Massiver Anstieg von Dschihadisten-Familien in den Camps

Die Ko-Vorsitzende des Rates für humanitäre Aufgaben der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, Zozan Alluş, erklärt, dass für Familien der IS-Dschihadisten eine internationale Lösung gefunden werden muss.

BERİTAN SARYA aus AIN ISSA, 14. März 2019.

Die Ko-Vorsitzende des Rates für humanitäre Aufgaben der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, Zozan Alluş, sagt, die Entwicklung einer Lösung für die Frauen und Kinder der IS-Dschihadisten sei ein Teil des Kampfes gegen den IS. An die internationalen Mächte gewandt sagte sie, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, sich durch diese Kinder der IS neu formieren könne.

Alluş berichtet vom massiven Anstieg der Anzahl der Familien von IS-Dschihadisten in der Region: „In der aktuellen Lage fehlen uns die Ressourcen, sie zu schützen, zu versorgen, zu erziehen und zu rehabilitieren. Deshalb müssen alle Staaten ihre Aufgabe in dieser Hinsicht erfüllen“, erklärt Alluş.

Die Familien von IS-Dschihadisten sind in speziellen Bereichen in den Gebieten der demokratisch-autonomen Selbstverwaltung in den Flüchtlingscamps Ain Issa, Roj und Hol untergebracht. Mit der Offensive auf al-Bagouz ist die Anzahl der Camp-Bewohner*innen in Hol auf 65.114 gestiegen, davon sind 6.000 Angehörige von IS-Dschihadisten und ihre Familien. Im Camp von Ain Issa befinden sich ebenfalls 3.000 Frauen und Kinder von IS-Dschihadisten, im Roj-Camp sind es etwa 2.000.

Wir haben mit Zozan Alluş über die aktuelle Lage im Hinblick auf die Angehörigen von IS-Dschihadisten gesprochen.

Seit wann kommen die Familien von IS-Dschihadisten auf das Gebiet der demokratisch-autonomen Selbstverwaltung oder werden festgenommen und in den Camps untergebracht?

Die Ankunft der Familien von IS-Dschihadisten begann mit der Offensive von Minbic. Damals kamen ab und zu welche. Aber mit der Offensive auf Raqqa stieg die Zahl massiv, und wir begannen sie in unseren Camps unterzubringen. Die während der Offensive auf al-Bagouz evakuierten Dschihadisten-Familien werden im Hol-Camp untergebracht.

Wie arbeiten Sie mit den Frauen und den Kindern der IS-Dschihadisten und wie unterscheiden sie bei den Frauen zwischen denen die an Verbrechen beteiligt waren und anderen?

Als demokratisch-autonome Selbstverwaltung ist unsere Perspektive für die Frauen eine etwas andere. Es gibt auch Unterschiede zwischen den IS-Familien. Manche sind in die vom IS beherrschten Gebiete in Syrien als Ehefrauen, manche als Kinder und andere, weil sie daran glaubten, gekommen. Manche haben Menschen gemordet, haben an Massakern mitgewirkt. Natürlich muss man die Frauen voneinander unterscheiden.

Aber dennoch, wir betrachten sie alle vor allem als Menschen. Wir sprechen mit allen und bringen sie unter. Natürlich finden Ermittlungen statt. Manche sagen uns selbst, dass sie beim IS Verbrechen begangen haben und erzählen uns von ihrer Aufgabe. Von manchen, die Verbrechen begangen haben, wissen wir das bereits bevor sie bei uns ankommen. Aber dennoch ist es unsere Aufgabe, diese Familien nach ihrer Ankunft in den aktuellen Camps unterzubringen.

Wie sinnvoll ist es, sie in normalen Flüchtlingslagern unterzubringen?

Wir haben leider nicht die Ressourcen für andere Alternativen. Sie befinden sich in gesonderten Bereichen in den Camps. Am Anfang bei der Raqqa-Operation hatten wir sie unter den anderen Flüchtlingen untergebracht. Aber wir haben beobachtet, dass daraus viele Probleme entstanden. Wir haben die Familien der Dschihadisten deshalb anders untergebracht und Sonderbereiche in Ain Issa, Hol und Roj eingerichtet.

Wie ist das Leben im Moment in den Camps?

In den Camps, in denen die Familien untergebracht sind, gibt es einige Probleme. Einige belassen es nicht dabei, nur an die Ideen des IS zu glauben, sie arbeiten auch weiter für ihn. Ich möchte hierzu ein Beispiel geben. In Ain Issa haben wir ein Bildungsprogramm für diese Frauen begonnen. Manche Frauen zeigten daraufhin ihre Gesichter, ihren Kindern erlaubten sie in die Schule zu gehen und die Mitarbeiterinnen des Camps konnten ihre Zelte zu betreten. Dann kam eine Frau namens Daye Ahmet Misri. Die Frauen begannen sofort wieder ihre Gesichter zu verhüllen und die Kinder nicht mehr in die Schule zu lassen. Einige von ihnen beeinflussen auch diejenigen, die sich eigentlich von diesen Ideen vollständig trennen und ein neues Leben beginnen wollen. In manchen Camps üben solche Frauen Gewalt gegenüber anderen Frauen aus. So wurde zum Beispiel eine Frau namens Nura, als wir sie zu ihrer Familie schickten, von diesen Frauen misshandelt.

Gut, aber welche Maßnahmen ergreifen Sie dagegen? Gibt es nicht die Möglichkeit eine solche gewalttätige Frau von den anderen zu trennen und unter Umständen zu inhaftieren?

Natürlich gibt es ein Verfahren in solchen Fällen und je nach Schwere der Schuld wird die Person zur Verantwortung gezogen. Aber viele Frauen können aus Angst bei solchen Ereignissen nicht kommen und etwas sagen. Aber später hören wir das dann von anderen. Solche Taten sind auch nicht so verbreitet. Wir können nicht sagen, dass dort auf alle Frauen Druck ausgeübt wird. Es gibt viele Frauen, die sich ändern, sich vom schmutzigen Denken des IS endlich trennen und ein normales Sozialleben begonnen wollen. Manche Frauen in den Camps sind aber noch sehr verbunden mit den Ideen des IS, und diese Frauen gehen vor allem in der Nacht gewalttätig gegen andere Frauen vor. Das liegt auch daran, dass wir nicht in der Lage sind, die gesamten Camps mit Strom zu versorgen. Wir haben in dieser Hinsicht große Probleme. Bei den Camps, von denen wir hier reden, handelt es sich auch nicht um kleine Orte. Es sind große Lager mit Tausenden von Zelten. Damit es in der Nacht sicherer ist, brauchen wir Strom. Dafür sind allerdings große Investitionen notwendig und wir haben nicht die Mittel dafür.

Trotzdem passieren solche Ereignisse nur ab und an. Wenn wir so etwas bemerken oder hören, dann holen wir die betreffende Täterin heraus und bringen sie ins Gefängnis. Aber es kann keine Lösung sein, diese Frauen von Beginn an zu inhaftieren. Wir schicken sie in ein solches normales Camp, um ihnen eine Chance zu geben, damit sie normal leben können. Aber diejenigen, die an den Konzepten des IS festhalten und sich so verhalten, gehen schließlich ins Gefängnis. Aber wir haben auch ernste Probleme für diese Frauen, die andere bedrohen und Verbrechen begangen haben, die die Organisierung des IS neu vorantreiben, eine Lösung zu finden. Immer wieder holen wir diese Frauen und sperren sie in Sonderabteilungen in den Gefängnissen, in denen sich auch die Männer befinden. Aber das sind keine Orte, die auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten sind.

Aber unter diesen IS-Frauen gibt es auch diejenigen, die bereuen, die wirklich nichts getan haben und für ihre Kinder ein normales Leben wollen. Natürlich will die Mehrheit nur noch, dass ihre Kinder ein normales Leben führen und auch so aufwachsen, und sie wollen in ihre Länder zurückkehren. Aber es gibt eben auch diejenigen, die wirklich gefährlich sind. Es reichen zwei oder drei von ihnen aus, um ein ganzes Camp zu stören. Sie sehen es als ihr Recht an, Gewalt anzuwenden. Wenn wir so etwas bemerken, dann bringen wir diese Frauen ins Gefängnis. Aber nach einer Weile müssen wir sie wieder in den Camps unterbringen. Aus diesem Grund brauchen wir ein Frauengefängnis, dafür aber brauchen wir Hilfe von den anderen Ländern.

Was machen Sie mit den syrischen Frauen, die sich dem IS angeschlossen oder bei ihm gelebt haben?

Gegen Syrerinnen, die ins Camp kommen, wird erst einmal ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Wenn sie niemanden umgebracht und keine schwere Straftat begangen und nur dort gelebt haben, dann können sie von ihren Familien abgeholt werden. Allerdings dauern die Ermittlungen monatelang. Wenn sich herausgestellt hat, dass sie keine Verbrechen begangen haben und ihre Familien und sie selbst es wollen, dann schicken wir sie zurück zu ihren Familien. Es gab zum Beispiel Nura aus Aleppo, sie bereute und ihre Familie wollte sie auch zurück. Da sie es ebenfalls wollte, schickten wir sie zurück zu ihrer Familie. Sie hatte ihre Verschleierung abgelegt und deswegen Gewalt von IS-Frauen im Camp erfahren. Manche Familien wissen, dass ihre Angehörigen oder ihre Töchter bei uns sind. Sie kommen und beantragen ihre Kinder abzuholen. Wenn die Töchter das wollen, dann schicken wir sie zurück, wenn sie das nicht wollen, dann bleiben sie bei uns im Camp.

Und wie ist das Prozedere mit ausländischen IS-Frauen und Kindern?

