Von der Sultan-Murad-Brigade zum Efrîn-Widerstand

Die Nachrichtenagentur ANHA konnte ein Gespräch mit einem ehemaligen Mitglied der Sultan-Murad-Brigade führen. Heute kämpft Murshid Reco in den Reihen der QSD bei der Gruppe Jabhat al-Akrad.

ANF / SHEHBA, 9. Dez. 2018.

Murshid Reco (27) kommt aus al-Bab in Shehba und ist Vater eines Sohnes. Aufgrund der Schreckensherrschaft des IS musste er nach Aleppo fliehen. Gegenüber der Nachrichtenagentur ANHA erklärte das ehemalige Mitglied der Sultan-Murad-Brigade: „Ich lebte mit meiner Familie in Bizra in der Region al-Bab. Der IS besetzte unsere Gegend im Jahr 2014. Wir sind vor seiner Grausamkeit nach Aleppo geflohen.“

In Aleppo lernte Murshid die Sultan-Murad-Brigade kennen (die von der Türkei finanziert wird und hauptsächlich Turkmenen rekrutiert, die Red.) und schloss sich ihr an: „Diese Leute sagten: ‚Wir werden die Rechte, die das Volk verloren hat, zurückbringen und den Frieden garantieren‘. Wir hatten durch den IS viel erlitten. Deswegen und auch um meine Familie zu schützen, entschied ich, mich ihnen anzuschließen.“

Das wahre Gesicht der Miliz

Über seine Zeit bei der Brigade berichtete Murshid: „Alle ihre Behauptungen waren erlogen. Ihr einziges Ziel war es, junge Männer zum Beitritt zu bewegen. Es gab keinen Unterschied zwischen der Sultan-Murad-Brigade und dem IS. Sie plünderte wie der IS und sie mordete. Ich wollte dort so schnell wie möglich weg, aber ich hatte Angst, dass meiner Familie etwas angetan wird. Wenn ich mich von der Brigade getrennt hätte, wäre ich getötet worden, weil ich ihr wahres Gesicht gesehen hatte.“

Bei Verteilungskämpfen zwischen den Milizen gefangen genommen

Im Jahr 2015 kam es im Bustan-Pascha-Viertel zwischen der Khaled-al-Hayani-Brigade (auch bekannt als Badr-Märtyrer-Brigade der 16. Division) und der Sultan-Murad-Brigade zu Kämpfen aufgrund von Uneinigkeiten über die Verteilung geplünderter Beute. Murshid wurde bei diesen Gefechten gefangen genommen. Er berichtete von seiner Gefangenschaft: „Ich war sechs Monate gefangen und wurde jeden Tag gefoltert. Auch nach drei Jahren sind die Folterspuren noch zu sehen. Meine Familie wusste nichts von meiner Lage. Um mich aus dieser Hölle zu retten, wollte ich mich dieser Brigade anschließen. Sie war genauso übel wie die anderen Milizen. Ihre Bekenntnisse bestanden nur aus Parolen, in Wahrheit waren sie alle Plünderer und Diebe.“

Murshid wurde selbst Zeuge davon, wie Frauen an Kontrollpunkten belästigt und wegen vermeintlicher Zusammenarbeit mit dem syrischen Regime entführt und vergewaltigt wurden. Männer wurden unschuldig gefangen genommen, gefoltert und ausgeraubt.

Angst um die Familie

Murshid war eine Zeitlang bei der Khaled-al-Hayani-Brigade. Von dieser Zeit erzählte er: „Obwohl ich ihr Mitglied war, wurde meine Waffe gestohlen und dann behauptet, ich hätte sie verloren. Anschließend wurde ich in den Kerker geworfen und sollte die Waffe bezahlen. Eines Tages wurde ich bei einem Gefecht mit dem Regime am Bein verletzt. Die Milizionäre, mit denen ich zusammen war, nahmen meine Waffe und hauten ab, sie ließen mich alleine zurück. Später holte mich meine Familie vom Schlachtfeld und kümmerte sich um meine Behandlung. Ich hatte große Angst um meine Familie. Wenn ich in den Kampf ziehen musste, dann brachte ich sie in Aleppo bei meinem Bruder unter. Das Ziel dieser Milizen ist nicht die Verteidigung der Bevölkerung oder so. Ihr einziges Ziel ist es, die Menschen zu vertreiben und ihre Sachen zu stehlen.“

Ein Milizionär mit dem Namen Abu Omar al-Zengi habe in Azaz gearbeitet, um die Khaled-al-Hayani-Brigade mit Waffen, Munition und Mitgliedern zu versorgen, berichtete Murshid weiter: „Es war Ende 2016. Wir hatten die Kastelo-Road und die Ramusaye-Straße abgesperrt und umstellt. Nach dem Abkommen hätte die Miliz Jaish-al-Fatah die Blockade gegen uns aufgeben müssen. Wir erfuhren jedoch, dass die Blockade auf Befehl des türkischen Staates aufrechterhalten werden sollte. Dann kam der Befehl, dass wir nach Nord-Aleppo in das Viertel Shear gehen und auf die vom Regime bereitgestellten grünen Busse in den Norden warten sollten. Das alles war Teil eines Abkommens zwischen dem türkischen Staat und dem syrischen Regime. Nachdem der türkische Staat seine Milizen verkauft hatte, erlaubte es Russland der Türkei im Gegenzug, al-Bab zu besetzen.“

