Die Bethnahrin Frauenverteidigungskräfte HSBN

Die Suryoye (Aramäer*innen, Assyer*innen und Chaldäer*innen) gründeten im Januar 2013 ihre eigenen Verteidigungskräfte, die MFS in Rojava/Nordsyrien. Seit 2015 haben sie auch eigene Fraueneinheiten, die HSBN. Beide sind Mitglieder der QSD.

ANJA HOFFMANN / TIL TEMIR, 12. Jan. 2019.

Seit einiger Zeit schon hatte die Frauendelegation von „Gemeinsam Kämpfen“ versucht, die Suryoye Fraueneinheiten zu treffen. Nun endlich hat es mithilfe der „Diplomatischen Beziehungen“ von Kongreya Star geklappt. Die Frauenkräfte haben ihren Stützpunkt außerhalb der Stadt in einem kleinen syrianischen Dorf, wo wir sie mit unserer Delegation besuchen.

Natürlich wird zunächst Tee und Kaffee serviert. Während wir Platz nehmen, verrät uns die Kommandantin Inanna, dass sie deutsch spricht und vor einigen Jahren aus Deutschland gekommen sei, um die Suryoye in Bethnahrin (aramäisch für das Land zwischen Euphrat und Tigris) gegen Daish (Islamischer Staat) zu verteidigen.

Gründung erster Fraueneinheiten

„Die HSBN (Haylawotho d’Sutoro d’Neshe d’Beth Nahrin) wurden am 30. August 2015 gegründet. Beim Aufbau wurden sie von dem MFS (Militärrat der Suryoye – Mawtbo Fulḥoyo Suryoyo) und Sutoro (autonome Sicherheitskräfte der Suryoye) sowie der YPJ unterstützt“, berichtet Inanna. Die Anfangszeit sei sehr schwer gewesen, fährt sie fort: „Frauen aus dem Mittleren Osten sind Disziplin nicht gewohnt, ebenso auf sich selbst zu vertrauen, sich für andere einzusetzen. In der ersten Ausbildungseinheit waren wir 30 Frauen, sie wurde vom MFS und den YPJ geleitet. Wir haben Ausbildung an verschiedenen Waffen erhalten, auch Nachtwanderungen etc. gelernt. Es war sehr schwer und anstrengend für uns. Wir waren es nicht gewohnt, aber alle haben durchgehalten. Die Ausbildung dauerte einen Monat.“

Die Frauen berichten uns weiter, dass sie nun eine eigene Militärakademie bei Til Temir aufgebaut hätten, an der die Frauen für die HSBN und die Sutoro ausgebildet würden. Weibliche Sutorokräfte gebe es in Dêrik und Hesekê.

„Unsere Fraueneinheiten haben sich an den Operationen in Hol, Schaddadi und Hesekê beteiligt, bei uns gibt es Aramäerinnen, Assyerinnen, Armenierinnen und sogar Kurdinnen.

Zunächst scheint es, dass die kurdischen und arabischen Frauen unterdrückter sind als die Suryoye, bei uns gibt es zum Beispiel keine Polygamie. Allerdings sind die kurdischen Frauen wesentlich aktiver als die Suryoye-Frauen. Unsere Freiheit ist wohl eher äußerlich. Ich denke, jede Frau hat ein Körnchen Freiheit in sich, das gegossen werden muss“, fährt Inanna fort.

Sie beschreibt die Reaktion der Familien, als sich ihre Töchter dem HSBN angeschlossen haben: „Für die Familien war es anfangs sehr schwer zu akzeptieren; die Eltern hatten die Einstellung, dass Frauen das nicht können. Der Ehrbegriff ist zwar bei uns nicht so verankert wie in der kurdischen Gesellschaft, aber dennoch wurde es den Frauen nicht zugetraut zu kämpfen.