Wir arbeiten hier vor allem auf internationaler Ebene. Das Rote Kreuz arbeitet auch dazu. Sie nehmen ihre Namen und Adressen auf. Diejenigen, die es wollen, treten in Kontakt mit ihren Familien. Als demokratisch-autonome Selbstverwaltung nehmen unsere Außenbeziehungskomitees mit jedem der Herkunftsstaaten offizielle Kontakte auf. So werden zum Beispiel die Namen der betreffenden französischen Staatsbürgerinnen an die französische Regierung weitergeleitet. Bisher ist die Zahl der Staaten, die Frauen und Kinder zurückgenommen haben, ziemlich gering. Die USA haben eine Frau mit zwei Kindern aufgenommen. Der Sudan hat fünf oder sechs Frauen mit ihren Kindern übernommen. Sie kamen in unser Außenbeziehungsbüro in Qamişlo und haben sie offiziell übernommen. Russland hat ebenfalls ein paar Familien aufgenommen. Indonesien hat eine bedeutende Anzahl von Frauen und Kindern zurückgenommen. Belgien wollte eine Frau aufnehmen aber erklärt, man werde ihre Kinder nicht aufnehmen. Wir haben erklärt, dass wir Frauen und Kinder nicht trennen, sie müssen entweder alle nehmen oder wir werden eine andere Lösung finden. Das haben wir ihnen auch so gesagt. Frankreich wollte niemanden haben, sie haben gesagt: „Sollen sich eure Gerichte mit ihnen befassen, sie sollen auch bei euch ihre Strafe absitzen.“ Großbritannien hat eine Person ausgebürgert. Wir haben bei den Treffen gesehen, dass sich kein einziger Staat ernsthaft mit dem Thema beschäftigt. Sie sagen immer wieder: „Macht es so, wie ihr es in eurem Land für richtig haltet.“ Aber es reicht nicht aus, sich auf so eine Haltung zu beschränken. Es sieht doch so aus, wenn es deine Staatsbürger*innen sind, dann musst du sie auch nehmen und bei dir vor Gericht stellen. Wie sollen wir denn diese Leute nehmen, verurteilen und bestrafen? Bis jetzt ist unsere Selbstverwaltung nicht anerkannt. Wir diskutieren hier auch die Alternative eines internationalen Gerichtshofs.

Seit zwei Jahren sind Frauen und Kinder aus dem IS bei Ihnen, haben Sie selbst Projekte zur Resozialisierung durchgeführt?

Jetzt, wo die Territorialherrschaft des IS praktisch zu Ende ist, ist für die Frauen eine Rehabilitation und für die Kinder spezielle Schulen notwendig. Wir haben dazu einen Plan und eine Strategie. In Bezug auf diesen Plan treffen wir uns mit der internationalen Koalition. Das ist auch ein Teil des Kampfs gegen den IS. Heute ist der IS in al-Bagouz am Ende, aber wir können nicht einfach sagen, „mit dem IS ist es vorbei“. Ja, der militärische Kampf und der Frontenkrieg gehen zu Ende, aber die Mentalität des IS existiert weiter. Die Frauen und Kinder in unseren Camps sind ein Teil davon. Man muss diesen Prozess strategisch mit einem Plan angehen und sich um eine Resozialisierung bemühen. Für die Projekte braucht es sowohl ökonomische als auch fachliche Unterstützung. Außerdem benötigen nicht nur diese Frauen Bildung, auch die Flüchtlinge, die sonst in unseren Camps leben, müssen Bildung erhalten. Denn auch wenn sie keine IS-Mitglieder waren, so haben sie doch vier bis fünf Jahre unter der Herrschaft des IS gelebt. Das hat natürlich ihre Gedanken und ihren Willen beeinflusst. Diese Bildungsarbeit kann nicht jeder machen. Dafür sind professionelle Teams nötig. Auch hier brauchen wir Spezialist*innen und Mittel, um die Räume für solche Arbeiten bereitstellen zu können.

In unseren Camps gibt es einige Schulen. So gibt es in Ain Issa sechs Schulen. Fünf davon sind für Flüchtlinge und eine ist für die Kinder von IS-Mitgliedern. Im Roj-Camp gibt es eine Schule für Kinder von IS-Mitgliedern. In Hol gibt es immer noch keine. Aber das sind keine Schulen, die eine solche Spezialanforderung abdecken können, es handelt sich um normale Schulen. Nicht jeder kann mit den vom IS indoktrinierten Kindern sinnvoll arbeiten. Da haben wir ein ernstes Problem, denn wir haben nur sehr wenige Spezialist*innen und diejenigen die kommen, wollen nur wenige Stunden unterrichten. Sie haben ebenfalls Angst. Wir haben bereits viele Projekte und Programme, aber die können wir auch nicht allein fortführen. Wir brauchen wirklich Hilfe.

Und was hat die Koalition auf den Treffen Ihnen zu diesem Thema gesagt?

Wir haben uns nicht nur mit der Koalition, sondern auch mit anderen ausländischen Kräften getroffen. Sie haben gesagt: „Das ist richtig und das ist euer Recht. Dafür ist ein großes Projekt nötig. Wir werden das diskutieren.“ Aber bis jetzt gab es keinerlei Unterstützung.

Als demokratisch-autonome Selbstverwaltung haben wir nicht allein die Kraft, um das alles zu tragen. In der aktuellen Lage fehlen uns die Ressourcen, sie zu schützen, zu versorgen, zu erziehen und zu rehabilitieren. Deshalb müssen alle Staaten ihre Aufgabe in dieser Hinsicht erfüllen.

In unseren Camps befindet sich eine große Zahl von IS-Familien. Diese stellen sowohl jetzt als auch für die Zukunft eine Gefahr dar. Wir reden hier nicht nur von den IS-Frauen. Sie haben auch viele Kinder. Diese Kinder werden als „die neue Generation“ bezeichnet. Wenn nicht ausreichend Maßnahmen ergriffen werden und nicht für eine Resozialisierung gesorgt wird, dann wird eines Tages eine neue Terrororganisation durch sie entstehen.

Deshalb sollten die Staaten heute ihre Aufgaben wahrnehmen. Sie sollten nicht sagen, „die sind weit weg in Rojava, das geht uns nichts an“. Heute beeinflusst sich alles auf der Welt gegenseitig. Heute sind sie hier, morgen können sie schon wieder ganz wo anders sein.

Die ganzen europäischen Staaten sprechen von früh bis spät von Menschenrechten. Das fängt aber dabei an, eine Lösung für die Probleme mit dem IS, der sich gegen alle Menschenrechte richtet, zu finden und Verantwortung für die Familien und Kinder zu übernehmen.

Heute ist der Tag der Prüfung. Okay, es sind IS-Mitglieder, okay, es sind Frauen und Kinder von IS-Dschihadisten, aber bei dieser Sicht bleibt eine Tatsache auf der Strecke. Ob wir es wollen oder nicht es ist notwendig, eine Lösung für diese Situation zu finden. Denn in erster Linie sind es doch Menschen, und sie sind hier.

„Der Kampf der YPJ ist nicht auf die Front beschränkt“

Nach dem militärischen Sieg über den IS erklärt die YPJ-Kommandantin Newroz Ahmed, dass die YPJ auch nach dem Frontenkrieg weiterhin an Operationen gegen den IS teilnehmen und außerdem zur gesellschaftlichen Organisierung beitragen werden.

BERÎTAN SARYA aus HESEKÊ, 16. März 2019.

Der Frontenkrieg gegen den IS geht zu Ende und neue gesellschaftliche Aufgaben stehen an. Im ANF-Interview hat sich Newroz Ahmed als Mitglied der Generalkommandantur der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) zum Verlauf der finalen Offensive in Deir ez-Zor und den künftigen Schwerpunkten der YPJ geäußert.

In welchem Ausmaß haben die YPJ an der Offensive „Gewittersturm Cizîrê“ gegen den IS teilgenommen und welche Rolle haben sie dabei gespielt?

Die Offensive fand in einem weiten flachen Wüstengebiet statt, in dem sich sehr viele IS-Dschihadisten befanden. Der IS hat zu seiner Verteidigung seine gesamte Kriegserfahrung und Technologie eingesetzt. Die regionale Bevölkerung hat lange Zeit unter der Herrschaft des IS gelebt und ihn teilweise freiwillig, teilweise unfreiwillig unterstützt. Der IS war in diesem Gebiet gut organisiert.

Als YPJ sind wir mit großer Entschlossenheit in diese Offensive gegangen, denn wir wollten, dass der IS durch die YPJ besiegt wird. Wir wussten aber auch, dass es schwierig werden würde.

Unsere an der Operation beteiligten Kämpferinnen hatten in der Regel schon Fronterfahrung gesammelt. Es waren jedoch auch einige unerfahrenere Kämpferinnen aus Deir ez-Zor darunter, die auf eigenen Wunsch an der Offensive teilnehmen wollten. Doch im Allgemeinen nahmen erfahrene Kämpferinnen an der Operation teil.

Es war eine ziemlich schwere und riskante Offensive, aber die Entschlossenheit unserer Fraueneinheiten und der unbedingte Wille, den IS zu besiegen, haben dafür gesorgt, dass diese Offensive Erfolg hatte. Vor allem das Ziel der Befreiung der ezidischen Frauen aus den Händen des IS war eine große Motivationsquelle für unsere Kämpferinnen.

Aktuell kontrolliert der IS nur noch ein kleines Gebiet. Der Kampf ist also gegenwärtig weiter nicht abgeschlossen und unsere Kämpferinnen sind entschlossen, an diesem Krieg bis zum Ende teilzunehmen. Wir sind davon überzeugt, dass wir schon bald den Frauen auf der ganzen Welt die frohe Botschaft vom Sieg über den IS verkünden werden.

Als YPJ haben sie auch auf oberster Kommandoebene teilgenommen, nicht wahr?

Nicht nur auf oberster Kommandoebene, wir haben auf allen Kommandoebenen und an der Front unseren Platz an der Seite der anderen Kämpfer eingenommen. Frauen als Teil der Offensive zu sehen, hat auch einen besonderen Eindruck auf die Bevölkerung von Deir ez-Zor gemacht. Dieser Einfluss entfaltet sich täglich weiter. Jetzt sehen sie mit eigenen Augen, dass wir selbst vorneweg dabei sind und unsere Einheiten nicht den Gruppen gleichen, die zuvor die Kontrolle über ihr Gebiet ausgeübt haben.

