Am Scheideweg: Wie Jesiden um ihre Zukunft ringen

Jungle.World

Dienstag, 18.12.2018 / 08:24 Uhr.  Gastbeitrag von Holger Geisler

Den Charakter einer Gesellschaft erkennt man an ihrem Umgang mit den Schwächsten in ihrer Mitte. So gesehen war es eine wegweisende Entscheidung, die die Jesiden vor vier Jahren trafen.

 

Die Barbaren des IS, selbsternannte Gotteskrieger, überfielen im August 2014 das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden, töteten rund 10.000 Männer und ältere Frauen und entführten fast 8.000 Frauen und Kinder mit dem erklärten Ziel, die Jesiden zu vernichten. Das gleichwohl einfache wie perfide Ziel dieses Genozid bestand darin, Frauen im gebärfähigen Alter von der Gesellschaft zu trennen, so dass diese nicht mehr dauerhaft existieren kann.  Schließlich sind die Jesiden mit ihrer über 4000-jährigen Tradition eine endogame Religionsgemeinschaft , die Heiraten nur innerhalb der eignen Gruppe zulässt.

Als Jeside wird man geboren, Konversion ist unmöglich und eine Eheschließung oder eine sexuelle Beziehung mit einem Andersgläubigen führt zum Ausschluss aus der Gemeinschaft. So wurde es seit Jahrhunderten gelehrt und gelebt und dafür gab es gute Gründe. Um in einer größtenteils feindlichen Umwelt im Nahen Osten überleben zu können, die fast ausschließlich muslimisch geprägt ist, war dies ein einfacher Schutzmechanismus.

 

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(Bild: Dem Genozid entkommen. Jesidische Flüchtlinge 2014)

Der IS hat diesen Schutzmechanismus durch seine grausamen Verbrechen aufgebrochen. Und doch entschied der „Heilige Rat“, wichtigstes Gremium der Jesiden, dass diese Frauen und Mädchen auch weiter in die Mitte ihrer Gesellschaft gehören. Diese wichtige Botschaft gab den so geschundenen Seelen, die teilweise bis zu 40 mal am Tag vergewaltigt, geschlagen und gedemütigt worden waren, neue Kraft, ja überhaupt eine Perspektive.

Noch immer leben mehr 2.000 der betrofffenen Frauen entweder im Dreck der Straßen Dohuks oder in Zelten verstreut in Lagern im Nordirak.

Als das Land Baden-Württemberg damals auf Initiative des Zentralrat der Yeziden in Deutschland (ZYD) 1.100 dieser Frauen und Kinder eine Aufnahme bot, eine sichere und neue Heimat, um vergessen zu können, waren es die Segnung in der heiligen Pilgersätte Lalsi, die diesen Menschen neuen Lebensmut gab.

Weitere kleine Aufnahmeprogramme in Niedersachsen und Schleswig-Holstein nährten zudem die Hoffnung,  allen befreiten IS-Opfern, Opfern sexueller Gewalt, eine  sichere Zukunft jenseits der Lager im Irak bieten zu können. Diese erfüllte sich bis heute nicht.

Wohltönende Worte, keine Taten

Keine weiteren 100 Plätze kamen durch diese Programme zustande. Die Ankündigung Brandenburgs vor mehr als zwei Jahren, sowie aktuell aus Berlin und Bremen kamen bislang noch nicht zum Tragen. Selbst wenn, wäre es nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Noch immer leben mehr 2.000 der betrofffenen Frauen entweder im Dreck der Straßen Dohuks oder in Zelten verstreut in Lagern im Nordirak – ohne wirkliche psychologische Hilfe oder  spezieller Betreuung. Diejenigen, die so Unglaubliches erleiden mussten, erfahren weder besonderen Schutz noch erhöhte Hilfe. Die jesidische Gemeinschaft, von der mehr als die Hälfte als Flüchtlinge in nicht wintertauglichen Camps lebt, kann diese Hilfe nicht leisten. Und die internationale Staatengemeinschaft, die sie leisten könnte, tut sie einfach nicht. Vielen wohltönenden Worte folgen wenig praktische Taten.

 

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(Bild: Leben im Lager, Khanke Camp)

 

Wirklich dramatisch ist aber die Tatsache, dass die perfiden Überlegungen des IS doch noch Früchte tragen könnten. Denn viele der Frauen, die inzwischen befreit werden konnten, waren schwanger, brachten Kinder der IS-Terroristen zur Welt. Etliche gaben diese Kinder weg, andere wollen sie behalten, da die Kinder ihnen Trost in schwerer Zeit gaben und noch immer geben oder weil sie sich ihnen gegenüber verantwortlich fühlen. Doch das dürfte nicht so bleiben, da alle Seiten Druck auf die jungen Mütter ausüben. Die irakische und kurdische Regierung verweisen auf ihre Gesetze die besagen, dass diese Kinder durch den Vater Muslime seien. Möchten die Mütter Papiere für diese Kinder, denn werden auch sie kurzerhand zur Muslima erklärt, sind sie doch Mutter eines muslimischen Kindes.

