Rückkehr nach Efrîn: Vertriebene fordern ihre Häuser zurück
Immer mehr Vertriebene kehren nach Efrîn zurück, doch viele finden ihre Häuser weiterhin besetzt vor. Die GfbV berichtet von Geldforderungen, Drohungen und Tausenden nicht zurückgegebenen Immobilien.
Die Rückkehr der aus Efrîn vertriebenen kurdischen Bevölkerung kommt voran, doch die Folgen der türkischen Besatzung sind vielerorts weiterhin sichtbar. Nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) befinden sich Tausende Häuser und andere Immobilien noch immer in den Händen protürkischer Milizen und sunnitisch-arabischer Siedler:innen, die nach der Vertreibung der kurdischen Bevölkerung in Efrîn angesiedelt wurden. Betroffene fordern mit der Kampagne „Mein Haus ist meins“ die Rückgabe ihres Eigentums.
Seit dem Integrationsabkommen zwischen der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) und der syrischen Übergangsregierung in Damaskus konnten zahlreiche Vertriebene nach Efrîn zurückkehren. Insbesondere nach dem Abzug protürkischer Milizen aus vielen Orten habe sich die Lage verbessert, berichtet der österreichische Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger, der die Region vor kurzem besucht hat. „Vor allem ältere Personen sind in ihre angestammte Heimat zurückgekehrt. Dennoch ist die Situation nach wie vor äußerst kompliziert. Niemand weiß, wie es weitergeht“, erklärte Schmidinger gegenüber der GfbV.
Türkische Präsenz weiterhin sichtbar
Von einem vollständigen Ende der Besatzung könne weiterhin nicht gesprochen werden, so Schmidinger. Zwar habe sich die Sicherheitslage deutlich verbessert, doch gebe es noch immer einzelne türkische Militärposten. Auch türkische Fahnen und Symbole seien weiterhin zu sehen, und bezahlt werde nach wie vor überwiegend mit der türkischen Lira statt mit dem syrischen Pfund. Parallel zur politischen und militärischen Neuordnung stellt die Eigentumsfrage eines der größten Probleme für die Rückkehrenden dar. Nach Angaben der GfbV sind allein in der Stadt Efrîn etwa 6.000 Häuser sowie Dutzende weitere Immobilien von arabisch-sunnitischen Siedler:innen besetzt.
Tausende Dollar für das eigene Haus
Die Rückkehr in die Heimat bedeutet deshalb für viele Familien nicht, dass sie auch in ihre früheren Häuser zurückkehren können. Nach Angaben des GfbV-Nahostreferenten Kamal Sido werden von Eigentümer:innen teilweise zwischen 2.000 und 6.000 US-Dollar verlangt, damit besetzte Immobilien geräumt werden. „Angesichts ihrer schwierigen Lebensbedingungen können sie diese Beträge jedoch kaum aufbringen“, erklärte Sido. Wer auf der Rückgabe seines Hauses oder anderer Immobilien bestehe, werde teilweise schikaniert und mit dem Tod bedroht. Um auf die fortdauernde Enteignung aufmerksam zu machen, haben Kurd:innen, die während der türkischen Invasion aus Efrîn vertrieben wurden, die Kampagne „Mein Haus ist meins“ ins Leben gerufen. Sie fordern die Rückgabe der besetzten Häuser, Grundstücke und Geschäfte an ihre rechtmäßigen Eigentümer.
Besetztes Eigentum auch in Aleppo
Das Problem beschränkt sich nach Angaben der GfbV nicht auf Efrîn. Auch in kurdisch geprägten Vierteln von Aleppo befinden sich Häuser und andere Immobilien weiterhin in fremder Hand. Sido ist selbst davon betroffen. Dem aus Efrîn stammenden Menschenrechtler gehört ein Geschäft in Aleppo, das über lange Zeit vermietet war. „Seit dem Einmarsch der Islamisten in das Stadtviertel ist es besetzt. Die Person will weder den Laden räumen noch Miete zahlen“, berichtet er.
Vertreibung und Ansiedlungspolitik seit 2018
Die heutige Eigentumsfrage ist eine Folge des türkischen Angriffskrieges von 2018 und der darauf folgenden Besatzung der Region. Die türkische Armee begann am 20. Januar gemeinsam mit verbündeten islamistischen Milizen ihren Angriff auf Efrîn. Nach rund zweimonatigem Widerstand wurde die Stadt am 18. März besetzt.
Hunderttausende Menschen wurden vertrieben oder zur Flucht gezwungen. Die GfbV beziffert ihre Zahl auf etwa 400.000. Gleichzeitig wurden Menschen aus anderen Teilen Syriens und verschiedenen Ländern in den Häusern der vertriebenen Bevölkerung angesiedelt. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation sank der kurdische Bevölkerungsanteil in Efrîn dadurch von rund 96 Prozent auf weniger als 35 Prozent.
Mit dem Integrationsabkommen zwischen der Selbstverwaltung und der Übergangsregierung hat inzwischen eine neue Phase begonnen, in der die Rückkehr der Vertriebenen wieder möglich geworden ist. Für viele entscheidet sich die tatsächliche Rückkehr jedoch erst an der Frage, ob sie auch ihre Häuser, Grundstücke und Geschäfte zurückerhalten.
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