Sechs Jahre YPJ: Wachsen und die Gesellschaft verändern

Vor sechs Jahren sind die Frauenverteidigungseinheiten gegründet worden. Die YPJ-Sprecherin Nesrin Abdullah wirft einen Blick zurück in die Anfangszeit, als die kurdischen Frauen in Rojava zu den Waffen griffen.

BÊRÎTAN SARYA / AXIN TOLHILDAN aus QAMIŞLO, 4. April 2019.

Die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) wurden am 4. April 2013 gegründet. Aus Anlass des sechsjährigen Bestehens hat sich die YPJ-Sprecherin Nesrin Abdullah im ANF-Interview zu den Entwicklungen seit den ersten Anfängen geäußert.

Sie waren bereits in der Gründungsphase der YPJ dabei. Auf welcher Grundlage wurden die YPJ gegründet?

Frauen spielen eine strategische Rolle für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker sowie für die Ruhe und Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Geschlechtergleichheit, gesellschaftliche Gerechtigkeit, ein Leben in freier Partnerschaft und mit eigener Identität sind wichtig für eine Gesellschaft. Das sehen wir vor allem an der kurdischen Gesellschaft. Das kurdische Volk hat sich trotz jahrhundertelanger Kolonialisierung und feindlicher Angriffe das eigene Ich bewahrt. Das war kein politischer Anspruch, aber als Volk hat es die eigene Kultur, Existenz, Traditionen und Bräuche geschützt. Dafür war es immer im Widerstand.

In der Geschichte gab es viele Revolutionen und die Vergangenheit ist voll mit den Geschichten dieser Revolutionen. Dabei waren Frauen immer maßgeblich beteiligt und sind in den Vordergrund getreten. Selbst zu Zeiten, in denen es keine Frauenorganisationen gab, haben Einzelfrauen das Geschehen geprägt.

Im Vergleich mit den anderen Teilen Kurdistans hat Rojava immer Hilfestellung geleistet und Möglichkeiten geschaffen. Es hat jedoch keine Revolution stattgefunden und es gab keine organisierten Verteidigungsmechanismen, insbesondere keine, an denen Frauen Anteil hatten. In der Geschichte Rojavas ist es erstmalig zu einer Revolution gekommen, und in dieser Revolution spielen Frauenverteidigungseinheiten eine führende Rolle. Das war ein historischer Prozess für Rojava.

Es war also eine Premiere, die wir allerdings im Zusammenhang mit dem Kampf der Kurden sowie der Frauen weltweit und der kurdischen Frauen sehen müssen. „Wir sind im Beginn der Geschichte verborgen und die Geschichte in unserer Gegenwart“ – Diese Aussage ist nicht umsonst gemacht worden. Die bestehende Kampferfahrung hat in Rojava und vor allem in den Frauen von Rojava Gestalt angenommen. Als YPJ betrachten wir uns selbst als Fortsetzung des Erbes, das aus den Kämpfen der Frauen weltweit und der kurdischen Frauen hervorgegangen ist. Die YPJ ist unter der Führung von Kurdinnen aufgebaut worden.

Rojava ist vom Baath-Regime, einem chauvinistischem und ignoranten System, regiert worden. Nicht nur die Frauen, das gesamte kurdische Volk war entrechtet. Es gab kein Recht auf Identität und politischen Status. Die herrschende Unterdrückung war so groß, dass den Kurden nicht einmal das Ausleben der eigenen Kultur und Bräuche gestattet war. Es gab viele Gefallene und Frauen wurden der Folter unterzogen. Trotzdem hat die Bevölkerung von Rojava niemals kapituliert. Vor allem Frauen wurde keine Luft zum Atmen mehr gelassen, aber sie haben darauf beharrt, für sich selbst zu sprechen und sich politisch zu organisieren.

Ein weiterer Faktor sollte nicht vergessen werden: In diesem Teil Kurdistans hat zwar früher keine Revolution stattgefunden, aber es war das Nest, aus dem alle Revolutionen Kurdistans hervorgegangen sind. Und Abdullah Öcalan hatte großen Einfluss in diesem Gebiet. Er hat jahrelang Bildungsarbeit zur Frauenbefreiungsideologie in der Bevölkerung geleistet, diese Arbeit hat unter den Frauen große Wirkung gezeigt. Bereits damals haben sich zahlreiche Frauen aus Rojava dem Befreiungskampf angeschlossen und viele von ihnen sind gefallen. Auch heute noch ist diese Wirkung spürbar. Frauen haben Selbstvertrauen gewonnen und in der Bevölkerung ist ebenfalls Vertrauen entstanden. Dieser Faktor hat zur Entstehung der YPJ beigetragen.

