Ohne die bewaffneten Frauen der YPJ wäre der IS nicht besiegt worden

Bêrîtan Sarya und Axîn Tolhildan von ANF in Qamişlo, 4.4.2019.

Interview mit Nesrin Abdullah, Sprecherin der YPJ

Der 4. April ist der 6. Jahrestag der Gründung der YPJ = Yekîneyên Parastina Gel (Frauenverteidigungseinheiten). Wir führten mit der YPJ-Sprecherin Nesrin Abdullah aus diesem Anlass ein langes Interview, aus dem wir hier Auszüge wiedergeben zum Kampf gegen den IS und die Konsequenzen, zu den Beziehungen mit den Frauen auf der ganzen Welt und zu den Plänen der YPJ für die kommenden Jahre. (In der Homepage weitere Teile des Interviews zur Entstehungsgeschichte der YPJ).

– In diesen Tagen wurden die letzten Flecken Erde aus der Hand des IS befreit. Können Sie uns vom Kampf erzählen, gegen die YPJ gegen den IS geführt hat?

Den IS bekämpfen wir seit 2013. Im Ergebnis haben wir mehr als 52 Tausend km² des Landes befreit und mehr als 5 Millionen Menschen gerettet. In diesem Kampf sind 600 Kameradinnen gefallen und Tausende verletzt worden. Für uns ist die Befreiung des Landes und der Frau ein derart hehres Ziel, dass wir dafür ohne weiteres unser Leben opfern.Mit dieser Entschlossenheit gehen wir vom ersten Tag an bis heute in den Kampf.

Der IS ist der Feind der Frauen und eine große Gefahr. Er hat in diesem Geist seinen Krieg gegen die Frauen geführt. Auch der IS hat kapiert, dass wir nicht nur einen Kampf mit den Waffen führen.

Wenn die Frauen in diesem Krieg gegen den IS nicht diese Aufgabe übernommen hätten, wäre es kaum möglich gewesen, mit ihm fertig zu werden. Die YPJ war in diesem Krieg zugleich eine geistige Kraft, eine ideelle Macht. Ihre pure Existenz machte dem IS große Angst. Denn er sah sich einem Heer gegenüber, das fest entschlossen ist, ihn zu vernichten. Die anderen Truppen, die gegen ihn kämpften, konnten vielleicht aus strategischen Gründen zu Übereinkommen bereit sein; aber der YPJ ging es ums Ganze, um die „Vernichtung der Frauenfeindschaft“.

In Cezaa, um das Dorf Huseniye begann der Krieg. Die zweite Schlacht war die von Til Khemis, da war ich Kommandantin an der Front. Ich war Zeugin, wie der IS Panik unter den Leuten verbreitete. Eine Macht, die den Menschen die Köpfe abschnitt, sie lebendig verbrannte, in Stücke riss und auf diese Art und Weise Panik unter den Menschen verbreitete. Aber niemand konnte sich vorstellen, wie ausgerechnet Frauen gegen eine solche Kraft Krieg führen könne. Unsere Präsenz auf dem Schlachtfeld machte ihre Sicherheit zunichte, denn ein IS – Kämpfer, der durch die Hand einer Frau fällt, kann nicht mehr in den Himmel kommen. Das brachte den IS völlig durcheinander. Sowohl die feudalen Überzeugungen hinsichtlich der Frau gerieten ins Wanken als auch dass dem „Märtyrer“ der Platz im Himmel garantiert war. Es nützte nichts, sein Leben zu opfern, der Tod war noch schrecklicher. Fällt ein IS.Kämpfer durch die Hand einer Frau, dann war sein Leichnam „haram“; er durfte nicht mehr ordentlich begraben, sondern musste verbrannt werden. Die Leichen der IS-Kämpfer wurden nicht eingesammelt. Im Grunde war das im Denken der IS-Leute die Vernichtung.

Das hatte natürlich große Auswirkungen auf die Frauen und auf die Gesellschaft überhaupt. Als wir Girê Spî erreichten, sahen die Frauen (dort leben vor allem AraberInnen) in der YPJ ein Befreiungskraft. „Kommt und befreit uns aus der Unterdrückung“, riefen sie uns zu. Das war für uns ein großer Erfolg und machte uns ziemlich stolz. Ein Erfolg von strategischer Bedeutung. Denn wenn die Frau kein Vertrauen in die (Kraft der) Frau hat, wird sie auch nie ihren eigenen Kräften vertrauen.

– Wie die YPJ gegen den IS den Kampf führte, das hat bei den Frauen in der ganzen Welt Aufsehen erregt und der YPJ Zulauf gebracht. Was hat die Frauen so angezogen?

Nach Kobanê ist die YPJ sozusagen zu einer internationalen Kraft geworden. Das gab den Frauen in der ganzen Welt Selbstwertgefühl. Von der Revolution in Rojava breitete sich das über Syrien in die Revolution auf der ganzen Welt aus. Aus diesem Grund haben sich Hunderte von Frauen, die gar keine Kurdinnen waren, der YPJ angeschlossen. Etliche dieser Genossinnen sind gefallen: Ivana, Legerin, Helin, Toprak und andere.

