Wir haben Revolutionen in der Revolution gemacht

Hesen Mihemed Elî vom Vorstandskomitee des Demokratischen Syrienrats und Verantwortlicher für die Arbeit in den Regionen Raqqa und Deir ez-Zor berichtet vom gleichzeitigen Abwehrkampf gegen die Türkei und den IS und dem Aufbau eines neuen Systems.

ANF /  REDAKTION, 30. Dez. 2018.

Hesen Mihemed Elî aus dem Vorstandskomitee des Demokratischen Syrienrats (MSD) ist verantwortlich für die Organisierung der zivilen Räte. Er berichtet, dass die arabische Bevölkerung wie auch die anderen Völker der Region sich selbst verwalten und das System angenommen haben. Daher werden sich nicht nur die Kurd*innen, sondern alle Völker der Region gegen einen türkischen Angriff stellen. Hesen Mihemed Elî ist insbesondere für den Aufbau der Zivilräte in Raqqa und Deir ez-Zor und die Einbeziehung der Stämme und der arabischen Bevölkerung verantwortlich. Zu den Arbeiten in der Region, der Position der arabischen Bevölkerung, den Folgen der US-Entscheidung, den Aktivitäten der Türkei und des Regimes in der Region und der Haltung zur Invasionsdrohung der Türkei gab er der kurdischen Tageszeitung Yeni Özgür Politika ein Interview.

Sie haben mit dem Zivilrat von Raqqa und Deir ez-Zor gearbeitet. Können Sie uns zunächst etwas über die soziale Organisation des Zivilrats berichten? Wie ist die Beteiligung der verschiedenen Schichten der arabischen Gesellschaft?

Wir als MSD beschäftigen uns mit allen Räten in ganz Rojava, Nord- und Ostsyrien. Diese neuen Räte in Tabqa, Raqqa und Deir ez-Zor stellen für die dortige Bevölkerung ein neues Kapitel dar. Insbesondere die arabische Bevölkerung dort konnte seit Jahrzehnten nichts mehr aus eigenem Willen tun. Sie wurden vom Baath-Regime beherrscht und erwarteten auch alles vom Regime. Nun verwaltet sich die Bevölkerung zum ersten Mal selbst, sie regelt ihre Angelegenheiten und sie fühlt sich für sich selbst verantwortlich. Sie verwaltet sich selbst im Zivilrat von Raqqa, in allen Vierteln und Dörfern wurden Räte und Kommunen aufgebaut. Es gibt bei der Organisierung der Assyer*innen, Araber*innen, Tscherkess*innen unterschiedliche Notwendigkeiten und Probleme. Das bringt auch eine Weiterentwicklung, was unsere Kapazitäten betrifft.

Das 21. Jahrhundert stellt den Beginn eines neuen Zeitalters dar. Unsere Bewegung ist die Vorhut dieses Zeitalters. So sehr auch die Medien die Bevölkerung beeinflussen, so sehr stellt die Freiheitsbewegung die Avantgarde der Völker des Mittleren Ostens dar. Wir haben dem IS eine Niederlage beigebracht. Die Mehrheit der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) wird von Araber*innen gestellt. Diejenigen, die zuvor vom IS beherrscht worden waren, kämpfen nun gegen ihn. Das ist neu. In Raqqa sind vor allem unsere arabischen Geschwister gefallen. Nach ihrer Befreiung sagten sie: „Wir werden kämpfen und diese Situation nicht hinnehmen.“

Am Wiederaufbau von Raqqa beteiligen sich sowohl die internationale Koalition als auch Saudi-Arabien. Welche Arbeiten gibt es abgesehen von finanzieller Unterstützung, was bedeutet die aktuelle Entscheidung der USA für den Wiederaufbau?

Der Wiederaufbau wird von der Bevölkerung getätigt. Die arabische Bevölkerung organisiert sich selbst und baut selbst alles wieder auf. Es gibt es keine Beziehung zur NATO, den Koalitionskräften oder den USA. Sie unterstützen uns im Kampf gegen den IS. Der Aufbau der Strukturen in der Bevölkerung, die Organisierung und der Wiederaufbau sind unsere Aufgaben. Dafür haben wir die Räte gestärkt. Wir machen Vorschläge zu dieser Neustrukturierung und zum Wiederaufbau. Aber der Neuaufbau ist auch von etwas anderem abhängig. Immer wenn Wege aus neuen Gebieten geöffnet werden oder diese befreit werden, dann kommen neue Leute in die Region. Manche Institutionen ändern sich daher und passen sich den Bedingungen an, denn es geht darum, den neu ankommenden Menschen neue Aufgaben zu geben. Unserem Paradigma entsprechend verwaltet sich die Bevölkerung selbst.

Wir profitieren von der Hilfe der Staaten. In der Koalition gibt es über 70 Staaten. Auch Russland, der Iran, die Türkei und ihre Agenten gehören zu den Staaten, die hier agieren. Sie machen Politik und wir verfolgen aufmerksam die Balancen. Wir haben nie die Haltung vertreten, dass wir weg sind, wenn die USA abziehen. Als wir angefangen haben, gab es hier keine USA. Wir haben das alles mit dem Willen der Bevölkerung von Rojava, unserem Willen, unserem Kampf und unseren Möglichkeiten umgesetzt. Das wird auch in Zukunft so sein. Das bedeutet nicht, dass wir von der Hilfe der Staaten nicht profitieren werden. Das hier ist ein Krieg. Wir befinden uns in einem großen Wettlauf gegen unsere Feinde. Sie versuchen, uns zu vernichten und wir versuchen, uns zu beweisen. Es handelt sich um eine historische Abrechnung. Diejenigen, die sich gut organisieren und ihr System dementsprechend aufbauen, den Willen der Menschen umsetzen und die politischen Verhältnisse richtig bewerten, werden erfolgreich sein. Wir waren bisher erfolgreich und das werden wir auch weiterhin sein. Durch die Kriege mag es gewisse Beeinträchtigungen geben, aber es geht weiter. Wir schreiten immer weiter fort. Schauen Sie sich an, was für ein Chaos in den USA wegen Trumps Entscheidung ausgebrochen ist. Es gab internen Streit und sogar Rücktritte. Das zeigt ebenfalls unsere Position. Unsere Lage hat eine so bedeutende Position erreicht, dass eine Entscheidung über uns Einfluss auf die Balancen in der Welt hat. Das Niveau, das wir entwickelt haben, kann auch auf die großen Staaten Wirkung entfalten. Deshalb sollten die Kurd*innen und die Völker, die mit ihnen gemeinsam kämpfen, diese Phase als eine Phase in ihrem Sinne begreifen. Sie sind wirklich entschlossen, erfolgreich zu sein. Aber reicht das aus? Nein, das tut es nicht. Unser Ziel ist groß. Es sind mehr Kampf, Organisierung und Maßnahmen gegenüber der sich verändernden Weltlage notwendig. In dieser Hinsicht müssen wir uns und unserer eigenen Kraft vertrauen.

