussion. Aus diesem Grund bemüht sich die Türkei, über Zugeständnisse den Druck der USA zu verringern und neue Zugewinne zu machen. Dem Staat ist bewusst, dass die USA keinen Angriff zulassen werden, wenn er das nicht tut.“

Wenn die internationale Koalition die türkische Invasion nicht aufhält

„Sollte die Türkei jetzt angreifen, würde sich der Krieg auf die gesamte Region ausbreiten, dadurch würde Russland gestärkt. Den USA und der Koalition bleiben dann nur die beiden Alternativen, entweder zu kämpfen oder Syrien zu verlassen. Innerhalb dieser verworrenen Situation wird versucht, einen Mittelweg zu finden. Wir vernachlässigen die Möglichkeit eines türkischen Angriffs nicht. Die aktuelle türkische Regierung hat mit ihrer Struktur das Potential, die Türkei in den Abgrund zu führen. Die Drohungen sind sehr ernst.“

Ungebremste Menschenrechtsverbrechen in Efrîn

„Efrîn ist als Ergebnis eines Abkommens zwischen der Türkei, Russland, dem Iran und dem syrischen Regime besetzt worden. Die Kräfte, die mit uns gemeinsam den IS bekämpfen, haben dazu geschwiegen. In Efrîn haben Massaker und Plünderungen stattgefunden. Hunderttausende Menschen sind vertrieben und die Bevölkerungsstruktur ist verändert worden. Die IS-Mitglieder, die zuvor in Deir ez-Zor, Raqqa, Minbic und zuletzt in al-Bagouz waren, sind jetzt in Efrîn. Sie haben ihr Image verändert und bereiten sich auf einen neuen Krieg vor. Es findet eine gegen die Kurden gerichtete ethnische Säuberung statt, die mit aller Grausamkeit fortgesetzt wird. Parallel dazu wird versucht, einen arabisch-kurdischen Konflikt hervorzurufen und Efrîn türkisch werden zu lassen. Unmenschliches Vorgehen ist an der Tagesordnung. Leider gibt es keine Kräfte, die sich dazu äußern. Damit sich diese Situation nicht im gesamten Norden und Osten Syriens wiederholt, sind umfassende Vorbereitungen auf einen Massenwiderstand und entsprechende diplomatische Bemühungen notwendig.“

Das Embargo gegen Şehba aufheben

„Dem syrischen Regime mangelt es hinsichtlich einer Lösung an Ernsthaftigkeit. Ihm ist die zunehmende Zersplitterung Syriens bewusst und es weiß, dass die Türkei die von ihr besetzten Gebiete nicht wieder verlassen wird. Das zeigt schon allein das Beispiel Idlib. Jetzt werden verschiedene Erklärungen abgegeben, aber was wirklich zählt ist die Frage, wie ernst es das Regime mit einer Lösung meint. Innerhalb des syrischen Regimes gibt es einen Flügel, der die Krise durch eine Einigung mit den Kurden und der Autonomieverwaltung lösen will. Die Regierung bewegt sich jedoch nicht. Wir befinden uns hier in Şehba und das Regime hat beispielsweise bisher noch nicht einmal ein einziges Brot zollfrei in die Region kommen lassen. Şehba steht weiterhin unter einem Embargo. Selbstverständlich sind wir zu einer Lösung über einen Dialog bereit, aber auch das Regime muss diese Ernsthaftigkeit zeigen.“

Dutzende IS-Kommandeure Teil der Besatzungstruppen in Efrîn

Eine brisanter Datensatz deckt umfangreiche Details zu den Verbindungen zwischen hochrangigen ehemaligen IS-Mitgliedern und dem NATO-Partner Türkei auf. Mehr als 40 von ihnen arbeiten in Efrîn in der von Ankara installierten Militärverwaltung.

ANF / REDAKTION, 9. Aug. 2019.