Welche Taktik haben Sie in dieser schweren Offensive verfolgt?

Der IS hat die meiste Zeit über das Wüstenterrain genutzt. Er kannte die Landschaft sehr gut und profitierte von den oft auftretenden Sandstürmen. Er versuchte uns während der Stürme zu treffen, zu schwächen und zu demoralisieren.

Überraschungsoperationen

Da wir seit 2013 gegen den IS kämpfen, kannten wir wiederum unseren Feind ziemlich gut. Aufbauend auf dieser Erfahrung wollten wir den IS mit Überraschungsoffensiven in die Enge treiben. Das ist uns auch oftmals geglückt. Doch schon bald merkten wir, dass das nicht ausreicht. Denn der IS kennt das Gebiet, das er kontrolliert. Für uns war das zugleich ein schwieriges und breites Gelände, das schwer zu kontrollieren war. Also mussten wir uns ausgefeilte Kampftaktiken einfallen lassen. Das haben wir beispielsweise bei unserem Angriff auf die Ölverarbeitungsanlage al-Omar getan. Unsere Kämpferinnen haben die feindlichen Linien infiltriert und die Anlage eingenommen, die vorher wie eine feindliche Festung war.

Während der gesamten Operation hat der IS immer wieder Selbstmordattentäter eingesetzt, die mit Sprengstoff beladenen Fahrzeuge anzugreifen versuchten. Entsprechend musst du einige Stellungen verstärken und aus anderen alle Kräfte abziehen. Dabei handelt es sich nicht um einen Schritt zurück, sondern um eine Taktik.

Bei den Selbstmordanschlägen wurden auch weibliche Mitglieder des IS eingesetzt. In dieser Intensität ist das zum ersten Mal geschehen. Zudem haben sich Dschihadisten als Frauen verkleidet und unsere Kräfte angegriffen. Eine besondere Rolle bei der Operation spielten unsere Scharfschützen. Die geographischen Gegebenheiten waren hierfür besonders günstig.

Wirkungsvoller Einsatz von Raketen

Auch die Taktik des Raketeneinsatzes hat eine wichtige Rolle gespielt, um feindliche Bomben zu neutralisieren, bevor sie unter unseren Kräften größeren Schaden anrichten konnten. Als Frauen haben wir unsere jahrelange Kriegserfahrung genutzt: Die Details beherrschen, die Technik richtig einsetzen, die ständige Frage, wie ein noch besseres Ergebnis erzielt werden kann. Natürlich hat die Ausbildung vorher maßgeblich dazu beigetragen.

An der stärksten Stelle angreifen

Wir haben den IS in den Gebieten angegriffen, in denen er am stärksten war und nicht dort, wo er schwach war. Den Feind dort anzugreifen, wo er sich sicher fühlt, erzeugt einen größeren Schaden, insbesondere für die Moral. Einige Gebiete konnten wir manchmal unter großen Schwierigkeiten erst nach tagelangen Gefechten unter Kontrolle bekommen, aber genau dort haben wir den Feind gebrochen. Denn in diesen Gebieten hatte er viele Kräfte. Deir ez-Zor ist eine Wüstenregion, aber es gibt auch Dörfer so groß wie Kleinstädte. Insbesondere im Dreieck zwischen den Flüssen Habur und Euphrat ist das so. Diese unter Kontrolle zu bekommen, ist natürlich nicht leicht.

Keine Erwartungen an das syrische Regime

Ein Gebiet einzukreisen und anschließend zu säubern, solche Taktiken haben wir schon bei den anderen Offensiven benutzt, doch diesmal war es anders. In der Wüste ist es nicht leicht, Verbindungswege zu durchtrennen. Der Feind hatte sich dort festgesetzt. Es brauchte Zeit, die Schwachpunkte festzustellen, einzukesseln und zuzuschlagen. Ein großes Problem war dabei, dass auf der einen Seite Wasser war und auf der anderen Seite die Kräfte des Regimes. Wir haben das Regime gefragt, sie sagten uns, sie hätten das Gebiet unter Kontrolle, aber als wir vorgerückt sind, haben wir bemerkt, dass dies nicht zutraf. Sie hatten das aus taktischen Gründen gesagt oder weil sie uns täuschen wollten. Auch wenn es schwer war, wir haben uns in dieser Offensive nicht aufhalten lassen. Der IS benutzte eine Weile sogar den Fluss für Gegenoffensiven und um unsere Kräfte auf der anderen Seite des Flusses anzugreifen. An diesem Punkt haben wir verschiedene Taktiken angewandt, aber wie gesagt, wir hatten Schwierigkeiten. Das war bis zum letzten Gebiet so. Wir haben sie an drei Fronten eingekesselt, aber eine Seite ist Wasser. Deswegen kannst du sie nicht vollständig umzingeln. Der IS ist in dieser Hinsicht ziemlich erfahren. Er weiß, wie man das Wasser überquert, die andere Seite als Hinterland nutzt und Munitionsnachschub von dort heranschafft. In einem solchen Fall müssen stärkere Taktiken eingesetzt werden.

Bei dieser Offensive sind alle Kriegstaktiken gut koordiniert worden und konnten sich somit gegenseitig bereichern. An welchem Punkt der Feind auch angreifen wollte, wir gingen in die Offensive, um ihn scheitern zu lassen. Dies war eigentlich bei allen unseren Kräften in dieser Offensive so.

Viel mehr Dschihadisten als erwartet

Gegen Ende der Operation sind viele IS-Mitglieder und ihre Familien in Ihr Gebiet gekommen. Wie kontrollieren Sie diese Situation, was sind die Probleme in diesem Zusammenhang?

Das war das Problem. Wir hatten vermutet, dass sich dort viele IS-Mitglieder aufhalten, weil es sich um die letzte Offensive nach Hol, Shedade, Minbic, Raqqa und Tabqa handelte. Es war das Rückzugsgebiet des IS an der irakisch-syrischen Grenze. Dort versammelten sich nicht nur IS-Dschihadisten aus Syrien und dem Irak, es handelt sich um Personen aus der ganzen Welt. Wir hatten vermutet, dass es viele sein würden, aber die Realität überstieg unsere Erwartungen bei weitem. Wir wussten, dass es dort Zivilpersonen gab, die der IS als lebende Schutzschilde und Geiseln nutzen konnte. Bei dieser letzten Offensive haben wir viele ezidische Frauen und Kinder befreit.

Die Mehrheit kam aus dem Ausland

Die Mehrheit der IS-Dschihadisten kommt nicht aus Syrien, sondern aus dem Ausland. Natürlich sagt nun ein Teil: ‚Wir wurden belogen, wir wussten nicht, dass es so ist‘. Andere behaupten, sie sind wegen Handel und Geld gekommen, wieder andere sagen: ‚Wir waren arm, weil wir hilflos waren, sind wir gekommen‘. Und manche sagen auch: ‚Wir sind wegen des Islams gekommen.‘ Es ist wirklich interessant, wie sich hier Menschen aus vielen Orten der Welt versammelt haben. Die Mehrheit der Festgenommen kommt aus dem Ausland, aus Dutzenden verschiedenen Ländern.

Ökonomische Probleme und Gefahren für die Sicherheit

Die unerwartet große Anzahl schafft ein sehr ernstes Sicherheitsproblem. Wir haben auch große Probleme, ihre tägliche Versorgung zu decken. Schon zuvor haben wir in unseren Gebieten viele zivile Flüchtlinge untergebracht. Mit ihnen zusammen handelt es sich nun um eine riesige Zahl und wir haben Schwierigkeiten, damit fertig zu werden. Im Moment sind etwa 50.000 dieser Personen in unserem Gebiet. Für die Sicherheit ist es wichtig, bei allen ihren Hintergrund festzustellen. Das braucht aber Zeit. Wir untersuchen bei allen, ob es sich um IS-Dschihadisten handelt und warum sie nach Syrien gekommen sind. Sobald das geklärt ist, sind Sicherheitsmaßnahmen notwendig. Wir müssen sie an sicheren Orten unterbringen. Bis geklärt ist, um wen es sich jeweils handelt, ist die Gefahr groß. Das wissen wir.

Es gibt auch IS-Dschihadistinnen

Abgesehen von den Männern, die ohnehin für die Ermittlungen festgehalten werden, stellen auch die Frauen eine Bedrohung dar. Die internationalen Medien haben gesehen, wie die Frauen aus dem IS-Gebiet gekommen sind und immer noch Drohungen ausgestoßen haben. Manche erklären, der IS oder ihre Ehemänner hätten sie geschickt und angekündigt, sie später wieder zu befreien. Ein großer Teil der Frauen ist nicht gekommen, um sich vor dem IS zu retten oder weil sie die Wahrheit des IS erkannt haben, sie haben sich ergeben, weil ihnen nichts anderes übriggeblieben ist. Sie sind wie scharfe Sprengsätze, es ist nicht klar, wann sie explodieren. Aus diesem Grund müssen ernsthafte Maßnahmen gegen diese Gefahr getroffen werden.

Alleine können wir es nicht schaffen

Die Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien hat die Herkunftländer der IS-Dschihadisten immer wieder aufgerufen, ihre Staatsbürger zurückzunehmen. Bisher ist nichts geschehen. Denken Sie über Alternativen nach?

Natürlich, das ist eine wirklich schwere Last. Sowohl die Autonomieverwaltung als auch wir als QSD haben solche Aufrufe getätigt. Wir haben auch von der internationalen Koalition entsprechende Unterstützung gefordert. Natürlich ist es am richtigsten, wenn die Herkunftsstaaten sie zurücknehmen. Wir haben gehört, dass viele Staaten ihnen die Staatsbürgerschaft aberkennen wollen und manche haben das sogar schon getan. Sie stellen eine große Belastung dar und wir können diese Last nicht alleine tragen. Wir wollen immer noch, dass sie ihre Leute zurücknehmen und hoffen darauf. Dass diese Menschen alle an einem Ort sind, ist sehr gefährlich. Sie können es so wie im Irak erneut versuchen. Sie haben vor zu fliehen und an andere Orte zu gehen. Wir ergreifen Maßnahmen dagegen, aber wie gesagt ist es für uns sehr schwer. Diese Last muss gemeinsam geschultert werden. Deshalb haben wir keine Alternative dazu aufgestellt. Wir bemühen uns immer noch darum, dass sie zurückgenommen werden. Wir sprechen mit den Regierungen darüber.