Murshid wollte die Stadt jedoch nicht zusammen mit den anderen Milizionären verlassen: „Ich weigerte mich, Aleppo zu verlassen, weil ich es nicht verantworten konnte, was die FSA tat. Ich habe ihre Haltung und ihre Verbrechen an Frauen gesehen. Nachdem ich in Aleppo zurückgeblieben war, schloss ich mich den Freunden von Jabhat al-Akrad an und lebe jetzt in Şêxmeqsûd.“

„Hier habe ich die wahre Bedeutung von Freundschaft verstanden“

Murshid Reco sagte: „Die Kämpfer von Jabhat al-Akrad sind für ihre Organisiertheit, Disziplin, ihren Respekt und ihre Moral bekannt. Bei ihnen habe ich den Geist der Freundschaft kennengelernt. Sie haben mit Diebstahl oder unmoralischem Verhalten nichts zu tun. Sie tun alles, um verletzte Freunde zu retten. Ich habe hier wahre Freundschaft und Opferbereitschaft kennengelernt. Sie lassen dich nicht alleine, Jetzt mache ich mir keine Sorgen mehr um meine Familie, denn ich weiß, sie ist in Sicherheit.“

Der Widerstand von Efrîn

Murshid hat sich während der türkischen Militärinvasion in Efrîn dem Widerstand angeschlossen: „Zum ersten Mal fühlte ich, dass ich kämpfte, um zu beschützen. Wir haben gegen den türkischen Besatzerstaat und seine Milizen gekämpft. Wenn die Bedingungen etwas gerechter gewesen wären, hätten sie gegen unseren Widerstand nicht bestehen können.“

Murshid wurde in Efrîn-Şiyê verletzt: „Ich werde nie vergessen, was die Milizen mir angetan haben. Ich werde mit der Befreiung von Efrîn und den anderen Gebieten Rache für mein Volk und mich selbst nehmen.“

Parteien in Rojava: Kurden gewinnen und verlieren gemeinsam!

Wir haben in Qamişlo mit Vertretern von drei verschiedenen kurdischen Parteien gesprochen. Sie erklärten: „Die Kurden sollten sich nicht mit dem faschistischen türkischen Staat, sondern untereinander einigen und die nationale Einheit umsetzen.“

ANF | AXÎN TORHILDAN aus QAMIŞLO, 9. Dez. 2018.

Mit Vertretern der Kommunistischen Partei Kurdistans (KKP), der Liberalen Partei Kurdistans und der Partei der Demokratischen Linken in Kurdistan haben wir im nordsyrischen Qamişlo über die Fahndungsentscheidung der USA gegenüber Führungskadern der PKK, die Schließung der Büros von Tevgera Azadî (in Sulaimanye/Südkurdistan) und die Isolationshaft gegenüber Abdullah Öcalan gesprochen.

„Die USA und die Türkei wollen die Kurden gegeneinander aufhetzen“

Necmeddin Melle Omar, Generalsekretär der KKP, betonte in unserem Gespräch, dass die KKP stets an der Seite der kurdischen Parteien gestanden habe, und verurteilte sowohl die Entscheidung der südkurdischen YNK (Patriotische Union Kurdistans), die Büros von Tevgera Azadî zu schließen, wie auch die die Auslobung von Kopfgeldern auf Führungskader der PKK (Cemil Bayık, Murat Karakyılan und Duran Kalkan) durch die USA.

Omar kommentierte die Fahndungen mit den Worten: „Diese drei Menschen sind Kinder Kurdistans, die für ihre Opferbereitschaft bekannt sind. Sie sind die Avantgarde der unterdrückten Völker und der Kommunisten. Sie nur als PKK zu betrachten, wird ihnen nicht gerecht. So wie Mustafa Barzanî, Celal Talabani oder Ghassemlou unsere Werte, unseren Fokus und unsere Vorkämpfer darstellen, sind sie es ebenfalls. Und sie dürfen nicht nur als Führungspersonen der PKK verstanden werden. Sie sind unser aller Anführer. Die USA und die Türkei sind terroristische Regime, die darauf abzielen, die Kurden gegeneinander auszuspielen. Wie kann die Türkei ein Freund Südkurdistans sein, während sie in Rojava und in Nordkurdistan Kurden umbringt… Ist so etwas möglich?“