Was wurde bis jetzt für den Wiederaufbau, die Ansiedlung, die Produktion, den Lebensunterhalt und den Handel in den Städten getan?

Wenn in einer Region Krieg herrscht, dann bricht dort alles zusammen und muss neu aufgebaut werden. Die Schritte, die wir gegangen sind, und das, was wir trotz der schweren Bedingungen umgesetzt haben, werden besonders deutlich, wenn wir die Situation mit den Gebieten unter der Kontrolle des Regimes oder anderen Orte vergleichen. Raqqa wurde dem Erdboden gleich gemacht. Die Situation heute in Raqqa ist besser als die in Homs, Deir ez-Zor, Dara oder Aleppo. Diese Regionen stehen unter der Kontrolle des Regimes. Die Bevölkerung migriert aus den Gebieten unter Regimekontrolle zu uns. Hier gibt es Stabilität, Gerechtigkeit, Entwicklung und Hoffnung.

Die Bevölkerung in unserer Region lebt von der Landwirtschaft. Wir bessern die Bewässerungskanäle aus. Wir haben die Versorgung der Bevölkerung mit Strom sichergestellt. Obwohl die Bedingungen in dem Jahr nicht gut waren, konnte unser demokratischer Zivilrat enorme Entwicklungen vorantreiben. Dutzende Brücken wurden repariert. Wenn man jetzt nach Raqqa kommt, dann kann man wie früher vor Menschen kaum laufen. Im Moment leben 200.000 Menschen in Raqqa. Der Handel hat angefangen. Das billigste Brot in ganz Syrien wird in unserer Region verkauft. Der Liter Diesel kostet im Moment 55 SL (0,0938 Euro). Nirgends auf der Welt gibt es so günstigen Diesel. Wir haben alles in der Region in Bewegung versetzt. In Raqqa, Tabqa und Deir ez-Zor gehen 300.000 Schüler*innen in die Schule. Es wurden 800 Schulen eröffnet, dort arbeiten 11.000 Lehrer*innen. Das sind keine einfachen Errungenschaften.

Wie verwaltet sich ein Land selbst? Es gibt Hunderttausende Menschen, die arbeiten. Diese Menschen werden auch bezahlt. Das bedeutet zum Beispiel, wenn 300.000 Menschen arbeiten und versorgt werden, dann sind das auch 300.000 Familien, die versorgt werden. Das ist eine gute Entwicklung. Natürlich reicht das nicht aus. Wir müssen für noch mehr Entwicklung sorgen. Solche Entwicklungen haben wir mitten im Krieg erreicht. Entwicklungen im Krieg sind etwas anderes als nach der Schaffung von Stabilität. Auf der einen Seite wird gegen den IS gekämpft, es gibt die Drohungen der Türkei, und auf der anderen Seite wird ein neues System entwickelt. So werden viele Dinge gleichzeitig gemacht. Reparatur, Landwirtschaft, der Wiederaufbau von Institutionen, der Bau von Dörfern und Stadtvierteln sind keine leichten Arbeiten. Eigentlich haben wir innerhalb der Revolution in ganz Rojava und Nordsyrien weitere große Revolutionen gemacht.

Gibt es in diesen Gebieten Widerspruch gegen die aktuelle Verwaltung, Opposition, die aber nicht mit den Dschihadisten in Verbindung steht?

Natürlich gibt es die. Wir sind nicht dafür, dass es nur eine Farbe gibt. Der Ort, an dem es Vielfalt gibt, ist ein gesunder Ort. Es gibt von manchen Menschen Widersprüche und Kritiken. Die Bevölkerung kritisiert unsere Ratsvorsitzenden und die Leitung. Manche kommen und sagen, dieses oder jenes widerspricht eurem Projekt. Die Bevölkerung vertraut diesem System und kann ihre Kritik vortragen. Das System entwickelt sich auf diese Weise. Man kann sich nicht ohne Kritik entwickeln. Aber diejenigen, die dort Leben, sowohl die, die kritisieren als auch diejenigen, die es nicht tun, sagen: „Es ist eine neue Zeit, wir müssen für diese Errungenschaften Verantwortung übernehmen“. Manch andere agieren aber auch als verlängerter Arm von Staaten. Sie beabsichtigen, die Arbeit hier zu sabotieren. Die Türkei lässt einige ihrer Agenten in den Stämmen arbeiten und Antipropaganda verbreiten. Das ist eine Sache des Kampfes. Wenn wir unsere Arbeit gut machen und zeigen, dass wir nicht schwach sind, kann sie niemand gegen uns verwenden.

Wir wissen, dass der türkische Staat zwischen Girê Spî und Raqqa ernsthaften Druck aufbaut. Manche Stämme werden zur Zusammenarbeit gezwungen, es gibt Kontraaktivitäten und immer wieder auch Attentate unter falscher Flagge. Wie ist die Haltung der regionalen Bevölkerung dazu?

Das Regime, Moskau und der Iran haben angekündigt: „Wir kommen und führen hier wieder das alte System ein.“ Sie haben begonnen, andere Methoden auszuprobieren. Die Türkei verübt vom Norden aus Attentate auf die QSD und versucht die Bevölkerung einzuschüchtern und zu bedrohen. Außerdem versucht sie, zwischen den Stämmen in Girê Spî Probleme zu kreieren und sie gegeneinander aufzubringen. Es wird versucht, Widersprüche zu schaffen. Nun versucht auch das Regime von Süden her Antipropaganda wie, „die Kurden sind gekommen, um euch zu beherrschen“ zu verbreiten. Es werden außerdem Attentate auf Scheichs und Stammesführer verübt und es wird versucht, diese so von uns zu entfernen. Es wird damit gedroht, dass eine Annäherung an die Kurden den Tod bedeutet. Die Bevölkerung hat das verstanden, aber die Staaten versuchen, ein eigenes Bild zu schaffen. Damit hatten sie bisher jedoch keinen Erfolg. Neulich ist in Raqqa ein Scheich ermordet worden. Es wird versucht, in Girê Spî Konflikte zu schüren, aber auch das gelingt nicht. Bei dieser Praxis spielt der türkische Staat eine wichtige Rolle. Da diese Methoden aber keinen Erfolg hatten, will er nun direkt anzugreifen. Das Volk kann zum ersten Mal in einem demokratischen Verständnis aufatmen und identifiziert sich immer mehr mit der Bewegung.

Wie weit ist die Selbstverteidigung in der Bevölkerung gegen einen möglichen umfassenden Angriff der Türkei entwickelt?

