Al Hol: „Eine zu große Bürde“

Bericht von Anita Starosta (medico international) vom Lager Al Hol in Nordsdyrien

AnhängerInnen, ZivilistInnen und Opfer des IS an einem Ort: al-Hol in Nordsyrien. (Fotos: Rojava Information Center)

Angesichts tausender IS-AnhängerInnen stößt die Hilfe im al-Hol-Camp an ihre Grenzen. Ein Ortsbesuch von Anita Starosta, 23.4.2019.

Ob die Ankunft an so einem Ort sanfter sein kann? Wahrscheinlich nicht. Wir steigen aus dem Minibus, der vor der Gesundheitsstation des Kurdischen Roten Halbmond im al-Hol-Camp zum Stehen gekommen ist und finden uns direkt in einer Menschentraube wieder: Frauen, schwarz verschleiert, mit Niqab oder Burka. Einige erblicken uns und ziehen ihre Kinder fort, andere achten nicht auf uns – sie sind darauf fokussiert endlich an die Reihe zu kommen. Die Schlange ist lang und chaotisch, wahrscheinlich warten sie hier schon seit einigen Stunden auf eine medizinische Behandlung. Die Sonne brennt und unter der schwarzen Kleidung muss es unglaublich heiß sein. Viele Kinder schreien, sie haben offene Wunden, Frauen stützen sich auf Krücken.

AnhängerInnen, ZivilistInnen und Opfer des IS an einem Ort

Wir sind angekommen, an einem Ort, den es so auf dieser Welt nicht nochmal geben kann: das al-Hol-Camp in Nordostsyrien, nahe der irakischen Grenze, dreißig Autominuten von der Stadt Hasakeh entfernt. Im Camp kommen seit Anfang März Zehntausende an, die vor den Kämpfen um das letzte IS-Kalifat bei Baghouz geflohen sind. Um den 20. März herum wurde Baghouz schließtlich von der kurdisch dominierten SDF und der Anti-IS-Koalition „befreit“ und damit der IS in der Region militärisch geschlagen. Das al-Hol-Camp liegt 300 Kilometer nördlich der Kampfgebiete, hier kamen vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen an. Unter ihnen IS-AnhängerInnen, ZivilistInnen und Opfer der IslamistInnen.

Um zum Camp zu gelangen, passieren wir das Dorf Hol. Bis 2015 stand es unter Kontrolle der Terrormiliz. Das nahegelegene Flüchtlingslager wurde in dieser Zeit vom IS als Waffenlager genutzt, die Flüchtlinge konnten zuvor noch an einen anderen Ort gebracht werden. Unser Fahrer vom Kurdischen Roten Halbmond zeigt uns die ehemalige Zentrale des Anführers. Jetzt ist hier kurdisches Militär stationiert. Wir fahren am ehemaligen Gefängnis vorbei, das schwarz-weiße Symbol des IS verblasst schon. Treppen führen in die Tunnel, in denen die IS-Kämpfer Schutz suchten. Wir umfahren einen kleinen Verkehrskreisel, hier wurden öffentlich Menschen hingerichtet und zur Abschreckung tagelang hängen gelassen. Heute ziert den Kreisel ein Brunnen, der kein Wasser führt, außerdem ein Bild von Abdullah Öcalan und einer Friedenstaube. 2015 wurde das strategisch wichtige, weil auf Hügeln gelegene Dorf von Luftschlägen der Anti-IS-Koalition getroffen, der IS vertrieben.

Mit dem Vormarsch der irakischen Armee und der Anti-IS-Koalition auf Mossul, füllte sich das al-Hol-Camp erneut mit tausenden irakischen Flüchtlingen. Bis Anfang 2019 lebten hier etwa 15.000 Menschen, innerhalb eines Monats sind es nun mehr als dreimal so viele: Etwa 73.000 Menschen befinden sich zur Zeit im Camp, berichtet Dr. Alan, der uns nach unserer Ankunft in Empfang nimmt und die überfüllte Gesundheitsstation des Kurdischen Roten Halbmonds zeigt. In Containern versorgen die NothelferInnen rund um die Uhr PatientInnen, etwa 200 bis 300 am Tag schaffen sie, ganz genau weiß er es auch nicht. In einem Zimmer ist die Gynäkologie untergebracht, hier kommen jede Woche 25 bis 30 Kinder auf die Welt. Nebenan ist die pädiatrische Station, ein weiteres Zimmer im selben Container. Die Versorgung der Kinder ist besonders wichtig, viele kommen unterernährt hier an. Wo der IS sich zuletzt verschanzte, gab es keine Nahrung mehr. Infolge von Mangelernährung, Unterkühlung oder Krankheiten sind über 200 bisher gestorben. Für sie kam jede Hilfe zu spät.

Die Not ist groß – medico unterstützt den Bau eines Krankenhauses

Als wir endlich im hinteren Bereich der Gesundheitsstation, im Büro der MitarbeiterInnen, angekommen sind und kurz verschnaufen können, streckt eine Frau ihren Kopf durch das offene Fenster Sie trägt selbst vor ihren Augen einen Schleier und hat schwarze Handschuhe an. Auf Arabisch bittet sie aufgeregt um Hilfe. Sie habe dreizehn Kinder, sei ohne Mann im Lager, seit zwanzig Tagen schon, habe noch immer kein Zelt bekommen, nur sechs Matratzen für sie und ihre Kinder, sie bittet um ein eigenes Zelt. Der Bedarf im al-Hol-Camp ist riesig, niemand hatte damit gerechnet, dass sich noch so viele Menschen in der letzten IS-Bastion aufhalten. Die humanitäre Situation stabilisiert sich zwar langsam, aber wie groß die Not ist wird deutlich, als wir das Lager besichtigen. Wir sehen viele verletzte Kinder, auch Frauen und Alte, in Rollstühlen, auf Krücken, mit behelfsmäßigen Verbänden. In einem schrottreifen Pritschenwagen wird ein alter Mann zur Gesundheitsstation gebracht. Krankenwägen gibt es hier nicht.

Bau des von medico unterstützten Krankenhauses im al-Hol-Camp.

Neben der Gesundheitsstation wird auf einer Baustelle gearbeitet, die Stahlträger stehen schon. Hier entsteht ein Krankenhaus, medico unterstützt den so dringend benötigten Bau. Ein OP-Bereich ist geplant, außerdem 20 Betten – bis jetzt müssen alle schweren Fälle in die Krankenhäuser von Hasakeh oder Qamislo gebracht werden. Doch die sind ständig überfüllt, auch die lokale Bevölkerung muss weiter versorgt werden. Der Bau des Krankenhauses kann mit einer Spende unterstützt werden.

Was tun mit den IS-AnhängerInnen?