„Alle Parteien in Rojava haben das Recht, politisch aktiv zu sein“

Zur Repression gegen Tevgera Azadî in Südkurdistan sagte Omar: „Die kurdischen Parteien sollten sich nicht auf dieses Spiel einlassen. Es ist ein Fehler der YNK, diese Büros schließen zu lassen. Die Mitglieder von Tevgera Azadî haben gearbeitet, dafür Opfer gebracht und diese Bewegung gegründet. Die Perspektiven von Tevgera Azadî mögen anders als die von PDK und YNK sein, aber sie ist auch nicht gezwungen, ihnen zu ähneln. Wir sind Parteien mit unterschiedlichen Ideen hier in Rojava. Aber auch wenn wir ganz unterschiedliche Ideen haben, so verfügt jede Partei über das Recht, Politik zu machen. Niemand kommt daher und schließt sie. Jeder hat das Recht, seine Ideen und Gedanken zu verteidigen. Wir sind dagegen, gegen Menschen zu kämpfen, die nicht so denken wie wir, und wir sind absolut dagegen, dass irgendjemand die eigenen Ideen jemand anderem aufzwingt. Man kann Tevgera Azadî nicht das Recht nehmen, Politik zu machen.“

„Der Nationalkongress kann nicht ohne die nationale Einheit der Kurden stattfinden“

Ein Kongress der Nationalen Einheit der kurdischen Parteien sei im Interesse der Kurden von unausweichlicher Notwendigkeit, sagte Omar weiter. Er appelliert an Mesut Barzanî, endlich von seinem Irrweg umzukehren und Verantwortung für die kurdische Bevölkerung zu übernehmen.

„Die Kurden gewinnen oder verlieren zusammen“

Ferhad Telo vom Zentralkomitee der Liberalen Partei Kurdistans verurteilte ebenfalls die Schließung der Tevgera-Azadî-Büros: „Wir betrachten die Schließung der Parteibüros und Zentren von Tevgera Azadî als Angriff auf alle Menschen aus Kurdistan. Von welcher Seite wir es auch betrachten, wenn ein Kurde verliert, dann verliert das ganze Volk, denn die Kurden gewinnen oder verlieren zusammen.“

„Nicht spalterisch sondern kreativ“

Telo kritisierte auch die Hinderung der Teilnahme einer Delegation aus Südkurdistan an dem internationalen Efrîn-Forum durch die Regionalregierung und sagte: „Efrîn ist heute eine Wunde im Herzen des kurdischen Volkes, ein Schmerz.  Es ist ein Schmerz für die Kurden, der nicht hinter Halabja zurücksteht. Deswegen müssen wir alle in Bezug auf Efrîn Haltung beziehen. Efrîn betrifft nicht nur Rojava, nicht nur Nordkurdistan; es ist für alle Kurden wichtig.

Wir finden es nicht richtig, dass eine Delegation aus Südkurdistan, die am internationalen Efrîn-Forum teilnehmen wollte, daran gehindert worden ist. Dies ist keine Haltung, die Kurden zusammenbringt und vereint. Statt einer spalterischen, hetzerischen Haltung müssen wir konstruktiv sein. Wir grüßen alle Parteien in Kurdistan. Wir senden unsere Grüße an Tevgera Azadî. Wir hoffen auf die Entwicklung eines konstruktiven Dialogs, der ein festes Band zwischen den Parteien Kurdistans schafft.“ Telo rief die PDK und YNK dazu auf, sich an der Vorbereitung des Kurdistan Nationalkongresses zu beteiligen.

„So wie die Bevölkerung müssen auch unsere Parteien die Einheit schaffen“

Salih Gedo, Generalsekratär der Demokratischen Linkspartei Kurdistans, forderte von der YNK die Wiederöffnung der Tevgera-Azadî-Büros: „Wir haben seit 1975 Beziehungen zur YNK. Wir haben die YNK als eine Partei kennengelernt, die national eingestellt ist und in Kurdistan einflussreich ist. Zu dem, was wir heute in Südkurdistan und insbesondere in Silêmanî erleben sagen wir, heute ist nicht der Tag für Familienstreit, es ist weder der Ort noch der richtige Zeitpunkt für eine Auseinandersetzung unter Brüdern. Das ist überhaupt nicht hilfreich. Alle wissen, dass die Entscheidungen zur Schließung der Parteien und ähnliche Entscheidungen von den nationalstaatlich orientierten Kräften getroffen wurden. Wir rufen sie auf umzukehren. Die YNK und Tevgera Azadî sollen wie früher Beziehungen zu einander aufbauen können. Tevgera Azadî muss ihre Büros wieder öffnen und vor allem auch in Silêmanî wieder frei Politik machen können.“

„Der Vorsitzende Apo muss freikommen“

Salih Gedo sprach auch über die Isolationshaft gegenüber dem kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan: „Die Inhaftierung und Isolation des Vorsitzenden geht nun ins 20. Jahr. Nicht nur das kurdische Volk fordert Herrn Öcalans Freilassung. Viele Menschen weltweit haben sich dieser Forderung angeschlossen. Alle Menschen, die an der Seite der Menschenrechte und der Freiheit stehen, fordern dies. Vor 20 Jahren hat der türkische Staat diese Wunde aufgerissen. Alle demokratischen Menschen haben dies gefühlt. Die internationale Staatengemeinschaft, insbesondere Amerika, Russland und Europa müssen zum faschistischen türkischen Staat ‚es reicht‘ sagen. Der Vorsitzende Apo muss freikommen und seine Arbeit frei im Volk fortsetzen können.“

Erfolgreiche Arbeit gegen Kinderehen und Polygamie in Girê Spî

Die Arbeit des Frauenzentrums in der nordsyrischen Stadt Girê Spî hat zu einem spürbaren Rückgang frauenspezifischer Probleme in der Region geführt.