Eine brisanter Datensatz deckt umfangreiche Details zu den Verbindungen zwischen hochrangigen Mitgliedern der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) und dem NATO-Mitglied Türkei auf. Mehr als 40 ehemalige Mitglieder der Dschihadistenmiliz arbeiten in der von der Türkei installierten Militärverwaltung im nordsyrischen Kanton Efrîn, enthüllt die Datenbank des Rojava Information Center (RIC), die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Dazu gehören Kommandeure, Brigadenführer, Rekrutierungsoffiziere und Koordinatoren, die eng mit dem türkischen Geheimdienst MIT zusammenarbeiten sollen. Die elektronische Datenbank mit quellenfundierten Informationen zur Rolle der ehemaligen IS-Mitglieder im selbsternannten Kalifat, ihrer neuen Rolle als Teil der türkischen Besatzungstruppen in Efrîn, ihrem Standort und biografischen Informationen liefert einen klaren Hinweis darauf, was in einem von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan geplanten „Friedenskorridor” in Nordsyrien passieren wird.

IS-Identitäten von Experten bestätigt

Einige Namen und Fotos der Personen wurden gemeinsam von RIC-Mitarbeitern und OSINT-Experten (Open Source Intelligence) aus Telegramm-Kanälen von dschihadistischen Gruppen in Efrîn zusammengetragen. Andere Informationen hat das Büro für auswärtige Angelegenheiten der Autonomen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien recherchiert. Internationale Dschihadismus-Experten haben einige dieser IS-Identitäten bereits im Rahmen des Anfang Juli in Amûdê veranstalteten IS-Forums bestätigt.

Die 43 gelisteten ehemaligen IS-Mitglieder sind den Recherchen zufolge durch den türkischen Staat in die unter dem fadenscheinigen Etikett „Freie Syrische Armee“ (FSA) bezeichneten Milizen, die sich an der Invasion von Efrîn beteiligten, reorganisiert worden. Die sogenannte FSA setzt sich aus Dutzenden Dschihadistenmilizen zusammen, darunter Jaish al-Islam, Sulaiman Schah und Sultan-Murad-Brigade, deren Kriegsverbrechen vielfach dokumentiert wurden. Die Datenbank enthält unter anderem die Namen von Isma’il Firas al-Abbar, einem ehemaligen IS-Kommandeur in Deir-ez Zor, der heute Brigadenführer in Efrîn ist; Basil Nayef al-Shehab, der für den IS in Kobanê gegen die YPG kämpfte, bevor er Kommandeur der Sultan-Murad-Brigade wurde und an der Besatzung Efrîns teilnahm, und Abu al-Baraa al-Ansari, ebenfalls IS-Kommandeur in Deir ez -Zor, der jetzt Kommandeur der protürkischen Miliz Ahrar al-Sharqiya ist.

FSA-Milizen werden Kriegsverbrechen beschuldigt

In der bis zur türkischen Invasion im Januar 2018 friedlichsten Region Syriens ist durch die Türkei und ihre FSA-Milizen ein Terror-Regime aufgebaut worden – Vertreibungen, Plünderungen, Entführungen und Folter sind die Folgen. Wo einst Geschlechtergerechtigkeit und ein demokratisch-pluralistisches Zusammenleben der Völker möglich war, herrscht heute ein Scharia-System, in dem Frauen dazu gezwungen werden, nur noch verschleiert und in männlicher Begleitung das Haus zu verlassen. Die weit verbreiteten Entführungen von Zivilisten sind zu einer gängigen Einkommensquelle der dschihadistischen Hilfstruppen des türkischen Staates geworden. Viele der Entführten werden gegen Lösegeldzahlungen wieder freigelassen, sofern ihre Angehörigen das Geld aufbringen können. Personen, denen eine Nähe zu den zuvor in Efrîn aufgebauten Selbstverwaltungsstrukturen nachgesagt wird, werden hingegen in die Türkei verschleppt oder ermordet. Andersgläubige müssen ohnehin um ihr Leben fürchten.

„Gruppen sind Teil einer Befehlskette, die in Ankara bei Erdoğan beginnt“

RIC-Mitarbeiter Joan Garcia erklärte zu dem Bericht: „Diese Datenbank führt nur einen Bruchteil des Ausmaßes der Absprachen zwischen dem IS und der Türkei auf. Es sind mehrere prominente IS-Kommandeure und -kämpfer, die dem türkischen Geheimdienst unterstehen und mittlerweile offen als Kommandanten der Milizen agieren, die von der Türkei finanziert, bewaffnet, ausgebildet und kontrolliert werden. Sie alle sind Teil einer Befehlskette, die in Ankara bei Präsident Recep Tayyip Erdoğan beginnt. Die Türkei gehört nur dem Namen nach der internationalen Anti-IS-Koalition an. In Wirklichkeit ist sie ein staatlicher Sponsor von Terrorismus und unterstützt Zehntausende Dschihadisten, darunter etliche mit direkter Verbindung zum IS.“

Sicherheitszone als Teil der türkischen Expansionspolitik

Der türkische Staat droht weiter mit einer Besatzung Nord- und Ostsyriens. Morgen trifft eine Abordnung von US-Militärs zu Gesprächen über die Einrichtung einer „Sicherheitszone“ in der Türkei ein.