Was die militärische Kraft betrifft, so gibt es Erklärungen der QSD zu ihren Vorbereitungen. Der Krieg bringt selbst schon Zerstörung mit sich. Wenn es zu einem Angriff kommt, werden die QSD und die Bevölkerung Widerstand leisten, sie werden die Hölle losbrechen lassen. Die QSD bereiten sich darauf vor und auch die Bevölkerung organisiert sich. Wenn Sie es aufmerksam verfolgen, dann können Sie beobachten, dass die Bevölkerung mittlerweile schon auf die kleinste Bedrohung reagiert. Auch die Araber*innen in den abgelegensten Dörfern sagen: „Wir akzeptieren das nicht.“ Wenn die Türkei angreift, hat sie alle Völker gegen sich und wird verlieren.

Bewegungen gegen Invasion in Erîma

Nach den türkischen Invasionsdrohungen laufen diplomatische Gespräche zwischen Moskau und Damaskus auf Hochtouren. Nun wurden syrische und russische Truppen nach Erîma bei al-Bab geschickt und agieren dort gemeinsam mit den Selbstverteidigungskräften.

ERSİN ÇAKSU aus BAB, 29. Dez. 2018.

Nach den Angriffsdrohungen der Türkei auf Nord- und Ostsyrien und der gleichzeitigen Rückzugsentscheidung der USA kommt es zu intensiven politischen, militärischen und diplomatischen Bewegungen in der Region. Tayyip Erdoğan hatte die USA in den vergangenen drei Jahren immer wieder aufgefordert, Syrien zu verlassen. Nach der Rückzugsentscheidung erklärte Erdoğan an die USA gerichtet: „Zieht euch nicht zurück, lasst uns zusammenarbeiten.“ Gleichzeitig steigert er die Drohungen gegen Nord- und Ostsyrien Tag für Tag.

Verhandlungen über Invasion heute in Moskau

Eine der Regionen, die besonders von Besetzung bedroht sind, sind die Gemeinden Erîma im Kreis von al-Bab und Minbic. Der türkische Staat hat eine große Anzahl seiner Milizen an die Grenze beider Regionen verlegt und wird heute mit Russland über die Besetzung der Region verhandeln.

Intensiver diplomatischer Verkehr

Aber auch die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien befindet seit langem in intensiven diplomatischen Gesprächen mit dem syrischen Regime, Russland, den Staaten der Region und den europäischen Staaten.

Russland und Regime entsenden in Absprache mit Militärrat Truppen nach Erîma

Nachdem der türkische Staat große Truppenkontingente an die Grenze von Erîma bei al-Bab verlegt hat, hat das syrische Regime und Russland ebenfalls Truppen in die Dörfer bei Erîma entsandt. Nach Gesprächen zwischen der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens, dem Regime und Russland hat das syrische Regime gestern seine Truppen in Koordination mit dem Militärrat von Minbic nach Erîma entsandt.

Über Erîma weht die russische, die syrische und die Fahne von Jabhat al-Akrad

In Erîma sind der Militärrat von Bab, der Militärrat von Minbic und Jabhat al-Akrad zur Verteidigung stationiert. Sie sichern nun gemeinsam mit dem Regime und den Selbstverteidigungseinheiten die Grenze. Nach den türkischen Drohungen wehen über der Region die Fahnen der Selbstverteidigungskräfte, des Regimes und Russlands. Es finden intensive diplomatische Verhandlungen zwischen der Selbstverwaltung, Russland und Syrien statt, ob und inwiefern die Allianz gegen die türkische Invasion ausgeweitet wird.

Die Völker stärken ihren Organisierungsgrad

Währenddessen bauen die kurdischen, arabischen, turkmenischen und anderen ethnischen und religiösen Identitäten der Region ihre Organisierung zu Selbstverteidigung weiter aus, während sie trotz allem ihr alltägliches Leben fortsetzen.

USA auf gemeinsamer Patrouille

Die USA und Koalitionskräfte patrouillieren immer noch in Minbic. Die Panzerfahrzeuge der USA fuhren im Zentrum von Minbic Patrouille.

Die Türkei versucht eigene Position zu finden

Tayyip Erdoğan hatte die USA in den vergangenen drei Jahren immer wieder aufgefordert, Syrien zu verlassen. Nach der Rückzugsentscheidung erklärte Erdoğan: „Zieht euch nicht zurück, lasst uns zusammenarbeiten.“ So scheint die Türkei im Moment auf der Suche nach ihrer eigenen Position zu sein. Für eine Öffnung des Luftraums durch Russland für einen möglichen Luftangriff wird eine türkische Delegation nach Moskau reisen und in Verhandlungen eintreten.

Liegt Idlib auf dem Verhandlungstisch?

Die Delegation besteht aus dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, dem türkischen Verteidigungsminister Hulusi Akar, dem MIT-Chef Hakan Fidan und dem Sprecher Erdoğans Ibrahim Kalın. Es stellt sich die Frage, was die Türkei Russland anbieten möchte. Zuvor hatte die Türkei ihre Besetzungen durch den Tausch „Aleppo gegen al-Bab“ und „Ost-Ghouta gegen Efrîn“ ausgehandelt. Diesmal könnte insofern Idlib auf dem Verhandlungstisch liegen.

Einerseits Moskau, andererseits Washington

Andererseits finden am 8. Januar Treffen in den USA statt, bei denen es um die Rückzugsentscheidung und die damit zusammenhängende Erklärung der Türkei, anstelle der russischen S-400 Raketen amerikanische Patriot-Systeme einzukaufen, gehen wird.

Gegen Erdoğans Truppen an der türkisch-syrischen Grenze

Die Grenzstadt Serêkaniyê wappnet sich gegen eine türkische Invasion. Die Straßen werden zum Schutz vor Drohnenüberwachung mit riesigen Planen verhangen, die Bevölkerung stellt sich der Bedrohung als lebende Schutzschilde entgegen.

ANF / SERÊKANİYÊ, 29. Dez. 2018.

Eine Delegation der feministischen Kampagne „Gemeinsam Kämpfen“ aus Deutschland hat sich zwei Tage lang an der Aktion der lebenden Schutzschilde in der Grenzstadt Serêkaniyê (Ras al-Ain) beteiligt.

Serêkaniyê ist neben Minbic (Manbidsch) und Girê Spî (Tall Abyad) eine der Grenzstädte, an denen die türkische Armee ihre Truppen auf türkischer Seite sammelt. Es wird damit gerechnet, dass an diesen Grenzpunkten die Angriffe der türkischen Armee früher oder später beginnen werden. Auf der anderen Seite der Grenze werden unter anderem in Deutschland produzierte Waffen bereit für einen Angriff gemacht. Jeden Tag kann eine Invasion beginnen, gegebenenfalls auch direkt hier.