In einem abgeteilten Bereich des Lagers sind bis zu 12.000 ausländische IS-AnhängerInnen untergebracht: Frauen und Kinder, aus Schweden, Deutschland, Frankreich, Russland, Kasachstan, Tunesien, den USA, … insgesamt über 50 Nationalitäten. Wir hören Frauen Türkisch miteinander sprechen, eine redet mich auf perfektem Englisch an und bittet mich, sie hier herauszuholen. Viele wollen wenigstens zurück in die Türkei, über die sie in der Regel eingereist sind, sie fürchten die Todesstrafe im Irak. Die HelferInnen sagen uns, sie seien ratlos, wüssten nicht, was sie mit diesen Menschen machen sollen. Viel zu viele seien noch vollkommen in der IS-Ideologie verfangen, wollten das nächste Kalifat aufbauen. Andere wollen nur noch in ihre Heimatländer zurück. Sie müssen von den jeweiligen Regierungen ihrer Staatsangehörigkeit zurückgenommen werden, die Verantwortung liegt dort.„Der Hilfsbedarf ist im Camp immer noch sehr groß, in den nächsten Wochen, Monaten müssen wir diese Menschen weiter versorgen. Das ist eine große Belastung für die MitabeiterInnen“, sagt Dr. Alan. Er weist auf die Verantwortung der nationalen Regierungen hin: „Auf Dauer können wir sie hier nicht versorgen. Was soll mit den Menschen passieren? Sie können zurückgeholt werden, das wäre eine große Entlastung für uns.“

Vor allem die Kinder bereiten den HelferInnen Sorge: Sie kennen nichts anderes als die Herrschaft des IS. Wenn jetzt nicht schnell mit ihnen gearbeitet wird, um der Ideologie etwas entgegen zu setzen, wächst hier die nächste Generation TerroristInnen heran. Auch sei der Umgang der Geflüchteten untereinander oft schwierig, so kam es schon zu handfesten Streitigkeiten, bei denen die HelferInnen sich zurückziehen mussten, Sicherheitskräfte wurde von Frauen mit Steinen beworfen.

Einen Tag zuvor besuchte ich das Roj-Camp bei Derik. Hier werden bereits seit zwei Jahren IS-Anhängerinnen und ihre Kinder untergebracht. Auch hier halten sich viele ausländische Frauen auf, die auf die Rückkehr in ihr Herkunftslandland warten, bis jetzt meist erfolglos. Zurzeit leben hier 1.500 Menschen, es gibt Kurse für die Frauen und Schulprogramme für die Kinder. Langsam erreichen sie die Frauen, berichtet uns die Leiterin der Camp-Verwaltung. Sie fangen an zu bereuen und distanzieren sich teilweise von der Ideologie, die Kinder arbeiten in der Schule gut mit. Dies ist aber ein langwieriger Prozess, er braucht Zeit und Ressourcen. Das Camp verfügt auch sonst über eine gute Infrastruktur, es gibt rund um die Uhr Elektrizität, die Sanitäranlagen sind gut und die Gesundheitsstation ist ausgestattet – kein Vergleich zur Situation im al-Hol-Camp.

Nach unserem Besuch im al-Hol-Camp ist klar: Hier muss etwas passieren und zwar schnell. Und zwar mehr als die dringend benötigte humanitäre Hilfe und die Unterstützung der lokalen Hilfsstrukturen, die ihr Bestes geben. Vor allem braucht es einen langfristigen Plan für die ausländischen IS-AnhängerInnen und ihre Kinder, ebenso für diejenigen SyrerInnen, die das Kalifat mitgetragen haben. Diese Aufgabe können die Kurdinnen und Kurden in Nordsyrien nicht alleine bewältigen, dafür fehlen Ressourcen und Wissen. Die Bundesregierung versteckt sich in der Frage der Rücknahme deutscher IS-AnhängerInnen derzeit hinter der Ausrede, keine diplomatische Vertretung in Syrien zu haben – um bloß nicht in offiziellen Kontakt mit der kurdischen Selbstverwaltung treten zu müssen. Dieses unwürdige Versteckspiel muss ein Ende haben. Das al-Hol-Camp ist ein internationaler Ort und muss als solcher verstanden werden. Diese Bürde kann niemand alleine tragen.

Eine Armee von schwarz umhüllten Witwen

Die Journalistin Medya Doz hat YPJ-Kämpferinnen in der Endphase der Offensive gegen die letzte IS-Enklave al-Bagouz begleitet. Sie beschreibt die IS-Frauen, denen sie in der ostsyrischen Wüste begegnet ist.

MEDYA DOZ / REDAKTION, 25. April 2019.

In jüngster Zeit haben wir eine der herausragenden Entwicklungen der letzten Jahrhunderte erlebt. Der IS ist in seiner letzten Stellung al-Bagouz unter der Führung von Frauen besiegt worden. Möglich wurde es durch die Frauenverteidigungseinheiten YPJ, die zum Symbol für den Kampf zur Beseitigung dieses Albtraums geworden sind. Bei der Beobachtung der YPJ-Kämpferinnen, die selbst im Wüstensturm mit ihren lachenden Gesichtern und glänzenden Augen einen sauberen und ordentlichen Eindruck machen, werden die Einzelheiten dieser letzten Phase der Offensive gegen den IS offensichtlich. Diese Kämpferinnen haben die Aufgabe übernommen, die Revolution von Rojava aufzubauen. Wie bei allen Aktivitäten sind sie auch in der Offensive gegen den IS an vorderster Front vertreten. Wer sich mit ihnen bewegt, bekommt alle Einzelheiten mit. In dieser letzten Phase sind täglich Tausende Frauen gerettet worden. Das soziale Leben jeder Einzelnen ist mit seiner Gefühls- und Gedankenwelt eine einzige Ruine.

Hunderte schwarz verhüllte Frauen sitzen inmitten einer Wüste, als ob sie aus einer schwarzen Wolke am Himmel auf den Erdboden aufgeschlagen sind. Ihr Anblick verschlägt einem den Atem.

„Es hieß, das Leben im Islamischen Staat ist bequem“

Zwei der Frauen aus dieser Kolonne wecken meine Aufmerksamkeit. Ich trete näher und versuche, die Situation zu begreifen. Beide können nicht laufen. Eine stammt aus Tadschikistan. Sie ist eine alte Frau, zuckerkrank, alle ihre Zähne sind aus Gold. Wie sie selbst sagt, ist ihr Sohn in Syrien zum „Märtyrer“ geworden. Weil sie sich nicht selbst versorgen kann, fragt sie die YPJ-Kämpferinnen nach Hilfe. Die YPJ-Kämpferinnen fragen: „Tante, warum bist du hierhergekommen?“ Sie antwortet: „Es hieß, dass das Leben im Islamischen Staat in Syrien bequem ist, deshalb sind wir gekommen.“ Ein bequemes Leben?!