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ERSİN ÇAKSU / GIRÊ SPÎ, 4. Aug. 2019.

Während der türkische Staat weiterhin unter der Bezeichnung „Sicherheitszone“ mit einer Besatzung Nord- und Ostsyriens droht, wird morgen eine Abordnung von US-Militärs zu Gesprächen in der Türkei erwartet. Bei dem Treffen sollen die Lösungspläne der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien und die Besatzungspläne des türkischen Staates behandelt werden.

Am 22. Juli hat James Jeffrey als US-Sondergesandter für Syrien in Ankara Gespräche mit türkischen Politikern geführt. Zeitgleich traf der Kommandeur der US-Streitkräfte (CENTCOM) Kenneth McKenzie in Ayn Issa mit dem Generalkommandanten der QSD, Mazlum Abdi, und Vertreter*innen der autonomen Selbstverwaltung zusammen.

Zwei verschiedene Pläne

Die Selbstverwaltung schlägt eine fünf Kilometer ins Landesinnere reichende Zone unter Auslassung der Städte im Grenzgebiet vor. Die Türkei besteht auf einem Gebiet, das 30 bis 35 Kilometer weit reichen soll. Nach den Gesprächen mit dem US-Gesandten Jeffrey wiesen Vertreter des türkischen Staates die Vorschläge als unzureichend zurück und drohten mit Krieg.

Erdoğan: Zerschmettern! – Bahçeli: Niederbrennen!

Während der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu die US-Pläne als unbefriedigend bezeichnete, erklärte Staatspräsident Erdoğan zu den Verhandlungen über eine Sicherheitszone: „Was auch immer dabei herauskommt, wir sind entschlossen, den Terrorkorridor im Osten des Euphrat zu zerschmettern. Dafür brauchen wir keine Erlaubnis.“

Sein Koalitionspartner Devlet Bahçeli (MHP) sagte: „Nordsyrien muss in Brand gesetzt werden, ihnen muss die Stärke der Türken gezeigt werden.“

Erklärungen von James Jeffrey

Jeffrey besuchte anschließend europäische Staaten aus der Anti-IS-Koalition. Nach seiner Rückkehr nach Washington erklärte er, dass mit der Türkei keine Einigung über eine Sicherheitszone erzielt werden konnte. Auf einer Pressekonferenz im US-Außenministerium sagte er, dass die USA an ihr Versprechen gebunden sind, keinen Angriff auf die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) zuzulassen. Er antwortete auf die Frage, ob die Garantie der USA für die QSD weiterbestehe: „Wir sind unserem Wort verpflichtet, dass diejenigen, die an unserer Seite kämpfen, von niemandem angegriffen werden. Das schließt die Türkei ein.“

Morgen Gespräche in Ankara

Die zweite Gesprächsrunde über die geplante Sicherheitszone findet morgen in der Türkei statt. Eine militärische Abordnung der USA wird mit türkischen Vertretern über die „Grenzsicherheit“ sprechen. Unterdessen dauern die Militärbewegungen der Türkei insbesondere an der Grenze zu Şêxler, Kobanê, Girê Spî und Serêkaniyê an. Die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien hat ihren Schwerpunkt auf diplomatische Aktivitäten gelegt. Die Bevölkerung und die militärischen Kräfte in der Region bereiten sich weiter auf eine Invasion der Türkei vor.

Neoosmanische Träume von Efrîn bis Kerkûk

Die Türkei strebt mit ihrem Besatzungsplan eine Neuauflage des Nationalpakts Misak-i Milli an. Bisher hat der türkische Staat Dscharablus, Azaz, al-Bab, Idlib und Efrîn besetzt, jetzt will er von Minbic aus die Gebiete Şêxler, Kobanê, Girê Spî, Serêkaniyê, Dirbêsiyê, Amûdê, Qamişlo und Dêrîk einnehmen, um von dort aus Kerkûk und Mosul zu erreichen.