Die Aktion der Schutzschilde hat zum Ziel, durch die Anwesenheit einer großen Anzahl an Menschen eine Art menschlichen Schutzwall darzustellen. Natürlich ist ein weiterer Aspekt auch der, dass die Tatsache, dass sich hunderte Menschen aus eigenem Willen in direkter Reichweite einer großen Armee dieser Gefahr aussetzen, eine sehr große moralische Unterstützung für die gesamte Bevölkerung bedeutet. Es ist eine Aktion, die nach außen und nach innen wirkt.

Seit etwa zwei Wochen campen die lebenden Schutzschilde nun an der Grenze, 300 Meter von der Grenzmauer entfernt. Die Aktion ist bisher bis zum zweiten Januar geplant. Aus vielen Städten der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien kommen Gruppen für zwei Tage, um als Schutzschilde vor Ort zu sein. Unter anderem aus Hesekê und Qamişlo, aber auch aus Tabqa und Hol, zwei der eher neuer von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ befreiten Städte. Das Leben im Camp wird kommunal organisiert in Zelten, in denen auch übernachtet wird. Der kurdische rote Halbmond (Heyva Sor) ist mit einem Krankenwagen vor Ort, für den Fall, dass etwas passiert oder spontan medizinische Hilfe gebraucht wird.

Während in der Stadt Tunnel zum Schutz vor den drohenden Bombardierungen gegraben und die Straßen gegen die Drohnenüberwachung mit riesigen Planen verhangen werden, ist die Stimmung bei der Aktion ausgelassen. Es wird gemeinsam getanzt, es werden Reden gehalten und die Teilnahme der Delegation aus Deutschland wird sehr begrüßt.

Unterstützung für Kobanê aus Raqqa

Über 700 Vertreter arabischer Stämme aus Raqqa haben Kobanê einen Solidaritätsbesuch abgestattet und dabei zugesagt, gegen einen möglichen Angriff der türkischen Armee Widerstand zu leisten.

ANF / KOBANÊ, 29. Dez. 2018.

Der türkische Staat hält seine Invasionsdrohungen gegen Nord- und Ostsyrien aufrecht, die Bevölkerung der Region verstärkt ihre Verteidigung. Täglich finden Demonstrationen statt, im Grenzgebiet werden Mahnwachen und Aktionen lebender Schutzschilde durchgeführt. Das Widerstandszelt in Kobanê ist heute von über 700 Arabern und Araberinnen aus Raqqa besucht worden.

Unter den Besuchern aus Raqqa befanden sich Vertreter der arabischen Stämme der Begara, Welda, Neim, Igedat, Elbu Hamid, Efadle, Mejadme, Shemir, Beni Sultan, Beni Umer, Jebat, Jilisat, Elbu Jabir, Elbu Sheban, Elbu Khemis, Shibil, Wehb, Ijel, Hewiwat, Beni Khalid, Elbu Esaf, Emirat und Nasir. Sie wurden in Kobanê begeistert empfangen.

Bei der Einfahrt der aus Dutzenden Fahrzeugen bestehenden Kolonne nach Kobanê riefen die Gäste aus Raqqa auf Arabisch: „Wahid, wahid, wahid, shaabi Suri wahid – Die Völker Syriens sind eins!“ Bei dem zweistündigen Solidaritätsbesuch wurden Reden im Namen des Zivilrats von Raqqa, der Leitung der Euphrat-Region und der Leitung Kobanês gehalten. In den Ansprachen wurde der türkische Staat als Besatzungsmacht in Syrien bezeichnet und Widerstand gegen eine mögliche Invasion angekündigt.

Gegen Erdoğans Truppen an der türkisch-syrischen Grenze

Syrische Armee verlegt Truppen vor Minbic

Das syrische Militär hat auf den Aufruf der YPG reagiert und bestätigt, Truppen vor Minbic verlegt zu haben.

ANF / REDAKTION, 28. Dez. 2018.

Das syrische Militär hat auf den Aufruf der Volksverteidigungseinheiten YPG reagiert und bestätigt, vor einer drohenden Offensive der Türkei Truppen vor die nordsyrische Stadt Minbic (Manbidsch) verlegt zu haben. Am Freitag teilte das Generalkommando der Armee mit, dass die Truppen ihrer Verpflichtung nachkämen, die staatliche Souveränität auf dem gesamten syrischen Staatsgebiet sicherzustellen. Das berichtete auch die staatliche Nachrichtenagentur Sana.

Die Stadt westlich des Euphrat wird vom Militärrat Minbic kontrolliert. Seit Monaten kommt es immer wieder zu Angriffen protürkischer Milizen auf Wachposten und Stellungen des Militärrats. In der Erklärung zum möglichen Einzug syrischer Truppen in Minbic heißt es: „Das Generalkommando der bewaffneten Kräfte und des Heeres geben bekannt, dass Aufgrund des Aufrufs der Bewohner von Minbic Einheiten der syrisch-arabischen Armee vor Minbic gerückt sind.“ Man sei „entschlossen, den Terrorismus auf syrischem Territorium zu vernichten und alle Besatzer hinauszuwerfen. Das Heer Syriens wird so die Sicherheit eines jeden syrischen Staatsbürgers und allen weiteren Personen, die sich in der Region aufhalten, garantieren.“

Aufruf der YPG an die syrische Regierung

Die Generalkommandantur der YPG hat die syrische Regierung dazu aufgerufen, die von den Volksverteidigungeinheiten geräumten Orte, allen voran Minbic vor einer möglichen türkischen Invasion zu schützen.

ANF /  REDAKTION, 28. Dez. 2018.

Die Generalkommandantur der Volksverteidigungseinheiten YPG (Yekîneyên Parastina Gel) hat die syrische Regierung aufgefordert, die von den YPG geräumten Orte, allen voran Minbic gegen eine türkische Invasion zu verteidigen. Das geht aus einer am Freitag veröffentlichten Erklärung hervor.

In der Erklärung heißt es: „Der türkische Besatzungsstaat hat seit langem die Absicht, das was er in Bab, Azaz, Cerablus und Efrîn tat, im Norden Syriens zu wiederholen, die Region zu besetzen und die Bevölkerung zu vertreiben. Unsere aus Minbic abgezogenen Kräfte fokussieren sich auf den Kampf gegen den IS östlich des Euphrat. In diesem Kontext laden wir die Kräfte der syrischen Regierung ein, ihrer Verpflichtung, das Land zu verteidigen nachzukommen und die Gebiete, aus denen sich unsere Kräfte zurückgezogen haben, insbesondere Minbic gegen eine türkische Invasion zu verteidigen.“

Zur aktuellen Situation in Nord- und Ostsyrien

Die Autonomieverwaltung Nord- und Ostsyriens warnt angesichts der drohenden Militärinvasion der Türkei vor einer Wiederbelebung des IS und fordert eine Flugverbotszone.