Während die YPJ-Kämpferinnen ihr helfen, sehe ich sie voller Hass an und denke darüber nach, wessen Blut für ihre Goldzähne vergossen worden ist. Ich kann mich nicht erinnern, eine Frau jemals so gehasst zu haben. Ich verspüre nicht einen Funken Mitleid mit dieser Frau, die ganz aus Tadschikistan gekommen und gedacht hat, sie könne hier bequem leben, indem sie das Leben anderer zerstört. Ich denke sogar, dass sie es verdient hat, jetzt in dieser Situation zu sein. Man kann hier nicht objektiv und unparteiisch sein. Auf merkwürdige Weise zwingen dich deine Gefühle und Gedanken, Partei zu ergreifen. Dein Wahrheits- und Gerechtigkeitsgefühl machen dich parteiisch.

Die vom IS erschaffene soziologische Realität ist noch nicht definiert

Etwas weiter vorne ist eine Frau aus Tunesien. Ein Arzt und die YPJ-Kämpferinnen reden seit Stunden auf sie ein, damit sie eine medizinische Behandlung akzeptiert. Die Frau lehnt stur ab, sie sagt auch ihren Namen nicht. Vermutlich hat sie aktiv am Krieg teilgenommen und ist ein radikales IS-Mitglied. Sie hat ein Bein verloren, am anderen Bein droht Wundbrand. Jason, ein Arzt der Hilfsorganisation Good Life Club, müht sich seit Stunden mit der Frau ab. Weil er sie nicht überzeugen kann, bittet er die YPJ-Kämpferinnen um Unterstützung. Sie sprechen die Frau erst auf Englisch und dann auf Arabisch an. Sie sagt leise: „Mein Mann ist Arzt, deshalb ist ihm nicht erlaubt worden, al-Bagouz zu verlassen. Ohne seine Erlaubnis darf mich kein Mann berühren, selbst wenn es zur medizinischen Behandlung ist.“ Uns packt das Grauen. Was für ein blinder Glauben, der dem Menschen in jeder Form das Leben nimmt. Sie haben in festem Glauben gemordet, und sie sterben mit ihrem Glauben. Man findet keinen Ausdruck für die Tragödie dieser Frauen, deren Leben vom Wort eines Mannes abhängt. Jason kneift die Augen zusammen und holt tief Luft. „Sie lieben das Leben und die Menschen nicht, sie lachen nicht“, sagt er und ringt die Hände. Dann weist er auf die YPJ-Kämpferinnen und sagt: „You are always smiling.” Der Arzt zeigt nur die Gegensätze auf, denen er begegnet. Die soziologischen Hintergründe hat er noch nicht begriffen. Mir wird klar, dass die vom IS erschaffene Soziologie noch nicht definiert worden ist und dringender Bedarf nach einer Beschreibung besteht.

Objekte im Leben von Männern

Ich beobachte seit einer ganzen Weile die aus den Händen des IS geretteten Frauen. Die Brüder, Ehemänner, Väter und Söhne der meisten von ihnen sind IS-Mitglieder. Die Lebensgeschichten dieser Frauen sind von den Männern in ihrem Umfeld geformt worden. Eigentlich haben sie gar keine eigene Geschichte. Sie leben als Objekte der Geschichte von Männern.

Wenn man diese IS-Dschihadisten mit ihrem grauenhaften Aussehen, ihren seelenlosen Blicken und ihren jederzeit zum Mord bereiten Händen anschaut, kommt man nicht umhin sich zu fragen, wie etwas so Hässliches von einer Frau zur Welt gebracht werden konnte. Danach zwingt man sich, auf die These zurückzugreifen, dass jeder Mensch bei seiner Geburt unschuldig ist und das Gute und das Schlechte im Menschen erst mit der Zeit wächst. Ansonsten graben sich im Kopf Zweifel ein an allem, was schön, gut und richtig ist.

Ich versuche eine Bezeichnung für die vom IS geschaffene Frauenrealität zu finden; aber es gelingt mir nicht. Der IS hat eine undefinierte Gemeinschaft ohne gesellschaftliche Eigenschaften aus schwarz verhüllten Frauen und den Kindern in ihren Armen geschaffen. Jedes Kind, das du nach seinem Vater fragst, kennt ihn entweder nicht oder sagt, dass er tot ist. Jede Frau hat drei bis vier Mal geheiratet, alle haben ihre Männer zwei oder drei Mal im Krieg verloren, und sie haben wieder und wieder geheiratet. So ist das mit der Scharia.

Mit religiösen Pinseln angemalte Materie

Schließt eure Augen für zwei Minuten und stellt euch Tausende Kinder in einer entlegenen Wüste vor, die aus Vergewaltigungen hervorgegangen sind… Stellt euch Tausende Frauen vor, deren Geist und Körper benutzt worden und die in jeder Hinsicht verbraucht sind… Beim Anblick mancher Kinder bist du schockiert. Die Frau ist Russin, der Vater eines ihrer Kinder ist Usbeke, der eines anderen Kindes Araber und der des nächsten Tschetschene… Sie sitzen im Schoß einer einzigen Frau. Das Kind einer ezidischen Mutter spricht Russisch, das Kind einer kanadischen Mutter kann nur Arabisch. Nichts passt zueinander, alles treibt in einem merkwürdigen Strudel. Mir wird übel angesichts der Sinnlosigkeit, als eine türkische Frau die Chronologie ihrer fünf Ehen in den letzten drei Jahren aufzählt. In der Liste ihrer „Gatten“, wie sie sie nennt, finden sich ein Afghane, ein Inder, ein Deutscher, ein Kurde und ein Tunesier. Mir fällt kein soziologischer Begriff dazu ein. Liebe kommt darin nicht vor, keine seelische oder körperliche Entscheidung, keine sexuelle Würde… Eigentlich überhaupt nichts. Kein eigener Wille, Lieblosigkeit bis zum Äußersten, eine hässliche und herabgewürdigte Sexualität. Mit religiösen Pinseln angemalte Materie ohne einen Hauch von ideeller Bedeutung…

Und doch tun einem diese Frauen leid, deren Köpfe und Herzen von den hässlichsten Männern der Welt in diese Lage gebracht worden sind. Etwas, das sie „Ich“ nennen können, ist ihnen nicht geblieben. Sie gehören allen, nur nicht sich selbst.