Schritt für eine politische Lösung

Die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien erklärt bei jeder Gelegenheit, keinen Krieg zu wollen. Der von ihr vorgelegte Plan gilt als ein Schritt, der für eine politische Lösung gesetzt wurde. Wie Aldar Xelîl (TEV-DEM) gegenüber ANF erklärte, ist der Schwerpunkt der Arbeit auf diplomatische Initiativen gelegt worden. Dieses Ziel verfolgt auch der vorgelegte Plan, den Xelîl so zusammenfasst:

„Die Sicherheitszone kann bis zu fünf Kilometer ins Landesinnere reichen. Städte sind davon ausgenommen. Das Gebiet kann unter der Beobachtung der internationalen Koalition oder den UN stehen. Die Sicherheit in dem Gebiet obliegt nicht den YPG/YPJ und QSD, sondern Kräften der lokalen Räte. Die Kräfte der internationalen Koalition können in dem Gebiet patrouillieren. Die Präsenz türkischer Militärs wird ausgeschlossen, zivile Vertreter sind zusammen mit der Koalition denkbar.“

Türkei will internationalen Verkehrsweg einnehmen

Die Türkei besteht dagegen auf einer 30 bis 35 Kilometer ins Landesinnere reichenden „Sicherheitszone“. Ungefähr 30 Kilometer entfernt von der Grenze verläuft ein internationaler Verkehrsweg (Rotko), der von Südkurdistan bis nach Aleppo führt. Von dort aus bestehen Verbindungsstraßen nach Damaskus und in die arabischen Länder. Mit der Einnahme dieser Straße, die eine wichtige Handelsroute darstellt, würde die Türkei ihren neoosmanischen Träumen näherkommen. Im zweiten oder dritten Schritt des türkischen Besatzungsplans ist vorgesehen, Erdöl aus Kerkûk und Deir ez-Zor ans Mittelmeer zu transportieren.

Erstes Ziel ist Girê Spî

Das erste Besatzungsziel der Türkei ist Girê Spî (Tall Abyad). Von dort aus soll Ain Issa erreicht werden, wo die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien ihren Sitz hat. Der türkische Staat rechnet sich aus, dass durch den Fall von Ain Issa der Weg nach Raqqa geöffnet würde. Mit dieser Offensive soll als weiterer Schritt der Besatzung die Verbindung zwischen Kobanê, Cizîrê, Raqqa, Tabqa, Minbic und Deir ez-Zor gekappt werden.

Ausgedehntes Kriegsgebiet

Die Selbstverteidigungskräfte und die Bevölkerung in Nordostsyrien trifft umfangreiche Vorbereitungen, um einem türkischen Angriff langfristig begegnen zu können. Mazlum Abdi, der Kommandant der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), hat in einer früheren Erklärung darauf hingewiesen, dass sich die Kampfhandlungen bei einem möglichen Angriff der Türkei nicht auf das angegriffene Gebiet beschränken werden. Der Krieg werde sich in diesem Fall auf ein Gebiet von 600 Kilometer Länge ausweiten.

Auf die Frage, inwieweit die Bevölkerung gegen eine türkische Invasion Widerstand leisten wird, antwortete Aldar Xelîl, dass die Menschen in der Region bereits seit Beginn des Syrien-Kriegs Widerstand leisten und diese Haltung beibehalten werden. „Diese Menschen haben bereits zu viele Kriege erlebt. Um sie vor einem weiteren Krieg zu bewahren, setzen wir vorrangig auf diplomatische Arbeit“, erklärte er. „Sollte es jedoch zu einem Angriff kommen, wird die Bevölkerung Widerstand leisten. Sie bereitet sich darauf vor. Zurzeit beobachten wir in der demokratischen Öffentlichkeit sowie in den vier Teilen Kurdistans und in der im Ausland lebenden Bevölkerung eine hohe Aufmerksamkeit für das Thema. Die Menschen werden sich gegen eine Besatzung zur Wehr setzen.“

Kobanê: Jeden Tag durch Schüsse geweckt werden

Die Bewohner der Dörfer an der Grenze zur Türkei werden jeden Tag durch Schüsse geweckt. Die türkischen Militärbasen entlang der Grenze bedeuten für die Menschen in Nordsyrien eine tägliche Lebensgefahr.

ANF / KOBANÊ, 4. Aug. 2019.