Wenn sie ihre Staatsbürger nicht nehmen, dann müssen wir über Alternativen nachdenken. Dann müssen die involvierten Staaten helfen und wir richten einen sichereren Ort ein. Unser Gebiet steht unter permanenter Bedrohung. Es besteht die ständige Gefahr, dass der türkische Staat, das syrische Regime oder erneut der IS in unser Gebiet einrückt. Insbesondere deswegen stellt es ein besonders hohes Risiko dar, dass diese ganzen gefährlichen Personen bei uns versammelt sind. Auch wenn wir die juristische Dimension und die Versorgung von ihnen bedenken, haben wir dabei größte Schwierigkeiten. Unser Gebiet ist immer noch umstellt. Wir haben keine ausreichenden materiellen Möglichkeiten.

Uns gibt es auch nach dem Frontenkrieg

Der Generalkommandant der QSD, Mazlum Abdi, hat erklärt, dass es nach dem Frontenkrieg mit dem IS einen Zweistufenplan zum Kampf gegen die Dschihadisten geben soll. Sind die YPJ Teil dieses Plans oder haben sie hierzu eigene Pläne?

Für uns ist erstmal wichtig, diesen Frontenkrieg zu Ende zu bringen. Wir hoffen, dass dies bald geschieht. Natürlich sind wir auch dabei, wenn es weitere Offensiven der QSD gibt. Als YPJ-Kommandantur haben wir darüber diskutiert, dass wir mehr Verantwortung als alle anderen haben. An der Offensive nach dem Frontenkrieg müssen wir uns noch stärker beteiligen. Der IS hat die Frauen dazu benutzt, den Willen der Gesellschaft zu brechen. Deswegen sind in Şengal so viele Männer umgebracht und die Frauen verschleppt worden. Wir haben das bei der letzten Offensive gesehen: Es sind Kinder in sehr jungen Jahren verheiratet worden, die Frauen sind mit etlichen Männern verheiratet worden. Sie wollten in Şengal, in Kobanê und überall die Bedeutung des Lebens ermorden.

Der Frontenkrieg gegen den IS geht zu Ende, aber er hat selbst erklärt, er habe überall geheime Zellen und die Angriffe würden fortgesetzt. So ist es auch. In vielen unserer Städte kommt es zu Explosionen, die Zivilbevölkerung wird angegriffen. Das ist natürlich eine große Gefahr. Als Frauen haben wir hierzu auch unsere Bedenken. Als YPJ haben wird uns als Selbstverteidigungskraft von Frauen gegründet. Natürlich führen wir in dieser Hinsicht einen sehr langfristigen Kampf.

Unsere Spezialeinheiten werden ihre Aufgabe übernehmen

Bei der nach dem Frontenkrieg anstehenden Offensive werden ausgebildete Frauenspezialeinheiten eingesetzt. Es ist jetzt wichtig, den Krieg gegen den IS noch professioneller zu führen. Unsere dafür ausgebildeten und vorbereiteten Einheiten werden diese Offensive anführen. Aber auch unsere YPJ-Kräfte insgesamt werden auf die Operation vorbereitet. Diese Offensive wird lange dauern.

Es gibt für uns auch noch eine gesellschaftliche Ebene, die wir als dritte Offensive bezeichnen. Wir werden es nicht erlauben, dass sich die patriarchale Herrschaftsmentalität und das Denken des IS reorganisieren. Es gibt in der Gesellschaft immer noch dieses Bewusstsein, es gibt Menschen, die sich fürchten und dem IS mutlos und willenlos gegenüberstehen. Der IS hat viel Grausamkeit über diese Gesellschaft gebracht. Frauen wurden ermordet, zerstückelt oder verbrannt. Die Gesellschaft fürchtet sich immer noch vor dem IS. Wir als YPJ übernehmen eine Führungsrolle in der Ausweitung des Kampfes gegen den IS.

Wir werden die IS-Mentalität vernichten

Wir müssen für die gesamte Gesellschaft eine Mentalität der Freiheit und den Mut zur Selbstverteidigung gewinnen. Unsere Kräfte sind seit sehr langer Zeit im Krieg. Wir haben sehr große Erfahrungen gesammelt, aber diese Kraft muss sich neu definieren, neu bilden und neu organisieren. Unsere Hauptaufgabe wird es sein, die IS-Mentalität in der Gesellschaft zu vernichten. In der letzten Zeit war zu sehen, wie viele Frauen die IS-Gebiete verlassen haben und zu uns gekommen sind. Aber sie stoßen dennoch immer wieder Drohungen aus. Sie betrachten uns immer noch als ‚Ungläubige.‘ Wenn Frauen so etwas sagen, dann schmerzt uns das viel mehr und es vergrößert unsere Verantwortung. Damit meinen wir nicht, dass wir diesen Frauen böse sind oder sie als Feindinnen betrachten. Wir wissen, dass die patriarchale Mentalität die Frauen in diese Lage gebracht hat. Sie kennen ihre eigene Realität und die des Lebens nicht mehr. Man muss sich intensiv darum bemühen, damit sie diese wahrnehmen. Dafür ist Bildung notwendig. Sie sollen sehen, dass unsere Gesellschaft eine andere Realität darstellt. Also liegt immer noch ein sehr schwerer Kampf vor uns. Wir müssen unsere gesamten Kräfte darauf vorbereiten, diesen Kampf anzuführen.

Sicherheitszone ohne Türkei

Immer wieder kommt die Debatte auf das Thema einer Sicherheitszone in Nordsyrien zurück. In dieser Zone sollen sich keine Einheiten von YPG und YPJ aufhalten. Wie betrachten Sie diesen Plan, würden Sie auch türkische Kräfte in dieser Region akzeptieren?

Wir kämpfen, um die Existenz unserer Bevölkerung zu schützen. Unsere Grundlage ist der Wille der Völker der Region, sich selbst zu verwalten. Die YPG, YPJ wie auch die QSD bestehen aus Menschen aller Völker der Region. Unsere Kräfte bestehen aus Menschen aus Kobanê, Minbic, Girê Spî, Qamişlo und allen Städten Nordsyriens. Es sind Kurden, Araber, Aramäer, Assyrer, Turkmenen, sie kommen aus allen Völkern der Region. Sie sind alle von hier, sie sind nicht von außen gekommen. Der türkische Staat will seine eigene Realität schaffen und behauptet, wir stellten eine Gefahr für ihn dar und würden gar nicht aus dieser Region stammen. Die Bevölkerung der Region oder einige aus der Region sollten sich selbst verwalten. Genau das ist eines der Themen unseres Kampfes und wir haben es bereits erreicht. Unserer Auffassung nach ist unsere Region die sicherste. Hunderttausende sind als Flüchtlinge in unsere Gebiete in Nordsyrien gekommen und leben hier.

Die Türkei bedroht uns tagtäglich. Wir sind bereit, unsere Region zu verteidigen. Wir werden es nicht akzeptieren, dass der türkische Staat sich in unseren Gebieten aufhält. Es ist unsere Bedingung, dass die Türkei unsere Gebiete nicht betritt und die Bevölkerung der Region sich selbst verwaltet. Dass sich YPG oder YPJ dort aufhalten sollen, ist für uns kein Thema. Wenn die Türkei hier einmarschieren will oder sagt, sie nehme an der Operation teil, dann täte sie das, um anzugreifen. Dies ist ein Kriegsgrund. Wir sind bereit zum Krieg und tun alles, was wir tun müssen.

Haben Sie Pläne für die von der Türkei besetzten Gebiete Efrîn und Şehba?

Es findet im Moment ein Kampf in Efrîn statt. Wie wir bereits auf unserer letzten Versammlung erklärt haben, akzeptieren wir weder als QSD noch als YPJ eine Besatzung syrischen Territoriums. Unser Grundziel und unser Existenzgrund ist es, die Völker der Region und ihre Freiheit verteidigen zu können und dafür zu sorgen, dass die Menschen in ihrem eigenen Land leben können.

Die Bevölkerung von Efrîn ist geflohen und hat sich auf ganz Rojava verteilt. Das ist natürlich für uns nicht hinnehmbar und nicht nur das, es ist für uns ein Grund zum Kämpfen. Nicht nur unsere Menschen werden vertrieben, in Efrîn werden jeden Tag Menschen verschleppt, ermordet, vergewaltigt und die Demografie wird verändert. Efrîn muss befreit werden. Was auch immer nötig ist, um den Kampf in Efrîn zu stärken und die Region zu befreien, wir sind bereit.

Als YPJ kämpfen Sie bisher in Form von Einheiten an der Front. Haben Sie die Absicht, sich in Zukunft innerhalb der Strukturen der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien als professionelle Frauenarmee zu organisieren?

Unsere Region ist akut bedroht. Wir bereiten uns einerseits selbst vor, um die Angriffe zu beantworten und führen diesen Kampf, andererseits arbeiten wir daran, uns neu zu organisieren und unsere Existenz zu verstetigen. Wir arbeiten also an mehreren Punkten gleichzeitig. Natürlich ist das ein langfristiger Kampf und es gibt dabei Schwierigkeiten. Für uns sind zwei Dinge aktuell wichtig: Die Offensive nach dem Ende des Frontenkrieges mit dem IS durchzuführen und unsere Kräfte zu reorganisieren.

Weder der Krieg noch die Aufgabe der YPJ ist zu Ende

Wir arbeiten sowieso gebunden an die demokratisch-autonome Selbstverwaltung. Um jetzt über eine Organisierung als Heer zu sprechen, ist es noch zu früh. Uns stehen noch immer große Gefahren bevor und wir müssen diese aus dem Weg räumen. Um das alles schaffen zu können, müssen wir noch stärker werden. Für uns ist der Krieg nicht vorbei und die YPJ haben weiterhin eine militärische Aufgabe. Hier beginnt unsere eigentliche Aufgabe. Wir sind dabei, unser Bewusstsein, unsere Taktik, unser Organisierungsniveau und unser technisches Niveau zu stärken. Wir werden uns noch stärker organisieren.