Internationale Gemeinschaft schaut zu

Die internationale Staatengemeinschaft, die die Region finanziell stark unterstützt, schaut diesem Treiben hilflos zu. Hilflos wirken auch die Jesiden selbst, sehen sie sich doch außerstande zu erklären, welchen Status diese Kinder künftig haben sollten. Rückendeckung erhielten die betroffenen Frauen von Hazim Beg, dem Sohn und Stellvertreter des weltlichen Oberhauptes der Jesiden. „Nur die Mütter können entscheiden, ob sie die Kinder behalten wollen“, erklärte er. Auch seine Frau Mayan streitet für die geschundenen Seelen, setzt sich in öffentlichen Debatten leidenschaftlich für sie ein. Das religiöse Oberhaupt, der Baba Sheikh, unterstützt Bemühungen für einen besonders geschützten Bereich für diese Menschen. Sie alle können aber nicht erklären, ob die Mütter weiter Jesidinnen sind und was aus den Kindern später werden soll.

Kann man kluge, weise und richtige Entscheidungen treffen, im fünften Winter in nicht wintertauglichen Zelten?

Bevor wir jetzt die Stimme erheben und belehrende Kommentare abgeben, sollten wir kurz innehalten. Wäre es bei uns so viel einfacher, haben unsere Großeltern ganz anders agiert bei den Kindern aus Vergewaltigungen im zweiten Weltkrieg?  Gab es nicht ganz ähnliche Entwicklungen bei den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien oder vielen afrikanischen Auseinandersetzungen?

Können Menschen, die ein derartiges Trauma erleiden mussten („Erst konnten sie ihre Frauen und Kinder nicht beschützen, heute können sie ihre eigene Gesellschaft nicht ernähren“) solche Entscheidungen mal eben so treffen? Ist es überhaupt möglich, sich damit zu beschäftigen, angesichts der vielen Frauen, die noch immer in Gefangenschaft sind? Was haben diese wohl bei der Befreiung der einstigen IS Hochburg Raqqa gedacht? Die Stadt wurde befreit, doch die Terroristen durften nicht nur unkontrolliert abziehen, sondern nahmen auch noch vielen jesidische Frauen und Kinder mit. Die Botschaft, die sich in deren Köpfen festgesetzt haben dürfte, ist klar: Wir werden nicht befreit, nicht einmal, wenn die USA, der Iraker und die Kurden den IS schon besiegt haben! Welche weiteren seelischen Verletzungen dürfte diese Wahrnehmung nach sich ziehen?

Fünfter Winter in nicht wintertauglichen Zelten

Kann man kluge, weise und richtige Entscheidungen treffen, im fünften Winter in nicht wintertauglichen Zelten? Können Menschen frei entscheiden, die nicht genug zu essen, keine passende Kleidung für die drohende Kälte und kein Gas zum Heizen haben? Wollen wir, die wir mit demokratischen Werten in einer freien Welt aufwuchsen, wirklich den Stab über diese Menschen brechen und damit, wenn auch unbeabsichtigt, die IS Ziele zur Vernichtung dieses friedliebenden Volkes unterstützen?

 

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Es ist leicht, diese Menschen zu verurteilen, es ist nicht schwer, diesen Artikel zu schreiben. Es überfordert aber, mit diesen Mädchen und Frauen zu sprechen, und ihre Hoffnungen zu erleben, die dann doch einer großen Enttäuschung weichen. Und es ist fast unmöglich, sachlich mit ihren Sorgen und Nöten umzugehen!

Gebt Ihnen eine Zukunft!

Wahrscheinlich bleibt mein Appell bei denen, die wenigstens Linderung verschaffen könnten, ungehört. Gebt diesen Frauen, diesen Kindern eine Zukunft in einem westlichen Land. Vieles wird die Zeit richten.  Sorgt dafür, dass die Genozidopfer eines ganzen Volkes endlich wieder menschenwürdig leben können – nicht mit Almosen, sondern mit einer Zukunft, die sich selbst aufbauen und gestalten können.

Und so schließe ich mit einer ganz einfachen Frage, die nicht von mir, sondern von der Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad und von Sacharow-Preisträgerin Lamia Baschar stammen: „Wenn Baden Württemberg 1.100 Frauen und Kinder aufnehmen konnte, warum kann Deutschland, warum nicht die EU die anderen so geschundenen 6.000 Seelen aufnehmen?“ Diese Frage zu beantworten oder besser, die Aufnahme auch umzusetzen, wäre so viel wichtiger als der erhobene, moralische Zeigefinger.

Vor kurzem begingen die Jesiden einen ihrer wichtigsten Feiertage. Bleibt zu hoffen, dass es gute Nachrichten geben wird und die Jesiden auch künftig noch als Glaubensgemeinschaft viele Feiertage erleben werden.

 

Holger Geisler (54) arbeitet als freier Journalist, ehe er mit Beginn des Genozid an den Jesiden, einer ihrer wenigen Fürsprecher wurde. Er ihalf, als Sprecher des “Zentralrat der Yeziden (ZYD)“, die Sonderaufnahme Programme in Baden Württemberg und Niedersachsen mit zu initiieren, berät immer wieder politische Parteien und Regierungen in diesem Problemfeld. Derzeit arbeitet er als Geschäftsführer bei „Ezidxan Aid International e.V“, einer NGO die sowohl in den Krisengebieten der Welt als auch in Deutschland aktiv ist.

(Bilder: ©Thomas v. der Osten-Sacken)