Für die Menschen in den Dörfern im Kanton Kobanê an der Grenze zur Türkei ist das Alltagsleben von einer ständigen Bedrohung geprägt. Die Militärbasen auf türkischer Seite der Grenze sind größer als die Dörfer in Rojava. Der türkische Staat droht mit einer Invasion und hat Truppen im Grenzgebiet zusammengezogen.

Immer wieder werden Zivilisten von Soldaten der türkischen Armee beschossen. Die Angriffe auf die Menschen in den Dörfern werden immer häufiger. Das Alltagsleben ist dadurch zum Erliegen gekommen. In den letzten zwei Wochen ist im Kanton Kobanê auf Zivilisten aus den Dörfern Xerîb, Kerbenaf, Alîşar, Seftek und Goran geschossen worden.

Am 30. Juli erlitt der 17-jährige Mahir Hesen in Seftek, einem Dorf westlich von Kobanê, einen Kopfschuss. Er befindet sich weiter in Lebensgefahr. Am 24. Juli wurde Kanîwar Şahîn Cezayir (29) aus Qeremox bei der Arbeit auf dem Feld angeschossen. Nach Angaben der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien sind im Grenzgebiet bisher 800 Menschen durch Schüsse türkischer Soldaten verletzt worden.

Neue Dokumentarfilm über Rojava

https://www.dw.com/de/dokfilm-rojava-nordsyrien-die-kurden-zwischen-krieg-und-demokratie/av-49880731

 

TV-Tipp: ROJAVA – Die Kurden zwischen Krieg und Demokratie

Der Regisseur und Produzent Michael Enger ist nach Rojava gereist, um sich die Region nach dem Sieg gegen den IS anzuschauen. Der dabei entstandene Film wird heute bei der Deutschen Welle ausgestrahlt.

ANF / REDAKTION, 4. Aug. 2019.

Bei seinem jüngsten Besuch in Rojava/Nordsyrien hat der Filmproduzent Michael Enger sowohl die Errungenschaften der Bevölkerung in der Region portraitiert, als auch die Kriegsgefahr durch die Türkei und das Assad-Regime nachgezeichnet. Sein Film wird heute bei der Deutschen Welle ausgestrahlt. Bereits jetzt ist der Film auf der Internetpräsenz des Senders online zu sehen:

https://www.dw.com/de/dokfilm-rojava-nordsyrien-die-kurden-zwischen-krieg-und-demokratie/av-49880731

Die Ankündigung zum Film lautet wie folgt:

„Ende März 2019 haben die von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) die letzte Bastion des so genannten „Islamischen Staates“ befreit. Nach jahrelangen blutigen Auseinandersetzungen konnten die Kurden und die mit ihnen verbündeten arabischen und assyrischen Milizen den militärischen Sieg über den IS feiern.

Wie geht es nun weiter im Norden von Syrien? Jede der am Konflikt beteiligten Parteien hat offensichtlich eigene Pläne für die Region – US-Amerikaner, das Regime von Assad, Russland, Iran und die Türkei. Was aber denken die Kurden über ihre Zukunft? Welche politischen und sozialen Entwicklungen streben sie in ihrem Gebiet an? Müssen sie Errungenschaften, die im verlustreichen Krieg gegen den IS erkämpft wurden, angesichts der Bedrohung durch die Türkei und der Konfrontation mit dem syrischen Regime wieder aufgeben?

Das Reporterteam konnte sich ein eigenes Bild machen von der Situation in Rojava – wie die Kurden ihr Gebiet im Norden Syriens nennen. Die Reportage stellt unterschiedliche Aspekte ihres gesellschaftlichen und politischen Experimentes vor, mit dem sie vor Jahren begonnen haben und das sie nun weiterentwickeln wollen.

Die Reise nach Rojava war zugleich ein Wiedersehen mit Orten und Menschen, die die Reporter wenige Jahre zuvor während des Krieges dort getroffen hatten.“

Die Sendezeiten des Dokumentarfilms „Rojava – Nordsyrien: Die Kurden zwischen Krieg und Demokratie“ auf dem deutschsprachigen Sender der Deutschen Welle lauten:

So 04.08.19        18:15:00        DW Deutsch

Mo 05.08.19       03:30:00        DW Deutsch

Mo 05.08.19       15:30:00        DW Deutsch

Di 06.08.19         04:45:00        DW Deutsch

Di 06.08.19         11:15:00        DW Deutsch

Mi 07.08.19        08:00:00        DW Deutsch

Sommerschule für Lehrende aus Efrîn

Aus Efrîn geflohene Lehrer*innen nehmen an einer Sommerschule an der Şehîd-Polat-Efrîn-Akademie in Şehba teil.