ANF / EYN ISA, 26. Dez. 2018.

Der Exekutivrat der Autonomieverwaltung Nord- und Ostsyrien hat in seiner Zentrale in Eyn Isa eine Pressekonferenz zu der Besatzungsandrohung des türkischen Staates abgehalten. Verlesen wurde die Erklärung vom stellvertretenden Vorsitzenden Abid al-Mihbash.

In der aktuellen Stellungnahme wird vor einer Wiederbelebung des sogenannten Islamischen Staat gewarnt und die Einrichtung einer Flugverbotszone gefordert:

„2011 hat die Bevölkerung Syriens mit friedlichen Aktionen begonnen. Die Forderungen aus dieser Zeit waren Freiheit, Demokratie, die verfassungsrechtliche Anerkennung aller Völker und die Durchsetzung von Rechten. Die damals hervorgegangenen Lösungsvorschläge entsprachen jedoch nicht den Forderungen der Bevölkerung, und die Krise im Land verschärfte sich zunehmend. Regionale Kräfte wie die Türkei und der Iran sowie Großmächte wie die USA und Russland und einige weitere westliche Länder traten in Syrien auf den Plan. Dadurch nahm die bestehende Krise eine extreme Form an, und es begann eine Zeit der bewaffneten Auseinandersetzungen. Zur eigenen Sicherheit verließen Hunderttausende Menschen ihre Städte und Dörfer.

Dem IS den Boden bereitet

Ein Teil der Bevölkerung flüchtete innerhalb Syriens, ein anderer Teil verließ das Land trotz gefährlicher Fluchtwege. Viele von ihnen, darunter Kinder, Frauen und alte Menschen, sind bei dem Versuch, das Meer zu überqueren, ertrunken. Die gesamte Welt hat dabei zugesehen, wie es dem Volk von Syrien ergangen ist. Viele Syrerinnen und Syrer haben Europa, Kanada, die USA oder andere Länder dieser Welt erreicht und leben dort unter unmenschlichen Bedingungen. Für Menschen aus Syrien scheinen Flucht und Vertreibung das einzig verbliebene Schicksal zu sein.

Für islamistische Organisationen wie al-Qaida und den ‚Islamischen Staat‘ waren das Chaos und die fehlende Sicherheit in Syrien ein ideales Pflaster. Sie drangen aus dem Irak nach Syrien ein, erklärten später Raqqa zu ihrer Hauptstadt und breiteten sich in Deir ez-Zor und Hesekê aus.

Einzigartige Befreiungsoffensiven

Unser Nachbarland Türkei hat mit seinem faschistischen System Terroristen aus der gesamten Welt angezogen und über ganz Syrien, insbesondere im Norden und Osten des Landes, verteilt. Ein Großteil des syrisch-türkischen Grenzgebiets ist von diesen von der Türkei unterstützten Terrororganisationen kontrolliert worden. Als Erdoğan über die Terroristen Kobanê einnehmen wollte, haben die YPG/YPJ darauf geantwortet. Die Bevölkerung Kobanês ließ nicht zu, dass ihre Stadt in die Hände von Terroristen fällt. Damit begann für den IS der Niedergang. Kobanê wurde gerettet. Anschließend wurden Hol, Til Berak, Girê Spî und Minbic befreit. Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), die sich aus Kämpferinnen und Kämpfern aller Völker Nord- und Ostsyriens zusammensetzen, unternahmen einzigartige Befreiungsoffensiven. Im vergangenen Jahr konnte Raqqa, die vermeintliche Hauptstadt des IS, befreit werden. Die Befreiungsoperation in Deir ez-Zor dauert immer noch an.

Ein Drittel Syriens befreit

In den letzten vom IS besetzten Gebieten im Osten von Deir ez-Zor und des Euphrat finden heftige Gefechte statt. Die internationale Koalition gegen den IS hat den QSD Unterstützung geleistet. Die von den USA dominierte Koalition und die QSD haben viel erreicht und für ein Ende des Terrors in den befreiten Gebieten gesorgt. Es ist ein Leben in Sicherheit eingekehrt. Bis jetzt sind 67.200 Quadratkilometer befreit worden, das entspricht einem Drittel des syrischen Territoriums. 8000 Kämpferinnen und Kämpfer der QSD sind bei der Befreiung dieses Gebiets gefallen. Raqqa und Deir ez-Zor befanden sich über vier Jahre unter der Herrschaft des IS.

Hunderttausende Binnenflüchtlinge

In den befreiten Orten sind zivile Leitungsgremien ins Leben gerufen worden, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen. Die Menschen aus den Kampfgebieten wurden evakuiert und in Auffanglagern untergebracht und versorgt. In dem Camp in Eyn Isa leben 15.500 Menschen aus Raqqa und Deir ez-Zor. Bei Minbic befinden sich zwei Camps, in denen 1847 und 2832 Personen leben. In Tabqa leben im Camp Tiwêhîne 7500 Menschen, im Camp Ebû Xeşeb 3686 Menschen, in El-Erîşa 9469 Menschen, in Mebrûka 2099, in Hol 12.200 Menschen (darunter 7900 aus dem Irak), in Roj 1682 Menschen und im Newroz-Camp 451 Menschen. In einigen Gebieten leben Geflüchtete und Vertriebene in verstreuten Lagern und Ruinen. In Minbic leben 97.000 Menschen auf diese Weise, in Raqqa 15.298, in Deir ez-Zor 193.000, in Tabqa 65.000, in Til Temir 750 und in der Region Cizîrê 400.000.

Die Gesamtzahl der in Camps lebenden Migranten und Flüchtlinge beträgt 54.066, der in ganz Nord- und Ostsyrien 825.413.

Da in Nord- und Ostsyrien eine relative Stabilität und Sicherheit gegeben sind, kommen immer mehr Menschen aus den unter der Kontrolle der ‚Schutzschild Euphrat‘-Strukturen stehenden Gebiete östlich von Hama sowie aus Idlib in unsere Region. Die Last der zivilen Autonomieverwaltung wird dadurch noch schwerer. Weil wir alle Völker Syriens sind, teilen wir unser Brot mit allen Menschen, die zu uns kommen. Die Migration in die von uns verwalteten Gebiete bedeutet Sicherheit und Stabilität.

Aufruf zur Rückkehr

Wir rufen alle Menschen, die aufgrund des Krieges die von uns verwalteten Gebiete in Nord- und Ostsyrien verlassen haben, zur Rückkehr in ihre Heimat auf. Wir erklären hiermit, dass wir die notwendige Hilfe leisten werden. Damit einhergehend teilen wir mit, dass diejenigen zurückkommen können, die sich an den Völkern der Region vergangen haben, sich dem IS oder einer ähnlichen Organisation angeschlossen haben, in die Türkei oder an andere Orte migriert sind. In den Gerichten und den rechtlichen Institutionen in Nord- und Ostsyrien wird eine Lösung für derartige Probleme gefunden werden.