Wie ist es zu dem Entschluss gekommen, die YPJ zu gründen?

Die YPJ sind nicht plötzlich auf Beschluss von oben gegründet worden und sie sind auch nicht einfach so entstanden. Sie sind auf der Basis eines Bewusstseins gegründet worden, auf einer wissenschaftlichen Basis. Die Geschichte der Frauen weltweit und der kurdischen Frauen ist erforscht und interpretiert worden. Der Beschluss zum Aufbau eigener Frauenkräfte basiert auf wissenschaftlichen Feststellungen. Um einen starken Aufbruch zu ermöglichen, sind Vorbereitungen für den notwendigen Unterbau getroffen worden.

Unsere erste Feststellung in der Gründungsphase war der bestehende Bedarf nach spezifischen Fraueneinheiten zur Selbstverteidigung. Als zweites stellten wir fest, dass eine YPJ ohne Ideologie nicht möglich ist. Es war eine ideologische Teilnahme nötig, der reine Beitritt hat nicht ausgereicht. Wenn die Frauen sich und ihrer eigenen Stärke nicht vertrauen und kein Bewusstsein haben, hätte es keinen Unterschied gegeben. Frauen hätten Waffen getragen und Männer ebenso. Deshalb war die Frauenbefreiungsideologie für uns wesentlich.

Auch für die eigene Verteidigung war ein Maßstab notwendig, deshalb haben wir auf die legitime Selbstverteidigung gesetzt. In den darauf folgenden Entwicklungen war diese Linie immer maßgeblich und deshalb bestehen wir auch heute noch.

Es hat auch eine Auseinandersetzung über den Maßstab von Akzeptanz und Ablehnung von Frauen und die Frage der eigenen Organisierung stattgefunden. Neben den positiven Faktoren wie dem Vertrauen, das in uns gesetzt wurde und der bei uns heranwachsenden Entschlossenheit und Beharrlichkeit gab es schließlich auch viele Schwierigkeiten.

Was waren das für Schwierigkeiten?

Es war das erste Mal, dass in der Region Frauenverteidigungseinheiten aufgebaut wurden. Frauen wollten zur Waffe greifen und in diesem Teil der Welt eine eigene Identität darstellen. Das war für die Gesellschaft nicht so einfach zu akzeptieren, die Menschen akzeptierten es nicht. Wir wissen, dass die Gesellschaft in Kurdistan und im Mittleren Osten feudal ist. Es herrschte eine patriarchale Denkweise.

Im Mittleren Osten waren sowohl eine weibliche als auch eine männliche Mentalität entstanden. Dieser Denkweise zufolge waren Frauen hilflos. Ihnen wurde ein Leben innerhalb des Hauses zugewiesen. Frauen wurde beigebracht, dass sie nur auf die Welt kommen, um Kinder zu gebären und Männer zufriedenzustellen, dass sie schön, zerbrechlich und sanft sind. Bei den Männern hatte sich ein Herrschaftsverständnis festgesetzt. Natürlich gab es auch die vom Feind geführte Politik, die nicht nur innerhalb der Gesellschaft, sondern auch in der Persönlichkeit von Frauen eine lähmende Wirkung hatte.

Wie ist es Ihnen dann gelungen, in einer Gesellschaft mit festgeschriebenen Geschlechterrollen erstmalig Frauenverteidigungseinheiten aufzubauen?

Wir haben festgestellt, dass wir zunächst eine kleine Gruppe Frauen brauchen, die andere Frauen organisieren können. Hierbei haben Şehîd Warşin und Şehîd Jinda eine große Rolle gespielt. Beide haben viel dazu beigetragen, andere Frauen zum Beitritt zu den YPJ zu überzeugen. Die YPJ gab es noch gar nicht, aber es gab bereits den Beschluss, sie zu gründen. Deshalb mussten zunächst Frauen gefunden werden, die dazu bereit waren, ansonsten hätte der reine Beschluss keine Funktion gehabt. Wir sind von Haus zu Haus gegangen, haben uns mit den Frauen beschäftigt und mit ihnen geredet. Wir haben uns mit ihren Familien zusammengesetzt und stundenlang diskutiert. Diese Diskussionen dauerten manchmal tagelang, sogar monatelang an. Durch unsere Beharrlichkeit konnten Frauen davon überzeugt werden, sich dem Kampf anzuschließen.