 

MÎRAN EBDO/ROJ DENİ / ŞEHBA, 3. Aug. 2019.

Mit der türkischen Besetzung von Efrîn am 16. März 2018 waren Hunderttausende gezwungen ihre Heimat zu verlassen und flohen in die Regionen Şehba und Şêrawa. Der türkische Staat und seine Kollaborateure hofften, die Bevölkerung werde sich zerstreuen und auflösen. Trotz aller Schwierigkeiten der Flucht konnten sich die Menschen aus Efrîn ihren hohen Organisierungsgrad bewahren und setzen einerseits den Widerstand fort, während sie sich andererseits Möglichkeiten zum Leben schaffen. Die Bevölkerung von Efrîn organisiert ihr Leben in Şehba auf kommunaler Grundlage. Trotz aller schwerwiegenden Probleme wurde auch die Bildung von Kindern, Jugendlichen und Studierenden neu aufgebaut. Die Lehrer*innen von Efrîn sind in dem „Bildungskomitee für eine demokratische Gesellschaft“ (Komîteya Perwerdeya Civaka Demokratîk, KPCD) organisiert. Sie organisierten vom ersten Tag an den Unterricht für die Kinder aus Efrîn. Im ersten Jahr wurde noch in Zelten unterrichtet. Im zweiten Jahr waren bereits vom Krieg zerstörte Schulen wieder repariert und in Betrieb genommen worden, sodass der Schulbetrieb nur noch teilweise in Zelten ablief.

Mit Beginn der Sommerferien bilden sich die Lehrer*innen selbst weiter. An der Şehîd-Polat-Efrîn-Akademie findet zurzeit eine solche Bildungseinheit statt. Wir sprechen mit Zahide Mehmo aus der Leitung der Bildungseinheit.

„Diese Bildungseinheit wird einen Monat dauern. Diese Bildungseinheit zielt darauf ab, Lücken in der Fachausbildung und Persönlichkeitsprobleme zu überwinden. Die Lehrer*innen werden auch in ideologischer Hinsicht gestärkt und arbeiten daran, Probleme bei der kurdischen Sprache und Grammatik zu beseitigen“, erklärt uns Zahide Mehmo.

Zum Tagesablauf erläuter sie: „Wir beginnen früh mit Sport. Dann dauert die Bildung von 8.00 bis 16.00 Uhr. Natürlich gibt es zwischen den Stunden kurze und längere Pausen. Am Abend schauen wir uns als Lehrer*innen Filme oder Dokumentationen an. Unser Ziel ist es, dass sich unsere Lehrer*innen in jeder Hinsicht bilden. Außerdem arbeiten unsere Lehrer*innen auch in den Kommunen, den gesellschaftlichen Bildungskommissionen oder anderen Einrichtungen mit. So stellen die Lehrer*innen in einem gewissen Sinne die Führung der Gesellschaft dar und müssen entsprechend ausgebildet werden. Wir werden mit diesem Ziel an der Akademie unterrichtet.“

Rojava: „Wir erziehen unsere Kinder zum ersten Mal ezidisch“

Das „Mala Êzidî“ der Region Cizîre in Nordsyrien hat in Tirbespiyê zum ersten Mal ein Bildungsprogramm zu ezidischer Kultur und Religion aufgelegt.

ANF / TIRBESPIYE, 3. Aug. 2019.

Das Mala Êzidî (Ezidisches Haus) der Region Cizîre hat zum ersten Mal in Tirbespiyê ein Bildungsprogramm zu ezidischer Kultur und Religion aufgelegt. An dem nach dem gefallenen ezidischen HPG-Kämpfer Lava Cendo benannten Programm nehmen etwa 40 Menschen unterschiedlichen Alters teil.

Das Büro für Glaubensangelegenheiten der Region Cizîrê hat ein Lehrbuch zum Ezidentum auf Kurdisch veröffentlicht. Das Buch behandelt die ezidische Kultur, Weltanschauung und den Gauben. Nesîm Şemo vom Bildungskomitee beschreibt, wie der IS am 3. August 2014 das Hauptsiedlungsgebiet von Ezid*innen im Mittleren Osten angriff, um die ezidische Gesellschaft zu vernichten. Jetzt unterrichtet er Kindern ezidische Kultur und Glaube in ihrer Muttersprache.