Die Lachenden haben den Krieg gewonnen

Beim Anblick dieser schwarz verhüllten Witwenarmee kann man Hunderte Analysen anstellen. Die Terrororganisation IS hat nicht nur Land besetzt, sie hat die Chemie der Gesellschaft zerstört, indem sie die Frauen besetzt hat. Sie hat nicht nur historische und kulturelle Phänomene angegriffen, es ist ihr gelungen, eine künstliche Auffassung zu schaffen und jedes Subjekt zu einem Objekt zu machen. Mit großer Meisterhaftigkeit hat sie aus Frauen eine seelenlose Gemeinschaft geschaffen und damit einen Feminizid begangen. Wie ich oben erwähnt habe, die vom IS kreierte Realität bedarf einer soziologischen Analyse und Definition. Vermutlich brauchen einige Definitionen Zeit; im Moment kann man nur Vergleiche anstellen. Der Vergleich zwischen denen, die lachen, und denen, die nicht lachen… Zwischen denen, die sprechen, leben und lieben, und denen, die schweigen, nicht lieben und sich auf jede Weise dem Tod gewidmet haben… Unser einziger Trost ist, dass die, die lachen, diesen Krieg gewonnen haben… Nur diese Frauen, die den Willen und die Kraft aufgebracht haben, den Krieg zu gewinnen, können bestimmte Themen beleuchten, die sich nicht beschreiben lassen. Meine Erwartung ist, dass die Kämpferinnen dieses Landes zu einem späteren Zeitpunkt einen Ausdruck finden für die vom IS geschaffene Frauenrealität. Ich hoffe es.

Mit der Entwicklung einer richtigen soziologischen Analyse mit der von der Jineoloji erschaffenen freien Sichtweise wird deutlich werden, wogegen und wie dieser Kampf geführt wird. Letztendlich lernt der Mensch sich selbst besser kennen, wenn er das Unmenschliche analysiert…

Um die verdunkelte Seele einer Frau zu erhellen, braucht es Zeit. Ich glaube daran, dass die Frauen, die Schritt für Schritt ihre Freiheit weben, diesen gordischen Knoten lösen werden. So sehr wie an nichts anderes auf dieser Welt glaube ich an die Hände dieser Frauen, die für Freiheit kämpfen…

Im Original erschien der Text von Medya Doz in der Frauenzeitung Newaya Jin.

Frauenorganisierung in IS-befreiten Gebieten

Nach der Befreiung von der Herrschaft der Terrororganisation IS organisieren sich Frauen in der Region Deir ez-Zor in Nordostsyrien in Kommunen.

ANF / DEIR EZ-ZOR, 24. April 2019.

In der Region Sigher in Deir ez-Zor sind fünf neue Frauenkommunen gegründet worden. Zu diesem Zweck fand eine Versammlung statt, auf der Leyla Abdullah von der Frauenleitung des Gebiets die Bedeutung und Funktionsweise von Kommunen erläuterte. Kommunen sind kleinsten Einheiten in der gesellschaftlichen Organisationsstruktur, erklärte Leyla Abdullah den Teilnehmerinnen der Versammlung.

Nach dem Eingangsreferat wurde die personelle Besetzung der Kommunen besprochen. In den Kommunen arbeiten Komitees zu den Themen Gesundheit, Wirtschaft, Bildung, Selbstverteidigung und gesellschaftlicher Frieden.

Abschließend sagte Leyla Abdullah: „Die Frauen in Deir ez-Zor haben in den vier Jahren IS-Herrschaft vieles verpasst. Jetzt geht es darum, dass Verlorengegangene wiederzugewinnen. In den Kommunen können Frauen über sich selbst bestimmen und für ihre eigene Ökonomie sorgen.“

Armenisches Bataillon: Nicht nur gedenken, sondern kämpfen

Zum heutigen Gedenktag an 104 Jahre Armenier-Genozid ist in Rojava mit einer Militärzeremonie die Gründung des armenischen Bataillons „Şehîd Nubar Ozanyan“ offiziell bekannt gegeben worden.

ANF / ROJAVA, 24. April 2019.

Das armenische Bataillon „Şehîd Nubar Ozanyan“ in Rojava hat am heutigen Völkermordgedenktag seine Gründung offiziell bekannt gegeben. Die Kämperinnen und Kämpfer des Bataillons – benannt nach dem Armenier Nubar Ozanyan (Nom de Guerre: Orhan Bakırcıyan), der am 14. August 2017 in Raqqa als Kommandant der türkisch-kommunistischen Organisation TKP/ML-TIKKO im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ums Leben kam -, begingen die Gründungsfeier mit einer Militärzeremonie.

Zu den Hintergründen für die Notwendigkeit eines armenischen Bataillons in Nord- und Ostsyrien hieß es in einer Erklärung:

„Wir geben heute am 104. Jahrestag, als Kinder des Völkermords voller Stolz die Gründung unseres Bataillons ‚Şehîd Nubar Ozanyan‘ zu unserer Selbstverteidigung bekannt. Wir als Kinder des armenischen Volkes, das Genozid, Massaker und Exil erlebt hat, kommen in Rojava zusammen, um die Revolution zu stärken und die Region gegen die Angriffe des IS und des faschistischen türkischen Staates zu verteidigen. Wir haben uns als Volksarmee gegründet, um einen Beitrag zur Verteidigung der Armenier*innen und aller Völker von Rojava zu leisten. Dieser 24. April darf nicht nur ein Gedenktag an einen Genozid sein, er muss auch der Tag des Widerstands und des Aufstands gegen die faschistische Politik, die damals den Genozid umsetzte, werden. Deswegen verkünden wir die Gründung unseres Bataillons am heutigen Völkermordgedenktag. Wir wollen nicht nur für das armenische Volk die Vergangenheit verfluchen und an die Opfer des Genozids erinnern, wir wollen ebenso für sie kämpfen und die Hoffnung in diesem Land verbreiten.“

In der Erklärung wurde auch an den Revolutionär und TKP/ML-Gründer Ibrahim Kaypakkaya erinnert, der den Genozid thematisierte, als noch niemand in der Türkei von ihm sprach. Zum Namensgeber des Bataillons heißt es: „Wir haben dieses Bataillon auch gegründet, um die Träume des im Kampf gegen den von den Imperialisten genährten, IS-Faschismus gefallenen Kommandanten Şehîd Nubar Ozanyan zu verwirklichen.“

Organisierung der armenischen Bevölkerung dringend notwendig

Zur Lage der armenischen Bevölkerung in Rojava erklärte das Bataillon: „In der Revolution von Rojava hat sich die kurdische, arabische und die aramäische Bevölkerung selbst organisiert und ihre eigenen Bataillone und Divisionen zur Selbstverteidigung aufgestellt. Eine solche Organisierung innerhalb der armenischen Bevölkerung fehlte stark und war dringend notwendig. In Anbetracht dieser Notwendigkeit organisieren wir uns sowohl militärisch als auch ideologisch, kulturell, sozial und muttersprachlich, um keinen neuen Völkermord zu erleben. Indem wir als Şehîd-Nubar-Ozanyan-Bataillon unsere Selbstorganisierung weiter ausbauen, werden wir die Revolution in Rojava stärken.

Frauen gründen Lebensmittelkooperative in Raqqa

Frauen aus Raqqa haben die Lebensmittelkooperative al-Fardos gegründet, um Bedürftige mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

ANF / RAQQA, 23. April 2019.