Akute Bedrohung der befreiten Gebiete

Gewisse Kreise behaupten ganz bewusst, dass die QSD die Araber vertreiben. Diese Kreise stehen der Türkei nahe. Ziel dieser Behauptung ist es, die Menschen durch Lügen gegeneinander aufzuhetzen und Zwietracht zu säen. Wir leben friedlich zusammen. Wir kämpfen mit allen Völkern gemeinsam auf der Grundlage von Demokratie und Geschwisterlichkeit. Und wir sehen jetzt, dass das Regime der Türkei, das bereits Efrîn besetzt, die Bevölkerung vertrieben und ihr Eigentum geplündert hat, die Errungenschaften in Nord- und Ostsyrien angreifen will und es dabei auf die Sicherheit und Stabilität der Region abgesehen hat.

Die aus Efrîn vertriebene Bevölkerung hat sich in autonom verwalteten Regionen wie Şehba, Kobanê, Minbic und Cizîrê niedergelassen. Der türkische Staat hat anstelle der ursprünglichen Bevölkerung Dschihadisten in Efrîn angesiedelt und damit die Demografie verändert. Damit einhergehend hat er Ezaz, Cerablus, Bab und Idlib besetzt. Seine Armee und seine dschihadistischen Milizen sind jetzt an den Grenzen nach Nord- und Ostsyrien in Position gebracht worden. Die Völker Syriens und die Bevölkerung der Gebiete, die mit dem Blut von 8000 Gefallenen der QSD befreit worden sind, stehen unter akuter Bedrohung.

US-Rückzug dient dem IS

Erdoğan will syrisches Territorum besetzen und damit den Nationalpakt Misak-i Milli umsetzen. Die Entscheidung des US-Präsidenten Trump, seine Kräfte aus dem Gebiet der Autonomieverwaltung zurückzuziehen, ist direkt im Anschluss an die Drohungen Erdoğans erfolgt. Der US-Beschluss dient dem Terror und einer Rückkehr des IS. Der Kampf gegen den IS ist noch nicht vorbei. Die drohende Besatzung Nord- und Ostsyriens stellt nicht nur für Syrien, sondern für die ganze Welt eine Gefahr dar. Im Falle eines Angriffs können unsere Kräfte gezwungen sein, den Kampf um Hajin aufzugeben und die Grenze im Norden gegen die Türkei zu verteidigen. Das würde eine Rückkehr des IS bedeuten. Es darf auch nicht vergessen werden, dass sich in unseren Einrichtungen 2622 IS-Angehörige aus 46 Ländern befinden. Sie werden in gesonderten Camps festgehalten. Darüber hinaus sind 790 IS-Mitglieder und -Kommandanten aus 48 Ländern in Haft. Unter den Gefangenen befinden sich auch IS-Mitglieder aus Syrien.

Sollte die Türkei uns angreifen, können wir diese Gefangenen nicht weiter festhalten. Die Situation könnte nicht mehr von uns kontrolliert werden und diese Gefangenen würden sich verteilen und den Weltfrieden bedrohen.

Besatzung verhindern, Flugverbotszone einrichten

Die Vereinten Nationen und die Menschenrechtseinrichtungen müssen ihrer Verantwortung nachkommen. Wir rufen sie dazu auf, einen Besatzungsversuch des Regimes der Türkei aufzuhalten, damit ein Blutbad in Syrien verhindert wird. Der Genozid dieses faschistischen Regimes am armenischen Volk ist aus der Geschichte bekannt. Damit sich Massaker und Völkermord nicht wiederholen, muss zum Schutz der Völker Nord- und Ostsyriens im Rahmen des Völkerrechts eine Flugverbotszone eingerichtet

Frauenkonferenz im bedrohten Minbic

In der nordsyrischen Stadt Minbic findet eine Frauenkonferenz unter dem Motto „Frauenorganisierung ist die Garantie für ein demokratisches Syrien“ statt.

ANF / MINBIC, 27. Dez. 2018.

Während die türkische Armee und pro-türkische Milizen ihre Kräfte vor Minbic (Manbisch) zusammenziehen und mit einem Angriff drohen, findet in der nordsyrischen Stadt eine Frauenkonferenz statt. „Frauenorganisierung ist die Garantie für ein demokratisches Syrien“ lautet das Motto der Konferenz, an sich Hunderte Frauen beteiligen.

An den Wänden des Veranstaltungssaals hängen Transparente mit der Aufschrift „Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Frauen sein“, „Unser Willen ist stärker als jede Bedrohung“ und „Die Einheit der Völker beginnt mit der Einheit von Frauen“.

Vor Beginn der Konferenz wurden Kerzen im Gedenken an die Gefallenen angezündet. Die Konferenz findet unter Ausschluss der Medien statt.

Minbic wurde im August 2016 nach drei Jahren IS-Besatzung von den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) befreit. Seitdem wird die Stadt von einem paritätisch besetzten Zivilrat verwaltet und von einem Militärrat geschützt.

„Sollen alle Frauen ohne Männer leben?“

Seit etwa einem Monat befindet sich eine Delegation der Kampagne „Gemeinsam kämpfen“ in Rojava. Die Delegation konnte auch das Frauendorf Jinwar besuchen und traf auf die Internationalistin Nûjin.

ANF / QAMIŞLO, 28. Dez. 2018.

Jinwar ist ein ökologisches Frauendorf, das in der Nähe der Kleinstadt Dirbesiyê entstanden ist. Inmitten des syrischen Bürgerkriegs verfolgt Jinwar das Ziel, einen alternativen, friedlichen Ort für Frauen zu schaffen, an welchem sie frei von jeglicher Gewalt zusammen leben können. Das Dorf wurde auf dem Prinzip der Selbstversorgung gegründet, um Frauen die Möglichkeit zu geben, für ihre eigenen Grundbedürfnisse aufzukommen. Von Frauen für Frauen aufgebaut, soll das Dorf in Nordsyrien Frauen aller Kulturen und Religionen sowie ihren Kindern ein Zuhause bieten.

Es ist eines der vielen Projekte, die durch Erdoğans Angriffskrieg bedroht sind. Eine der Frauen, die von Anfang an am Aufbau von Jinwar beteiligt waren, ist die Internationalistin Nûjin, die seit zwei Jahren in Rojava ist.