Die Frauen auf der ganzen Welt brauchen eine solche Kraft. Wenn auf dieser Welt einmal der Frieden ausbrechen sollte und Gerechtigkeit herrschen, wenn zwischen den Geschlechtern die Gleichheit sich festigen sollte, dann durch die Hand der Frau. Und die YPJ sieht sich eine Kraft, die notwendig ist, um diesen Übergang zu erreichen.

– Wie sind YPJ und YPG miteinander verbunden? Und beide sind Teil der DKS (Demokratischen Kräfte Syriens) – wie werden Beschlüsse gefasst?

Innerhalb der militärischen Struktur der YPG haben die YPJ ihren Platz, vom Team-Kommandanten bis zum Oberkommando. Das gleiche gilt für die DKS. Im Oberkommando von YPG und DKS haben die YPJ ihren Platz. Das heißt, die YPJ sind Teil der YPG als auch der DKS. Alle Beschlüsse werden gemeinsam gefaßt.

Und unsere spezifischen Angelegenheiten verfolgen und organisieren wir selber. Das gilt für die YPJ als auch für die Frauen innerhalb der YPG. Sämtliche frauenspezifische Beschlüsse werden von Kommandantinnen gefaßt.

– Welche Ziele verfolgt Ihr auf diplomatischer Ebene?

Wir streben an, weltweit die Einheit der Frauen herzustellen. Während und nach der Schlacht um Kobanê gab es mit vielen Ländern einen regen Austausch mit Besucherinnen

und auch mit Organisationen. 2017 organisierten wir eine (internationale) militärische Konferenz und kamen überein, gemeinsame Projekte, Praxis und Ziele zu entwickeln.

Wir sind keine Organisation irgendeiner Macht, sondern eine Kraft zur Frauen-Verteidigung. Derzeit halten wir es für nötig als YPJ, einen zweiten Schritt zu tun und eine weltweite Frauen-Verteidigungskraft zu schaffen. Die Notwendigkeit dazu spüren wir, und wir sind auch dazu bereit.

Die Oberkommandierende der YPJ, Newroz Ehmeci, sagte, „den Frauen weltweit, welche das für notwendig halten, wollen wir mit unsrer Erfahrung und unseren Mitteln zur Seite stehen“. Erwarten sowas Frauen anderer Länder von euch?

Wir stehen fest auf unseren ursprünglichen Prinzipien und sind bereit, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, alle Frauen zu unterstützen. Als zum Beispiel der IS Şengal überfiel, traten wir sofort in Aktion, um Şengal zu schützen. Mit dem Ergebnis, dass wir über 600 Êzidi-Frauen und Kinder vor dem IS retten konnten.

Als YPJ begrenzen wir uns absolut nicht auf die Verteidigung der kurdischen Frauen. In den von uns befreiten Gegenden setzten wir alles uns mögliche für die arabischen Frauen ein, damit sie ihre Organisationen zur Selbstverteidigung aufbauen. In Minbic haben die Frauen ihren eigenen Militärrat gegründet. Das gleiche gilt für die YJŞ (der êzidischen Frauen). Sowohl unsere logistischen Mittel als auch unsere Erfahrung haben wir ihnen zur Verfügung gestellt. Auch die aramäischen Frauen haben ihre eigenen Verteidigungs-Einheiten geschaffen, und heute koordinieren wir uns mit ihnen.

Das gilt für die ganze Welt. Wie unsere Kommandantin sagte: Wir sind bereit, auf der ganzen Welt, wo es auch sei, mit den Frauen, die eine Organisation zur Selbstverteidigung gründen wollen, mit unseren Erfahrungen und unseren Mitteln zur legitimen Selbstverteidigung, zur Verteidigung der Frau und der Gesellschaft, beizustehen.

Die YPJ ist nicht allein eine militärische Organisation, sondern auch eine kulturelle; im Grunde stellt sie ein neues Modell dar. Aus diesem Grunde traten etliche Frauen-Organisationen, die Organisationen zur Selbstverteidigung gründen wollen, an uns heran, um von unseren Erfahrungen zu profitieren. Frauen, die vor allem in solchen Ländern leben, in denen Krieg herrscht, in denen keine stabilen Verhältnisse vorhanden sind.

Ich appellieren an Frauen in der ganzen Welt: Es geht darum, Einheiten zur Selbstverteidigung der Frauen zu schaffen. Ich sage nicht, nur auf militärischer Ebene. Auf der Ebene der Ideen, der Politik, des eigenen Körpers, in jeder Hinsicht muss es Mechanismen zur Selbstverteidigung geben. Wir brauchen die gemeinsame Organisierung der Frauen auf weltweiter Ebene. Nur über eine solche Organisierung kann eine friedliche und gerechte Gesellschaft geschaffen, die Kriege beendet und ein Zustand geschaffen werden, in dem die Menschheit sorgenfrei und in Ruhe leben kann.