Von der Sultan-Murad-Brigade zum Efrîn-Widerstand

Die Nachrichtenagentur ANHA konnte ein Gespräch mit einem ehemaligen Mitglied der Sultan-Murad-Brigade führen. Heute kämpft Murshid Reco in den Reihen der QSD bei der Gruppe Jabhat al-Akrad.

ANF / SHEHBA, 9. Dez. 2018.

Murshid Reco (27) kommt aus al-Bab in Shehba und ist Vater eines Sohnes. Aufgrund der Schreckensherrschaft des IS musste er nach Aleppo fliehen. Gegenüber der Nachrichtenagentur ANHA erklärte das ehemalige Mitglied der Sultan-Murad-Brigade: „Ich lebte mit meiner Familie in Bizra in der Region al-Bab. Der IS besetzte unsere Gegend im Jahr 2014. Wir sind vor seiner Grausamkeit nach Aleppo geflohen.“

In Aleppo lernte Murshid die Sultan-Murad-Brigade kennen (die von der Türkei finanziert wird und hauptsächlich Turkmenen rekrutiert, die Red.) und schloss sich ihr an: „Diese Leute sagten: ‚Wir werden die Rechte, die das Volk verloren hat, zurückbringen und den Frieden garantieren‘. Wir hatten durch den IS viel erlitten. Deswegen und auch um meine Familie zu schützen, entschied ich, mich ihnen anzuschließen.“

Das wahre Gesicht der Miliz

Über seine Zeit bei der Brigade berichtete Murshid: „Alle ihre Behauptungen waren erlogen. Ihr einziges Ziel war es, junge Männer zum Beitritt zu bewegen. Es gab keinen Unterschied zwischen der Sultan-Murad-Brigade und dem IS. Sie plünderte wie der IS und sie mordete. Ich wollte dort so schnell wie möglich weg, aber ich hatte Angst, dass meiner Familie etwas angetan wird. Wenn ich mich von der Brigade getrennt hätte, wäre ich getötet worden, weil ich ihr wahres Gesicht gesehen hatte.“

Bei Verteilungskämpfen zwischen den Milizen gefangen genommen

Im Jahr 2015 kam es im Bustan-Pascha-Viertel zwischen der Khaled-al-Hayani-Brigade (auch bekannt als Badr-Märtyrer-Brigade der 16. Division) und der Sultan-Murad-Brigade zu Kämpfen aufgrund von Uneinigkeiten über die Verteilung geplünderter Beute. Murshid wurde bei diesen Gefechten gefangen genommen. Er berichtete von seiner Gefangenschaft: „Ich war sechs Monate gefangen und wurde jeden Tag gefoltert. Auch nach drei Jahren sind die Folterspuren noch zu sehen. Meine Familie wusste nichts von meiner Lage. Um mich aus dieser Hölle zu retten, wollte ich mich dieser Brigade anschließen. Sie war genauso übel wie die anderen Milizen. Ihre Bekenntnisse bestanden nur aus Parolen, in Wahrheit waren sie alle Plünderer und Diebe.“

Murshid wurde selbst Zeuge davon, wie Frauen an Kontrollpunkten belästigt und wegen vermeintlicher Zusammenarbeit mit dem syrischen Regime entführt und vergewaltigt wurden. Männer wurden unschuldig gefangen genommen, gefoltert und ausgeraubt.

Angst um die Familie

Murshid war eine Zeitlang bei der Khaled-al-Hayani-Brigade. Von dieser Zeit erzählte er: „Obwohl ich ihr Mitglied war, wurde meine Waffe gestohlen und dann behauptet, ich hätte sie verloren. Anschließend wurde ich in den Kerker geworfen und sollte die Waffe bezahlen. Eines Tages wurde ich bei einem Gefecht mit dem Regime am Bein verletzt. Die Milizionäre, mit denen ich zusammen war, nahmen meine Waffe und hauten ab, sie ließen mich alleine zurück. Später holte mich meine Familie vom Schlachtfeld und kümmerte sich um meine Behandlung. Ich hatte große Angst um meine Familie. Wenn ich in den Kampf ziehen musste, dann brachte ich sie in Aleppo bei meinem Bruder unter. Das Ziel dieser Milizen ist nicht die Verteidigung der Bevölkerung oder so. Ihr einziges Ziel ist es, die Menschen zu vertreiben und ihre Sachen zu stehlen.“

Ein Milizionär mit dem Namen Abu Omar al-Zengi habe in Azaz gearbeitet, um die Khaled-al-Hayani-Brigade mit Waffen, Munition und Mitgliedern zu versorgen, berichtete Murshid weiter: „Es war Ende 2016. Wir hatten die Kastelo-Road und die Ramusaye-Straße abgesperrt und umstellt. Nach dem Abkommen hätte die Miliz Jaish-al-Fatah die Blockade gegen uns aufgeben müssen. Wir erfuhren jedoch, dass die Blockade auf Befehl des türkischen Staates aufrechterhalten werden sollte. Dann kam der Befehl, dass wir nach Nord-Aleppo in das Viertel Shear gehen und auf die vom Regime bereitgestellten grünen Busse in den Norden warten sollten. Das alles war Teil eines Abkommens zwischen dem türkischen Staat und dem syrischen Regime. Nachdem der türkische Staat seine Milizen verkauft hatte, erlaubte es Russland der Türkei im Gegenzug, al-Bab zu besetzen.“

Murshid wollte die Stadt jedoch nicht zusammen mit den anderen Milizionären verlassen: „Ich weigerte mich, Aleppo zu verlassen, weil ich es nicht verantworten konnte, was die FSA tat. Ich habe ihre Haltung und ihre Verbrechen an Frauen gesehen. Nachdem ich in Aleppo zurückgeblieben war, schloss ich mich den Freunden von Jabhat al-Akrad an und lebe jetzt in Şêxmeqsûd.“

„Hier habe ich die wahre Bedeutung von Freundschaft verstanden“

Murshid Reco sagte: „Die Kämpfer von Jabhat al-Akrad sind für ihre Organisiertheit, Disziplin, ihren Respekt und ihre Moral bekannt. Bei ihnen habe ich den Geist der Freundschaft kennengelernt. Sie haben mit Diebstahl oder unmoralischem Verhalten nichts zu tun. Sie tun alles, um verletzte Freunde zu retten. Ich habe hier wahre Freundschaft und Opferbereitschaft kennengelernt. Sie lassen dich nicht alleine, Jetzt mache ich mir keine Sorgen mehr um meine Familie, denn ich weiß, sie ist in Sicherheit.“

Der Widerstand von Efrîn

Murshid hat sich während der türkischen Militärinvasion in Efrîn dem Widerstand angeschlossen: „Zum ersten Mal fühlte ich, dass ich kämpfte, um zu beschützen. Wir haben gegen den türkischen Besatzerstaat und seine Milizen gekämpft. Wenn die Bedingungen etwas gerechter gewesen wären, hätten sie gegen unseren Widerstand nicht bestehen können.“

Murshid wurde in Efrîn-Şiyê verletzt: „Ich werde nie vergessen, was die Milizen mir angetan haben. Ich werde mit der Befreiung von Efrîn und den anderen Gebieten Rache für mein Volk und mich selbst nehmen.“