Fortbildung für Männer in Şehba

Dreißig Männer aus Efrîn nehmen an einer Fortbildung des Frauendachverbands Kongreya Star in Şehba teil.

ANF / ŞEHBA, 13. März 2019.

Der Frauendachverband Kongreya Star hat ein Bildungsprogramm für Männer im nordsyrischen Kanton Şehba gestartet. An dem zehntägigen Kurs nehmen dreißig Männer aus Efrîn teil.

Inhaltlich geht es um Themen wie Jineoloji, Leben in freier Partnerschaft und die Frauengesetze. Die Teilnehmer sind Männer, die nach der Besatzung von Efrîn durch die Türkei vertrieben worden sind.

Die Frauenbewegung plant weitere Fortbildungsangebote in der Region.

 

Weibliche Widerstandsgruppe gegen Efrîn-Besatzer

In der nordsyrischen Stadt Efrîn hat sich die Widerstandsgruppe „Şehîd Avesta“ gegründet. Die ausschließlich weibliche Gruppe kündigte an, „auf höchstem Niveau gegen die Besatzer von Efrîn zu kämpfen“.

ANF / EFRÎN, 11. März 2019.

Am 20. Januar 2018 fiel die türkische Armee gemeinsam mit ihren dschihadistischen Verbündeten über den nordsyrischen Kanton Efrîn her. Internationale Kräfte, die Koalition gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS), die EU und der UN-Sicherheitsrat haben zu dem im Bündnis mit Russland aufgenommenen Angriffskrieg der Türkei geschwiegen.

Nach 58 Tagen des Widerstands der Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ und der Bevölkerung gegen die zweitgrößte NATO-Armee der Welt und ihre islamistischen Helfer drangen die Angreifer in Zentral-Efrîn ein. Um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, hatte die demokratische Autonomieverwaltung zuvor die Zivilbevölkerung aus der Stadt evakuiert.

Rund ein Jahr später hat sich in dem weiterhin besetzten Efrîn eine neue Widerstandsgruppe gegründet. Die „Widerstandsgruppe Şehîd Avesta“ wurde nach der YPJ-Kämpferin Avesta Xabûr benannt , die am 27. Januar 2018 sich selbst und einen türkischen Panzer in die Luft sprengte, um ein Massaker in dem Dorf Hemam in Cindirês abzuwenden. Die Gruppe hat angekündigt, „auf höchstem Niveau gegen die Besatzer von Efrîn zu kämpfen“. Primäres Ziel der Kämpferinnen der Widerstandsgruppe sei es, „die türkische Besatzungsmacht zu besiegen und Efrîn zu befreien“.

Ende 2018 trat in Efrîn bereits eine ähnliche Gruppe in Erscheinung. Die „Befreiungskräfte Efrîns“ (Hêzên Parastina Efrînê, HRE) gaben ebenfalls bekannt, gegen die türkische „Operation Olivenzweig“ Widerstand zu leisten.

Zwei Tage in den Camps der IS-Frauen

Wir haben zwei Tage in den nordsyrischen Camps verbracht, in denen IS-Frauen untergebracht sind. In den Gebieten der Autonomieverwaltung sind über 10.000 Frauen und Kinder in Lagern untergebracht.

ANF | BÊRÎTAN SARYA aus AL-HOL, 11 März 2019.

Der Frontenkrieg gegen den „Islamischen Staat“ im ostsyrischen Deir ez-Zor steht kurz vor dem Abschluss. Tausende Dschihadisten haben sich mit ihren Familien in al-Bagouz den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) ergeben. Bereits vor der Massenkapitulation in al-Bagouz haben sich Hunderte Dschihadisten ergeben oder sind beim Fluchtversuch Richtung Türkei gefasst worden. Andere gerieten im Krieg in Gefangenschaft.

Die IS-Familien werden in gesonderten Bereichen der von der nordsyrischen Autonomieverwaltung unterhaltenen Flüchtlingslager untergebracht, da es in der Region keine Frauengefängnisse oder Rehabilitationszentren gibt. Neben den IS-Familien sind im Camp in Ain Issa vor allem Flüchtlinge aus anderen Teilen Syriens, im Camp Roj Flüchtlinge aus dem Irak und in Hol Geflüchtete aus beiden Ländern.

Wir haben zwei Tage lang in den Lagern Roj und Hol in der Region Cizîrê verbracht, um das Camp-Leben zu beobachten und zu den IS-Frauen zu recherchieren.

Für die Sicherheit der IS-Familien in den Camps sorgt der Asayisch, in dem es neben allgemeinen Einheiten auch reine Fraueneinheiten gibt. Der Asayisch ist gleichzeitig dafür verantwortlich, die Flüchtlinge in den Lagern und die Menschen außerhalb vor den IS-Angehörigen zu schützen. Außerdem arbeiten die Sicherheitskräfte vom Asayisch daran, die Position der IS-Familien innerhalb der Terrororganisation festzustellen. Für die äußere Sicherheit sorgen auch die bewaffneten Verteidigungskräfte.

Die Versorgung dieser Bewohnerinnen und Bewohner der Camps wird von der Autonomieverwaltung gewährleistet. Bisher haben weder die Länder, deren Staatsangehörige die IS-Familien sind, noch die Staaten der internationalen Koalition gegen den IS oder die Vereinten Nationen dazu beigetragen, diese Menschen mit Unterkunft, Nahrung, Wasser, Heizung oder anderen lebensnotwendigen Mitteln zu versorgen.

Zuerst fahren wir zum Camp Roj. Die IS-Frauen und Kinder sind von den Flüchtlingen aus dem Irak gesondert untergebracht. Das Lager macht einen geordneten und sauberen Eindruck. Ungefähr 400 IS-Familien halten sich hier auf, das sind etwa 2000 Menschen.

Bei unserem Rundgang durch das Camp werden wir von einer Sicherheitsbeauftragten begleitet. Viele Frauen tragen farbige Ganzkörperbedeckungen, bei manchen ist das Gesicht zu sehen. Wenn sie unsere Kamera sehen, bedecken jedoch alle hastig ihre Gesichter. Viele lassen sich auf ein Gespräch mit uns ein, aber fast keine von ihnen will dabei aufgenommen werden.

Eine türkische Frau kommt auf uns zu. Sie nennt sich Vayle und trägt keinen schwarzen Umhang, ihr Gesicht ist unbedeckt. „Ich könnte euch Sachen erzählen, die den IS erschüttern würden. Aber ich habe Kinder. Diese Leute würden uns finden und töten“, sagt sie. Wir fragen nach. „Ich möchte mit meinen Kindern zurück zu meiner Familie in die Türkei. Dort gibt es jedoch sehr viele IS-Anhänger. Sie würden uns finden und uns einen Kopfschuss verpassen“, erklärt sie.

Wir reden mit mehreren Frauen im Stehen. Eine von ihnen, die sich Fatma nennt, fragt: „Was soll aus uns werden?“ Vayle fällt ihr ins Wort: „Wenn die Türkei uns nicht will, sollten die Leute hier uns wenigstens laufen lassen, wir gehen dann selbst.“ Wir erklären ihr, dass das nicht möglich ist, weil es sich bei der Türkei um einen anderen Staat handelt und die Grenzüberquerung Gesetzen unterliegt. „Aber daran hat die Türkei doch überhaupt nicht gedacht. Sie hat uns schließlich die Grenze geöffnet, wir sind ja alle aus der Türkei gekommen. Das würde sie doch jederzeit wieder tun“, entgegnet Vayle.

„Meine Kinder sollen bei den Kurden aufwachsen“

Die Sicherheitsbeauftragte bringt uns zu einem anderen Zelt. Hier leben Frauen aus Marokko. Sie laden uns in ihr Zelt ein und bieten uns Kaffee an. Eine von ihnen willigt ein, uns ihre Geschichte zu erzählen. Filmen dürfen wir allerdings nicht. „Ich sage auch nicht meinen richtigen Namen. Schreib einfach, dass ich Sara heiße“, meint sie.

Ausführlich berichtet sie, wie sie zum IS gekommen ist. Sowohl ihre eigene Familie als auch die Familie ihres Mannes sei sehr konservativ, daher habe sie mitkommen müssen, als ihr Mann 2015 nach Syrien ging. „Mein Vater sagte immer, die Frau sei der Schuh ihres Mannes. Wohin der Mann geht, muss die Frau mitkommen. Ich konnte also auch nicht zurück zu meiner Familie, als mein Mann nach Syrien wollte.

Im „Kalifat“ hätten sie festgestellt, dass der IS den Islam gar nicht vertritt, erzählt Sara weiter. Ihr Mann wurde dazu gedrängt, in den Krieg zu ziehen, deshalb hätten sie drei Fluchtversuche unternommen. Als sie das zweite Mal erwischt wurden, musste Sara für zwei Wochen ins Gefängnis. Beim dritten Mal konnte sie sich mit 1100 Dollar aus dem Gefängnis freikaufen, aber von ihrem Mann hat sie danach nie wieder etwas gehört. Vor anderthalb Jahren gelang ihr in Deir ez-Zor die Flucht zu den Demokratischen Kräften Syriens.

