Bildungskampf in Syrien

Eine kleine oppositionelle Universität versucht in Syrien den Menschen eine Zukunft zu geben, die vom staatlichen Bildungssystem ausgeschlossen wurden. Doch Krieg, Assad-Regime und extremistische Aufstände machen dem Kollegium das Leben schwer. Kürzlich wurde die Hochschule zum vierten Mal vertrieben.

Universität Freies Aleppo

Studierende lernen im Freien, weil bewaffnete Männer der HTS die Hochschule belagern.

 

Als 2011 in Syrien die Revolution begann, gaben nicht wenige syrische Studierende ihre Ausbildung auf, um für den Sturz des Assad-Regimes zu streiten. Im Glauben an eine bessere Zukunft für alle, setzten sie ihre eigene auf Spiel. Andere hatten keine Wahl: Sie verloren ihre Studienplätze, weil sie festgenommen wurden. Außerdem versperrten vielerorts Checkpoints und Kriegshandlungen den Weg zur Universität.

Dadurch hat der Aufstand in Syrien zu zahllosen gebrochenen Ausbildungsbiografien geführt – besonders bei den jungen Menschen, die in den von aufständischen Milizen kontrollierten Teilen des Landes lebten. Denn hier gab es lange keine Hochschule. Ein Studium in vom Regime kontrollierten Gebieten war allerdings zu gefährlich, weil sie dessen Repression zu fürchten hatten. Nur wer ins Ausland floh, bekam eventuell dort die Chance auf eine akademische Ausbildung. Jene junge Menschen, die Syrien nicht verlassen konnten, blieben zurück.

Die Odyssee der FAU

Vor diesem Hintergrund gründeten oppositionelle Studierende und Mitarbeitende der Universität Aleppo 2015 die Universität Freies Aleppo (FAU) im Osten der kriegsgeplagten Metropole. Die Initiator*innen wollen den jungen Menschen im kriegsgeplagten Land eine Chance auf eine Zukunft geben. Dass es nicht einfach werden würde, war allen Beteiligten von Anfang an klar. Die Geschichte der FAU gleicht aber einer Odyssee: Vier Mal wurde die Hochschule bisher von ihrem Standort vertrieben. Zum ersten Mal im Jahr 2016, als Aleppo vom Regime erobert wurde. Als Konsequenz zog die FAU in die Provinz Idlib. Aber auch dort kam der Unibetrieb nicht zur Ruhe. Denn: Die aus al-Qaida hervorgegangene Miliz Hai’at Tahrir al-Sham (HTS) versucht seitdem die Hochschule unter ihre Kontrolle zu bringen. „HTS strebt schon lange die Hegemonie über den Bildungsbereich an“, erklärt Ahmad, der am Institut für Arabische Literatur arbeitet. „Deshalb haben sie auch eine eigene Hochschule gegründet.“

Die Bedrohungslage zwang die FAU zu einem Standortwechsel innerhalb Idlibs. Doch die Konflikte mit den Dschihadisten, die auf totale Kontrolle in den von ihnen kontrollierten Gebieten bestehen, rissen nicht ab. Ende 2018 glaubten die Verantwortlichen schließlich einen Zufluchtsort für die FAU in Atareb gefunden zu haben, einer Stadt im Umland Aleppos, die sich seit Jahren erfolgreich gegen HTS zu Wehr gesetzt hatte. „Aber dann ging alles wieder von vorne los“, erinnert sich Ahmed. „Die Uni wurde von HTS regelrecht überfallen und geplündert.“

Studierendenproteste gegen HTS

Besonders für die technischen Studiengängen hatten die Plünderungen durch HST desaströse Folgen. „Wir hatten gerade erst ein Chemielabor eingerichtet, in das wir viel Geld gesteckt haben“, erzählt Ahmed. „Und auch unsere Bibliothek müssen wir nun wieder ganz von vorne aufbauen.“

Als sich die Mitarbeiter weigern, sensible Daten der Studenten und der Finanzabteilung zu übergeben, nehmen die Dschihadisten den stellvertretenden Direktor und den Buchalter der Uni fest. Es kommt zu Protesten, die Studierenden wollen nicht, dass HTS ihre Uni übernimmt. Die Radikalen verhaften mehrere der Aktivist*innen.

Der Bildungskampf geht weiter

Rund 7.000 Studenten hatte die FAU vor ihrer letzten Vertreibung. Ihre akademischen Standards stehen denen „echter“ syrischer Unis in nichts nach, beteuern die Mitarbeiter. Dennoch hat die FAU dasselbe Problem wie die Universität Rojava, die sich im von den Kurden kontrollierten Teil Syriens gegründet hat: Die Abschlüsse werden international noch nicht anerkannt, auch wenn die Mitarbeiter*innen hart darauf hinarbeiten.

Doch derzeit plagen die FAU fundamentalere Sorgen: Anfang des Jahres 2019 muss sie nach Azaz abziehen, einer Stadt im türkischen Besatzungsgebiet. Dort fangen sie nun wieder einmal von vorne an. Viele der Lehrenden haben bereits vor dem Krieg an staatlichen Unis doziert. Natürlich könnten gerade diejenigen mit Masterabschlüssen oder Doktortiteln relativ problemlos ins Ausland ziehen und dort ein neues Leben anfangen, sagt Ahmed. „Aber wir haben eine Revolution begonnen und das bedeutet eben auch, Opfer zu bringen. Man kann doch Hunderttausende Menschen hier nicht ohne Bildungsmöglichkeiten zurücklassen.“