ANF / GIRÊ SPÎ, 9. Dez. 2018.

Als die Terrormiliz IS noch in Girê Spî im Norden Syriens herrschte, waren alle Fraueneinrichtungen verboten und die Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannt. Seit der Befreiung vor dreieinhalb Jahren haben große Entwicklungen stattgefunden. Frauen organisieren sich in 35 Kommunen und Räten, außerdem wurden Einrichtungen geschaffen, in denen Bildungsarbeit für Frauen gemacht und nach Lösungen für frauenspezifische Probleme gesucht wird. Durch die geleistete Arbeit spielen Frauen inzwischen eine Führungsrolle in der Stadt.

Eine wichtige Funktion hat dabei das Frauenhaus von Girê Spî. Das Zentrum ist eine Anlaufstelle für Frauen, die Unterstützung bei verschiedenen Problemen suchen. Zu Beginn gab es monatlich mindestens fünfzig Fälle, die an die Mitarbeiterinnen herangetragen wurden. Durch die Bildungsarbeit und den Kampf für Frauenrechte sind die Fallzahlen inzwischen auf zwanzig heruntergegangen.

Wie Fadiya Şerîf Xelîl aus dem Vorstand des Frauenhauses erklärt, sind die Probleme von Frauen in der Stadt spürbar zurückgegangen. Zu den häufigsten Problemfeldern gehören Zwangsehen Minderjähriger und Polygamie.

medico international: Ein Krankenhaus für Rojava

Ein Beispiel wie es gehen kann: Im Krankenhaus von Rakka, das der Kurdische Roten Halbmond betreibt, werden die Menschen kostenlos behandelt. (Alle Fotos: Mark Mühlhaus/attenzione)

Veröffentlicht Dez. 2018.
medico international unterstützt die Sanierung und Ausstattung eines Krankenhauses im kurdischen Kanton Cizire in Nordsyrien. Helfen Sie mit!

Die Strom- und Wasserversorgung des verlassenen Krankenhauses in Tirbespi/Cizire muss wieder hergestellt werden und eine Notaufnahme, eine Röntgenstation, ein Labor und mehrere Patient*innenzimmer sollen in dem zweistöckigen Gebäude eingerichtet werden. Außerdem unterstützt medico die Beschaffung der Ausrüstung für eine Mutter-Kind Station (Frauenheilkunde und Geburtshilfe).

Die Neueröffnung hat höchste Priorität, denn das Krankenhaus wird für 100.000 Menschen die einzige Möglichkeit sein, eine kostenlose und gute Gesundheitsversorgung zu bekommen. Seit 2014 gibt es hier kein öffentliches Krankenhaus mehr, nur eine kleine Gesundheitsstation sichert notdürftig die medizinischen Grundbedürfnisse der Bevölkerung.

Unterversorgt waren die kurdischen Gebiete im Norden Syriens schon zu Zeiten der Herrschaft Assads. Die Korruption führte zu einer schleichenden Privatisierung des Gesundheitswesens, öffentliche Gelder fehlten auch bei der adäquaten Ausstattung der Gesundheitseinrichtungen. Ärzt*innen verließen wegen schlechter und unregelmäßiger Bezahlung die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen und eröffneten Privatkliniken, wo sie sich Behandlungen teuer bezahlen ließen. Auch in Tirbespi führten Korruption und Missmanagement dazu, dass die Bewohner*innen Privatkliniken aufsuchen mussten – obwohl es ein öffentliches Krankenhaus gab.

Mit der Belagerung durch die dschihadistische Al Nusra-Front ab 2014 und später dem IS verschärfte sich die Situation in Nord-Ost-Syrien dramatisch. Viele Menschen aus den umliegenden Dörfern flohen vor den Angriffen nach Tirbespi, das von der Schreckensherrschaft des IS verschont blieb. Das Krankenhaus war zu dieser Zeit schon nicht mehr in Betrieb.

Die medico-Partnerorganisation, der Kurdische Rote Halbmond, betreibt in Tirbespi inzwischen eine „Primary Health Clinic“, in der grundlegende Behandlungen durchgeführt werden können. Das Einzugsgebiet umfasst die umliegenden Kleinstädte und Dörfer, insgesamt etwa 100.000 Menschen. Aber es braucht dringend eine bessere Infrastruktur, denn für größere Operationen und Behandlungen müssen die Menschen in Hauptstadt von Cizire, nach Qamishlo fahren. Und auch hier gibt es nur Privatkliniken und ein Krankenhaus – das im Gebiet des Assad-Regimes liegt.