Eine Gruppe Frauen hat die Kooperative al-Fardos zur Versorgung von Bedürftigen in Raqqa gegründet. Die Kooperative hat insbesondere zu den Essenszeiten geöffnet und gibt Bedürftigen die Möglichkeit, umsonst zu essen. Die Frauen arbeiten seit fünf Monaten in dem Projekt im Stadtviertel al-Fardos in der kriegsgebeutelten Stadt. Kern des Teams der Kooperative bilden fünf Frauen, die ehrenamtlich arbeiten und jeden Tag Essen verteilen. Die Frauen fangen morgens um 9.00 Uhr an und arbeiten bis 15.00 Uhr. So können täglich zwischen 200 und 250 Familien versorgt werden. Die Nahrungsmittel werden entsprechend der Familiengröße verteilt, wobei die Priorität auf der Versorgung der Kinder liegt.

Eine der Mitarbeiterinnen der Kooperative ist Zehra al-Dschasim. Sie sagt, dass man den Kindern, die ihre Familien durch den IS verloren haben, ebenso helfe wie den anderen Bedürftigen. Sie berichtet, dass etwa 200 Familien im Moment versorgt werden, aber viel mehr Hilfe nötig sei. Daher fordert sie die Hilfsorganisationen zur Unterstützung auf.

Efrîn-Vertriebene protestieren vor russischer Basis

Gestern zogen tausende Efrîn-Vertriebene vor eine russische Basis im nordsyrischen Kanton Şehba und forderten Russland auf, sein Schweigen zur türkischen Besatzung von Efrîn zu brechen. Russland hatte der Türkei die Besetzung des Kantons ermöglicht.

ANF / ŞEHBA, 22 April 2019.

Die Zusammenarbeit zwischen Russland und der Türkei spielte eine entscheidende Rolle bei der Besetzung des nordsyrischen Kantons Efrîn, der Vertreibung von über hunderttausend Menschen und der Errichtung eines türkisch-dschihadistischen Besatzungsregimes in der Region. Ohne die Zustimmung Russland und die Öffnung des Luftraums für türkische Kriegsflugzeuge wäre die Besatzung der Region durch die Türkei und ihre dschihadistischen Verbündeten nicht möglich gewesen. Auch nach der Errichtung einer Schreckensherrschaft durch Dschihadisten, Kollaborateure und türkische Soldaten hat Russland sein Schweigen zu Besatzung nicht gebrochen. Deshalb zogen vor vier Tagen viele Flüchtlinge aus Efrîn und Familien von Gefallenen zur russischen Basis im selbstverwalteten Kanton Şehba beim Dorf Wehşîyê und reichten eine Protestresolution ein, in der sie forderten, die russische Regierung müsse sich zur Besetzung von Efrîn verhalten. Da sie keine Antwort erhielten, zogen gestern Tausende zum russischen „Verständigungszentrum“ in Efrîn-Şêrawa.

Die Bevölkerung ließ sich auch durch die schweren Regenfälle nicht von ihrem Protest abbringen und rief „Efrîn den Menschen aus Efrîn“, „Mörder Erdoğan“, „Nein zum internationalen Schweigen“ und „Besatzer raus!“. Sie trugen Transparente mit Aufschriften wie „Nein zum Schweigen zur Besatzung der Türkei und Nordsyriens“ und Bilder von Gefallenen.

Eine fünfköpfige Delegation von Angehörigen der Gefallenen kam mit den russischen Verantwortlichen des Zentrums zusammen. Das Treffen unter Ausschluss der Öffentlichkeit dauerte über eine Stunde. Anschließend gab Şezye Ibrahim, Mutter von zwei Gefallenen und Mitglied im Komitee für gesellschaftliche Gerechtigkeit, eine Erklärung ab.

Sie kritisierte, dass die russischen Verantwortlichen keine Antwort auf ihre Forderungen gegeben und lediglich zugesichert hätten, die Forderungen an ihre Vorgesetzten weiterzuleiten. Şezye Ibrahim berichtete, die Delegation habe auf dem Treffen erklärt, dass sie, sofern Russland nicht antworte, die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) und die internationale Koalition um die Befreiung Efrîns bitten würde. Sie betonte, dass die Aktionen gegen die Teilung Syriens und die Besetzung von Efrîn weitergehen werden.

Nach dem IS. Hilferuf aus Rojava

In Gewahrsam: IS-Kämpfer bei Baghouz. Die medico-Partner müssen Geflüchtete und Gefangene versorgen. (Foto: Rojava Information Center)
Der IS scheint besiegt, der Westen freut sich. Doch mit den Flüchtlingen lässt er die Region abermals alleine.

 

April 2019. Von Anita Starosta, „medico international“

Ende März 2019 haben die kurdisch dominierten Kräfte mit Baghouz die letzte IS-Bastion im Osten Syriens eingenommen. Schon in den Wochen zuvor sind Zehntausende Menschen vor den Kämpfen in die Gebiete der nordsyrischkurdischen Selbstverwaltung geflohen. Ziel der meisten war das 300 Kilometer nördlich gelegene al-Hol Camp. Die hohe Zahl der Ankommenden übersteigt die Kapazitäten des Flüchtlingslagers bei weitem, wie Sherwan Bery vom dort tätigen medico-Partner Kurdischer Roter Halbmond berichtet. Hinzu kommt, dass unter den Eintreffenden sowohl Opfer des IS als auch Angehörige des IS sind.

Überlastete Nothilfe

Niemand hatte damit gerechnet, dass sich noch so viele Menschen in der letzten Enklave des IS-Kalifats aufhielten. Inzwischen sind über 70.000 Menschen in dem Camp al-Hol angekommen, das ursprünglich für etwa 10.000 irakische Flüchtlinge vorgesehen war. „Die Strukturen sind schon jetzt völlig überlastet“, erklärt Bery. Und die Ankommenden sind meist in einem schlechten Zustand. In der IS-Zone gab es kaum noch Nahrungsmittel und die lange Flucht durch kalte Winternächte hat die Menschen weiter ausgezehrt. Besonders die Situation der Kinder ist dramatisch, sie sind unterkühlt und unterernährt. Viele hausten mit ihren Müttern zum Teil in Erdlöchern und Baracken. Über achtzig Kinder, meist Babys, sind im Lager oder auf dem Weg bereits gestorben. Im Camp durchlaufen die Flüchtlinge zuerst die Gesundheitsposten vom Kurdischen Roten Halbmond. Dort leisten die Nothelferinnen und -helfer medizinische Erstversorgung, seit Wochen, rund um die Uhr, am Ende ihrer Kräfte. „Schwere Erkrankungen und Verletzungen müssen schnell behandelt werden. Kritische Fälle bringen wir in die nächstgelegenen Krankenhäuser, aber auch dort ist kein Platz mehr“, so Bery. Auch die sanitären Anlagen reichen nicht aus. Die Sorge vor der Ausbreitung von Krankheiten ist groß. Daher sein Appell: „Wir benötigen dringend internationale Hilfe, um eine angemessene medizinische Behandlung im Camp sicherzustellen.“ In einer ersten Nothilfemaßnahme unterstützt medico den Aufbau eines Feldkrankenhauses im Camp. Dann können Verletzte und schwer erkrankte Personen direkt vor Ort behandelt werden, denn der Bedarf ist riesig.