„Uns geht es gut hier. Ich will nicht nach Marokko zurück. Sowohl in Marokko als auch beim IS herrscht Unterdrückung. Ich will auch nicht in die arabische Republik Syrien. Ich will in gar keinem arabischen und muslimischen Land leben. Meine Kinder sollen hier unter den Kurden aufwachsen und niemals von dem schmutzigen Gedankengut des IS infiziert werden. Mein Vater sagt, dass ich wieder nach Hause kommen kann. Wenn ich jedoch zurückkehre, wird mein Sohn so erzogen, wie mein Mann erzogen worden ist. Wenn die Leute hier mich akzeptieren, bleibe ich mit meinen Kindern hier.“

Von al-Bagouz ins Camp Hol

Nach dem Camp Roj fahren wir nach Hol, das ebenfalls in der Region Cizîrê liegt. Das Lager ist im April 2016 für Flüchtlinge aus dem Irak eingerichtet worden und viel größer als Roj. Als im Verlauf der Offensive der QSD gegen den IS das Camp Roj zu voll wurde, ist damit begonnen worden, die Frauen und Kinder der gefangengenommenen und sich ergebenden Dschihadisten nach Hol zu bringen. Auch die Zivilisten und die Frauen der IS-Anhänger, die sich in den letzten Wochen zu Tausenden in al-Bagouz ergeben haben, werden hierher transferiert. Das Camp hat eine Kapazität von höchstens 40.000, mit Stand vom 8. März befinden sich 65.000 Menschen hier.

Die Anzahl steigt täglich weiter an. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lagers, der Kurdische Rote Halbmond (Heyva Sor a Kurdistanê) und einige Hilfseinrichtungen haben für die Neuankömmlinge eine Kantine eingerichtet und bemühen sich um die Versorgung mit Essen und Zelten. Momentan sind 6000 IS-Angehörige im Lager, die Tendenz ist steigend.

Für die neu eingetroffenen IS-Frauen ist ein neuer gesonderter Bereich eingerichtet worden. Da das Lager völlig überfüllt ist und die Bewohner sich nicht darum kümmern, ist Sauberkeit ein großes Problem. Täglich werden knapp zwanzig Tonnen Müll abtransportiert, trotzdem liegt überall Müll herum.

Sicherheitsregeln im Camp

Wir erfahren, dass Telefon und Internet für die IS-Frauen in dem gesonderten Bereich verboten sind. Den Flüchtlingen im Camp wird kein Geld abgenommen, aber das Geld und die Wertsachen der IS-Frauen werden von der Lagerverwaltung eingezogen und aufbewahrt. Sie erhalten eine Quittung dafür, die sowohl von der Verwaltung als auch von der Betroffenen unterzeichnet wird. Bargeld dürfen sie nur für den täglichen Bedarf haben.

Als wir beim Rundgang durch Hol nachfragen, wird uns erklärt, dass es sich bei dem Verbot von Telefonen, Internet und Wertgegenständen um eine Sicherheitsregel handelt. Auch uns wird nicht erlaubt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu filmen oder zu fotografieren. Hierbei handelt es sich ebenfalls um eine Sicherheitsmaßnahme, die vor eventuellen Angriffen in der Zukunft schützen soll.

Von den QSD gut behandelt

Wir gehen zu einem Zelt, in dem sich türkische Frauen aufhalten. Sie wollen nicht gefilmt werden. Wir sprechen mit zwei Frauen aus Ankara. Eine ist ihrem Mann zum IS gefolgt, die andere mit ihrem Mann zusammen gekommen. Die Frau, die sich Şenay Ünal nennt, erläutert, dass sie vor vier Jahren vom Tod ihres Mannes erfahren hat und herausfinden wollte, ob es stimmt. Danach habe der IS nicht mehr erlaubt, dass sie in die Türkei zurückgeht. „Ich wollte weglaufen, aber ich habe keinen Weg gefunden. Es hieß immer, dass die Kurden den Frauen Schlechtes antun und ihnen die Söhne wegnehmen, um sie zu töten. Deshalb habe ich es nicht gewagt. Erst als ich gehört habe, dass das nicht stimmt, bin ich aus Hajin weggelaufen und habe mich zu den QSD geflüchtet. Wir sind bei Gott nicht von ihnen misshandelt worden. Jetzt möchte ich jedoch in die Türkei zurück, ich will zu meiner Familie“, sagt sie.

Fatma Yılmaz erklärt, sie habe eine verantwortliche Position bei der Stiftung IHH gehabt, bevor sie zum IS gekommen ist. Die IHH ist für ihre Unterstützung dschihadistischer Organisationen bekannt. Beim IS sind Fatmas vier Kinder ums Leben gekommen, sie hat vier Mal geheiratet. Sie appelliert an ihren Bruder Yusuf Ilgezdi, der AKP-Mitglied in Istanbul ist, ihr zu helfen.

Fast alle wollen in die Türkei

Fast alle IS-Frauen wollen in die Türkei. Bis auf die Frauen, die aus Syrien oder dem Irak stammen, sind alle über die Türkei nach Syrien eingereist. Einige tschetschenische Frauen haben vor ihrem Beitritt zum IS in türkischen Flüchtlingslagern gelebt und gehen davon aus, dass sie bei einer Rückkehr in die Türkei wieder als Flüchtlinge akzeptiert werden.

Wir sprechen einen Sicherheitsbeauftragten auf diese Frage an. Er sagt, dass Informationen vorliegen, dass einige der Ehemänner bereits in die Türkei geflüchtet und vom türkischen Staat in Efrîn und anderen besetzten Gebieten in Nordsyrien eingesetzt werden.

Von IS-Frauen bedroht

Dann treffen wir auf eine Frau, die von anderen IS-Frauen bedroht wird. Unsere Unterhaltung findet außerhalb des Camps statt. Ela Muhammed Ulyum ist Syrerin aus Latakia. Nach ihren Angaben ist sie mit ihrem Mann zum IS gegangen, weil er ihr sonst die Kinder weggenommen hätte. Beim IS hätte sie vor Angst das Haus nicht verlassen: „Die Frauen waren sehr unterdrückt. Wer sich nicht vollkommen in schwarz kleidete und das Gesicht nicht bedeckte, wurde bestraft. Alleine konnte man das Haus nicht verlassen, mit anderen Männern zu sprechen, war verboten. Es war erdrückend, man hat keine Luft bekommen.“

Vor ungefähr einem Monat ist Ela aus al-Bagouz geflohen und auf die QSD getroffen. Von dort aus wurde sie nach Hol gebracht. „Wir wurden von Kämpferinnen entdeckt, sie waren sehr gut zu uns. Keine Frau sollte erleben müssen, was wir beim IS erlebt haben. Im Camp sind es vor allem die ausländischen IS-Frauen, die Probleme machen. Ich bin mit offenem Gesicht einkaufen gegangen, da sind sie auf mich losgegangen. Auch meine Kinder werden von ihnen bedroht. Ich will nur noch weg vom IS. Meine Familie ist in Latakia, ich will dorthin zurück.“

Eine Mitarbeiterin des Camps sagt uns, dass Ela aus Sicherheitsgründen woanders untergebracht wird. Danach verlassen wir das Camp Hol.

Die Kämpferinnen und Kämpfer, die den IS besiegt haben

Die Niederlage des angeblich unaufhaltsamen IS hat in Kobanê begonnen und in al-Bagouz sein militärisches Ende gefunden. Hinter diesem Sieg stehen die Kämpferinnen und Kämpfer der YPG/YPJ.

ANF | AXÎN TOLHILDAN aus DEIR EZ-ZOR, 11. März 2019.

Im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) haben die YPG und YPJ eine Schlüsselrolle eingenommen. Wir haben mit Kämpferinnen und Kämpfern, die an vielen Operationen gegen den IS teilgenommen haben, über die Offensive „Gewittersturm Cizîrê“ gesprochen. Den militärischen Sieg über den IS widmen sie den Gefallenen, die im gemeinsamen Kampf ihr Leben verloren haben.

Dilar Halep versucht die Offensiven aufzuzählen, an denen sie teilgenommen hat. Weil es so viele waren, gibt sie das Zählen bald auf. „Ich war bei den Offensiven in Aleppo, Şengal, Minbic, Raqqa und weiteren Orten. Beim Kampf gegen die Dschihadisten – zunächst waren es al-Nusra und kleinere Gruppen, dann der IS, von dem alle glaubten, er sei nicht zu stoppen – haben wir als YPG/YPJ immer daran geglaubt, dass wir eines Tages siegen werden. Die Bevölkerung war anfangs vor Angst wie gelähmt, als sie gesehen hat, wie der IS Menschen geköpft hat. Mit dem Widerstand der YPG/YPJ konnte diese Angst überwunden werden.

Für Dilar ist es von großem Wert, an allen Offensiven gegen den IS teilgenommen und einen Teil dieses Weges mit den Gefallenen gemeinsam beschritten zu haben. „Dass jetzt Deir ez-Zor von den Dschihadisten befreit wird, ist natürlich ein wichtiger Schritt“, sagt sie. „Von besonderer Bedeutung ist auch, dass Frauen von Anfang bis Ende am Kampf beteiligt waren. Bei allen Offensiven haben sich Frauen aus der Bevölkerung den kämpfenden Einheiten angeschlossen, viele von ihnen sind gefallen. Das beste Beispiel ist vielleicht Ruqeyye, eine arabische Freundin, die zu Beginn der Offensive in Deir ez-Zor als erste Frau gefallen ist. Ihr Tod spielt eine große Rolle in unserem Kampf.“

Der IS fürchtet nichts so sehr wie die YPJ, sagt Dilar: „Ich habe persönlich gehört, wie die Dschihadisten gesagt haben, dass sie lieber von zehn Männern getötet werden als durch die Hand einer Frau von den YPJ. Sie haben große Angst, wenn sie das Trillern der YPJ-Kämpferinnen hören. Für uns und die Bevölkerung war es eine Wohltat, dass die YPJ die ezidischen Frauen befreit haben. Auf der Grundlage eines Projektes Abdullah Öcalans haben kämpfende Frauen gefangene Frauen befreit.“

Dilar spricht auch auf den von der HDP-Abgeordneten Leyla Güven initiierten Hungerstreik gegen die Isolation des PKK-Gründers Öcalan an. Der Widerstand der kurdischen Politikerin gebe ihr Kraft, sagt sie: „Der Sieg von Deir ez-Zor ist ein Geschenk von uns an die Gefallenen, an Serok Apo und an Leyla Güven, die mit ihrem Widerstand die ganze Welt erstaunt.

