Stimmen von Frauen aus Rojava: Suad

Suad ist Mutter von fünf Kindern und lebt in der nordkurdischen Stadt Dêrik. Ihre ganze Familie ist in der Revolution von Rojava aktiv. „Egal was passiert, wir werden uns verteidigen“, sagt Suad.

ANJA HOFFMANN / DÊRIK, 6. Jan. 2019.

Suad ist Mutter von fünf Kindern; sie ist seit 1988 in der kurdischen Bewegung aktiv. 1993 musste sie mit ihrer Familie ihre Heimatstadt Dêrik verlassen, denn der Staat hatte systematisch dafür gesorgt, dass die Kurden in der Region verarmen. Suad ist mit ihrer Familie nach Damaskus gegangen. Der Stadtteil, in dem sie sich ansiedelten, wird von den dort ansässigen kurdischen Menschen Zorava (zor für schwer und Rojava für Westen) genannt.

Suad begann unter der Bevölkerung in Damaskus politisch zu arbeiten und besuchte Familien, damit sie die kurdische Bewegung kennenlernen. Da sich ihr Bruder, Rêbaz Kocer, 1994 der Befreiungsbewegung angeschlossen hatte und dann auch 1995 in die Berge gegangen ist, ließ der syrische Staat Suad und ihre Familie nicht mehr in Ruhe. Mehrfach wurde ihr Mann festgenommen und verhört. 2005 fiel ihr Bruder im Kampf in den Bergen.

Suad berichtet aus dieser Zeit:

„Wir sind bis 2013 in Damaskus geblieben; dort habe ich Volksarbeit gemacht. Wir sind mit den Freunden zusammen in die Häuser der patriotischen Familien gegangen und haben Geld für den Befreiungskampf eingesammelt. Einmal die Woche fanden kleine Volksversammlungen in den Wohnzimmern der Familien statt. Nach 2004 wurde es immer schwerer, es gab viel Druck. Die Vertreter*innen der Bewegung wurden verhaftet und teilweise, wenn sie von dort kamen, in die Türkei ausgeliefert. Die Frauen in der Bewegung haben sich Ohrringe oder Eheringe angezogen, um nicht als Mitglieder der Bewegung erkannt zu werden. 2009 hat sich mein Sohn angeschlossen und ist in die Berge gegangen. Das war sehr schwer für mich. Tagelang konnte ich nicht aufstehen. Er hat sich nach meinem Bruder Rêbaz Kocer benannt. Rêbaz ist 2011 während eines Angriffs der iranischen Armee auf Qendîl gemeinsam mit dem Sohn meines Onkels gefallen. Er war mein jüngstes Kind. Ich bin krank geworden, als die beiden gefallen sind, und habe wieder angefangen zu rauchen. Ich hatte nichts mehr von ihm gehört, nachdem er sich angeschlossen hatte, einmal jedoch habe ich ihn im Fernsehen gesehen.

Als 2013 die Bomben fielen

2013 haben die Freundinnen uns aufgefordert, Damaskus zu verlassen, damit unsere Söhne Kawa, der damals 25 war, und Ala, der 27 war, nicht zum Militär eingezogen werden. Ala ist dann nach Europa gegangen, wir sind zurück nach Dêrik. Wir haben unser Haus zurückgelassen, in Zorava war die Lage ohnehin katastrophal, Bomben fielen, es gab keinen Strom und kein Wasser mehr. Wir haben auf dem Dach auf dem Feuer gekocht. Zwei Stunden, nachdem wir Damaskus verlassen haben, ist dort eine Bombe explodiert und viele Menschen sind gestorben. All unsere Sachen sollten mit einem Wagen nach Dêrik gebracht werden, aber der Wagen wurde von Al-Nusra-Banden angehalten, nichts kam an. Daher habe ich heute keine Bilder mehr von meinen Kindern, als sie klein waren, keine Fotos von meinem Onkel, von meinem Sohn, der gefallen ist. Er war ein sehr süßes Kind. Aber mir sind alle Erinnerungen genommen worden. In unserem Haus in Damaskus lebt nun eine Familie aus Efrîn.

Zurück in Dêrik

Heute bin ich froh, hier in Dêrik zu sein. Die Revolution ist hier sehr fortgeschritten, die Selbstverwaltung ist in allen Bereichen aufgebaut. Insbesondere für Frauen hat sich unglaublich viel entwickelt. Dinge, die früher Jahre gedauert haben oder nie geschehen sind, gehen jetzt mit der Selbstverwaltung unglaublich schnell. Wolltest du zum Beispiel etwas bauen, hast du jahrelang oder nie eine Antwort bekommen. Nun erledigt die Stadtverwaltung alles in einigen Tagen.

Seitdem ich zurück in Dêrik bin, arbeite ich im Haus der Verletzten. Ich gehe jeden Morgen dorthin und versorge sie. Die Bewegung hat uns hier eine Wohnung gegeben. Mein Sohn ist bei den YPG, mein Mann ist bei den Asayîş, eine meiner Töchter ist in der Jugendarbeit. Während des Angriffs des IS auf Şengal und des Angriffs der Nusra-Front auf Til Koçer haben wir hier die Geflohenen versorgt. Es war entsetzlich, sie waren vollkommen erschöpft und voller Staub, sie hatten so viel Grauenhaftes gesehen. Wir haben sie mit Lebensmitteln und Wasser versorgt.

Egal was passiert, wir werden uns verteidigen

Unser Feind hat sich vorgenommen, uns zu vernichten. Er hat es sich in den Kopf gesetzt und wird das auch umsetzen. In Efrîn wurde alles geplündert, was so mühevoll aufgebaut wurde. Die Staaten bleiben still. Es muss aufhören, dass sie diesen Tyrannen mit Waffen beliefern und angesichts dieser Verbrechen schweigen.

Aber egal was passiert, wir werden uns verteidigen. Wir sind bereit, unsere Kämpferinnen und Kämpfer sind bereit.“