Zwischen Nothilfe und Strukturaufbau

„Die Bevölkerung in Nordsyrien leidet unter fehlender sozialer Infrastruktur. Besonders im Gesundheitsbereich ist die Situation noch besonders unzulänglich“ sagt der Vorsitzende des Kurdischen Roten Halbmondes Sherwan Bery gegenüber medico. In den letzten Jahren hat medico den Kurdischen Roten Halbmond größtenteils mit Nothilfemaßnahmen unterstützt, zuletzt bei der Medikamentenbeschaffung für das Flüchtlingslager Sheba, wo immer noch bis zu 100.000 Menschen festsitzen, die vor dem Einmarsch der Türkei in den kurdischen Kanton Afrin geflohen sind. Diese Hilfe des Roten Halbmonds und die Unterstützung dafür durch medico wird weitergehen.

Gleichzeitig unterstützen wir den Aufbau von Infrastruktur, denn nur so kann Veränderung nachhaltig werden. Unter der demokratischen Selbstverwaltung wird in Nordsyrien ein neues Gesundheitssystem aufgebaut, in einer Gesundheitsakademie werden nach einem eigens entwickelten Curriculum Ärzt*innen und Helfer*innen ausgebildet. Die ersten Absolvent*innen arbeiten bereits in Krankenhäusern oder Gesundheitsposten der Region. Ziel des Programms ist es, allen Gesundheitsarbeiter*innen ein angemessenes Gehalt zu zahlen und eine kostenlose Basisgesundheitsversorgung für die Bevölkerung sicherzustellen. Auch Gesundheitsbildung, Verhütung, die Reduzierung von Kaiserschnitten und sogar das Thema Abtreibung finden hier Eingang. In einer sehr konservativ geprägten Gesellschaft wie im Norden Syriens bedeuten bereits kleine Fortschritte in diesem Bereich einen großen Erfolg.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese Entwicklung in einer sehr bedrohlichen Situation stattfindet. Erst kürzlich startete die Türkei wieder Angriffe auf kleinere Orte in der Nähe von Kobane und der Fortgang des entgrenzten Stellvertreterkriegs in Syrien ist unklar. Dass die Kurd*innen in Nordsyrien in dieser undurchsichtigen und bedrohlichen Zeit Strukturen demokratischer Teilhabe und Partizipation aufbauen, ist mehr als unterstützenswert.

Krippe für Stiftungsmitarbeiter*innen in Qamişlo

Die Stiftung der freien Frau in Rojava (WJAR) richtet in Qamişlo für ihre Mitarbeiter*innen eine Krippe ein. Mit dem Projekt sollen auch andere Einrichtungen motiviert werden, den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter*innen zu begegnen.

ANF / QAMIŞLO, 6. Dez. 2018.

Die Stiftung der freien Frau in Rojava (WJAR, kurdisch: Weqfa Jina Azad A Rojava) richtet in Qamişlo im nordsyrischen Kanton Cizîrê eine Kinderkrippe für ihre Mitarbeiter*innen ein. Mit dem Projekt möchte die Frauenstiftung auch andere Einrichtungen motivieren, den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter*innen zu begegnen.

Die Projektbeauftragte Yasemin erklärte dazu: „Es gibt nach wie vor das dringende Bedürfnis von Frauen nach Angeboten für Kinderbetreuung. Frauen können sich nur voll engagieren, wenn sie ihre Kinder gut betreut wissen”.

Die Stiftung hat mittlerweile über 150 Mitarbeiter*innen. Etwa ein Viertel arbeiten in Qamişlo im Stiftungszentrum.

Beratungshotline für Frauen in Rojava

Um gegen Gewalt an Frauen in Rojava vorzugehen, planen Frauenorganisationen die Einrichtung eines Beratungs- und Hilfstelefons.

ANF / QAMIŞLO, 7. Dez. 2018.

Auf einem Treffen der Organisation Sara und Stiftung der freien Frau in Rojava (WJAR) wurde beschlossen, die Arbeit gegen Gewalt an Frauen zu verstärken. Zwar hat sich die Anzahl der Gewaltfälle gegen Frauen – körperliche Gewalt, Beleidigungen, Betrug, Kinderehen, Polygamie und Frauenmorde – nach Angaben der Frauenorganisationen durch die autonome Organisierung von Frauen deutlich verringert, trotzdem gilt es, die noch immer vorhandene Gewalt zu bekämpfen. Im Kanton Cizîrê wurden allein im Jahr 2018 15 Frauen getötet. Recherchen der Organisation Sara machen deutlich, dass vor allem arabische Frauen und Frauen in Gebieten, in denen noch keine Frauenkommunen aufgebaut wurden, unter Gewalt leiden.

Ein konkretes Projekt ist die Gründung eines Beratungs- und Hilfstelefons, welches im Frühjahr 2019 aktiv werden soll. Außerdem will Sara die Zusammenarbeit mit anderen Frauenorganisationen speziell in Bezug auf Kampagnen- und Bildungsarbeit gegen Gewalt an Frauen verstärken.