Wir sitzen den Besatzern im Nacken

Murat Qamişlo hat den Namen von einem seiner ersten Kommandanten übernommen, als dieser gefallen ist. „Ich trage seine Fahne weiter und das macht mich stolz“, sagt Murat.

Seit 2011 hat Murat in den Offensiven in Til Hamis, Minbic und Deir ez-Zor gekämpft. „Die jetzige Offensive steht kurz vor dem Abschluss. Diesen Erfolg widmen wir Rebêr Apo, den Gefallenen und den Freundinnen und Freunden im Gefängniswiderstand. Wo sich auch immer ein Besatzer aufhält, sitzen wir ihm im Nacken. Bijî Serok Apo.“

Frauen haben Frauen aus der Sklaverei befreit

Berîtan Alîşer hat sich 2011 gemeinsam mit ihrem Vater und zwei Brüdern der Revolution angeschlossen. Wir trinken heißen Tee und sie beginnt zu erzählen. Sie stammt aus Hesekê und hat nacheinander an den Offensiven in Serêkaniyê, Til Temir, Hesekê, Şedddadê, Minbic, Raqqa und Deir ez-Zor teilgenommen. Auf die Frage, was für sie die einschneidenden Erlebnisse dabei waren, antwortet sie: „Es ist hart, wenn andere neben dir fallen. Gleichzeitig gibt es dir eine große moralische Stärke. Dass wir bei all diesen Offensiven erfolgreich waren, ist natürlich die schönste Seite an dieser Sache. Der Sieg in Deir ez-Zor ist der Sieg der Gefallenen und von Rebêr Apo, er bedeutet die Befreiung von zahlreichen ezidischen und arabischen Frauen aus der Sklaverei des IS.“

Weil wir niemals aufgegeben haben

Awzem Arîn stammt aus Dirbêsiye und hat in Raqqa, Kerema und Deir ez-Zor gekämpft. Sie ist Scharfschützin. „Unter normalen Umständen ist es sehr schwer, wenn Freundinnen oder Freunde neben dir fallen. Unter Kriegsbedingungen gibt es dir Kraft. Mit dieser Kraft kämpfen wir als YPJ an vorderster Front“, sagt sie.

Sie fährt fort: „Als Ergebnis großer Anstrengungen steht die finale Offensive gegen den IS kurz vor dem Abschluss. Zeitgleich zu diesem Erfolg feiern wir auch den 8. März. Ich grüße Leyla Güven und ihren Hungerstreik. Der Erfolg von Deir ez-Zor ist das Resultat dessen, dass wir niemals aufgegeben und Widerstand geleistet haben.“

Obwohl alles aussichtslos war

Delîl Karaboğan kommt aus Kobanê. Er verweist auf die Willensstärke, die seit dem Kampf um Kobanê gesiegt hat: „Kobanê stellt bekanntlich ein Bindeglied zwischen Efrîn und Cizîrê dar. Deshalb war Kobanê auch für diese beiden Kantone so wichtig. Mit dem Angriff auf Kobanê sollte das kurdische Volk ausgelöscht werden. Ich habe dort gekämpft. Obwohl alles aussichtslos erschien, haben wir es durch unseren Willen geschafft, dem IS in Kobanê eine Niederlage zuzufügen.

Der Erfolg von Kobanê hat jetzt auch Deir ez-Zor erreicht. Die Offensive steht kurz vor dem Abschluss. Wir haben gelernt, dass man mit einem starken Willen gegen jede Schwierigkeit ankommt. Wir haben aus dem Nichts etwas geschaffen, das ist eine neue Erfahrung. Wir haben das Unmögliche möglich gemacht.“

„Der IS ist in den türkisch besetzten Gebieten weiter präsent“

In Şehba leben über 100.000 Menschen aus Efrîn, die von der türkischen Besatzern und den mit ihnen verbündeten Dschihadisten vertrieben wurden. Sie sagen, der IS sei zwar militärisch besiegt, bestehe in den von der Türkei besetzten Gebieten jedoch weiter.

ANF / ŞEHBA, 9. März 2019.

Gegenüber der Nachrichtenagentur ANHA haben sich aus Efrîn geflohene Menschen in Şehba über das Ende der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geäußert. Sie sagen, der IS sei zwar in Deir ez-Zor militärisch besiegt, bestehe aber in den von der Türkei besetzten Gebieten in Nordsyrien unter anderen Namen weiter.

Mustafa Şakir ist einer der Menschen, die aus Efrîn flüchten mussten. Er warnt davor, voreilig von einem endgültigen Sieg über den IS zu sprechen: „Die Welt glaubt, der IS sei in Syrien vollständig besiegt. Aber in den befreiten Gebieten gibt es immer noch IS-Zellen.“ Darüber hinaus gebe es weiterhin Gruppen, die das Gedankengut des IS weitertragen und insbesondere in al-Bab, Dscharablus, Azaz, Efrîn und Idlib gemeinsam mit dem türkischen Staat agieren. Er fährt fort: „Im Kanton Şehba gibt es mehr als 800 Familien aus al-Bab, die nicht bereit waren, unter der Unterdrückung durch diese Banden zu leben. Der türkische Staat begeht schreckliche Dinge in den von ihm besetzten Gebieten. Er hegt neoosmanische Träume und siedelt in den besetzten Gebieten Menschen aus verschiedensten Regionen an.“

Ibrahim Berekat lebt im Serdem-Camp und erklärt: „Es gibt den IS weiterhin in den von der Türkei besetzten Gebieten. Er agiert mit Unterstützung des türkischen Staates in aller Ruhe. Das wird von allen ignoriert. Ein Beispiel dafür war das Hissen der IS-Fahne im Zentrum von Efrîn.“

Nesrin Şabo sagt: „Während das Ende des IS in Deir ez-Zor immer näher rückt, werden wir als Menschen aus Efrîn unseren Kampf fortsetzen, bis unsere Heimatstadt und alle vom türkischen Staat und dem IS besetzten Gebiete wieder befreit sind.“

Befreite Ezidin: „Sie haben uns großes Leid angetan“

Tesire Sulaiman ist 20 Jahre alt und eine der Ezidinnen, die im August 2014 nach dem Überfall auf Şengal von dem sogenannten IS verschleppt und ausgebeutet wurden. Nach über vier Jahren in Gefangenschaft ist sie nun frei und spricht über ihr Martyrium.

ANF / DEIR EZ-ZOR, 9. März 2019.

Seit die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) im September 2018 ihre Offensive „Gewittersturm Cizîrê“ wieder aufgenommen haben, sind etliche Menschen aus der Gefangenschaft der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gerettet worden. Insbesondere seit Beginn der finalen Operation zur Zerschlagung der Miliz, die von den QSD in ein überschaubares Gebiet in das syrisch-irakische Grenzdorf al-Bagouz südöstlich von Hajin gedrängt wurden, konnten viele der im August 2014 bei dem Überfall auf Şengal verschleppten Ezidinnen und Eziden befreit werden.

Zwei von ihnen sind die Frauen Tesire Sulaiman und Edibe Mirad Milko. Nach viereinhalb Jahren in Gefangenschaft sind die beiden Ezidinnen nun in Freiheit und werden von den YPJ betreut und versorgt.

Edibe Mirad Milko ist 22 Jahre alt. Sie stammt aus Xanesor (Khana Sor), einer kleinen Stadt in Şengal, die zu den umstrittenen Gebieten des Nordiraks gehört. Bei dem Spezialeinsatz der QSD wurden neben ihren beiden Kindern noch vier weitere ezidische Kinder aus der IS-Gefangenschaft befreit.

Mit 15 verschleppt, mit 20 befreit 

Wir widmen uns der Geschichte von Tesire Sulaiman. Die heute 20-jährige Ezidin stammt aus Koço, einem Dorf in Şengal, das am 15. August 2014 fast vollständig ausgelöscht wurde. Zu dem Zeitpunkt zählte Koço mehr als 1.800 Bewohner*innen. Bei dem Massaker durch den IS wurden etwa 600 ezidische Jugendliche und Männer enthauptet, einige sind auch erschossen worden oder wurden bei lebendigem Leib verbrannt, weil sie sich weigerten, zum Islam zu konvertieren. Fast 700 Frauen und rund 300 Kinder wurden aus Koço verschleppt und sexuell ausgebeutet beziehungsweise zu Kindersoldaten ausgebildet.

Mutter und Bruder bei Massaker hingerichtet

Tesire Sulaiman erzählt, dass ihre Mutter und ihr Bruder beim IS-Einfall in Koço vom IS getötet wurden. Sie selbst war 15, als sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester verschleppt wurde. Nur zu gut kann sie sich an das Massaker erinnern: „Bei dem Überfall auf Şengal wurden wir gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Man würde uns dann in Ruhe lassen. Weil wir uns weigerten, erlebten wir den schlimmsten Angriff auf Şengal. Sie brachten uns in die Schule, dort trennten sie die Männer von den Frauen und den Kindern. Auf einem nahegelegenen Platz wurde den Männern ein letztes Ultimatum gestellt, doch noch zu konvertieren. Sie weigerten sich und wurden hingerichtet.

Wir fragten, woher die Schüsse kommen. Die Islamisten sagten uns, wir sollten uns nicht fürchten, es sei auf Hunde geschossen worden. Als die Frauen dann auf das Schuldach kletterten und in Richtung der Männer blickten, fingen sie zu weinen an und zu schreien“.

Wehklagen und Schreie der Frauen

Nach dem Massaker in Koço wurden die verheirateten Frauen von den anderen getrennt. Die jungen Mädchen und ledigen Frauen brachte der IS zunächst ins Zentrum von Şengal. Später kamen die Mütter der Mädchen nach, berichtet Tesire. „Dort haben die Islamisten die Mütter von ihren Töchtern getrennt. Ihre Wehklagen und ihre Schreie hätten anderswo die Erde zum Beben gebracht. Jedes Kind ist seiner Mutter entrissen worden, alle Mädchen und Frauen zwischen sieben und 30 Jahren wurden weggebracht. Wir kamen nach Mosul, andere gingen nach Syrien. Die Frauen weinten fürchterlich, weil sie zurück nach Şengal wollten. Die Dschihadisten sagten uns: ‚Fürchtet euch nicht, ihr bleibt bei uns und werdet Muslima‘, aber die Frauen wollten einfach nur zurück“, erinnert sich Tesire.