Zu dem allgegenwärtigen Mangel kommt eine besondere Herausforderung hinzu: Viele der Flüchtenden sind Zivilisten, die unter der Herrschaft im selbsterklärten Kalifat gelitten haben. Andere jedoch sind Angehörige der IS-Kämpfer, zumeist Frauen mit ihren Kindern. Sie fliehen also Seite an Seite mit IS-Opfern und suchen ausgerechnet in einer kurdisch geprägten Region Zuflucht, die vom IS jahrelang mit brutalen Selbsmordanschlägen bekämpft worden ist. Laut dem Rat für humanitäre Aufgaben der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien befinden sich über 10.000 Angehörige von Dschihadisten in dem Flüchtlingslager, darunter auch viele nichtsyrische Frauen und Kinder. Das führt unvermeidlich zu Spannungen. „Alle Ankommende sind für uns erst einmal Flüchtlinge und wir versuchen, sie so gut es eben geht medizinisch zu versorgen“, beschreibt Bery die Haltung des Kurdischen Roten Halbmonds.

Was tun mit den IS-Angehörigen?

An den Gesundheitsposten kommt es immer wieder zu verstörenden Momenten – etwa dann, wenn jesidische Frauen oder Kinder eintreffen, die vor fünf Jahren in die Gefangenschaft der IS-Terroristen geraten waren und in Baghouz und Umgebung vier Jahre lang einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. „Ihre Kinder wurden an der Waffe ausgebildet oder zu Selbstmordattentätern erzogen. Die meisten sind völlig verstört“, so Bery, der, selbst Jeside, als Nothelfer im Shengal-Gebirge im Einsatz war, als der IS einen Genozid an den Jesiden begann. „Die Gewalttaten, die den Kindern  angetan wurden, und die ideologische Indoktrinierung zeichnen ihre Körper und ihr Verhalten.“ In der Nähe der Stadt Amude gäbe es ein Haus, in dem sie versorgt und psychologisch betreut werden können. Doch auch hier fehlt es an vielem, vor allem an Fachkräften für eine angemessene und intensive Betreuung. „Selbst unter günstigen Umständen kann eine Rehabilitation Jahre dauern“, meint Bery.

Um im Camp Eskalationen zu vermeiden, werden die IS-Angehörigen in der schwarzen Niqab und ihre Kinder behelfsmäßig in einem gesonderten Bereich untergebracht. Lösen lassen sich die Konflikte so nicht. Und es ist nicht das einzige Lager in Nordsyrien, in denen die Selbstverwaltung mit dieser Situation konfrontiert ist: Seit vier Jahren versorgt sie über 2.000 IS-Angehörige im Roj-Camp im Nordosten des Landes. Seit der Befreiung der Stadt Rakka halten sich weitere 3.000 Frauen und Kinder in dem Flüchtlingslager Ain Issa auf. Zum Teil wird versucht, bei den indoktrinierten Frauen und Kindern über psychologische und pädagogische Angebote eine Entradikalisierung einzuleiten. Nicht immer werden die Angebote auch angenommen. Es bräuchte einen langwierigen psychologischen Prozess unter professioneller Anleitung, der den Schutz, die Versorgung, die Erziehung und Rehabilitierung sicherstellt. Dies können die Strukturen der Selbstverwaltung alleine jedoch nicht leisten, sie benötigen dringend ökonomische und fachliche Unterstützung.

Auch die Situation im al-Hol Camp wird sich nicht schnell entspannen. Denn wo sollten die Angehörigen der Dschihadisten hin? Eine Perspektive auf eine Rückkehr in ein geordnetes Leben zeichnet sich für sie noch weniger ab als für die übrigen Geflüchteten. „Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Die ausländischen IS-Frauen wollen zurück in ihre Herkunftsländer. Wir können sie hier auch nicht weiter versorgen“, sagt Bery auch in Richtung Deutschland. Die internationale Debatte um die Rückholung und Verurteilung von IS-Kämpfern wird hier genau verfolgt. Schon seit Monaten bitten die kurdischen Autoritäten die Staatengemeinschaft zumindest um die Rückholung der inhaftierten ausländischen IS-Kämpfer und ihrer Angehörigen. Bislang ohne Erfolg. Allein die indonesische Regierung hat eine bedeutende Anzahl zurückgenommen. Und Europa?

Frankreich hat sich dazu durchgerungen, fünf Waisenkinder aufzunehmen. Deutschland hat, zumindest offiziell, niemanden rückgeholt, könnte das doch – so ist zu vermuten – vom türkischen „Partner“ Erdogan als Anerkennung der kurdischen Selbstverwaltung gedeutet werden. Staatsräson sticht Verantwortung. In diesem Sinne wird hierzulande denn auch offen über die „Ausdeutschung“ von Staatsbürgern im Dienste der Terrormiliz diskutiert. Damit würde die Bundesregierung auch diese Last den Menschen in Rojava auferlegen –   neben dem militärischen Kampf gegen den IS und der Versorgung seiner Opfer eben auch die Herausforderung, was mit den Tätern und ihren Angehörigen geschehen soll. Dabei steht neben persönlichen Schicksalen vieles auf dem Spiel: Gelingt es nicht, Menschen, die jahrelang vom Leben im IS-Kalifat geprägt worden sind, auf einen anderen Weg zu bringen, und die Kinder von der ideologischen Indoktrinierung zu befreien, droht eine nächste Generation heranzuwachsen. Der IS mag sein Territorium, ehemals so groß wie Großbritannien, verloren haben. In Luft aufgelöst hat er sich keineswegs. Gleichzeitig werden Autonomie und der selbstorganisierte Wiederaufbau in Nordsyrien sowohl vom türkischen Nachbarn als auch durch das Assad-Regime akut bedroht. Noch ist nichts gewonnen und nichts ist vorüber.

Für die Aufarbeitung der Verbrechen durch den Islamischen Staat fordert medico die Einrichtung eines UN-Sondertribunals. Dies wäre ein wichtiger Schritt, um zumindest minimale Gerechtigkeit und die Möglichkeit von Versöhnung auf den Weg zu bringen. Ganz akut aber braucht der medico-Partner Kurdischer Roter Halbmond dringend Unterstützung für die medizinische Nothilfe der Geflüchteten. Hierfür sind wir auf Spenden angewiesen, denn sie erhalten auch hier keine Unterstützung durch die Bundesregierung.