Bei dem Gespräch mit der Frauenstiftung wurde erneut deutlich, dass die Frauenorganisationen noch koordinierter und enger zu dieser Thematik zusammenarbeiten müssen, um auf den Bedarf von Frauen in der Gesellschaft eine Antwort zu geben.

Efrîn: Internationale Ignoranz zu den systematischen Kriegsverbrechen

Seit Sonntag findet in der Stadt Amûdê im nordsyrischen Kanton Hesekê ein internationales Forum zur demografischen Veränderung und ethnischen Säuberung in Efrîn statt. An der vom Zentrum für strategische Untersuchungen-Rojava (NRLS) organisierten Konferenz nehmen viele Intellektuelle und Politiker*innen teil.

Nezîr Salih vom NRLS trug in seinem Forumsbeitrag zunächst einige Rahmendaten zur Lage in Efrîn vor. In dem Bericht ist die Rede von systematischen Kriegsverbrechen und einer internationalen Ignoranz gegenüber den völkerrechtswidrigen Angriffen auf Efrîn. Salih berichtete von Angriffen auf die Infrastruktur, Dörfer und Dienstleistungseinrichtungen durch die türkische Armee. Auch die 400.000 in Efrîn befindlichen Schutzsuchenden wurden mit schweren Waffen angegriffen. Die Angriffe hatten zur Folge, dass tausende Zivilist*innen getötet oder verletzt und Zehntausende vertrieben wurden. Nach der Besetzung der Region durch die Türkei und ihre Milizen wurde die Zivilbevölkerung mit dem Ziel, sie entweder zu vertreiben oder zu assimilieren, ausgedehntem Terror ausgesetzt. Kurdischen Flüchtlingen wurde und wird weiterhin die Rückkehr nach Efrîn verweigert, in ihren Häusern wurden Familien der türkeitreuen Milizionäre angesiedelt. Die verbliebene Zivilbevölkerung muss noch immer Entführungen, Folter, Morde, Zerstörung von Land und Besitz und Plünderung erdulden. Diese Praxis zielt darauf ab, die Demographie der Region zu verändern. Vor den Angriffen erklärte der türkische Präsident Erdoğan, die Bevölkerung Efrîns sei zu 55 Prozent arabisch und zu 35 Prozent kurdisch. Real sind allerdings 65 Prozent der Bevölkerung kurdisch gewesen. Solch eine Argumentation lege die von Erdoğan beabsichtigte ethnische Säuberung der Region offen, sagte Salih. Dies stellt sowohl nach dem Romstatut als auch dem Genfer Protokoll von 1949 ein Kriegsverbrechen dar.

Kulturelle Zerstörung in Efrîn

Auch das kulturelle Erbe der Region Efrîn wurde schwer beschädigt oder zerstört. Das türkische Militär hat vor allem Schulen und historische sowie religiös bedeutsame Orte angegriffen. Unterschiedlichen Berichten zu Folge wurden zwischen 32 und 45 Schulen abgerissen, 318 Schulen, Institute oder Universitäten geschlossen. Über 50.000 Kinder haben keinen Zugang zur Schule. Mehr als 13 Schüler*innen wurden getötet. Der türkische Staat zwingt die Bevölkerung zur Bildung in türkischer und arabischer Sprache.

Am 26. Januar 2018 wurde der Ischtar-Tempel von Ayn Dara vollständig zerstört. Ebenso wurden andere wichtige historische Orte wie die Burg von Nebî Hûri bombardiert. In El Rai wurde die Kirche geplündert. Auch die zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärte Julianos Kirche im Mor Maron wurde bombardiert und zerstört. Die dschihadistischen Milizen haben historische Orte, darunter auch Friedhöfe, geplündert und ihre Funde in die Türkei verkauft.

Viele Schulen in der Region sind in Kerker und Folterzentren umgewandelt worden. An vielen Orten wurden türkische Fahnen angebracht und Namen von Einrichtungen und Straßen turkisiert. Der zentrale Platz von Efrîn wurde in „Erdoğan-Platz“ umbenannt. Die Frauen werden gezwungen, sich zu verschleiern, außerdem wurden türkische Kulturzentren eingerichtet. All diese Maßnahmen dienen dem NRLS zu Folge der ethnischen Säuberung der Region von Kurd*innen und ihrer Identität. Die Efrîn-Sektion des NRLS hat zahlreiche Belege für die Handlungen des türkischen Staats gesammelt.

Das Leben in Nordsyrien wird von Frauen gestaltet

Der Aufbau einer demokratischen Gesellschaft bringt eine bunte Vielfalt der Kulturen hervor. Menschen diskutieren, wie sie sich organisieren können, welche Probleme bestehen, wie sie diese angehen und welches die geeigneten Lösungen sein können.

ANF / QAMIŞLO, 2. Dez. 2018.