In Jinwar hatten wir die Gelegenheit sie zu fragen, wie sie Teil des Projektes geworden ist, welche Schritte nötig waren, um es aufzubauen, und wie die Frauen in Jinwar angekommen sind. Hier die Antworten auf unsere Fragen:

„Für mich war schon lange klar, dass in unseren Gesellschaften irgendetwas falsch läuft, dass es Ungerechtigkeit gibt. Ich fand es sehr schwer auszuhalten und habe mich dann auf die Suche nach einem anderen Leben gemacht. In der kurdischen Bewegung hat mich am meisten beeindruckt, wie der Umgang miteinander ist, zum Beispiel sich direkt zu kritisieren, ehrlich in den Prozess der Veränderung hineinzugehen. Hier gibt es einen Glauben an Veränderung, eine philosophische Grundlage, die vielleicht mit anderen Begriffen zum Ausdruck gebracht wird, als wir sie gewohnt sind.

Ein historischer Moment für die ganze Welt

Als ich von der Idee des Frauendorfes gehört habe, war ich fasziniert. Auch in Deutschland haben wir schon viel versucht, wurden aber immer wieder auf dieselben Fehler zurückgeworfen. Wir haben nicht den Schritt in eine nachhaltige Praxis geschafft, keine Schritte unternommen, die über unsere Denkgebäude und Alltagspolitik hinausgehen. Schon länger hatte ich darüber nachgedacht, eine Zeitlang nach Rojava zu gehen. Hier wird trotz aller Widersprüche so viel verwirklicht, verbunden mit großer gesellschaftlicher Kraft. Es ist ein historischer Moment für die ganze Welt. Als ich hierhergekommen bin, war ich zunächst im Kunst- und Kulturbereich aktiv. Ich habe immer wieder gefragt, ob es möglich ist, an dem Jinwar-Projekt mitzuarbeiten, aber es war noch gar nicht gestartet worden.

„Ich wollte nur ein paar Monate bleiben“

Im Mai 2017 konnte ich dann kommen. Mit einer anderen Freundin zusammen habe ich überlegt, ein paar Monate hierzubleiben und dann die Erfahrungen von hier wieder woanders einbringen zu können. Es war dann so, dass ich jeden Tag etwas Neues gelernt habe und unglaublich beeindruckt von den Frauen war. So bin ich hiergeblieben. Je tiefer man sich hier hineinbegibt, je enger die Verbindungen mit den anderen Frauen werden, je öfter man auf die eigenen Fehler und ‚Verkorkstheiten‘ zurückgeworfen wird und je mehr man sich im Leben und Arbeiten gemeinsam verändert, desto mehr lernt man auch. Es ist ein gemeinsamer Kampf, den wir führen, wo auch immer wir leben oder aufgewachsen sind.

Wenn man fragt, wie die Idee von Jinwar entstanden ist, hört man viele verschiedene Geschichten. Viele Frauen hatten viele Jahre lang den Traum, einen Ort aufbauen zu können, an dem Frauen selbstbestimmt und kollektiv zusammen leben können. Eine weitere wichtige Inspirationsquelle ist auf jeden Fall Abdullah Öcalan, der in seinen Schriften eine Frauenstadt ‚Starkent‘ vorgeschlagen hat. [türkisch Kent-Stadt, Star von der Göttin Ishtar] Es gab lange Diskussionen, wo ein solches Projekt verwirklicht werden kann. Die Revolution von Rojava hat eine ganz neue Basis eröffnet. Es wurde ein Komitee gegründet, in dem Institutionen und Einzelpersonen vertreten waren, zum Beispiel die Frauenbewegung Kongreya Star, Jineolojî, die Stiftung der Freien Frauen, die Vertretung der Familien Gefallener. Es fanden 21 Planungstreffen statt.

Offenheit und Skepsis zugleich

Die Frauen, die hier Ende 2016 die ersten Schritte gemacht haben, sind gleich in die umliegenden Dörfer gegangen, haben von der Idee erzählt und die Menschen nach ihren Perspektiven gefragt. Dort gab es viel Offenheit, aber auch Skepsis, denn viele konnten sich nicht vorstellen, dass ein solches Projekt funktioniert, aber dann sind viele Menschen aus den Dörfern hergekommen, um den Aufbau zu unterstützen. Sie haben ihr Wissen eingebracht und mitgeholfen, zum Beispiel im Garten. Die Frauen von Jinwar konnten im Gegenzug auch dabei helfen, Probleme in den Dörfern zu lösen. Das Vertrauen ist sehr schnell gewachsen, das hat man auch bei unserer Eröffnungsfeier am 25. November gesehen. Es sind sehr viele Menschen aus den Nachbardörfern gekommen.

Es gab ein Aufbaukomitee mit verschiedenen Verantwortlichkeiten, zum Beispiel eine Verantwortliche für den Bau, für Dokumentation, für den Garten, für die Gemeinschaftsküche. Am 10. März 2017 wurden die ersten Fundamente gegossen. Immer wieder kamen große Gruppen, zum Beispiel aus Akademien, um hier für einen Tag zu helfen, denn sie sind durch die gemeinsame Utopie mit dem Projekt verbunden.

Zwei Jahre Bauzeit

Es gab auch bezahlte Arbeit hier, sonst hätten Jinwar nicht mit einer solchen Geschwindigkeit aufgebaut werden können. Darüber gab es natürlich Diskussionen, aber es musste erst mal eine Grundlage geschaffen werden, das war schon eine realistische Entscheidung. Die Bauarbeiten dauerten knapp zwei Jahre. Natürlich kommen mit jeder Frau, die hierherkommt, auch neue Ideen, die umgesetzt werden. Bisher gibt es 30 Wohnhäuser mit jeweils zwei bis fünf Zimmern, eine Schule, die Jinwar-Akademie, eine Bäckerei, einen Laden, das Gesundheitszentrum und die Gemeinschaftsküche. Der Dorfladen wird als Kooperative organisiert. Abgesehen davon hat Jinwar auch noch Schafe, Hühner, einen großen Stall für die Tiere und ein Wasserbecken gebaut, das auch als Schwimmbad dienen kann. Das Land ist ehemaliges Regimeland, es gibt genug Land, so dass die Frauen sich selbst versorgen können.

Respektvoll und kommunal

Natürlich gab es auch viele Fragen. Zum Beispiel wurden wir gefragt, ob wir wollen, dass alle Frauen ohne Männer leben. Das Ziel ist nicht, dass alle Frauen so leben sollen, aber für einige ist das der logische Schritt. Zum Beispiel für Frauen, deren Ehemänner gefallen sind, das haben dann auch konservative Menschen verstanden. Das Schöne an Jinwar ist ja, dass hier unterschiedliche Frauen zusammenkommen und kommunale Lebensformen weiterentwickelt werden, die dann auch wieder andere Teile der Gesellschaft inspirieren können. Nicht als Insel, sondern immer im Austausch, als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung. Was die Menschen dann am allermeisten überzeugt hat, war die ganze Atmosphäre hier. Sie ist respektvoll und kommunal. Viele, die am Anfang skeptisch waren, wollten später gar nicht mehr weg.