Die Persönlichkeiten der Frauen waren nicht darauf vorbereitet, denn die Frauen werden innerhalb der Traditionen der Gesellschaft sozialisiert. Die Träume von Frauen gingen nicht über den Schulbesuch, ein Haus, einen Partner und Kinder hinaus. So war die Situation von Frauen in unserer Gesellschaft. Für uns war der Beitritt einer Frau genauso bedeutungsvoll wie die Befreiung einer Nation. In diesem Bewusstsein gingen wir vor. Es war schwierig für uns, aber es war sehr wichtig. Uns war bewusst, dass wir eine sehr schwierige Aufgabe übernommen haben, und mit jeder neuen Frau, die sich uns anschloss, wurde unsere Last leichter. Es war ein Erfolg und dieser Erfolg motivierte uns weiter.

2012 gründeten wir im Dorf Zixate in Dêrik eine Akademie mit dem Namen Şehîd Xebat.

Ist diese Akademie von den YPJ oder von den YPG gegründet worden?

In jener Zeit gab es auch die YPG noch nicht. Es war die Zeit der YXK, die Akademie war eine Militärakademie der YXK. Ein Freund namens Piling und ich arbeiteten am Aufbau einer militärischen Akademie. Heval Piling ist später gefallen. An den ersten drei Lehrgängen haben gar keine Frauen teilgenommen. Beim vierten Lehrgang haben wir beschlossen, die Frauen aus ihren Familien zu holen, damit sie ebenfalls eine Ausbildung bekommen. Zwei Frauen nahmen dann daran teil. Selbst das war ein großer Erfolg für uns. Mit der Zeit kamen immer mehr Frauen. Das Vertrauen in Frauen wuchs, sie wurden mutiger und selbstbewusster. Für uns war das ein Entwicklungssprung.

Wie ist es dann zur offiziellen Gründung der YPJ gekommen?

Bei vielen Organisationen findet erst der Aufbau und dann der Schritt in die Praxis statt. Bei den YPJ war es nicht so. Bei den YPJ und YPG fanden Organisierung, Aufbau und Verteidigung gleichzeitig statt. 2012 beteiligten sich unsere Freundinnen aktiv an der Verteidigung im Kampf gegen das Baath-Regime in Aleppo. Unsere Kräfte wurden aufgebaut und nahmen gleichzeitig in aktiver Form an der Verteidigung teil.

Diese Zeit war für uns wirklich bemerkenswert. Wir machten alles gleichzeitig, erlebten gleichzeitig schöne und schwierige Dinge. Bevor die YPJ überhaupt offiziell gegründet waren, waren sie an der Revolution beteiligt, wurden größer und formierten sich.

Das war auch der Grund, warum die YPJ so schnell an Einfluss gewannen, sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch unter den männlichen Freunden. Sie wurden in der Gesellschaft anerkannt, es schlossen sich immer mehr Frauen an und bei den Freunden entstanden Respekt und Vertrauen.

Alle Frauen, die sich anschlossen, erklärten sich bereit, sich für dieses Volk, für das Land und für die Frauen zu opfern. Mit dieser Motivation traten sie bei und kämpften. Mit ihrer Überzeugung, ihrer Leidenschaft und dem Willen, den sie repräsentierten, bewiesen sie sich selbst sowohl bei der Organisierung im gesellschaftlichen Bereich als auch im Krieg. Sie vermittelten der Gesellschaft Vertrauen.

Im Krieg gewannen die Frauen schnell das Vertrauen der Männer. Obwohl sie unerfahren und jung waren, konnten sie den männlichen Freunden Kraft geben. Obwohl wir gerade unsere ersten Schritte setzten, war die Moral der Freunde an der Front ganz anders, wenn Frauen dabei waren. Ihre Überzeugung, ihre Beharrlichkeit und ihre Entschlossenheiten wurden größer.