Die aktuelle Situation in der Demokratischen Föderation Nordsyrien erstreckt sich über die Erfahrungen und die Begeisterung des Aufbaus eines selbstbestimmten Lebens bis hin zu der praktischen Organisierung der demokratischen Selbstverwaltung. Die politisch angespannte Situation in Syrien selbst und dazu die drohenden Angriffe der Türkei stellen eine reale Drohung für die gesamte Bevölkerung und speziell für Nordsyrien dar. Typisch für Erdoğan ist, dass er den Krieg wieder als Propaganda für die Wahlen in der Türkei und für die Stärkung seiner Macht nutzt. Auf der anderen Seite der Grenze bringt der Aufbau des Lebens der demokratischen Gesellschaft täglich eine bunte Vielfalt der Kulturen hervor. Menschen diskutieren, wie sie sich organisieren können, welche Probleme bestehen, wie sie diese angehen und welches dazu die geeigneten Lösungen sein können. Ideen entstehen, entwickeln sich weiter und gewinnen an Form und Qualität.

Projekte der Frauenstiftung WJAR

Im Rahmen dessen führt die Stiftung der Freien Frau in Rojava/Nordsyrien (WJAR) Projekte zur Unterstützung der Frauenkommunen durch. Die Stiftung ist während der Revolution in Nordsyrien von Frauen vor Ort gegründet worden. Vorschläge von Frauen aus den Kommunen, den Räten für Projekte, werden nach den Bedürfnissen gemeinsam konzeptioniert und umgesetzt. In den Projekten von WJAR gilt es, die sozial tief verankerten Probleme zur Veränderung des Geschlechterverhältnisses, wie die ökonomische Abhängigkeit, den Zugang zu Wissen und Bildung, die Verantwortung um Kindererziehung und Gesundheit sowie die Kenntnis um die Rechte von Frauen anzugehen. Im Rahmen der Projekte findet ein laufender Entwicklungs- und Lernprozess durch Probieren, Diskussion und gemeinsame Weiterbildung statt. In diesem kollektiven Prozess professionalisieren sich die Frauen, im besonderen diejenigen, die bisher keinen Zugang zu Bildung oder Ausbildungen hatten.

Die Gesundheitsarbeiten von WJAR verdeutlichen diesen Wandel: Zunächst ist der Gesundheitssektor auch in Nordsyrien ein Bereich gewesen, in dem wenige Frauen eine Ausbildung hatten. Für alle Gesundheitsthemen waren zu 95 Prozent männliche Ärzte und Apotheker Ansprechpartner. Durch die Fluchtwelle, vor allem 2015, war ihre Anzahl zudem gering, sie waren sehr überlastet, und durch die Inflation waren die privatwirtschaftlichen Behandlungsgebühren unbezahlbar geworden.

Dem entgegen werden von WJAR gemeinsam mit den Frauenkommunen von Kongreya Star sowohl Erste-Hilfe-Kurse als auch Seminare zu verschiedenen Gesundheitsthemen durchgeführt. Die Mitarbeiterinnen von WJAR konnten einige Ärzte und Hebammen gewinnen, mit denen diese durchgeführt wurden. Mehrere tausend Teilnehmerinnen in den Städten haben an den Kursen und Seminaren teilgenommen. Durch die Seminare können die kommunalen Gesundheitsmitarbeiterinnen in ihren Kommunen oder Arbeitsbereichen in Fällen von Verletzungen schnell reagieren und bei Krankheiten besser einschätzen, ob das Aufsuchen eines Arztes tatsächlich notwendig ist oder ob sie auch selbst behandeln können. Dieser erste Schritt war wichtig, um einen Teil des Gesundheitswesens zu dezentralisieren und die Ärzte zu entlasten. Auch sind kommunale Gesundheitszentren eingerichtet worden, die in ärmeren Regionen eine Versorgung der Frauen und Kinder ermöglichen, ohne dass sie weite Wege oder hohe Kosten auf sich nehmen müssen. Einige der Arbeiten werden mit den Gesundheitskomitees organisiert und zum Teil von Heyva Sor, dem Kurdischen Roten Halbmond, unterstützt.

Naturheilkunde gegen Alltagsbeschwerden

Mit der diesjährigen Eröffnung eines Frauenheilzentrums ist ein neuer Schritt erfolgt. Neben den täglichen Behandlungen wird in diesem das Wissen über natürliche Heilmittel konserviert und auch an jüngere Generationen weitergegeben. Die Heilstoffe der teuren und schwer erhältlichen westlichen Medikamente sind auch in lokalen Pflanzen und Wurzeln zu finden. In dem Zentrum stellt eine erfahrene Naturheilkundlerin derzeit vor allem Öle gegen Entzündungen, Krampfadern, Rückenschmerzen, Prostatabeschwerden sowie Tees für Magen- und Darmkrankheiten, Menstruationsbeschwerden, Infektionskrankheiten etc. her. Zudem werden vier junge Frauen in Naturheilkunde ausgebildet. Auch werden Öle und Massagen als Physiotherapie bei Babys und Kindern mit Spitzfüßen, Verdrehungen oder Behinderungen bei der Geburt angewendet. In Rojava wird insgesamt der Aufbau einer nachhaltigen Gesundheitsarbeit diskutiert.