Beteiligung an Kampfeinsätzen gegen Daish

Erste Erfahrungen haben wir im Krieg in Hol gesammelt; dort waren wir noch eher in der hinteren Front. In Schaddadi konnten wir dann schon Erfahrung in den Angriffsgruppen sammeln, den Wind des Krieges kennenlernen“, berichtet Inanna.

„Wir waren zwei Monate in Schaddadi; dort mussten wir lernen, viel zu laufen. Manchmal fünf bis sechs Stunden. An der Front hatten Bagger die Stellungen ausgehoben. Es war Februar, es hatte viel geregnet, wir hatten in den ersten Tagen keine Decken und keine Zelte. Es ist uns schwer gefallen, dass wir unter den Männern keine Privatsphäre hatten. Wir waren nur vier Frauen unter vielen Männern. Unsere Gruppe hatte aber als einzige ein Auto. Der MFS hat uns gerufen, denn weiter vorne an der Front war eine Mine explodiert. Daish hatte alles vermint, und in kurzem Abstand sind Minen hochgegangen. Der MFS und die YPG haben versucht, eine Mine zu entschärfen und sie ist explodiert.“ Die Erfahrung, die Leichen der Genossen zu sehen, sei sehr hart gewesen, habe sie aber stärker gemacht, erklärt Inanna.

Frauen sind stark geworden

Sie berichtet darüber, dass sie über den Fernsehsender Suryoyo TV vom MFS erfahren und sofort beschlossen habe, sich anzuschließen. „Im Februar 2015 gab es den ersten Gefallenen beim MFS, da hatte ich das Gefühl, dass ich kommen muss. Ich war 19 Jahre alt. Ich habe meine Ausbildung beendet und bin gegangen. Meine Mutter hat viel geweint und mich versucht zurückzuhalten, aber mein Vater hat mich verstanden. Zuhause hatte ich polnische und türkische Freundinnen; von denen hat nur eine verstanden, warum ich gehe. Zu den anderen habe ich den Kontakt abgebrochen. Ich habe mich in Deutschland schon immer fremd gefühlt. Dieses Gefühl ist verschwunden, seitdem ich hier bin.“ Am Anfang habe sie sich unwohl gefühlt, denn die kulturellen Codes seien ganz andere. Hier würden junge Frauen, die nicht nach den Regeln lebten, sehr misstrauisch beobachtet. „Was macht so ein junges Ding hier alleine?“ Aber die Haltung gegenüber Frauen hat sich in den letzten Jahren stark verändert. „Die Frauen trauen sich jetzt viel mehr zu.“

Auf die Frage, ob es noch andere Kämpferinnen aus Europa gibt, sagt uns Inanna, dass es noch eine aus Schweden gibt. „Für uns ist es sehr wichtig, dass Frauen selbst entscheiden. Ohne Frauenbefreiung kann auch die Gesellschaft nicht frei sein“, erklärt sie.

Auf die Frage, wie denn der Alltag der Fraueneinheiten aussehe, antwortet Inanna: „Wir stehen morgens um sechs Uhr auf, machen einen Appell, dann Sport und Frühstück. Wir halten 24 Stunden Wache, aber der Schwerpunkt unserer Arbeit ist Bildung.“

Über die Haltung syrianischer Familien gegenüber der Bewegung sagt Inanna, viele seien noch an das Regime gebunden, aber nur aus Angst davor, dass es zurückkommen könnte. Sehr viele Familien hätten Nordsyrien verlassen, aber tatsächlich seien jetzt einige zurückgekommen. Die Familien, die gegangen sind, sind dort nicht glücklich“, fährt Inanna fort.

Tiamat, eine weitere Kämpferin, sagt, dass es ihr wichtig sei, ihr Volk schützen zu können. Sie habe bei den HSBN sehr viel gelernt. Viele aus ihrer Familie seien bei den Sutoro oder dem MFS. Ihre Familie hätte nichts dagegen gehabt, dass sie sich angeschlossen hat. „Im Gegenteil“, sagt sie. „Wir stärken uns als Frauen. Die Frauen stehen jetzt im Zentrum.“