Innerhalb der Bevölkerung sorgten die Freundinnen, die für die Organisierung verantwortlich waren, für eine ähnlich positive Atmosphäre. Das war sehr wesentlich für die YPJ. Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Anzahl der Kämpferinnen rasant an. Die unter den Frauen entstandene Motivation führte zu sehr schnellen Beitritten. Deshalb fanden wir es als YPJ-Kommandantur notwendig, 2013 eine Konferenz durchzuführen. Und am 4. April 2013 wurde die Gründung der YPJ deklariert.

Zu Beginn der Revolution war unsere Anzahl noch gering, wir befanden uns noch im Aufbau, trotzdem haben wir an allen Offensiven und Kämpfen teilgenommen. Seit 2012 bis heute sind die YPJ in allen Gebieten an der Verteidigung beteiligt. Die YPJ haben gegen das Regime, gegen islamistische Gruppen, gegen al-Nusra, den IS und sogar gegen die Banden des türkischen Staates gekämpft, Efrîn ist dafür ein Beispiel.

Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung? Sie haben gesagt dass die YPJ von kurdischen Frauen gegründet worden sind. Sind jetzt auch Frauen aus anderen Völkern dabei?

Vom ersten Tag bis heute haben wirklich sehr große Veränderungen innerhalb der YPJ stattgefunden. Sowohl die YPJ als auch die Gesellschaft haben sich verändert. Die YPJ ist unter der Führung kurdischer Frauen gegründet worden. Sie haben mit den kurdischen Frauen begonnen und sich dann in ganz Nord- und Ostsyrien organisiert, nicht nur innerhalb der kurdischen Gesellschaft, sondern in allen Völkern der Region. Die YPJ sind die Verteidigungskräfte aller Frauen der Region und auch aus anderen Völkern haben sich Frauen angeschlossen.

Innerhalb der YPJ gibt es arabische, aramäische, armenische, tscherkessische, tschetschenische und turkmenische Frauen. Die Farben aller Nationen sind vertreten. Die Umgangsweise der YPJ hat dafür gesorgt, dass auch Frauen anderer Völker ihren Platz innerhalb der YPJ gefunden haben. Jede Frau kann sich in den YPJ wiederfinden.

Dabei spielen die Grundsätze der YPJ eine wichtige Rolle. Eines dieser Prinzipien ist, dass der revolutionäre Kampf natürlich nicht nur für das kurdische Volk geführt wird. Unser wirkliches Ziel ist der Aufbau einer demokratischen, freien, ökologischen und gleichberechtigten Gesellschaft, die keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht. Wie unser Name schon sagt, sind wir eine Kraft, die sich die Verteidigung von Frauen zur Aufgabe gemacht hat, unabhängig von der Herkunft.

Jede Frau hat unabhängig von ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer Sprache und ihres Glaubens das Recht, sich den YPJ anzuschließen.

Welche Entwicklungen haben die YPJ seit ihrer Gründung in militärischer Hinsicht – Strategie, Taktik, Technik, Kommandantur – gemacht?

Ich habe ja schon gesagt, dass die YPJ in der Praxis gereift sind. Die YPJ wurden auf einer wissenschaftlichen Basis gegründet. Auf unserer Konferenz 2013 haben wir die Gründung von Militärakademien beschlossen. Wir haben sowohl die Notwendigkeit von ideologischer als auch von militärischer Ausbildung gesehen. Vorher gab es bereits Akademien, aber sie waren gemischt. Wir wollten eigene Frauenakademien gründen.

An unseren Akademien fand Unterricht in der Kriegskunst statt, gleichzeitig wurden in der Praxis Erfahrungen gesammelt. Beim Rückblick in die Anfangszeit sehen wir, dass wir sowohl als Kommandantur als auch als Kämpferinnen große Entwicklungen zu verzeichnen haben.

Wir haben gegen Armeen gekämpft und gegen islamistische Gruppen, die Guerillataktiken angewendet haben. Was die Verteidigungstaktik angeht, sind wir Expertinnen geworden. Der Kampf um Kobanê ist das beste Beispiel dafür, auch Raqqa ist ein gutes Beispiel. Die Befreiung von Raqqa ist unter der Führung der YPJ zu einer Vergeltungsoffensive für die Frauen aus Şengal geworden. Die YPJ sind zu einer professionellen Kraft geworden.