Suryoye-Frauen sind Teil der Revolution

Auf allen Ebenen der Revolution von Rojava beteiligen sich Suryoye-Frauen. Sie sind in zivilen Initiativen ebenso wie bei der militärischen Selbstverteidigung präsent.

ANF / FRANKFURT, 31. Okt. 2018.

Die Suryoye sind eines der Völker, die in ihrer gesamten Geschichte, Massaker, Assimilation und Vertreibung erlebt haben. Mit der Revolution von Rojava traten sie aus der Position eines „Volkes, das sich nicht verteidigen kann“ heraus und wurden Teil der Revolution. Zuvor hatten sich die Suryoye-Frauen aufgrund der Repression durch das Baath-Regime nur in Europa organisieren können. Mit der Revolution von Rojava wurde es ihnen möglich, in ihrem eigenen Land organisierte Strukturen zu schaffen. Sie bauten Räte, Kooperativen und Akademien auf und schufen ihre eigenen Selbstverteidigungskräfte. Heute nehmen sie auf allen Ebenen an der Selbstverwaltung teil, von der Entwicklung eines Gesellschaftsvertrags bis in die legislativen, exekutiven und judikativen Gremien.

Nazîra Goreya ist Ko-Vorsitzende des Legislativrats des Kantons Cizîrê und hat seit Beginn der Revolution eine wichtige Rolle bei der Entwicklung eines autonomen Systems gespielt. Für die Zeitung Yeni Özgür Politika hat Rewşan Deniz am Rande der Frauenkonferenz „Revolution in the making“ in Frankfurt ein Interview mit ihr geführt.

Wie leben Suryoye in Syrien?

Als Suryoye sind wir eines der ältesten Völker Syriens. Unsere Zivilisation hat unter dem Namen Beth Narin und anderen Bezeichnungen eine 5.000-jährige Geschichte in Mesopotamien. Die Geschichte des heutigen Syriens ist vor allem eine Geschichte der Suryoye. Der Name Syrien kommt ebenfalls von den Suryoye. Vor der Krise machten die Suryoye etwa 20 Prozent der Bevölkerung Syriens aus. Sie lebten in Cizîrê, Hama, an den Ufern der Flüsse und in Damaskus. Die Suryoye sind übrigens nicht alle Christen, es gibt auch muslimische Suryoye.

Gab es zu Zeiten des Assad-Regimes eine Organisierung der Suryoye-Frauen?

An den Suryoye wurden zwischen 1914 und 1915 Massenmorde wie das Seyfo-Massaker verübt. Dieses Massaker zielte auf die Suryoye, die Armenier und die Griechen, die im Gebiet Tor Ebdîn (zwischen Mêrdîn und Midyad gelegen) lebten. Mehr als eine halbe Million Menschen wurden bei diesen Massenmorden umgebracht.

Dieses Massaker hat ein tiefes Trauma in der Suryoye-Bevölkerung hinterlassen und eine schwache Persönlichkeit geschaffen, die nicht in der Lage war, sich selbst zu verteidigen. Wir gerieten unter den Einfluss des türkischen und des syrischen Staates und wurden als Nation assimiliert. In der Türkei wurden wir als „christliche Türken“ in Syrien als „christliche Araber“ bezeichnet. Die Inhalte der Identität und Sprache wurde vernichtet. Deswegen gerieten wir in eine sehr schwache Position. Wir wurden von beiden Staaten unserer Identität beraubt und von unserer nationalen Realität fern gehalten.

Da die Unterdrückung von Frauen in der christlichen Gesellschaft im Vergleich zu den anderen Religionen geringer war, gab es mehr Möglichkeiten für Frauen. So gibt es zum Beispiel keine Polygamie oder Kinderehen. Wir sind jedoch ein Volk des Mittleren Ostens, daher sind die hiesigen Gesetze auch für uns gültig.

Die Suryoye-Frauen begannen sich in den 90er Jahren in Europa zu organisieren. Aufgrund des Chauvinismus der genannten Staaten gab es keine Möglichkeit, sich im eigenen Land zu organisieren. Deswegen fing es in Europa an. In dieser Zeit wurde die Entscheidung getroffen, ins Land zurückzukehren. Viele Suryoye kehrten an ihre Siedlungsorte in Beth Narin und den Qendîl-Bergen im Irak zurück.

Wann und warum haben Sie die Rückkehrentscheidung getroffen?

Die Organisierung war eine Entscheidung auf der Grundlage der Freiheit des Volkes. Die Rückkehr ins Land war der erste Schritt. Zu dieser Zeit gab es nur die Möglichkeit, in den Irak und nach Qendîl zurückzukehren. Nach dem Sturz Saddams kamen wir herunter in die Städte und mit der Syrien-Krise kamen wir nach Syrien. Die Organisierung der Suryoye hat erst nach dem Jahr 2000 begonnen. Da es zur Zeit der Baath-Herrschaft nicht die Möglichkeit gab, öffentlich eine politische Partei der Suryoye auszurufen, hatten wir damit begonnen, die Frauen durch Kulturvereine weiterzubilden und zu organisieren.

Sie leben seit Jahren in einem Kriegsgebiet. Wie nahmen die Suryoye-Frauen am Kampf teil?