Spendenstichwort: Nothilfe Rojava

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2019. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Verständigungskomitee von Efrîn löst hunderte Probleme

Das Friedens- und Verständigungskomitee des Kantons Efrîn hat auch im Exil im vergangenen Jahr 1047 Problemfälle lösen können.

ANF / ŞEHBA, 20. April 2019.

Friedens- und Verständigungskomitees stellen die Grundlage der Justiz in Nord- und Ostsyrien dar. Statt auf eine Strafjustiz zu setzen wird versucht, alle auftretenden Probleme auf gesellschaftlicher Ebene im Kontext zu lösen. Auch im Exil bauten die aus Efrîn von den Besatzungstruppen vertriebenen Menschen schnell wieder entsprechende Selbstverwaltungsstrukturen auf. Das Friedens- und Verständigungskomitee konnte innerhalb eines Jahres mehr als 1.000 gesellschaftliche Problemfälle lösen.

Das Verständigungskomitee des Kantons Efrîn war bereits 2011 gegründet worden, die Mitarbeiter*innen arbeiten ehrenamtlich und bemühen sich um die Lösung gesellschaftlicher Probleme.

Das Komitee besteht aus 35 Frauen, Männern, bekannten Persönlichkeiten, religiösen Vertretern und weiteren Personen. Die Komiteemitglieder arbeiten in Ahdas, Ahris, Til Rifat, Şêrawa, Dêrcemal, Babnis Fafîn und vier Camps in Şehba.

378 Probleme von Frauen gelöst

Das Verständigungskomitee hat sich mit 1047 Problemen beschäftigt. 1000 Fälle konnten erfolgreich abgeschlossen werden, 16 werden weiter verfolgt und eine sehr geringe Zahl mussten an das Gericht weitergeben werden. Es wurden 404 Probleme Frauen betreffend behandelt, 378 davon gelöst und ein Teil dem Gericht übergeben. Bei einigen wenigen gehen die Ermittlungen weiter.

Das Komitee beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Problemen wie Konflikten, Schulden, Familienstreitigkeiten, Konflikte zwischen Stämmen, Verkehrsunfälle, Blutrache und Diebstahl und versucht, Lösungen zu entwickeln. Der Sprecher des Komitees Faysal Hebeş erklärt, es gehe dabei darum, Problemlösungen durch die Gesellschaft zu entwickeln. Man agiere unabhängig und ziele auf die Verständigung der Konfliktparteien ab. Hebeş erklärt: „Wir werden Widerstand leisten. Wir versprechen unserer Bevölkerung, ihr Gerechtigkeit zu bringen. Wir sind bereit zum Dienst für dieses Land und seine Bevölkerung. Erdoğan und seine Banden können unsere Moral nicht brechen. Wir werden immer Gerechtigkeit anwenden und sie schützen.“

‘Unlike any other camp’: A journey through al-Hol, holding center for thousands of IS families

Women ride on a pickup truck in al-Hol camp in northeastern Syria’s Hasakah province on March 28. Photo by Giuseppe Cacace/AFP.

Aus „Syria Direct“, April 17, 2019

The camp looks out over the dusty, crater-filled center of the small Hasakah province village of al-Hol, its entrance guarded by vigilant Kurdish security forces.

Flanked by a contingent of workers from the Kurdish Red Crescent (KRC), aid worker Anita Starosta entered the gates last week—confronted by the massive reception area of al-Hol camp. It’s a space of chaos and desperation, overflowing with queues of women left behind by the Islamic State (IS), clad almost universally in black niqabs with trails of visibly injured children in tow.

This is the holding facility for what remains of the hardline Islamist group’s self-proclaimed “caliphate”: its former citizens. Endless rows of tents, bursting over capacity with upwards of 73,000 women and children, al-Hol camp is the international community’s temporary solution to a growing humanitarian and legal crisis. At the center of it is the question of what to do with the women IS members and their children born under the hardline group’s rule.

On her recent visit to the camp with the German NGO Medico, intended to lay the groundwork for construction of a new field hospital, Starosta was struck by the staggering shortages in medical care and unmet necessities at the KRC-administered center.

One woman rushed up to Starosta in the reception area and, in perfect English, implored her for help to return to her home country.

“I only saw her eyes,” she tells Syria Direct’s Barrett Limoges. “I don’t know where she was from, but clearly she was from another part of the world.”

The territorial defeat of IS was hard won, through years of brutal bombardment and vicious street battles across eastern Syria, as well as Iraq. But a new crisis is building—with tens of thousands of women and children left behind.

According to Starosta, they are being abandoned in an environment where radical sympathies are left to fester and grow.  

“If the international community does not come up with a solution, the situation will stay like this,” she says. “These people will stay in al-Hol for years.”

Q: Could you describe entering the camp?

When we arrived at the camp, we first passed the entire village, which was under [IS] until 2015 and freed by [US-led] coalition airstrikes at that time. So there was still an IS prison, still the place where they did executions. There were still IS tunnels that you could see.

It was just a small village, but also very important for IS. There are a few hills, so it was a very strategic place for them.

When we entered the camp it was clearly overcrowded. It was a very strange mood—not aggressive, but hard to describe.

Also, everywhere we were seeing women and children who were injured and tired. It was different from any other refugee camp I have been to, definitely.

Q: Were you free to communicate freely with people in the camp?

We could talk to them. The first interaction stands out to me in the reception area—one woman [speaking] in perfect English. I don’t know where she was from, but she came to me seeing I was clearly a western person, and she was asking me if I was from the International Red Cross, [saying] that she lost her husband and kids, and asking if I could help her.

Then another woman came and asked if I knew where her husband was. I think a lot of women had lost their husbands in battle or they had been IS fighters who were now captured.

Interactions like this are never easy.

Q: Who is actually being housed in al-Hol camp?

Syrians, a lot of Iraqis, a lot of people from Turkey. We were in the reception area where all the people who arrive must stay first to get a first medical check and wait until they get their own tent.

In this reception area we saw a lot of [foreign] children, but not Europeans—I think they put them directly in the international section.

Q: Who is actually being held in this international section?

Well, everybody: German, Belgian, French, British, Americans, Russians, Sudanese, Algerian. They said [there were] about 50 nationalities. I don’t know where else a place like this exists.

Q: Does it feel like other camps that you’ve visited?

It’s a refugee camp, not a high security prison. I have been in other refugee camps in this region and it looks the same. You have security forces at the entrance, but we could move easily without any security forces through the camp.

For sure, the international section is held by military security forces—this is a special area.

But the rest of the camp, for me, it was like a refugee camp I saw in this region last year. It is not allowed for people to leave the camp, but they told us they can receive visitors twice a week.

Q: There have been widespread reports of overcrowding in al-Hol—is that immediately evident when touring the facilities?

Yes it is, but I think the situation is actually stabilizing. Although, especially in the health care area, there are hundreds of women waiting to go to the doctor and the nurse, so there is still overcrowding. The reception area is now as overcrowded as it was a few weeks ago.