Die Ko-Vorsitzende des Mala Êzidî in der Region Cizîrê, Leyla Ibrahim, sagt zu dem neuen Bildungsangebot: „Zum ersten Mal bilden wir die Kinder in der ezidischen Religion und Kultur aus.“ Der elfjährige Sewsen Selo, der den Unterricht besucht, sagt, es mache ihn sehr glücklich seine Kultur und Muttersprache zu lernen

Fridays for Future und Attac diskutieren über Rojava-Revolution

Vom 31. Juli bis zum 4. August findet der Fridays for Future-Sommerkongress in Dortmund statt und parallel die Sommerakademie von Attac in Bochum. Mit dabei ist auch die Kampagne „Make Rojava Green Again“.

ANF / REDAKTION, 31 Jul 2019.

Auch nach vielen Monaten des Streikens, hat sich in der Politik in Bezug auf Klimaschutz wenig getan. Daher ist es höchste Zeit zu diskutieren und zu planen wie es weiter geht. Nicht nur um für einen Wandel der Politik zu demonstrieren, sondern auch darum, wie wir eine wirklich erfolgreiche ökologische Bewegung schaffen können. Dazu wird am 1. August auf dem Sommerkongress von „Fridays for Future“ die Kampagne Make Rojava Green Again über die Revolution in Rojava sprechen. Wie wichtig es ist, die ökologische Krise als Teil der Krise der kapitalistischen Moderne zu verstehen und demnach im Aufbau einer selbstbestimmten und ökologischen Gesellschaft eine Lösung zu Suchen.

Doch der Kongress von „Fridays for Future“ wird nicht der einzige Ort diesen Sommer sein, an welchem Rojava Thema ist. Parallel zum Kongress findet in Bochum die Attac Sommerakademie statt, auf welcher das Modell des Demokratischen Konföderalismus und auch die ökologischen Arbeiten von „Make Rojava Green Again“ vorgestellt werden.

Sirîn: Symbol des friedlichen Zusammenlebens

Von Sirîn aus plante der IS viele seiner Verbrechen. Nach der Befreiung wurde nicht nur die Stadt, sondern auch das gesellschaftliche Leben aufgebaut. So wandelte sich Sirîn in Nordsyrien vom Symbol des Schreckens zu einem Ort des Zusammenlebens.

ANF / SIRÎN, 28. Juli 2019.

Sirîn liegt etwa 42 Kilometer südlich von Kobanê und wurde 2015 von den Kräften der YPG/YPJ befreit. Die Stadt hat sich vom Zentrum des IS in großen Schritten hin zu einem Beispiel radikaldemokratischer Selbstorganisierung und friedlichen Zusammenlebens entwickelt. Der IS hatte von Sirîn aus beispielsweise das Massaker von Kobanê am 25. Juni 2015 geplant. Bei diesem Massaker gingen IS-Dschihadisten als Kräfte der Selbstverwaltung verkleidet von Haus zu Haus und ermordeten über 250 Männer, Frauen und Kinder.

Sirîn hat sich seit der Vertreibung des IS vollkommen verändert. Der stellvertretende Ko-Vorsitzende des Stadtrats, Mahmud al-Berho, sagt: „Die Stadt war der Ort des Grauens. Die ganze Infrastruktur wurde dem Erdboden gleichgemacht. Es war ein sehr schwerer Prozess, der Stadt neues Leben einzuhauchen.“

Erste Schritte

Über die erste Phase des Wiederaufbaus sagt al-Berho: „Wir haben eine Bäckerei eröffnet und die vom IS gesprengten Stromleitungen repariert. Drei Monate arbeiteten wir daran, die vom IS zerstörten Wasserleitungen wieder auszubessern.“ Später wurden dann das Volkshaus, die Stadtverwaltung, Gesundheits- und Kultureinrichtungen aufgebaut. Al-Berho berichtet, wie viele Schwierigkeiten überwunden werden mussten, um diese Aufgaben zu vollenden. Nachdem die Arbeiten an der Kanalisation, der Wasser- und Stromversorgung abgeschlossen und die Straßen repariert waren, begann die Arbeit an der Beleuchtung und der Einrichtung von Parks in der Stadt. Durch den Wiederaufbau wurde auch der Handel in der Region neu belebt.