Pädagogik der Freiheit

Die Einrichtung von Kindergärten zielt darauf ab, junge Frauen und Mütter zu entlasten und ihnen die Möglichkeit zu geben, auch an Aktivitäten außerhalb des Haushaltes und Hauses teilzunehmen. Über den Umgang mit Kindern, pädagogische Konzepte, die ideologische Schulung von Kindern im kapitalistischen System und die Frage, wie dazu eine Alternative, eine Pädagogik der Freiheit entwickelt werden kann, findet derzeit eine umfangreiche Diskussion in der Stiftung und in allen Bildungseinrichtungen statt. Sowohl in den Kindergärten als auch in dem Projekt Alan‘s Rainbow für Waisenkinder und Halbwaisenkinder in Kobanê findet eine tägliche Auseinandersetzung über gesellschaftliche Strukturen und Gewohnheiten und deren positive wie negative Einflüsse auf die Kinder statt. Nicht selten leiden die Kindern auch direkt oder indirekt unter den Auswirkungen von gesellschaftlicher und sexistischer Gewalt. Deren Aufarbeitung wie die des Effektes von Kriegen auf die Kinder und die Gesellschaft ist ein andauernder Prozess in diesen Einrichtungen.

Arbeit mit geflüchteten Menschen aus Efrîn

Auch in den Entwicklungen in Şehba unter den Geflüchteten aus Efrîn finden diese Auseinandersetzungen statt. Nach dem Angriff der Türkei auf Efrîn sind ca. 300.000 Menschen aus der Stadt und den umliegenden Dörfern geflüchtet. Dabei mussten sie alles zurücklassen. Sie haben unter Bäumen am Straßenrand, in Kriegsruinen und verlassenen Häusern geschlafen. Hunderte Menschen sind bei ihrer Suche nach einem Unterschlupf durch die vom IS in der Region zurückgelassenen Minen umgekommen oder verletzt worden.

Noch in der Nacht der Flucht haben unter anderem die Organisationen Kongreya Star und die Familien der Gefallenen eine erste Versammlung abgehalten, um zu besprechen, wie sie die geflüchteten Menschen unterstützen können. Es wurde eine Bestandsaufnahme von der Anzahl der Menschen, die in die Region Şehba geflüchtet sind, und ihren Erfahrungen in der Selbstorganisierung gemacht. Innerhalb weniger Tage wurden Komitees für die Organisierung der Frauen, aller Flüchtlinge und der Arbeit der Stadtverwaltung zusammengestellt. Diese Komitees bauten in sechs Monaten die ersten drei Camps mit den Namen Berxwedan (Widerstand), Serdem (Etappe, Zeitraum) und Efrîn auf. Die Camps sind von Anfang an nach den Bedürfnissen und Organisationsstrukturen der Menschen gestaltet worden. Jede Kommune hat eine Küchenzeile und Waschräume. Durch den betonierten Boden sind die Zelte gegen die anstehenden Regengüsse geschützt.

Die Angriffe und die Besatzung der Türkei sind täglich ebenso Thema wie der Wunsch nach Rückkehr. Besonders die ökonomische und gesundheitliche Situation ist schwierig. Die Menschen befinden sich in einem Gebiet, welches eingeschlossen ist von Kräften des syrischen Regimes, den türkischen Besatzern und ihren dschihadistischen Verbündeten. Es gibt kaum landwirtschaftliche oder andere Produktionsmöglichkeiten. Es ist ein herber Rückschritt in der Entwicklung der Gesellschaft, die sich bisher ökonomisch-kommunal selbst organisiert und bestimmt hat. Dies und auch die Unsicherheit in Bezug auf die politischen Entwicklungen sind eine schwere Belastung für die Menschen aus Efrîn. In Erklärungen und auch in Gesprächen fordern sie nach wie vor dazu auf, eine stärkere internationale Resonanz gegen die Besatzung zu organisieren. Ebenso diskutieren die Menschen intensiv darüber, wie sie selbst ihre Situation verbessern können. Zur Unterstützung der Gesundheitsversorgung vor allem der Frauen, die nicht in den Flüchtlingskamps untergebracht sind, werden der Frauenrat und WJAR ein mobiles Gesundheitszentrum einsetzen, dessen Team für die Flüchtlinge in den Dörfern arbeiten wird.

Ein Leben ohne Gewalt und in Freiheit gestalten

Ein weiteres Projekt von WJAR und besonderes Beispiel ist das Frauendorf Jinwar, welches erst kürzlich seine Eröffnung feierte. Frauen erschaffen sich und ihren Kindern ein Zusammenleben, welches sie ausschließlich selbst gestalten.

Im Rahmen von derartigen Projekten versucht WJAR die Revolution der Frauen zu unterstützen und die Politik der Isolation und des Embargos zu durchbrechen. Die Frauen führen Projekte durch, die anregen und neue Perspektiven schaffen.

Der Kampf der Frauen in Nordsyrien macht deutlich, dass ein selbstbestimmtes Leben in den Händen von Menschen liegt und es an ihnen ist, es trotz aller Hürden in seine schönste Form zu bringen: Es geht einfach darum, das Leben ohne Gewalt und in Freiheit zu gestalten.