Wir gründeten die Suryoye-Frauenunion, um eine Einheit unter Frauen zu schaffen und sie zu aktivieren. Die Beth-Narin-Frauenion wurde als Dachorganisation in Europa gegründet. Auch im Irak und in der Türkei organisierten wir uns überall, wo es Suryoye-Frauenvereine gab.

Die Suryoye-Frauenunion wurde 2013 gegründet. Sie ist seit Beginn der Revolution in Syrien aktiv. Sie nahm an der Gründung der autonomen Selbstverwaltung in Nordsyrien, der Verfassung eines Gesellschaftsvertrags und der Vorbereitung einer Frauengesetzgebung teil. Sie arbeitete mit dem Ziel, dass Frauen die autonome Selbstverwaltung anführen, und nahm ihren Platz in den Entscheidungsgremien der autonomen Selbstverwaltung ein. Als Geschlecht und als Volk haben wir uns bewaffnet und organisieren unsere Selbstverteidigung. Arabische und Suryoye-Frauen nehmen an der Seite kurdischer Frauen an den Offensiven gegen den IS teil und setzen diesen Kampf weiter fort.

Was konnte im Rahmen der Organisierung bis heute geschafft werden? Konnten sie alle Suryoye-Frauen erreichen?

Wir erleben große Schwierigkeiten bei der Organisierung der Frauen. Frauenorganisierung ist eine schwere Arbeit. Aufgrund der Herrschaft des Patriarchats haben Frauen kein Selbstvertrauen mehr. Sie sind den Traditionen der Gesellschaft, ihren Bräuchen und Ritualen unterworfen. Aber wir haben große Schritte im Bereich Organisierung getan und werden diese weiter gehen. Weitermachen bedeutet Erfolg haben. Als Suryoye-Frauen werden wir vom Geist der Revolution erfasst und verfolgen die aktuellen Entwicklungen genauestens. Wir sehen uns als Teil der Gesamtorganisierung der Frauen aus Syrien. Woher eine Frau auch kommen mag, welcher Religion und welcher Nation sie auch angehört, unsere Probleme sind schließlich eins. Daher sollten wir zusammenstehen, um eine freie Zukunft zu schaffen.

Welche Auswirkung hat die nordsyrische Revolution auf die Suryoye und insbesondere auf die Suryoye-Frauen? Fühlen Sie sich ausreichend im System der Demokratischen Autonomie vertreten?

Die als Frauenrevolution bekannte Revolution von Rojava oder von Nordsyrien hat dazu geführt, dass Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen vertreten sind und sogar die Führung übernommen haben. Wir können von einer Umwälzung der Verhältnisse sprechen. Frauen haben im militärischen Bereich aufopferungsvoll ihre Region verteidigt und viele sind dafür gefallen. Gleichzeitig haben sie eine politische Führungsrolle eingenommen. Die Frauen aus Syrien haben sich durch ihre Arbeit in der autonomen Selbstverwaltung und durch ihre diplomatische Arbeit weltweit Gehör verschafft.

Was haben die Suryoye-Frauen getan, um Selbstverteidigungsstrukturen aufzubauen? Wie arbeitet das vor drei Jahren gegründete Beth-Narin-Bataillon? Zu welchen Veränderungen in der Suryoye-Gesellschaft hat dieses Bataillon geführt?

Wir betrachten den Aufbau einer militärischen Kraft aus Suryoye-Frauen als eine historische Errungenschaft. Suryoye Frauen waren Mord, Vergewaltigung und Gefangenschaft ausgesetzt. Sie wurden zwangskonvertiert und diejenigen, die sich weigerten, wurden vor den Augen ihrer Kinder ermordet. Um dies nicht wieder zu erleben, haben sich die Suryoye-Frauen bewaffnet. In der christlichen Gesellschaft gibt es keine Tradition der Bewaffnung. Aus diesem Grund wurde die Bewaffnung von Frauen insbesondere von den Frauen selbst als eine Revolution betrachtet.

Wie können Frauen des Mittleren Ostens die Zukunft Ihrer Meinung nach gestalten? Nach welchen Grundsätzen und Prioritäten sollten sie kämpfen?

Wie bekannt ist, sind Frauen in der Geschichte des Mittleren Ostens Sklavinnen. Sie lebten unter den Traditionen und Gesetzen der Scharia in zweit- oder drittrangiger Position. Der IS mit seiner terroristischen Theorie und Praxis wollte unsere Gesellschaft um weitere tausend Jahre zurückwerfen. Frauen wurden auf Märkten verkauft und vergewaltigt. Jetzt bietet sich uns eine historische Chance. Wir haben Rechte und können diese verteidigen. Wir können zu Schöpferinnen eines natürlichen Lebens werden, zur Basis der Gesellschaft, wie die Göttinnen des neolithischen Zeitalters.

Wer ist Nazîra Goreya?

Nazîra Goreya wurde in Qamişlo geboren und ist Aramäisch-Lehrerin. Sie leistete Organisierungsarbeit im Suryoye-Kulturzentrum. Im Jahr 2013 war sie eine der Gründerinnen der Suryoye-Frauenunion und arbeitet dort immer noch in der Leitung. Sie war von Anfang an Teil der demokratisch-autonomen Selbstverwaltung in Nordsyrien und ist jetzt Ko-Vorsitzende des Legislativrats des Kantons Cizîrê.