Bildung

Hîsen Hemed Remî von der Leitung der Schulen von Sirîn berichtet von einer Änderung des Bildungssystems. Er betont, dass sich das Bildungssystem seit der Befreiung massiv entwickelt hat. Alle Institutionen waren vom IS zerstört worden. Remî erklärt: „Wir haben einen Krieg gegen die vom IS geschaffene Mentalität der Finsternis begonnen. Anschließend begannen wir mit der Wiedereröffnung der in militärische Stützpunkte und Munitionsdepots umgewandelten Schulen.“ Remî erzählt, dass an den wieder aufgebauten Schulen mittlerweile 16.500 Schülerinnen und Schüler ausgebildet werden.

Gesundheit

Emanî al-Berho arbeitet im Gesundheitsbereich. Sie berichtet: „Die Gesundheitszentren der Stadt wurden vom IS als Militärbasen genutzt. Die Banden nutzten alle Gesundheitseinrichtungen als Munitionsdepots.“ Am Anfang habe praktisch keine Möglichkeit zum Wiederaufbau bestanden. Sie erinnert sich: „Die Gesundheitszentren wurden wiederhergestellt und konnten wieder Leistungen anbieten. In den Gesundheitszentren gibt es Abteilungen für Notfälle, Kinder- und Frauenabteilungen.“

Sirîn hat sich vom Symbol des Schreckens zu einem Beispiel der Selbstorganisierung und des Zusammenlebens der verschiedenen Identitäten gewandelt.

Cizîr (türkisch-Kurdistan): Volksversammlungen als Rückgrat der Kommunalverwaltung

Bei der ersten Volksversammlung in Cizîr nach den Kommunalwahlen erklärten die Ko-Bürgermeister, dass sie von nun an gemeinsam mit der Bevölkerung die Stadt verwalten wollen.

ANF / CIZÎR, 25. Juli 2019.

In Cizîr (Cizre) ist die Bevölkerung zu der ersten von mehreren Volksversammlungen mit den Ko-Bürgermeister*innen der HDP zusammengekommen.  Auf der Versammlung im Bezirk Nur wurden Kritiken geäußert, die Probleme der Stadt diskutiert und Lösungsvorschläge aus der Bevölkerung eingeholt. An der Versammlung nahmen auch die Abgeordnete aus der Provinz Şirnex (Şırnak), Nuran Imir, sowie weitere Verantwortliche der HDP teil.

Auf der Versammlung wurde zunächst der Bevölkerung mitgeteilt, welche Schritte die neue Kommunalverwaltung seit den Wahlen vom 31. März in Cizîr eingeleitet hat. Auch die Probleme und Schäden, welche durch die Zwangsverwaltung bis zu den Wahlen in der Stadt verursacht worden sind, waren Thema der Zusammenkunft. Die HDP-Abgeordnete Imir machte deutlich, dass die HDP sich das Ziel der „Volkskommunalverwaltung“ auf die Fahnen geschrieben habe. Die Bevölkerung soll nicht nur aktiv in die Fragen der Verwaltung eingebunden werden, sie sei das Rückgrat jeglicher Stadtpolitik.

„Gemeinsam werden wir unsere Stadt leiten“

Im Namen der Ko-Bürgermeister*innen übte Berivan Kutlu Selbstkritik gegenüber der Bevölkerung, weil die erste Volksversammlung in Cizîr zu lange auf sich warten gelassen hat. Von nun sei es allerdings an der Zeit, die Stadt gemeinsam mit der Bevölkerung zu leiten. Auch der zweite Ko-Bürgermeister Mehmet Zırığ machte deutlich, dass nach dieser Versammlung weitere Zusammenkünfte mit der Bevölkerung in den anderen Stadtteilen von Cizîr anstehen.

Im weitere Verlauf der Versammlung wurden verschiedene Kritiken und Vorschläge der Bevölkerung an die Stadtverwaltung eingeholt. Dabei kamen Themen wie der Straßenbau, die Wasserversorgung der Stadt oder auch der zunehmende Drogenmissbrauch unter den Jugendlichen zur Sprache. Die erste Volksversammlung  von Cizîr wurde bis in die späte Nacht fortgesetzt.