Zehnmal „verheiratet“

„Es ist ein unvorstellbares Leid, das über uns gebracht wurde“, fährt die junge Frau fort. „Einer nach dem anderen suchte sich eine von uns aus und fiel über uns her. Es waren schreckliche Augenblicke des Schmerzes, die ich nie vergessen werde. Sie haben uns großes Leid angetan“.

Nach Mosul brachte der IS die verschleppten Ezidinnen in die nordirakische Stadt Tal Afar, später ging es nach Raqqa, al-Mayadin und schließlich nach al-Bagouz. Zehnmal sei Tesire in den viereinhalb Jahren verheiratet worden. In den letzten Tagen in IS-Gefangenschaft habe ihr eine arabische Frau geholfen. So konnte sie sich unter die von den QSD evakuierten IS-Angehörigen mischen.

Noch viele Ezidinnen in Gefangenschaft

Auf die Frage, ob sie Informationen aus Koço habe, antwortet Tesire: „Ja, sofern ich die Möglichkeit hatte, guckte ich mir Videos auf dem Handy an. Ich weiß, dass einige Überlebende des Massakers zurückgekehrt sind. Allerdings weiß ich nicht, um wen es sich handelt“.

Noch immer seien etliche Ezidinnen in Gefangenschaft, berichtet sie weiter. Sie habe mindestens 30 Ezidinnen gesehen, darunter sei auch ihre Schwester gewesen. „Bei dem Großteil dieser Frauen handelt es sich um Ezidinnen aus Koço und Til Ezer [al-Qahtaniyya]“, ist sich Tesire sicher.

Zurück nach Şengal, nicht nach Koço

Eine letzte Frage beantwortet Tesire noch; ob sie zurück nach Koço wolle. „Ich möchte es nicht. Ich würde es nicht ertragen, dort zu leben. Alle Menschen, die mir nahestanden, wurden in Koço getötet. Ich kann nicht einfach zurück“. Nach Şengal werde sie aber in jedem Fall gehen. „Ich habe die Erde in Şengal vermisst“, sagt Tesire.

Kalifat vernichtet, ezidische Kinder befreit

In al-Bagouz befreite ezidische Kinder berichten, dass sie nach ihrer Entführung in einem Umerziehungslager des IS mit dem Namen „Zukunft des Kalifats“ militärisch ausgebildet und religiös indoktriniert worden sind.

ERSİN ÇAKSU / DEIR EZ-ZOR, 9. März 2019.

Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) haben bei ihrer Offensive auf die letzten IS-Stellungen in al-Bagouz in den vergangenen Tagen mehrere ezidische Kinder und Frauen befreien können. Die Kinder berichten, sie seien nach ihrer Verschleppung aus Şengal im August 2014 in ein Camp mit dem Namen Ashbal al-Khilafa (Zukunft des Kalifats) gebracht worden. Dort mussten sie militärische Ausbildung und religiöse Indoktrination über sich ergehen lassen.

ANF konnte mit mehreren der geretteten Kinder über das erfahrene Leid sprechen. Sie berichten, dass es ihnen verboten worden war, Kurdisch zu sprechen. Sie wurden von ihren Familien getrennt und militärisch-religiös auf den IS eingeschworen.

Der 14-jährige E.X.H. aus Şengal berichtet, dass er im Alter von zehn Jahren zusammen mit seiner Familie verschleppt und in Tell Afar von ihr getrennt worden sei. Er habe nie wieder etwas von ihnen gehört. Anschließend wurde er mit vielen anderen ezidischen Kindern zusammen nach Mosul gebracht, wo er einer religiösen Umerziehung und einer militärischen Schulung unterzogen wurde. Er fährt fort: „Nachdem ich entführt worden war, ist Kurdisch verboten worden. Jetzt kann ich kein Kurdisch mehr sprechen.“

Mit vier Jahren verschleppt

X.Ş. wurde im Alter von vier Jahren verschleppt. Der heute Achtjährige tritt uns in IS-Militärkleidung, mit Handschuhen und Stiefeln gegenüber. Er erklärt uns, er sei bei einer Explosion verletzt worden. Weiter erzählt er, dass sich in seinem Hals ein Schrapnell befindet und dass er vom IS den Namen Abdullah erhalten hat. An seine Familie kann er sich nicht erinnern. Auf die Frage, ob er seinen Vater oder seine Mutter wiedererkennen würde, antwortet er: „Ich glaube nicht, dass ich sie wiedererkennen würde.“

„Zukunft des Kalifats“

X.Ş. berichtet von seiner religiösen und militärischen Ausbildung. Die Kinderlager wurden vom IS „Ashbal al-Khilafa“ (Zukunft des Kalifats) genannt. X.Ş. erzählt: „Dort wurden wir militärisch und im Koran ausgebildet. Wir konnten uns nicht frei bewegen. In der letzten Zeit hat sich jedoch niemand mehr um uns gekümmert, niemand hat danach gefragt, was wir taten.“

„Ich kenne meine Familie nicht, aber ich bin neugierig“

In diesen Lagern befanden sich viele Kinder. Als wir ihnen die Bilder der am vorigen Tag von den QSD befreiten Kindern zeigen, können sie alle mit Namen benennen. X.Ş. sagt: „„Ich kenne meine Familie nicht, aber ich bin neugierig.“ Er betont, dass er zu seiner Familie zurückkehren will. Die befreiten Kinder werden aus der Region gebracht und nach einer ersten Hilfe von den YPG/YPJ an die Mala Êzidiya (Ezidische Häuser) in Hesekê übergeben.

Zurück zu Bruder Erdoğan

Viele der IS-Dschihadisten, die sich in Deir ez-Zor den QSD ergeben haben, kommen aus Turk-Republiken. Sie sind über die Türkei nach Syrien eingereist und wollen in die Türkei zurück. Nach dem Grund gefragt, antworten sie: „Das sind unsere Brüder.“

ERSİN ÇAKSU / DEIR EZ-ZOR, 9. März 2019.

Ein großer Teil der Dschihadisten des sogenannten Islamischen Staat (IS), die sich Anfang der Woche in al-Bagouz den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) ergeben haben, stammen aus Turk-Republiken. Alle sind über die Türkei nach Syrien eingereist und dorthin wollen sie auch zurück. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen, dass sie sehr schlichte Gründe für ihren Beitritt zu einer islamistischen Terrororganisation nennen. Einer spricht von Geld, für einen anderen reicht es als Grund aus, dass er den Koran gelesen hat. Zwischen den genannten Gründen und den furchtbaren Verbrechen, die der IS begangen hat, ist ein schrecklicher Zynismus spürbar.

Alle gehen fest davon aus, dass sie in der Türkei künftig ein ganz normales Leben führen können. Einer von ihnen sagt, er will nach der Rückkehr in die Türkei ins Telefongeschäft einsteigen. Auf die Frage, warum sie in die Türkei wollen, antworten die IS-Männer: „Das sind unsere Brüder.“

Murat Nuhoğlu hat sich mit seiner Frau und seinen drei Kindern aus Çankırı in der Türkei dem IS angeschlossen. Genaue Details zu der Fahrt nach Syrien will er nicht nennen. „Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, gab es einen Vermittler. Wir haben telefoniert und ich bin auf illegalem Weg über Antep [Dîlok] nach al-Rai gefahren. Dann war ich in al-Bab, dort habe ich mich in einem Dorf niedergelassen. Weil ich vorher operiert worden bin, konnte ich überhaupt keine Arbeit machen“, sagt er. Ob es zwischen der Türkei und dem IS eine Verbindung gibt, wisse er nicht, und auf die Frage, ob er Reue verspürt, sagt er: „Insgesamt nein, aber es gibt Dinge, die ich bereue.“

Nuhoğlu behauptet, nie bewaffnet gekämpft zu haben. Als wir ihn fragen, ob es ihn überhaupt nicht gestört hat, was der IS den Kurden und den anderen Völkern der Region angetan hat, windet er sich: „Soweit ich weiß, geht es dem Islamischen Staat nicht um Rassen, er kämpft gegen alle, nicht nur gegen die Kurden.“

Das sind unsere Brüder

Das IS-Mitglied Abdurrahman ist aus Turkestan in die Türkei gereist und von dort aus weiter nach Idlib. Auf die Frage nach dem Grund antwortet er: „Es hieß, dass es hier viel Geld gibt, deshalb bin ich gekommen.“ Auch er will niemals gekämpft haben. Motorräder habe er repariert, sagt er. Nach seinen Zukunftsplänen gefragt, sagt er, dass er zurück in die Türkei will. Warum? – „Das sind unsere Brüder.“

Yusuf Türkmen gibt an, dass er aus Turkmenistan stammt und sieben Jahre lang im Istanbuler Stadtteil Avcilar als Autowäscher gearbeitet hat. Seit vier Jahren ist er beim IS. „Warum?“, fragen wir. „Ich habe das Buch gelesen, dass Allah uns gegeben hat, so habe ich mich angeschlossen. Wir wollten nach dem Koran und nach der Scharia leben, aber es war anders, als wir es uns erhofft hatten. Es ist vieles falsch gemacht worden. Wir sind sehr belogen worden.“

Yusuf Türkmen war nach eigenen Angaben die meiste Zeit in Raqqa und eine kurze Weile auch im Irak. „Was hast du innerhalb des IS gemacht, hast du gekämpft?“, wollen wir wissen. Und er antwortet: „Ich bin Dschihadist.“

Jetzt will Yusuf zurück in die Türkei. „Ich wünschte, ich wäre nie gekommen“, sagt er. Glaubt er, dass er in die Türkei gehen kann? – „Ich habe ja nicht in Kobanê gekämpft“, antwortet er und denkt tatsächlich, dass das ein ausreichender Grund ist.