Schritt für Schritt wurde auch eine gemeinsame Grundlage entwickelt und der Dorfrat aufgebaut. Es musste eine gemeinsame Form gefunden werden, das kollektive Leben und Arbeiten zu organisieren. Es wurden Seminare zum Thema Jineolojî durchgeführt, nicht als abstrakt vermittelte Ideenwelt, sondern auf der Grundlage der Gemeinsamkeit von Theorie und Praxis. Oft geht es dabei um sehr Dorf-nahe Themen wie beispielsweise die Weitergabe von Wissen über Naturmedizin.

Von Anfang an sind auch Frauen von feministischen Bewegungen aus aller Welt hierhergekommen. Es gab gemeinsame Diskussionen, und viele haben Inspiration von hier mitgenommen. Dieses Dorf kann ein Modell sein, aktuell diskutiert die Frauenbewegung tatsächlich schon über ein weiteres Dorf bei Kobanê.“

Freiheit beginnt zuerst im Kopf

Die Arbeit der Frauenbewegung in Nordsyrien konzentriert sich vor allem eine Veränderung im Denken. Die Delegation von „Gemeinsam Kämpfen“ hat den Hauptsitz der Frauenbewegung in Hesekê besucht.

ANJA HOFFMANN aus HESEKÊ, 20. Dez. 2018.

Ein Teil der feministischen Delegation der Kampagne „Gemeinsam Kämpfen“ konnte in Hesekê den Hauptsitz von Kongreya Star, der Frauenbewegung von Rojava, besuchen. Wir hatten die Gelegenheit, mit einigen Frauen aus der arabischen Community zu sprechen.

Meryem Ahmed Xelef, die in Hesekê im Mala Jin, dem Haus der Frauenbewegung, arbeitet, ist eine der vielen Frauen mit starker und selbstbewusster Ausstrahlung, wie wir sie überall treffen. Sie erklärt unserer Delegation, dass die arabischen Frauen vor der Revolution weitgehend vom öffentlichen Leben abgeschnitten waren. Insbesondere an den Orten der Region, die vom IS besetzt waren, hat die frauenverachtende Mentalität tiefe Spuren hinterlassen. Nun würden langsam Schritte unternommen, um ein neues Leben aufzubauen.

Polygamie und Kinderheirat

In den überall aufgebauten Mala Jin werden zahlreiche Probleme diskutiert, berichtet Meryem weiter. Gewalt von Ehemännern, Vätern und Brüdern, Polygamie, all das seien Probleme, mit denen die Frauen zum Mala Jin kämen. Vor allem arabische Frauen durften in der Regel nicht einmal entscheiden, wen sie heiraten. Kinderheirat sei ein großes Problem, viele Frauen wurden aufgrund des Verständnisses von „Ehre“ sogar ermordet.

„Manchmal behaupten sogar Frauen, sie hätten selbst gewollt, dass der Mann eine zweite Frau heiratet“, erklärt Meryem uns. „Sie haben wegen der ökonomischen Abhängigkeit große Angst, verlassen zu werden. Männer bestehen auf dem Recht, eine zweite Frau zu nehmen, das sei doch im Koran so festgelegt, auch der Prophet habe mehrere Frauen gehabt, so ihre Argumentation.“

Nicht nur der IS, auch das Baath-Regime hat den Ehrbegriff für eigene Zwecke benutzt. Immer wieder wurde uns in verschiedenen Fraueneinrichtungen in den letzten Tagen erklärt, auch im syrischen Recht sei festgelegt, dass ein Mann bis zu vier Frauen heiraten könne. In den offiziellen Familienbüchern ist Platz, um vier Ehefrauen einzutragen.

Nicht nur körperliche Gewalt ist ein weit verbreitetes Problem. Auch dass Frauen, die eigentlich weiter zur Schule gehen und studieren wollen, gegen ihren Willen verheiratet werden, ist ein gesellschaftliches Problem. Die Frauenbewegung versucht in solchen Fällen, die Familie davon zu überzeugen, dass das Mädchen zunächst die Schule beenden und dann selbst entscheiden soll, ob sie heiraten möchte. Die beschriebenen Probleme hätten schon stark abgenommen, wären aber noch nicht vollkommen verschwunden, erzählen die Frauen vom Mala Jin.

Die Doppelspitze als gesellschaftliches Grundprinzip

Das seit 2014 aufgebaute System des Ko-Vorsitzes in allen politischen und zivilgesellschaftlichen Gremien garantiert, dass jede Einrichtung, von der Kommune bis zur Stadtverwaltung, von einer Doppelspitze geleitet wird. Dieses System wird auch kulturell und religiös paritätisch umgesetzt. Auch in den Schulen wird nun von Anfang an Geschlechtergerechtigkeit unterrichtet und unter anderem das System der Ko-Vorsitzenden erklärt. In manchen Kommunen kommt es nach Angaben der Frauen durchaus vor, dass die männlichen Ko-Vorsitzenden ihre weiblichen Kolleginnen unter dem Vorwand, sie hätten ja schon genug mit Kindern und Haushalt zu tun, aus der Arbeit heraushalten. Es heißt dann: „Geh nach Hause, hier gibt es nichts für dich zu tun“.

„Teilweise steht der Name der Ko-Vorsitzenden nur auf dem Papier. Die Frauen müssen erst einmal die Angst vor Verantwortung überwinden. Sie haben Rechte und wir helfen ihnen, diese durchzusetzen“, wird uns berichtet. Die dahinter stehende Mentalität müsse durch Bildungsprozesse aufgebrochen werden.

„Wir wollen ein freies Denken erreichen“

Für viele Männer sei es peinlich, wenn die Frau zum Mala Jin gehe. Männer würden auch nicht akzeptieren, dass es Frauenorte gebe, zu denen sie keinen Zutritt haben. Die Mitglieder der Kongreya Star gehen in die Kommunen und diskutieren dort die Probleme, die die Frauen im Mala Jin vorbringen. „Wir gehen in alle Familien, egal welcher Herkunft sie sind“, erklärt Meryem. Nur wenn für ein Problem keine einvernehmliche Lösung zu finden ist, wird der Fall an den Diwana Adalet, den Gerechtigkeitsrat, weitergegeben.

„Wir erklären den Frauen, dass sie Rechte haben, dass sie mitbestimmen können. Wir wollen ein freies Denken erreichen. Wenn irgendwo eine Frau diese gedankliche Freiheit verkörpert, dann hat das Einfluss auf viele weitere Frauen“, fährt Meryem fort. Sie selbst ist dafür ein gutes Beispiel.