There are [also] still people in tents with 20 or 30 other people, waiting to get their own tent. One woman talked to us who came from the Baghouz area. She has 13 children and her husband [either] died or is not with her. She waited 20 days in the reception area to get her own tent.

Also, the local staff and NGO people are trying their best—working 24 hours in the health section—but they still need money and really need more support.

Q: Is there any clear system to organize or separate different groups of people in the camp?

The Iraqi people are in one section, because many of them have been there for a while. [There’s] the idea—although it’s still just an idea—to send them back to Iraq.

All the people who [recently] arrived there are from Baghouz area—people who were traveling with IS and were there at the end of the caliphate.

Q: Did you notice any problems with aid provision during your time in al-Hol?

There is access to aid. [People inside the camp] can go to this KRC health point and there’s also one other health point. So two in the whole camp.

They are also now constructing a new hospital, and one NGO is willing to construct another hospital in the camp. But there is a lag for sure. I saw a lot of people with open wounds who needed operations.

What the KRC does is, if someone is really in need of aid, they bring them to hospitals in Hasakah or Qamishli. But most of these hospitals are full now, because the local populations there [also] need healthcare. So this is a really huge problem that there are no local hospitals anymore where they can bring people.

Q: You also visited a Kurdish village a few hours from al-Hol. Can you talk a little about that experience after visiting the families of IS fighters?

The day after we went to al-Hol camp, we visited the Yazidi community in al-Muda. [There] they have a house—the “Yazidi House” it’s called—where they receive the women and children who were captured by IS. They are trying to reintegrate them into the community. And there we met three girls who were captured by IS.

They used to speak Kurdish, now they almost don’t speak Kurdish anymore. They only speak Arabic. [The girls] lost their [parents], so they are orphans now. They were between four and seven years old, so it was incredible to hear what they had suffered under IS, they had lived in IS families. They also told us horrible stories about what they had suffered.

The Yazidi boys who came were totally indoctrinated by IS. They don’t want to see women. They would say, ‘Go away, we don’t want to speak to you without a burqa,’ things like this. They were Yazidi boys, but now totally indoctrinated by [IS] ideology.

So there is a huge question of what to do with these boys.

Q: Do you feel that the situation in al-Hol is sustainable, or that there’s contingency-planning being done there to prepare for the future?

There are two ways to answer this question. First, [there’s] the humanitarian situation, which has stabilized but health care is needed. I really want to call on international governments to support the KRC because they need that help on the humanitarian question.

But on the other hand, the big question is what to do with all the people who have been radicalized by [IS], [especially] all the children radicalized by [IS]. There are women who are still absolutely into the ideology, who said they were following the orders of [IS leader] Abu Bakr al-Baghdadi, who told them to go to the camp and create a new caliphate there.

There are also women who say they regret everything, that they just want to go back to their homes and their [origin] countries.

For sure, hundreds of women are still absolutely radicalized and there are children who grew up [aspiring] to be [IS] fighters. They really need psychological work and pedagogic programs to ease them back into normal life. Otherwise, there will be a new generation of terrorists growing up in the camp.

I think [there] has to be an international solution. All the people we talked to said they were not able to manage the situation in this way. They don’t have the knowledge, they don’t have the money, and they just don’t have enough people to [ensure] that terrorist [sympathies] won’t continue to build in the camp.

Q: While there’s still a lot of discussion about what to do with IS women and children, what sense do you have from on the ground that things could change in the foreseeable future?

If the international community does not come up with a solution, the situation will stay like this. These people will stay in al-Hol for years. There is an effort to get the Iraqi people sent back to Iraq, there is also an idea to create an additional camp to hold around 20,000 people, just to reduce pressure. If the international community will not take back these women and children, they will just stay there.

Also there are people, Syrian people from Homs, Idlib, Aleppo, who can’t be sent back to regime areas, so they will also stay there.

However, they said that those who lived in the Baghouz areas and were not part of [IS], that they can go back in a couple of months when the area is clear of mines.

They are now rebuilding, but the area is totally destroyed.

Leishmaniose-Epidemie in Şehba

Im nordsyrischen Kanton Şehba haben sich 2.000 Menschen mit der Infektionskrankheit Leishmaniose angesteckt. Die Region benötigt jetzt dringend internationale Hilfe, um eine angemessene medizinische Behandlung sicherzustellen.

ANF / ŞEHBA, 16. April 2019.

Die Leishmaniose ist eine weltweit bei Mensch und Tier vorkommende Infektionskrankheit, die durch einzellige Parasiten hervorgerufen und von Sandmücken übertragen wird. Neben unterschiedlichen klinischen Symptomen verursachen die Erreger vor allem langwierige Hautgeschwüre.

Das Verbreitungsgebiet der Leishmaniose sind die Tropen, besonders Peru, Kolumbien und das östliche Afrika, aber auch der Mittelmeerraum und Asien. Die Erkrankung, die schon seit dem Altertum als „Aleppo-Beule“ oder „Orient-Beule“ bekannt ist, findet sich auch vermehrt im Mittleren Osten, insbesondere in Syrien. Bedingt durch unzureichende medizinische Versorgung haben die Leishmaniosefälle während des Bürgerkriegs in Syrien stark zugenommen. Mehrere zehntausend Menschen leiden unter der Infektion, erklärt auch das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.

Nordsyrien benötigt internationale Hilfe

Im nordsyrischen Kanton Şehba, in dem Hunderttausende Menschen nach der türkischen Militärinvasion in Efrîn Zuflucht fanden, wird die Zahl der Personen, die sich mit der Infektionskrankheit Leishmaniose angesteckt haben, mit mittlerweile 2.000 beziffert. Der Kurdische Rote Halbmond Heyva Sor a Kurd appelliert deshalb an internationale Hilfsorganisation, um eine angemessene medizinische Behandlung der Erkrankten sicherzustellen.

Neuansteckungen in heißen Sommermonaten

Nach Angaben der kurdischen Organisation sind in Fafîn und den angrenzenden Dörfern 1060 Fälle von Leishmaniose-Erkrankungen bekannt. Im Berxwedan-Camp haben sich rund 100 Menschen angesteckt, weitere 45 im Camp Serdem. In der Gemeinde Hilêsa und nahegelegenen Siedlungsgebieten sowie Weilern sind 270 Menschen betroffen, in Til Seyîr 410 und aus Şêrawa, einem nicht vollständig von der Türkei besetzten Bezirk des Kantons Efrîns, wurden 15 Fälle gemeldet.

Nesrin Hisên von Heyva Sor a Kurd weist darauf hin, dass die Zahl der Neuansteckungen in den heißen Sommermonaten deutlich ansteigen werde. Die Region sei daher dringend auf die Hilfe aus dem Ausland angewiesen, um Schlimmeres zu vermeiden.