Traumapädagogik in Revolution, Krieg und Embargo

Auf einer Veranstaltung in Frankfurt hat ein Team des Zentrums für Traumapädagogik in Hanau über eine Reise nach Rojava und die traumapädagogische Arbeit unter den Bedingungen der Revolution, des Krieges und des Embargos berichtet.

ANF / FRANKFURT, 24. Juli 2019.

Im April reiste ein Team des Zentrums für Traumapädagogik der WELLE aus Hanau zum wiederholten Mal nach Kobanê und Qamişlo in der Demokratischen Föderation Nordostsyrien und setzte seine Fortbildungsreihe mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eines Waisenhauses und der „Stiftung der freien Frauen in Rojava“ fort. Wenige Tage nach dem Jahrestag der Revolution von Rojava am 19. Juli berichtete das Team am Dienstag auf einer Veranstaltung des Vereins Städtefreundschaft Frankfurt-Kobane über die traumapädagogische Arbeit unter den Bedingungen der Revolution, des Krieges und des Embargos.

Im Waisenhaus von Kobanê leben auch Kinder, die nach der Besetzung Efrîns im Januar 2018 vertrieben wurden. Thomas Lutz, Mitarbeiter der WELLE, kommentierte dies so: „Wir versuchen den Traumatisierungen zu begegnen, die durch deutsche Leopard-Panzer bei der Invasion der türkischen Armee und ihrer dschihadistischen Söldner in Efrîn verursacht wurden.“

Pädagogische Ansätze an spezifische Bedingungen angepasst

An den traumapädagogischen Fortbildungsveranstaltungen nehmen Mitarbeiter*innen der Stiftung der freien Frauen in Rojava teil, aber auch Vertreterinnen des Frauendachverbands Kongreya Star und externe Lehrer*innen sind willkommen. Sie finden jeweils an fünf Tagen statt und durch die intensive Zusammenarbeit sind Vertrauen und Freundschaften entstanden. Für das Team der WELLE ist es ein gemeinsamer Lernprozess. Heike Karau erklärte dazu: „Wir sind dabei, eine gemeinsame Sprache zu finden und erarbeiten die Fortbildungsinhalte gemeinsam, weil unsere Konzepte von Traumapädagogik eventuell gar nicht auf Rojava übertragen werden können. Es ist schön zu sehen, dass die Inhalte ernst genommen werden und traumapädagogische Ansätze von den Mitarbeiterinnen an ihre spezifischen Bedingungen und Erfordernisse angepasst und weiterentwickelt werden.“

Sprachliche Barrieren mit nonverbalen Übungen überbrückt

Die letzte Fortbildung im Waisenhaus von Kobanê war letzten Oktober, kurz nach der Einweihung des Hauses. Damals hatten die Kinder das Haus noch nicht richtig in Besitz genommen, wurde auf der Veranstaltung in Frankfurt berichtet: „Das war dieses Mal deutlich anders, die Kinder bewegten sich viel selbstsicherer in ihrem Zuhause.“

Die Fortbildungsveranstaltungen werden ins Kurdische übersetzt und auch hierbei zeigen sich die Probleme einer unterdrückten Sprache. Die WELLE-Mitarbeiterin Newroz Duman erklärte: „Das Thema Trauma fachgerecht ins Kurdische zu übersetzen, ist sehr schwierig. Auch das Sprechen über Gefühle und  Körperempfindungen ist nicht leicht und so haben wir viel nonverbal mit Körper-Schema-Übungen gearbeitet.“ Neu hinzugekommene Kolleg*innen wurden schnell in die Seminar-Gruppe integriert. Das Bedürfnis, Erfahrungen weiterzugeben, an Fallbeispielen zu verdeutlichen und sich Rat einzuholen, ist bei allen Beteiligten groß. Obwohl die Arbeit sehr intensiv und anstrengend war, wollten die Beteiligten immer noch mehr lernen.

Allgegenwärtige Kriegsgefahr

Auf die Frage aus dem Publikum, wie sehr die Kriegsdrohungen der Türkei das Leben in der Demokratischen Föderation Nordostsyrien beeinflussen, antworten die Mitarbeiter*innen der WELLE: „Die Kriegsgefahr ist allgegenwärtig, sie ist zur Normalität geworden und das ist schlimm. Schuld daran sind die Türkei und Europa. Gleichzeitig gestalten die Menschen ihren Alltag mit viel Optimismus und der Entschlossenheit, ihr Leben so zu leben, wie sie es sich wünschen. Gerade bei jungen Frauen sei der Wille, sich zu bilden und unabhängig zu sein, sehr groß. Die Bedrohung ist da, aber die Stärke der neuen Gesellschaft ist es auch.

Die Veranstaltung endete mit einem Bericht über einen Besuch im Frauendorf JINWAR. Auf dem Weg dorthin traf das WELLE-Team zufälligerweise den kurdischen Sänger Rotinda, der im Dorf ein kleines Konzert gab.