Michael Wilk aus Rojava: „Wir sind Katastrophen gewöhnt”

Der Wiesbadener Arzt Dr. Michael Wilk ist mal wieder in Rojava. In einem Beitrag äußert er sich zu seinen Beobachtungen vor Ort und die Invasionsdrohungen der Türkei.

ANF / REDAKTION, 5. Sept. 2019.

Der Wiesbadener Notfallmediziner Michael Wilk reist seit 2014 immer wieder nach Nordsyrien. 2017 war er als Notfallmediziner in Raqqa. Im letzten Jahr arbeitete er mit dem Kurdischen Roten Halbmond (Heyva Sor a Kurd) zusammen, um Nothilfe für die aus Efrîn geflüchteten Menschen zu leisten. Aktuell hält sich Wilk, der auch anarchistischer Autor und Umweltaktivist ist, wieder in Rojava auf. Auf seiner Facebook-Seite äußerte er sich heute zu seinen Beobachtungen vor Ort und die Invasionsdrohungen der Türkei:

„Wir sind Katastrophen gewöhnt”

Invasionspläne Erdogans gescheitert – gute Aussichten und Entspannung für Rojava?

Die großspurigen Pläne und Phantasien Erdogans zur Wiederherstellung des Osmanischen Großreichs sind vorerst an der Realität gescheitert. Die Invasionsdrohung und der Aufmarsch tausender Soldaten an der Grenze Rojavas war verbunden mit dem vollmundigen Versprechen, die militärischen und zivilen Strukturen der Selbstverwaltung Rojavas zu zerschlagen.

Daraus wird erstmal nichts, auch wenn Erdogan nicht müde wird, die demokratische Föderation Nord- und Ostsyrien/Rojava zur Terroristenzone zu erklären und wenn nicht gleich die völlige Zerstörung, so doch die Errichtung einer über 30 Kilometer breiten „Sicherheitszone” zu fordern. Selbstredend inklusive der Kontrolle der Zone durch die türkische Armee und ebenso die Option, Geflohene eigener Wahl dort rücksiedeln zu können.

Übrig geblieben ist, nach deutlicher Ansage der USA, keinesfalls einen Einmarsch türkischer Truppen auf das mit ihnen verbündete Rojava zulassen zu wollen und ein fünf, selten bis 14 Kilometer breiter Streifen, in der örtliche kurdische Selbstverteidigungseinheiten die Kontrolle übernehmen sollen. Die kurdischen Einheiten der YPG/YPJ sollen sich aus dem Gebiet zurückziehen.

Dieses, unter Vermittlung des Natopartners USA zustande gekommene Ergebnis, taugt wohl gerade zur Wahrung des Gesichts auf Seiten Erdogans, der die Karte einer kurdischen Bedrohung vor allem deshalb spielt, um von dem zunehmenden ökonomischen und innenpolitischen Desaster der Türkei abzulenken. Nicht nur der Wert der türkischen Lira ist im freien Fall, sondern ebenso das Vertrauen breiter Teile der Bevölkerung in Bezug auf Erdogan, wie die verlorenen Wahlen in den größten Städten des Landes bezeugen. Doch damit nicht genug, die türkische militärische Präsenz in der syrischen Provinz Idlib gerät zunehmend in Gefahr, von Assad-Regime treuer und russischer Armee überrannt zu werden. Die Unterstützung dortiger dschihadistisch-salafistischer Milizen wie der früheren Al-Nusra-Front (jetzt Jabhat Fatah al-Sham) durch Erdogan ist nicht nur kostspielig, sondern bringt den türkischen Staatschef auch international zunehmend in Misskredit (vielleicht einmal abgesehen von der Nibelungentreue der deutschen Regierung, die weder bei der Invasion Afrins durch die türkische Armee 2018 mit Kritik glänzte, noch die deutschen Waffenlieferungen stoppte). Die versprochene Kontrolle der Milizen in Idlib durch die Türkei entpuppte sich als Muster ohne Wert, die blutige Rückeroberung durch Regimetruppen steht bevor. Doch auch wenn der Stern Erdogans im Begriff ist zu Sinken und eine erneute Invasion türkischer Truppen in Nordsyrien vorerst abgeblockt werden konnte, bedeutet dies keinesfalls mehr als eine Atempause bezüglich der Zukunft Rojavas.

Die Ansätze basisdemokratischer Selbstverwaltung, die praktizierte Gleichberechtigung von Mann und Frau, eine de facto Teilautonomie, sind nicht nur von türkischer Seite bedroht, sondern ebenso von einem despotischen Assad-Regime, das unter der Kontrolle Russlands agiert (und, wenn auch in weit geringerem Maß, auch unter dem Einfluss Irans steht) und das mit Sicherheit nicht bereit ist, seinen Herrschaftsanspruch auf den Norden des Landes aufzugeben. Last not least, die nicht minder große Gefahr, in der durch existenzielle Bedrohung aufgezwungenen Zusammenarbeit mit der USA Abhängigkeiten zu fixieren und einen dauerhaften Souveränitätsverlust zu erleiden.

Nichtsdestotrotz begegnet mir in den zahlreichen geführten Gesprächen eine große Zuversicht bezüglich dieser diffizilen Lage. So höre ich immer wieder, dass man aus den schlimmsten Situationen herausgefunden habe, indem man auf die eigene Kraft vertraute. „Wir sind doch an Katastrophen gewöhnt”, wird mir gesagt, „aber natürlich hoffen wir auch auf die Solidarität der Freundinnen und Freunde in der ganzen Welt.”